Mittwoch, 4. März 2020

Cihan Acar: Hawaii.

Kemal will weg

Kemal ist wieder zurück aus der Türkei, wo er sich als Profifußballer eine Fußverletzung zuzog, die seiner Karriere ein (vorläufiges?) Ende bereitet hat. 
Zurück in Heilbronns “sozialem Brennpunkt” Hawaii, trifft er seine Eltern (die gerade in die Türkei abreisen wollen), seine alten Freunde (die aber keine mehr sind), und seine Ex-Freundin, die er für die Karriere in der Türkei verlassen hat. 

Drei Tage, ein knappes Wochenende, sind wir Begleiter des heimgekehrten Kemal, dem modernen Simplicissimus, im deutsch-türkischen Milieu. 
Die  Tour beginnt mit dem Besuch einer türkischen Hochzeitsfeier und einem Abstecher in die “Bierhölle”, und endet  mit den Nachwehen einer nächtelangen Straßenschlacht zwischen Türken und Rechtsradikalen auf heilbronns Straßen. Danach will Kemal nur noch weg aus Heilbronn. Auf eine Reise ohne Ziel.
“Das mit der Reise ohne Ziel stimmte gar nicht  Ich wusste ganz genau, wo ich hinwollte. An einen Ort, an dem ich der sein kann, der ich bin. Nicht Kemal, der Fußballer, nicht Kemal der Arbeitslose, der Herumtreiber, der Versager, der Verräter, der Verkäufer, der Typ zwischendrin. Sondern einfach nur ich.So einen Ort musste ich finden. Und wenn es ihn nicht gibt, dann muss ich halt für immer suchen.”(254)
Ein Roman über ein langes Wochenende in Heilbronn? Dass ich so etwas lesen würde, hätte mir mal jemand prophezeien sollen. Ich hätte es nicht mal ignoriert.
Es lohnt sich aber, denn Cihan Acar hat einen unterhaltsamen, leichten und dabei schrägen und keinesfalls seichten Roman geschrieben, der uns in die deutsche Provinz führt und uns lehrt: Jeder Ort kann Schauplatz eines Romans sein, wenn es einen Autor wie Cihan Acar gibt, der uns in diese kleine Welt einführt.
Von diesem Autor werden wir hoffentlich noch mehr hören.

Cihan Acar: Hawaii. Hanser Berlin, Berlin 2020, 254 Seiten.


Links:

WDR Kultur Bücher
Cihan Acar - Hawaii. Von Peter Henning

Literaturkritik.de
Atemlos durch Heilbronx. Im Debütroman „Hawaii“ von Cihan Acar geht es hoch her. Von Frank Riedel