Samstag, 26. Dezember 2020

Mein Amerika und Trump: Drei Bücher zum Verständnis, Teil 3


Torben Lütjen: Der amerikanische Bürgerkrieg revisited


Torben Lütjen, ein deutscher Politikwissenschaftler, war von 2017 bis 2020 DAAD Visiting Associate Professor of European Studies and Political Science an der Vanderbilt University. in Nashville Tennessee.

In fünf Kapiteln untersucht der Autor, “welche strukturellen Bedingungen überhaupt eine Figur wie Trump ins Weiße Haus bringen konnten.”  Dabei will er ausdrücklich keine Exkursion in die exotische Lebenswelt der Trumpwähler, der forgotten und bigot Americans in den flyover states vornehmen, wie es Thomas Frank und Hochschild taten. (Die deshalb in seiner Literaturliste auch nicht genannt werden!)

Es seien im wesentlichen drei Entwicklungen, die Trump ermöglichten. Ideologisch die Politisierung der Rassenfrage durch die Demokraten, die damit ihre Wähler im Süden vergraulten. Damit verbunden sei die Politisierung der Religion durch Evangelikale und eine landesweite Bewegung gegen staatliche Regelungen aus “Washington”. 
Ein weitere Ursache liege in der Spaltung des Landes in eine Koalition aus Waffennarren, Abtreibungsgegnern, evangelikalen Christen und Verächtern der “Ostküstenelite”. Auf der anderen Seite habe sich ein buntes Gemisch aus Anhängern von Diversität und kultureller Offenheit, kombiniert mit der Vorliebe für europäische Autos und italienischen Kaffee gebildet. Verstärkt würde dieser Konflikt durch die Segmentierung der Medien, die so stark auf die beiden Gruppen ausgerichtet seien, dass jeder seine eigene Echokammer finden kann. Dabei fällt dem Autor auf: 
“Die Kombattanten in den Kulturkriegen der USA rekrutieren sich sich vor allem aus dem weißen, wohlhabenden und gebildeten Amerika.” (50)
Dies führte zum Aufstieg des Populismus, versinnbildlicht in der Person Donald Trumps, dessen politische Karriere ohne die Polarisierung von Gesellschaft und Politik Amerikas nicht denkbar gewesen sei. 

Gleichzeitig habe sich auch die Demokratische Partei verwandelt durch die “Radikalisierung der amerikanischen Linken”. Seit der Finanzkrise sieht Lütjen “die Jakobiner kommen” mit der Forderung nach einem Socialism made in America. Der Indikator dafür sei, dass 2019 65% der Demokraten Sympathien für den Sozialismus hegten, was immer sie darunter verstanden, vermutlich nur einen Wohlfahrtsstaat wie in Nordeuropa. 
Die Ursache der Radikalisierung links liege in wachsender Ungleichheit und sinkender Aufwärtsmobilität, denn
“Es ist heute unwahrscheinlicher als vor vier Jahrzehnten, dass Kinder aus der Arbeiterklasse einen höheren sozialen Status als ihre Eltern erreichen.” (126)
Die Radikalisierung im Sinne von Identitätspolitik der demokratischen Partei, gehe dabei
“auf das Konto weißer Amerikaner mit hohen Bildungsabschlüssen. Sie sind es, die die Partei radikalisiert haben, und zwar auf sämtlichen Politikfeldern.” (138)
Ergebnis dieses Wandels bei Teilen der weißen, urbanen, universitär  ausgebildeten jungen Amerikanern sei deren Unterstützung von Bernie Sanders in den letzten beiden Wahlkämpfen gewesen, nach Ansicht von Lütjen “ein waschechter Marxist” und “Amerikas letzter Sozialist”.(129f)
Besonders hervorzuheben ist nach Lütjen dabei: 
“Auch seine Unterstützer fühlten sich, wie Trump, als Teil eines Aufstands gegen ein Parteiestablishment” (132) und der
 “Konflikt zwischen dem Clinton-Lager und dem Sanders-Lager symbolisierte die Spannung zwischen den Anhängern von class politics vs.identity politics und damit den Kern der derzeitigen Kontroverse nicht nur innerhalb der amerikanischen Linken.”  (134)

USA = Weimar?

Im letzten Kapitel untersucht der Autor, ob der gegenwärtige Zustand der USA vergleichbar dem Deutschlands zur Zeit der Weimarer Republik ist und sucht nach historischen Vorläufern von Donald Trumps Regierungsstil. Dabei kommt er zu einem originellen Urteil, indem er Parallelen zwischen Trumps Agieren und dem eines anderen prominenten europäischen Herrschers zieht. Spoiler: Es ist nicht A.Hitler!
“Die Angriffe auf die demokratische Kultur des Landes und seine politischen Institutionen gehen jedenfalls bislang ganz allein auf das Konto des Präsidenten und seiner Partei,...” (154)
Deshalb sieht Lütjen nur eine geringe Gefahr für den Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges. Die teilweise absurden Vorgänge im Weißen Haus haben nur eines gemeinsam, dass es 
“immer nur um Trump selbst ging - und um nichts anderes. Sie dienten nicht dem Umbau des Staates, sondern der Rettung der eigenen Haut. Kurzum: Trump hat die Normen der amerikanischen Politik immer wieder gebrochen [...]. Aber ausgehebelt hat er sie nicht.” (157)
Trump hat keine Ideologie und keine Sturmtruppen und er hat auch kein neues Regierungssystem etabliert Er setzt im Übrigen nur brav die politische Agenda der Republikaner um. Trump ist in seiner Grundstruktur ein Autokrat, aber kein Faschist und Washington ist also nicht Weimar.

Hat Trump historische Vorläufer?

In der Politikwissenschaft wird die Herrschaftsform eines autokratischen Herrschers, die auf plebiszitärer Zustimmung beruht, gerne als Bonapartismus bezeichnet, bezugnehmend auf die Herrschaft des vom Volk gewählten Charles Louis Napoléon Bonaparte, später als Napoleon III. Kaiser der Franzosen

Auch Lütjen bringt diesen Vergleich ins Spiel, entscheidet sich aber gegen eine Gleichsetzung. Vielmehr sieht er, bei allen Unterschieden, die den Aufstieg der jeweiligen Person angeht, noch eher Parallelen zum Herrschaftsgebaren und zur Person eines anderen europäischen Herrschers. Ein Vergleich, der nach Auffassung des Autors “äußerst konstruktiv; und, nebenbei bemerkt, auch einfach zu süffig und unterhaltsam ist um ihn wegzulassen.”
Das seien Ähnlichkeiten im Charakter, ohne Ernst, ohne Arbeitseifer, ohne Sinn für Maß und Mitte, unbeherrscht, kaum lernfähig, beifalls- und erfolgssüchtig. Übereinstimmungen auch in Trumps Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, seiner verbalen Inkontinenz und der nervösen Rastlosigkeit. 
“So sind beide Männer in ihrem Weltbild aus der Zeit gefallen und gleichzeitig die Verkörperung der Modernität ihrer Epoche. Nicht umsonst sind sie besessen von den Medien und der Macht, die sie über das Denken und die Emotionen der Menschen haben.” (182)
Und nicht zuletzt spricht das Parvenühafte beider Figuren für den Vergleich. Wer diese historische Figur sein soll? Klicken Sie hier!

Wie geht die Geschichte mit Trump aus?  Lütjen befürchtet:
“Das gruseligste Zukunftsszenario ist [...] vielleicht, dass Trump gar nicht das Ende, sondern vielmehr der Anfang von etwas ist”, (195)
nämlich einer Entwicklung zu einem wirklichen Volkstribun, der disziplinierter und strategischer vorgeht als Trump, den Behördenapparat mit seinen Anhängern flutet und sich daran macht, die politische Ordnung in Gänze auszuhebeln. 
“Vielleicht hatte Marx unrecht: Vielleicht kommt zuerst die Farce - und dann erst die Tragödie.” (195)
Ich hoffe: nicht.

Torben Lütjen: Amerika im Kalten Bürgerkrieg. Wie ein Land seine Mitte verliert, WBG Theiss, Darmstadt 2020