Montag, 30. Mai 2022

Bücher: Gekauft und gelesen 2022 (und früher)

Mai 2022 erhalten / gekauft

Mai 2022 gelesen

●       Caroline Fourest: Generation Beleidigt (BpB)

●       Eva Demski: Den Koffer trag ich selber

●       Sven Regener: Glitterschnitter

●       J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen (Bücherschrank)

●       Hsu An-Nie (Hrsg.) Von Wahrsagern und Technofrauen

●       Sybille Bedford: Rückkehr nach Sanary

●       Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

●       Eva Demski: Den Koffer trag ich selber

April 2022 erhalten / gekauft

April 2022 gelesen

●       Hsu An-Nie (Hrsg.) Von Wahrsagern und Technofrauen

●       Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe

●       Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit

●       Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

●       Sybille Bedford: Treibsand

●       Stewart O’Nan: Ocean State

März 2022 erhalten / gekauft

März 2022 gelesen

●       Alain Badiou, Barbara Cassin: Heidegger. Der Nationalsozialismus, die Frauen, die Philosophie.

●       Victor Farias: Heidegger und der Nationalsozialismus

●       Stewart O’Nan: Ocean State

●       Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

●       Victor Farias: Heidegger und der Nationalsozialismus (auszugsweise)

●       Heidegger, Gertrud (Hrsg.): “Mein liebes Seelchen”

●       Alain Badiou, Barbara Cassin: Heidegger. Der Nationalsozialismus, die Frauen, die Philosophie.

●       Yasmina Reza: Eine Verzweiflung (Bücherschrank)

Februar 2022 erhalten / gekauft

Februar 2022 gelesen

●       Heidegger, Gertrud (Hrsg.): “Mein liebes Seelchen”

●       Yasmina Reza: Eine Verzweiflung (Bücherschrank)

●       Vicki Baum: Menschen im Hotel

●       Lutz Hachmeister: Heideggers Testament

●       Joyce Carol Oates: Sexy

Januar 2022 erhalten / gekauft

Januar 2022 gelesen

●       Hans Werner Richter: Spuren im Sand

●       Lutz Hachmeister: Heideggers Testament

●       Michel Houellebecq: Vernichten

●       Vicki Baum: Menschen im Hotel (Bücherschrank)

●       Joyce Carol Oates: Sexy (Leihgabe)

●       Ai Wei Wei: 1000 Jahre Freud und Leid (Geschenk)

●       Hans Werner Richter: Geschichten aus Bansin (Geschenk)

●       Isabella Straub: Südbalkon

●       Elizabeth Strout: Oh, William!

 

 

2021

Dezember 2021 erhalten / gekauft

Dezember 2021 gelesen

●       Eva Demski: Scheintod

●       Ai Wei Wei: 1000 Jahre Freud und Leid (Geschenk)

●       Mithu Sanyal: Identitti

●       Eva Demski: Scheintod

●       Hans Werner Richter: Ein Julitag (Geschenk)

November 2021 erhalten / gekauft

November 2021 gelesen

●       Walter E.Richartz: Büroroman

●       Elizabeth Strout: Alles ist möglich

●       Elizabeth Strout: Oh, William!

 

●       Juli Zeh: Über Menschen (Geschenk)

●       Vincent Klink: Sitting Küchenbull

●       Elizabeth Strout: Alles ist möglich

●       H.K.Anger: Odenwaldglut (Geschenk)

Oktober 2021 gekauft

Oktober 2021 gelesen

●       Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches

●       Mithu Sanyal: Identitti

●       Anonyma: Eine Frau in Berlin (Bücherschrank)

●       Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

●       Hans Werner Richter: Ein Julitag (Geschenk)

●       Hans Werner Richter: Ein Julitag (Geschenk)

●        

●       Alexander Häusser / Gordian Maugg: Hungerwinter. Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/1947

●       Liou Uie-Liang: Mein Onkel aus Taiwan

●       Judith Hermann: Sommerhaus, später (abgebrochen)

●       Rüdiger Barth: Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik

●       Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur

●       Elizabeth Strout: Die langen Abende

●       Volker Ullrich: Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches

September 2021 gekauft

September 2021 gelesen

●       Vera Friedländer: Die Kinder von La Hille

●       Rüdiger Barth: Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik

●       Maria Barankow/Christian Baron (Hrsg.): Klasse und Kampf

●       Judith Hermann: Sommerhaus, später

●       Juli Zeh: Über Menschen (Geschenk)

●       H.K.Anger: Odenwaldglut (Geschenk)

●       Volker Ullrich: Acht Tage im Mai

●       Katja Oskamp: Hellersdorfer Perle (Geschenk)

●       Julia Friedrichs: Working Class

●       Liou Uie-Liang: Mein Onkel aus Taiwan

●       Alexander Häusser / Gordian Maugg: Hungerwinter. Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/1947

●       Callan Wink: Big Sky Country

●       Maria Barankow/Christian Baron (Hrsg.): Klasse und Kampf

●       Katja Oskamp: Hellersdorfer Perle (Geschenk)

 

 

 

August 2021 gekauft

Gelesen

●       Virginie Despentes: Vernon Subutex 3

●       Callan Wink: Big Sky Country

●       Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer (Bücherschrank)

●       Roger Martin du Gard: Maumort und die Nazis

●       Bettina Bannasch/Gerhild Rochus: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur (In Auszügen gelesen)

●       Roger Martin du Gard: Maumort und die Nazis

●       Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer (Bücherschrank)

●       Virginie Despentes: Vernon Subutex 3

Juli 2021 gekauft

Gelesen

●       Timon Karl Kaleyta: Die Geschichte eines einfachen Mannes

●       Maximilian Scheer: So war es in Paris

●       Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein. (Bücherschrank)

●       Helga Schubert: Vom Aufstehen

●       Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe

●       Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein.

●       Timon Karl Kaleyta: Die Geschichte eines einfachen Mannes

●       Helga Schubert: Vom Aufstehen

●       Jürgen Wiebicke: Sieben Heringe

Juni 2021 gekauft

Gelesen

●       Anke Stelling: Grundlagenforschung

●       Xifan Yang: Als die Karpfen laufen lernten

●       Alfred Kantorowicz: Pariser Exil

●       Verena Lueken: Alles zählt

●       Arezu Weitholz: Beinahe Alaska

●       Michael Palin: Erebus

●       Anke Stelling: Grundlagenforschung

●       Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Bücherschrank)

●       Xifan Yang: Als die Karpfen laufen lernten

Mai 2021 gekauft

Gelesen

●       Leonhard Frank: Links wo das Herz ist

●       Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Bücherschrank)

●       Bettina Bannasch/Gerhild Rochus: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur

●       Alfred Kantorowicz: Pariser Exil

●       Patrick Modiano: Aus tiefstem Vergessen (Bücherschrank)

●       Leonhard Frank: Links wo das Herz ist

●       Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe (antiqu. u. Neuausgabe)

 

April 2021 gekauft

Gelesen

●       Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

●       Christine Cazon: Lange Schatten über der Côte D’Azur

●       Anna Seghers: Transit (antiqu.)

●       Matthias Biskupek: Der Rentnerlehrling

●       Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe (antiqu. u. Neuausgabe)

●       Patrick Modiano: Aus tiefstem Vergessen (Bücherschrank)

●       Christine Cazon: Lange Schatten über der Côte D’Azur

●       Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon

●       Mainz ‘68

●       Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

●       Matthias Biskupek: Der Rentnerlehrling

●       Jean-Paul Sartre: Der Aufschub (wiederh.)

●       Anna Seghers: Transit

●       Hans-Albert Walter: Anna Segher*s Metamorphosen (Bd.2 von Transit)

März 2021 gekauft

Gelesen

●       Richard Ford: Rock Springs

●       Mainz ‘68

●       Richard Ford, Wild leben

●       Richard Ford: Rock Springs

Februar 2021 gekauft

Gelesen

 

●       K.Brinkbäumer/St.Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

●       Patrick Süßkind: Die Geschichte von Herrn Sommer

●       Lutz Seiler: Stern 111

●       Juli Zeh: Neujahr

●       Don Winslow: Das Kartell (angef.)

Januar 2021 gekauft

Gelesen

●       Lutz Seiler: Stern 111

●       K.Brinkbäumer/St.Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

●       Gert Ledig: Faustrecht

●       Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg

●       Uwe Timm: Heißer Sommer

●       J. Kastein/S. Hesse-Kastein: Great Again? Reportagen aus einem zerrissenen Amerika

●       Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee

 

 

2020

 

Dezember 2020 gekauft

Gelesen

●       J. Kastein/S. Hesse-Kastein: Great Again? Reportagen aus einem zerrissenen Amerika

●       Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

●       Deniz Ohde: Streulicht

●       Clemens Meyer: Als wir träumten

November 2020 gekauft

Gelesen

●       Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg

●       Richard Ford: Irische Passagiere.

●       Michael-André Werner: Schwarzfahrer

Oktober 2020 gekauft

Gelesen

●       Richard Ford: Irische Passagiere.

●       Torben Lütjen: Amerika im kalten Bürgerkrieg

●       Deniz Ohde: Streulicht

●       Thomas Frank: Was ist mit Kansas los?

●       Torben Lütjen: Amerika im kalten Bürgerkrieg

September 2020 gekauft

Gelesen

●       Werner Bräunig: Rummelplatz

●       Annie Ernaux: Die Scham

 

●       Christine Cazon: Von hier bis ans Meer

●       Leon Werth: 33 Tage. Ein Bericht

●       Henry Rousso: Vichy. Frankreich unter deutscher Besatzung 1949-1944

●       Raymond Queneau: Zazie in der Metro

●       Tara Westover. Befreit

●       Annie Ernaux: Die Scham

August 2020 gekauft

Gelesen

●       Christine Cazon: Von hier bis ans Meer

●       Janet Flanner: Paris, Germany

●       Steffen Mau: Lütten Klein

Juli 2020 gekauft

Gelesen

●       Martin Gross: Das letzte Jahr

●       Raymond Queneau: Zazie in der Metro

●       Janet Flanner: Paris, Germany

●       Eugen Ruge: Metropol

●       Lutz Seiler: Kruso

●       Martin Gross: Das letzte Jahr

Juni 2020 gekauft

Gelesen

●       Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste

●       Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

●       Fang Fang: Wuhan Diary

●       Peter Bialobrzeski: Wuhan Diary (Fotographs)

●       Ernst Horst: Nur keine Sentimentalitäten!: Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte

●       Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste

●       Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess

●       Fang Fang: Wuhan Diary

●       Peter Bialobrzeski: Wuhan Diary (Fotographs)

 

Mai 2020 gekauft

Gelesen

 

●       Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen

●       Jackie Thomae: Brüder

●       Eugen Ruge: Metro

April 2020 gekauft

Gelesen

●       Cihan Acar: Hawaii

●       Christine Cazon: Vollmond über der Cote D’Azur

●       Jackie Thomae: Brüder

●       Xifan Yang: Als die Karpfen laufen lernten

●       Bov Bjerg: Serpentinen

●       Cihan Acar: Hawaii

●       Christine Cazon: Vollmond über der Cote D’Azur

März 2020 gekauft

Gelesen

●       Katja Oskamp: Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin

●       Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris

●       George Saunders: Fuchs 8

●       Jeremias Thiel: Kein Pausenbrot, Keine Kindheit, Keine Chance.

●       Eugen Ruge: Metropol

●       Bov Bjerg: Serpentinen

●       Katja Oskamp: Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin

●       Djuna Barnes: Paris, Joyce, Paris

●       Johannes Groschupf: Berlin - Prepper

●       George Saunders: Fuchs 8

●       Jeremias Thiel: Kein Pausenbrot, Keine Kindheit, Keine Chance.

 

Februar 2020 gekauft

Gelesen

●       Harald Jäner: Wolfszeit

●       Steffen Mau: Lütten Klein

●       Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

●       Eva Kurowski: Gott schmiert keine Stullen

●       Stewart O’Nan: Henry persönlich

●       Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse

●       Eva Kurowski: Gott schmiert keine Stullen (abgebr.)

Januar 2020 gekauft

Gelesen

●       Stewart O’Nan: Henry persönlich

●       Emmanuel Carrère: Brief an eine Zoowärterin aus Calais

●       Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success

●       George Saunders: Fuchs 8

●       Jonathan Raban: Bad Land

●       Joan Didion: Woher ich kam

●       Emmanuel Carrère: Brief an eine Zoowärterin aus Calais

●       Joan Didion: Im Land Gottes

 

 

Gekauft - gelesen 2018 - 2019 finden sie hier: Klick

Elizabeth Strout: "Ich war niemand"

Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe. Roman.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Roth.
Luchterhand Literaturverlag, München 2016.

Lucy Barton ist Schriftstellerin und lebt in New York. Als Nachwirkung einer postoperativen Infektion muss sie für längere Zeit im Krankenhaus liegen. Nach vielen Jahren bekommt sie auch wieder Besuch von ihrer Mutter. Für Lucy Anlass, sich an die arme und trostlose Kindheit in Illinois zu erinnern. Die Mutter verweigert sich zwar immer wieder bei der Suche nach der verlorenen Zeit mitzuarbeiten, bleibt aber dennoch fünf Tage und Nächte bei der Tochter. Die wundert sich: diese Anteilnahme hatte es früher nie gegeben.

Zitate

Müssen die Eltern arbeiten und ist die kleine Lucy alleine, wird sie in einen Pickup gesteckt und eingeschlossen.
Ich stellte mir vor, dass ich nicht fror und dass ich saubere Bettwäsche hatte und saubere Handtücher und ein Klo, das richtig spülte, und eine Küche, in die die Sonne schien. Ich träumte mir einen richtigen Himmel zusammen. Und dann wurde es kalt im Pick-up, und die Dunkelheit kam, und das Weinen ging wieder los, erst nur als Wimmern und dann immer lauter. Und dann stand plötzlich mein Vater da und sperrte die Tür auf, und manchmal trug er mich. »Was weinst du denn?«, sagte er dann, und ich weiß noch das Gefühl, wenn sich seine warme Hand um meinen Hinterkopf wölbte. (S.67)
Sie sagte: »Du warst anders als Vicky. Und auch als dein Bruder. Dir war es nicht so wichtig, was die Leute dachten.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte ich.
»Ich meine, schau dir dein Leben jetzt an. Du hast es einfach selbst in die Hand genommen.«
»Ach so«, sagte ich, als sähe ich nun klar. Aber was an sich selbst kann man je klar sehen? (S.73)

Über versteckte Scham beim Lesen einer Klatsch-Zeitschrift:
Die Zeitschrift lag den Vormittag über auf meinem Bett. Dann steckte ich sie in die Schublade an dem Tischchen, auf dem das Telefon stand - versteckte sie dort für den Fall, dass der Arzt hereinkam. Darin waren wir also gleich, ich und meine Mutter, beide mochten wir nicht nach unserer Lektüre beurteilt werden, und während sie das Blatt nicht einmal anrührte, wollte ich nur nicht damit erwischt werden. [...] Diese Zeitschrift - ich bin mir sicher, sie hätte der Zuneigung meines Doktors keinen Abbruch getan. Aber so dünnhäutig waren wir beide, meine Mutter und ich. Immerzu fordert die Welt diese Abwägung von uns: Wie verhindern wir, dass wir uns anderen unterlegen fühlen? (S.86)

Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: »Das ist Lucy.« Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: »Lucy war früher gar niemand.« Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand. (S.160)

Lucy taucht auch in den späteren Romanen von Elizabeth Strout wieder auf. Ist sie hier die gesetzte und gesellschaftlich anerkannte und etablierte Autorin, so lernen wir sie in “Alles ist möglich” als junges Mädchen in prekären Verhältnissen aufwachsend kennen und in “Oh, William” begegnet sie uns als zweifach geschiedene, erfolgreiche Autorin im fortgeschrittenen Alter, die sich mit ihrem Ex-Ehemann William auf den Weg nach Iowa macht, um der rätselhaften Familiengeschichte von William auf die Spur zu kommen..

Das letzte o.a. Zitat findet man nahezu wortwörtlich in dem  fünf Jahre später geschriebenen Roman “Oh, William”. Das Zitat mit der im Pickup eingesperrten Lucy findet eine Entsprechung in dem Roman “Alles ist möglich”, wo es von Lucy heißt, sie sei die gewesen, “die nie in die Pausen ging” und bis zum Ende des Schultages in der Schule blieb. Denn, so erfahren wir im vorliegenden Buch, sie genoss die Wärme des Gebäudes und fürchtete das Alleinsein und die Kälte zu Hause..

Mir haben Lucys Geschichten als Erinnerungsversuch gefallen. Hier wird kein Betroffenheitskitsch und keine breit gewalzte Herkunftsscham zelebriert, sondern nüchtern einer der vielen Realitäten Nordamerikas im 21. Jahrhundert beleuchtet. Elizabeth Strout kann man durchaus als Soziographin des amerikanischen Klassensystems betrachten. Von den Angehörigen der “working poor” bis zur “upper middle class” bekommen wir - und wie ich finde authentisch - in all ihren Büchern präsentiert was es heißt, als WASP https://en.wikipedia.org/wiki/White_Anglo-Saxon_Protestants  im heutigen Amerika und im Zeitalter des Untergangs des amerikanischen Imperiums zu leben.

Das Buch ist 2016 auf englisch und noch im gleichen Jahr auf deutsch erschienen. Es bleibt das Geheimnis des deutschen Verlages, warum man aus dem neutralen (aber, wie ich nach der Lektüre finde, dennoch vielsagenden)  englischen Titel “My Name Is Lucy Barton” in Deutschland einen Titel wie für einen Rosamunde Pilcher-Roman gemacht hat. Soll das wirklich “frauenliteraturaffin” sein?
(Heute würde, im Nachklang der Erfolge von Annie Ernaux und ihrer deutschen Epigon(inn)en, der Titel wahrscheinlich lauten: “Lucy Barton - Ich war niemand”.)


Rezensionen

Perlentaucher:

Der Stoff, aus dem der Alltag ist. Elizabeth Strout macht in ihrem Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ aus kleinen Anekdoten große Lebensgeschichten
Von Ulrike Schuff

Ein bisschen Kitsch für alle Frauenseelen
Veröffentlicht am 31.08.2016 Von Elmar Krekeler


Montag, 23. Mai 2022

Neue Erzählungen aus Taiwan


Von Wahrsagern und Technofrauen: Erzählungen zeitgenössischer Autorinnen aus Taiwan 
von Hsu An-Nie (Herausgeber), Übersetzt von: Brigitte Höhenrieder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann.
Projekt Verlag Bochum u. Freiburg /  National Museum of Taiwan Literature, 2021

Die Sammlung enthält acht Erzählungen jüngerer Autorinnen aus Taiwan, die ein breites Themenfeld abdecken, wie im Titel “Von Wahrsagern und Technofrauen” schon erkennbar wird. Am besten gefallen hat mir die zurückhaltende Erzählung “Mein erfundenes Jahr 1987” von Lai Hsiang-Yin, eine berührende “Coming-of-age”-Geschichte aus dem modernen Taiwan, die einen Einblick in das Denken und Fühlen Taiwanischer Jugendlicher bietet. Weniger soziologisch-psychologisch angelegt, dafür originell ist Lin Hsin-Huis dystopische Erzählung von der humanoiden Techno-Ehefrau, die auf rätselhafte Weise ihren realen Ehegatten in eine neue Existenz überführt. Auch die Geschichte von der sterbenden Mutter und dem blinden Masseur (“Der letzte Gast”), geschrieben von Chung Wen-Yin, kann durch ihren individuellen Ton überzeugen und ist für mich ein gelungener Beweis für die Qualität des gegenwärtigen Literaturschaffens auf der Insel. 

Mancher mag denken, die Literatur Taiwans ist nur deshalb bei uns so wenig bekannt, weil es vielleicht an der Qualität mangelt. Die drei genannten Erzählungen sind ein Beweis des Gegenteils. Es liegt nicht an der mangelnden Qualität, wenn die taiwanischen Autoren und Autorinnen bei uns so wenig bekannt sind. 

Aber woran liegt es dann? Vielleicht daran: Die drei von mir genannten Beiträge der Sammlung sind alle vom gleichen Übersetzer übersetzt worden, von Marc Hermann. Alle anderen Texte wurden, mit einer Ausnahme, von Hans Peter Hoffmann übersetzt - und ich finde, in katastrophaler, nahezu unlesbarer Weise.

Ich habe den Namen des Übersetzers recherchiert und herausgefunden, dass er u.a. auch Übersetzer von Lao Yiwu ist, von dem ich zwei Bücher in meinem Bücherregal stehen habe. An diesen Texten ist nichts auffällig und nichts zu bemäkeln, soweit ich das beurteilen kann. Was aber in dem hier besprochen Sammlung abgeliefert wurde, spottet jeder Beschreibung. Satzbruchstück folgt auf Satzbruchstück, die Zeichensetzung ist teilweise grammatikalisch völlig willkürlich und ohne System. Diese Mängel und der Gebrauch von abgedroschener Umgangssprache* (“kam nie aufs Tapet”, “ arbeitete im horizontalen Gewerbe”, “auch wenn sie von wegen Verhütung geschützt gewesen seien”; “eine Mütze voll Schlaf”)  mit norddeutscher Einfärbung (“Ich habe da einen Blick für”, “er hatte es über”) machen das Lesen zu einer Qual und verhindern geradezu den Zugang zu den Texten. Die Ausdrucksmängel und direkten Fehler sind teilweise so eklatant, dass ich die Vermutung hatte, es müsse sich um einen namensgleichen Anfänger handeln. Oder ist es vielleicht so, dass der ausgewiesene Übersetzer die Übersetzung einem Sinologie-Studenten übertragen hat, das Ergebnis aber unkontrolliert dem Verlag übermittelt wurde? 

Hier einige Kostproben der Übersetzungsleistung (Ohne Kenntnis des chinesischen Originaltextes).
S. 20f: “Auch sie verströmten einen unangenehmen Geruch, der Schweiß- und Ölgeruch, den sie verbreiteten, überdeckte sogar den Geruch des Bluts und des aus der Maschine ausgelaufenen Öls, und streunende Hunde und Raubvögel verhielten beklommen.” 

S. 33: “Vor den vereinzelten Häusern an der Straße standen, alt und riesig, gelbe Hibiskus- und Brotfruchtbäume, in diesem Landstrich wehte der Wind vom Meer Tag und Nacht, Grashalme, Häuser und die Gesichter der Menschen hatten einen sturen und beklommenen Ausdruck.”

S. 110:  “Er erinnerte sich schon nicht mehr und rechnete auch nicht nach, wieviel Jahre der Lungenkrebs der Tante her war, sie hatten den Brustkorb geöffnet und nachgesehen, aber nichts getan und unverrichteter Dinge wieder zugenäht, es dauerte keine sechs Monate und es war zu Ende; nachmittags, die Beerdigung war schon vorbei, kam er nach Hause, zwei Männer, erschöpft und jeder für sich irgendwo im Wohnzimmer hingesunken, saßen sie die Zeit ab, wortlos wie zwei Stücke Holz, und selbst wenn sie das Foto der Tante, das über dem Totenaltar gehangen hatte, ansahen, taten sie es verstohlen und nicht gemeinsam, als hätten sie Angst, der andere würde es merken.”
Es gibt auch unlogische, manchmal unfreiwillig komische Sätze:
S. 33 “A Yun ging nicht zur Nachmittagsschicht in die Fabrik zurück, sie schlug eine kleine Gasse zur Küste ein.”

S. 43: “er rief ununterbrochen, kam aber doch nicht herüber und zeterte nur in seinem Schatten da herum.” (Reife Leistung - im eigenen Schatten zu zetern!)

S. 55: “Diese geheime Anleitung für Bildhauer, die auch etwas von der Kälte eines wissenschaftlichen Konzepts hatte, aus ihrem Mund machte mich schaudern. Männer, wie sie sie sich vorstellte, waren alle Klingel und Hund, wie bei Pavlov, auf Außenreiz reagierende Geschöpfe.” 

S. 123: “Es hieß ja, auf dem Sterbebett ziehen die entscheidenden Szenen des Lebens an einem vorbei, dieser Vorstellung hingen fast alle an, die noch nie gestorben waren,...”

S. 130: ...”das Kriegsbeil mit dem Körper war nahezu begraben.”
Der Band schließt mit einem lesenswerten und sehr informativen Text “Zum Übersetzen aus dem Chinesischen”. Die Autoren schreiben: 

Konsequenzen für das Übersetzen

“Syntaktisch ist das Chinesische reihend aufgestellt, vor allem in der klassischen Prosa wird das deutlich, Geschehen reiht sich an Geschehen, idealerweise in Einheiten von je vier Schriftzeichen, was sehr knapp, sehr elegant, sehr schön sein kann, während das Deutsche türmt und verschachtelt, statt in die Fläche sich im Raum, in dreidimensionaler Spracharchitektonik aufbaut - wobei eine direkte Nachahmung der chinesischen Reihung im Deutschen schnell etwas sehr Schulaufsatzhaftes bekommen kann.” (S.282f)
Es bleibt das Geheimnis des Übersetzers, wieso die Alternative zu deutschen Satzungetümen (Thomas Mann?) die bloße Aneinanderreihung von Satzteilen sein soll.

“Sehr knapp, sehr elegant sehr schön” ist die Reihung in der Übersetzung von Herrn Hofmann nicht. Es blieb beim “Schulaufsatzhaften.” Er hätte sich ein Beispiel an seinem Kollegen Marc Hermann nehmen sollen, dem tatsächlich eine gut lesbare, elegante Übersetzung gelungen ist.

Leider gab es auch kein Lektorat, das die gröbsten Schnitzer in Grammatik und Satzbau hätte korrigieren können. Selbst Fehler im Buchsatz (fehlende Satzzeichen, fehlende Buchstaben am Wortende) wurden übersehen. Das Buch wirkt insgesamt wie eine oberflächlich zusammengestellte Kostprobe studentischer Übersetzungsversuche.

Das Ergebnis ist ein lieblos gemachtes Buch, das der Sache, der Popularisierung taiwanischer Autorinnen mehr schadet als nutzt. Man hat diesen Frauen einen Bärendienst erwiesen.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Corona-Post April 2022

GIGA-Finale: Garbage In - Garbage Out


Die ist vorerst mein letzter Monatsbericht zur Pandemie. Wie man sieht, werden die Daten durch die  Bundesländer nicht mehr kontinuierlich erhoben. Elf von sechzehn Ländern melden übers Wochenende und über Feiertage nichts mehr an das RKI. Da es begründete Vermutungen gibt, dass die Registrierung positiver PCR-Tests auch nicht valide ist, lasse ich es lieber. 

Leider haben zwei Jahre Pandemie es auch nicht erreicht, dass in den Medien seriös und gewissenhaft darüber berichtet wird. Immer noch herrscht Sensationsjournalismus vor, selbst bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wenn die BILD sich am 2. Mai zu der wahrheitswidrigen Meldung hinreißen lässt:
0 Corona-Tote!
dann weiß man halt: BILD kann nicht anders. Aber wenn die Tagesschau eine ähnliche Nachricht verbreitet und am Morgen des 2. Mai verkündet:
Erstmals seit September 2020 wurde kein Todesfall registriert
dann möchte man schon verzweifeln ob der Leichtfertigkeit (oder ist es schlicht Ahnungslosigkeit?) der Redaktion. 
(Mehr dazu bei "Übermedien": Klick)

Übrigens: Vor einem Jahr sahen die Kurven noch so aus:

War was? Wir sehen uns mit aktuellen Daten im Herbst wieder, versprochen!

Im Familienkreis sind wir bis jetzt mehr oder weniger gut durch die Pandemie gekommen. In Sabines Familie kam es zu zwei nachgewiesenen Infektionen, in meinem Umkreis waren es ebenfalls zwei. Bis auf einen Fall waren aber alle folgenlos, wenn auch die jeweils erforderliche Quarantäne ziemlich nervte. Ende April habe ich meine 4. Impfung bekommen, die ich wie die bisherigen Impfungen gut vertragen habe.

Corona ist mittlerweile weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden, dafür ist der Ukraine-Krieg das beherrschende Thema. Das ist verständlich, wenn man das Leid der Bevölkerung und die Zerstörungen der zivilen Einrichtungen durch die russische Armee abendlich live am TV verfolgen kann.


In Deutschland kommt es zu einer mich verstörenden Diskussion, befeuert vor allem aus dem linken und kulturell geprägten Milieu. Statt Waffen zu liefern solle man lieber auf Verhandlungen mit dem Aggressor setzen.
Ich frage mich: Was müsste man Putin anbieten, damit er im Gegenzug auf die völlige Zerstörung ukrainischer Städte und die Vernichtung der Bevölkerung verzichtet?


Sonntag, 1. Mai 2022

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

 

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 202.

Alles was in den dreißiger Jahren Rang und Namen hat, hat hier seinen Auftritt:
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Henry Miller und Anaïs Nin , F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Salvatore Dali, Pablo Picasso, Joseph Roth und Irmgard Keun, Bertolt Brecht und Helene Weigel und nicht zuletzt Katia und Thomas Mann nebst Kindern Klaus und Erika.

Im Angesicht der kommenden Katastrophe präsentiert uns Illies einen Reigen aus Klatsch und Tratsch von großen und kleinen Schriftstellern, Frauen und Männern jeglichen Geschlechts im untergehenden Europa der Kultur von 1932 -1939.
Aufgeführt wird in dem Stück die Zukunft als Katastrophe, nur der spanische Bürgerkrieg spielt fast keine Rolle. Auch das Elend des Exils ist weitgehend reduziert auf das Elend der Beziehungskriege. In den Betten ging es wild zu zwischen allen Geschlechtern und allen Generationen (Kinder ausgenommen). 
Das Buch ist ein Puzzle, das man beliebig legen kann. Quellen sind im Anhang angeführt, aber leider ohne Bezüge zum Text, so dass sich viele Aussagen nicht überprüfen lassen. Und vieles, was den Protagonisten in den Mund gelegt wird, ist sicher frei erfunden. Es gibt auch historische Ungenauigkeiten, aber das ist keine Geschichtsstudie, sondern ein Werk zur gebildeten Unterhaltung, das mit originellen Formulierungen aufwarten kann. Eine Auswahl:

S.65: Erst "Die Schönen und die Verdammten" und dann "Der große Gatsby", das waren Grimms Märchen der zwanziger Jahre.

S.83: Sein eigenes Herz hält  (Ernst) Jünger kühl, knapp über Null Grad. Seine Frau Gretha kann ein Lied davon singen. Er wird ihr lebenslang die Untreue halten.

S.338: Über Hannah Arendt und ihren späteren Mann Heinrich Blücher:
Sie bewegen sich in ihren Briefen und in ihren Gesprächen auf eine wundersame Weise ganz langsam aufeinander zu, wissend, dass Umwege die Ortskenntnis erhöhen.

Das Buch liest sich flott und langweilt nie und knüpft damit aufs Vortrefflichste an Illies Bestseller "1913" an.
Mal sehen, wer einst die Chronik der Zeitenwende von 2022 schreiben wird.

Rezensionsübersicht:
Perlentaucher

Mittwoch, 20. April 2022

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid

 

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid. Erinnerungen. Penguin Verlag, München 2021. 
ISBN 9783328602316. Gebunden, 416 Seiten, 38,00 EUR

Wenn die Administration uneingeschränkte Macht hat, wenn die Justiz keiner Kontrolle unterliegt, wenn Informationen vor der Öffentlichkeit zurückgehalten werden, dann muss eine Gesellschaft jenseits von Gerechtigkeit und Moral funktionieren. Eine korrupte Justiz ist das öffentliche Gesicht eines moralisch bankrotten Gemeinwesens, eine Narbe, die die Zeit entstellt, in der wir leben.
(Ai Weiwei, S.274)


Vorbemerkungen


Mein erster Kontakt mit Ai Weiwei und seinem Werk geht auf ein Zitat von ihm zurück, als er die Zerstörung seiner großen Installation Template in Kassel am 21. Juni 2007 mit den Worten kommentierte: „Das ist besser als vorher“. Diesen Künstler, der so gelassen und humorvoll mit der Zerstörung seines Werks durch Wind und Wetter umgeht, wollte ich näher kennen lernen.



Ich habe in den folgenden Jahren fast jede Ausstellung von Ai Weiwei in Deutschland und im nahen Ausland besucht. Dabei habe ich das Werk eines Künstlers kennen gelernt, das mich zum Nachdenken anregt und immer wieder tief beeindruckt.
Nichts hat mich mehr gefreut, als zu Weihnachten von Sabine seine Autobiographie  geschenkt zu bekommen.


Zwei Leben in einem Buch


Das Buch besteht aus zwei Teilen, die ineinander übergehen. Im ersten Teil schildert Ai Weiwei das Leben seines Vaters Ai Qing, der ein gefeierter Poet und Kämpfer der chinesischen Revolution unter Mao Tse-tung war. Im zweiten Teil erfahren wir vieles über den künstlerischen Werdegang Ai Weiweis  -  von New York 1981 bis ins Jahr 2016 als Exilant mit Frau und Kind in Berlin. 

Ai Weiwei wird 1957 geboren, im gleichen Jahr als Mao die erste Parteisäuberung organisierte und den sogenannten “Kampf gegen die Rechtsabweichler” begann. Ai Qing,  der Vater, wurde als “führender Rechtsabweichler” in den fernen Nordosten Chinas nach Shihezi verbannt.  Dort geht Ai Weiwei zur Schule. 
Im Gefolge der Kulturrevolution 1967 wird der Vater dann erneut verbannt und in eine Militärfarm am Rand der Wüste Gurbantünggüt in Xinjiang gebracht, unter den Einheimischen “Klein Sibirien” genannt. Die Mutter beschließt mit dem kleinen Bruder von Weiwei, Ai Dan, nach Beijing zurückzugehen. Vater und Sohn bleiben in Xinjiang.Später müssen Vater und Sohn erneut in Xinjiang  umziehen und hausen von da an unter unbeschreiblichen Zuständen in einem nicht mehr genutzten Erdloch. Der kleine Weiwei wird Zeuge der täglichen Unterwerfungsrituale, dem entwürdigenden System aus “Kritik und Selbstkritik”, die sein Vater als “Rechtsabweichler” und Vertreter der alte Ordnung gegenüber den Rotgardisten leisten muss. 

Die Autobiographie gibt uns Einblick in das Leben im chinesischen Gulag, unter der Schreckensherrschaft des Regimes von Mao, wie wir es auch schon von anderen chinesischen Intellektuellen kennen lernten.  Chen Kaiges Autobiographie (“Kinder des Drachen), Yu Huas Roman , Der Mann, der sein Blut verkaufte), Li Zhenshengs Fotodokumentationen (“Roter Nachrichtensoldat”) oder in Filmen wie Zhang Yimous “Leben”.Alle in der Phase nach dem Sturz Maos in der Zeit der Liberalisierung erschienen.

Auch wenn die heutige chinesische Regierung unter dem Mao-Imitator Xi Jinping noch so viel Propaganda verbreitet. Sie wird eine echte Aufarbeitung der Geschichte der vergangenen siebzig Jahre nicht vermeiden können.

Erst 1972, nach dem Ende der Macht von Mao, können Vater und Sohn auf Intervention Edgar Snows bei Zhou Enlai nach Shihezi zurückkehren. Weiwei kann wieder seine alte Mittelschule besuchen. Drei Jahre später darf der Vater auch wieder nach Beijing, wohin ihm sein Sohn ein Jahr später, nach Abschluss der Schule, folgt. 
Im März 1979 wird der Vater schließlich vollständig rehabilitiert. Ai Weiwei ist zu dieser Zeit schon Student an der Kunstabteilung der Filmakademie in Beijing mit dem Hauptfach Zeichentrick! Die erste Phase seines Lebens ist abgeschlossen.


Ich gehe deshalb so detailliert auf den Werdegang des Autors ein, weil nur so sein weiteres Werk verständlich wird und, nebenbei, auch die Irritationen, die sein Wegzug aus Berlin 2019 auslöste. Davon später mehr.

Neuanfang


Im Januar 1981 stellt Ai Weiwei einen Antrag auf einen selbstfinanzierten Studienaufenthalt im Ausland. Der Antrag wird genehmigt und am 11. Februar fliegt er, versehen mit Reisepass und einem Startgeld von 30 US-$ in die USA. 

ICH REISTE NICHT ETWA deshalb nach Amerika, weil ich mich nach einem westlichen Lebensstil sehnte - es war eher so, dass ich das Leben in Beijing einfach nicht mehr aushielt. (S.184)

In den USA angekommen wechselt er häufig seinen Aufenthaltsort. Anfangs wohnt er bei einer Freundin in Philadelphia, dann an der Westküste in Berkeley. Später begegnet er im Philadelphia Museum of Art zum ersten Mal moderner Kunst. Es sind die Installationen von Marcel Duchamps, die ihn begeistern und zu ersten selbständigen Arbeiten animieren.

 Nach einem Jahr bewirbt er sich schließlich für ein Studium an der Parsons School of Design in New York und wird dort aufgenommen. Über die Parsons School schreibt er:

Parsons glich einem teuren Kindergarten, in dem man einen Haufen eigensinniger Kinder feinsinnig überreden wollte, sich doch anständig zu benehmen. Aber die Zeit dort war wichtig. Ich kam mir vor, als stände ich am Ufer der Kunst, mit einem weiten Sichtfeld vor mir und einem Wirrwarr an Ideen im Kopf. Ich fing an, nach Konzepten und Ausdrucksformen zu suchen, die mir gefielen. (S.101)

Er wohnt an verschiedenen Orten in New York, vor allem aber im East Village und in Greenwich Village. In dieser Zeit schließt er Freundschaften mit chinesischen Künstlern, trifft Allen Ginsberg, malt hin und wieder, lebt von Porträts, die er an der Straße für Touristen anfertigt und probiert sich an ersten kleinen Installationen. Er lebt das Leben eines Bohemiens, ohne Ziel und Engagement, “wie eine Ameise auf einem großen Baum”, schreibt er, und genießt seine Freiheiten als Künstler. Zwölf Jahre lang.

Schließlich kehrt er 1993 nach Beijing zurück, nachdem ein chinesischer Künstler in N.Y. von einem Schwarzen nach einem Streit erschossen wurde und er sich nicht mehr sicher fühlt.
Der Mord an Lin Lin machte mich empfänglicher für die Absurdität dieser Gesellschaft. Die Gewalt, die im amerikanischen Leben so tief verwurzelt war, dass man ihr nie entrinnen konnte, spiegelte die tiefgreifenden Mängel wider, die in das gesellschaftliche Gerüst dieses Landes eingewoben sind. (S. 216)

 Der  Künstler und Aktivist


In Beijing entwickelt Ai Weiwei die ersten Arbeiten, diese kleinen Schandtaten, wie er sie nennt, die bis heute in der Öffentlichkeit mit seinem Namen verbunden werden: Die antike Vase mit dem Coca-Cola Schriftzug und eine Fotoserie, wie er ein Ritualgefäß aus der Han-Dynastie fallen und spektakulär zerspringen lässt.


Im Winter 1995  entsteht dann das berühmte Stinkefinger-Foto vom Tiananmen-Platz.
Diese unmissverständlich höhnische Geste war meine Art, die Existenz meines Ichs zu bestätigen. Für Fehlinterpretation blieb dabei kein Raum. Ich hatte keine anderen Mittel - ich konnte lediglich eine Haltung aufbieten. Indem ich nicht vergaß, nicht vergab und nicht aufgab, begriff ich, was für ein Glück es war, nach Beijing zurückgekehrt zu sein - endlich hatte ich das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Mein Foto war weniger ein Kunstwerk als ein Manifest aus dem Stegreif, aber es war hart erkämpft. (S.226)
Seit diesem Zeitpunkt ist Ai Weiwei einer internationalen Öffentlichkeit bekannt.

Die folgenden Jahre werden durch Großprojekte geprägt, die ihn zu einem der führenden Künstler weltweit machen und international für Aufsehen sorgen (und schließlich in der Volksrepublik zu staatlichen Repressionen führen).  Dazu gehört u.a. die Mitarbeit am Bau des Olympiastadions in Beijing (“Vogelnest”, 2002 - 2005), und das Projekt “Fairytale” zur documenta in Kassel  2006/2007, als er 1001 Chinesen einfliegen ließ, als Teil der Ausstellung und ihre Erfahrungen als ein Beitrag zur Kunst, und viele andere Projekte.

Auf zwei Projekte möchte ich genauer eingehen: Die Ausstellung “So Sorry” in München 2009 (die ich gesehen habe), und die Installation “Seeds” in Londons Tate Modern 2010. Zwei extrem unterschiedliche Ansätze zeitgenössischer Kunst.

So Sorry


Als im Mai 2008 ein Erdbeben Sichuan erschüttert und ganze Ortschaften vernichtet, fühlt sich Ai Weiwei sofort herausgefordert. Er besucht die Unglücksorte, thematisiert das Ausmaß der Katastrophe und das weitgehende Versagen der Behörden und deren Gleichgültigkeit in einem Internet-Blog und unterläuft damit die staatliche Politik der Informationskontrolle.
Ihm fällt auf, dass besonders öffentliche Gebäude wie Schulen und Kindergärten häufig völlig zerstört wurden, da die endemische Korruption chinesischer Behörden und Parteigrößen zu Pfusch und zum Einsatz von ungeeignetem, billigen Material führten. Er erstellt mit seinen Helfern Listen der umgekommenen Kinder. Die Behörden wollen aber das Ausmaß der Katastrophe lieber verschweigen .
Wir schickten insgesamt tausend Fragen und bekamen auf keine einzige eine direkte Antwort. Was mich aber abgesehen vom tragischen Tod so vieler Kinder am meisten schockierte, war die zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen wie sie sich von der Sache abwandten, sie vergaßen, schwiegen -, als hätte die Katastrophe nichts mit ihnen zu tun.
Die Katastrophe von Sichuan und verändern die Einstellung Ai Weiweis radikal.  
Ich war offenbar vom Künstler zum Aktivisten geworden. Es ist gar nicht so schwierig, Aktivist zu werden: Sobald man seiner Besorgnis über die Zukunft der Nation Ausdruck verleiht, befindet man sich möglicherweise schon auf dem direkten Weg ins Gefängnis. Aber ich war gewissermaßen mit einem fragilen Regime konfrontiert, und ich begriff, dass ich handeln musste, um das Böse in ihm zu entlarven. Ich betrachte das, was vor mir liegt, als »Readymade«, so wie Duchamps Urinal. Die Realität schafft die größten Möglichkeiten für meine Kunst, und diese Erkenntnis ist der Quell meiner Zuversicht.
Künstlerischen Niederschlag finden diese Aktivitäten in der großen Ausstellung “So Sorry” . An der Außenwand befestigt Ai Weiwei  9000 Schulrucksäcke, die in der Anordnung als chinesische Schriftzeichen den Satz "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt" bilden; der Satz, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers die Kindheit ihrer Tochter beschrieb. 



Armierungseisen aus den eingestürzten Schulgebäuden und Kindergärten ließ er einsammeln, gerade biegen und in Holzsärgen wie Leichen lagern, um auf den Zusammenhang zwischen schlechtem Material, Korruption, dem Versagen der Behörden beim Bau der Gebäude und den tödlicher Folgen diese Missstände hinzuweisen.


Ai Weiwei schreibt über die große Ausstellung in München
Im Gegensatz zu der Ausstellung "According to What?" in Tokio einige Monate zuvor, die nur begrenzt wahrgenommen worden war, rief So Sorry - die Eröffnung fand kurz nach meinem Krankenhausaufenthalt statt, über den ausführlich berichtet worden war - starkes Interesse hervor und erhielt überwältigend positive Kritiken. Eine solche Anerkennung in München, einem bedeutenden Kunstzentrum in der Mitte Europas, zu bekommen, verfestigte meine spirituelle Verbindung mit meinem Vater, dessen Liebe zur Kunst achtzig Jahre zuvor in den Museen und Galerien von Paris genährt worden war.

Seeds

Zur Ausstellung “Seeds”  in Londons Tate Modern 2010 ließ Ai Weiwei 100 Millionen Schalen von Sonnenblumenkernen anfertigen, die er als 650m2  großen Teppich in der Halle ausbreitete. Sie sind aus Porzellan, handgefertigt und jede einzelne Schale ist handbemalt und damit einzigartig. Ungefähr 1.600 Arbeiter/-innen brauchten zweieinhalb Jahre für ihre Herstellung, also wurden pro Person ca. 60 000 Stück bemalt. Wie Ai Weiwei schreibt, wurde die Arbeit auch zu Hause, zu allen Zeiten, in vielen Pausen erledigt. (Man könnte anmerken: Nichts ist in China so billig wie Arbeitskraft.) Ai Weiwei sieht in den unzähligen ähnlichen Kernen eine Metapher für das Menschenbild der kommunistischen Partei Chinas:

Jeder Kern war eine selbstständige Einheit, aber zwischen den einzelnen Kernen gab es keine erheblichen Unterschiede, und wenn eine gewisse Zahl von Sonnenblumenkernen zusammengetragen wurde, dann wurde etwas anderes daraus. Man sah jeden einzelnen Kern, gleichzeitig aber auch nicht, denn sie alle gingen in einer gewaltigen Flut unzähliger ähnlicher Sonnenblumenkerne unter. Wenn es etwas gibt, das mein Verständnis von China symbolisieren soll - etwas, das jeder Chinese und jede Chinesin kennt, dann ist das auf jeden Fall der Sonnenblumenkern. (Ai Weiwei, S.312f) 

Der Teppich aus Sonnenblumenkerne war auch in Düsseldorf 2019 zu sehen. 

Staatliche Repression

Schon vor  München stand Ai Weiwei unter staatlicher Beobachtung. Seine Tätigkeit in seinem Blog, sein Wandel vom “reinen” Künstler zum Aktivisten sorgte für Unruhe bei den staatlichen Mächten. Spätestens ab Ende 2008  begannen dann die chinesischen Behörden Ai Weiweis Blog zu stören und im April  2011 erfolgt schließlich die erste Verhaftung, die zu einer Untersuchungshaft von 81 Tagen führt, unter permanenter Aufsicht und Kontrolle durch Wachpersonal. (In einer späteren Installation baute er die Zelle samt Wachpersonal nach.)
Die Untersuchungshaft endet mit einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung seiner Firma FAKE und einer Steuerrechnung von über 2,4 Mio $. Eine Berufung wird 2013 abgelehnt.

Düsseldorf 2019

Für den Künstler Ai Weiwei ist das Anlass China zu verlassen. 2014 fliegen Frau und Kind nach Berlin, ein Jahr später folgt er ihnen nach. Sie bleiben vorerst in Deutschland. 2019 erfolgt der Umzug nach Cambridge und später nach Portugal, wo Ai Weiwei heute lebt.

Ai Weiwei zieht aus seinem bisherigen Leben als Künstler und künstlerischer Aktivist ein vorläufiges Zwischenergebnis:
Heutzutage sehen sich immer mehr Menschen gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen, und zwar aus allen möglichen Gründen - Krieg, religiöse Diskriminierung, politische Verfolgung, Zerstörung der Umwelt, Hunger, Armut. Wird es uns jemals gelingen, diese Geißeln aus der Welt zu schaffen? Kann eine Zivilisation, die auf dem Unglück anderer aufgebaut ist, ewig weiter bestehen? Und wer kann sich sicher sein, nicht selbst eines Tages seine Heimat verlassen zu müssen und an einer fremden Küste ausgesetzt zu werden, nur um dort auf Diskriminierung zu stoßen und gezwungen zu sein, um Mitleid zu betteln?
Das Schicksal unserer drei Generationen - meines Vaters, meines Sohns und mir - ist eng mit dem Schicksal zahlloser Menschen verknüpft, denen wir nie begegnet sind und die wir nie kennenlernen werden. Umso mehr ist das Grund für mich, auszusprechen, was ich im Herzen fühle, es mit anderen zu teilen und mir Gehör zu verschaffen. Sich auszudrücken ist von zentraler Bedeutung für die menschliche Existenz. (S.405)

Mein Resümee

Obwohl das Buch mit dem etwas zähen Beginn und der asynchronen Erzählweise in der ersten Hälfte das Lesen erschwert, überzeugt es als spannende Exkursion in die chinesische Zeitgeschichte und in der zweiten Hälfte mit seinen authentischen Erläuterungen zum Werk des Künstlers und Aktivisten (wobei ich das Wort Aktivist eigentlich nicht mag, bezeichnete es doch früher vor allem eine “Person, die im sozialistischen Wettbewerb durch wesentliche Erhöhung der Leistungen und durch neue Arbeitsmethoden die Produktion steigert”, Wikipedia ). Manch irritierendes Verhalten von Ai Weiwei, auch während des kurzen Exils in Deutschland, wird durch seine Autobiographie leichter verständlich und akzeptabel. So die nach der Niederschrift des Buches erfolgte Aktion in Lesbos, als er sich an den Strand legte und das weltweit durch die Presse gegangene Bild eines toten Flüchtlingskindes nachstellte. In der Buchvorstellung in Berlin im November 2021 legt er dar, wie die Situation der Flüchtlinge ihn an seine eigene Kindheit erinnerten und die Situation in Lesbos in ihm alle Hoffnungen und das Vertrauen auf europäische Werte der Menschlichkeit zerstörten.

Das Buch hat mich tief beeindruckt. Es hat mein Wissen bereichert weil es mir das Werk des Künstlers auf eine besonders überzeugende, weil authentische Weise noch näher gebracht hat.


Materialien/Rezensionen

Rezensionsübersicht beim Perlentaucher:

Ai Weiwei: „1000 Jahre Freud und Leid“. Autobiografische Aufarbeitung der Familiengeschichte

Kritischer Geist 
Ai Weiweis Memoiren: Die Wurzeln eines Entwurzelten
In "1000 Jahre Freud und Leid" erinnert sich der chinesische Kunststar an seinen Vater und sein eigenes Leben. Versteht man den Kritiker und Selbstvermarkter nun besser?

BR: Ai Weiweis Autobiografie "1000 JAHRE FREUD UND LEID"

"Niemand mag mich. Aber das mag ich"
Ai Weiwei über China, Corona und das unbeliebte Berlin
 

Weitere Quellen: TV

ARD: Autobiografie von Ai Weiwei 14:15

Fairytale Documenta 12, 2007 Kassel

Video: Disturbing the Peace 

Ai Weiwei: Doku zu Corona in China Coronation 

Deutschlandfunk Kultur (Audio): 
 




Freitag, 8. April 2022

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n...

und dann werden tausend Träume wahr.


Samstag, 2. April 2022

Corona Post März 2022

 Die Lage muss sich normalisieren - sagen die Landesregierungen und sagt die Bundesregierung. 
Wir werden sehen.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" präsentiert weitere Daten grafisch:

(Anklicken zum Vergrößern!)
Wie man sieht: Ende März sind wir auf dem Stand von Anfang November wieder angellangt, allerdings mit fallender Tendenz. Nur die Impfungen folgen diesem Muster nicht