Freitag, 22. Oktober 2021

Ein Jahrhundertwinter


Deutschland vor 75 Jahren, das ist auch die Geschichte meiner Mutter, aber eine ganz andere Geschichte. Während meine Mutter als junge Küchenhilfe in französischen Hotels in Baden-Baden arbeitete und die Familie in Rastatt damit ernähren konnte, schlitterte das Land in seine schlimmste Hungerkrise im 20. Jahrhundert.

Das Buch schildert die Auswirkungen des “längsten Winters im 20. Jahrhundert” und seine furchtbaren Auswirkungen auf das geschlagene Deutschland mit seinen obdachlosen, hungernden und frierenden Bewohnern.
Viele Quellen werden zitiert und viel Interviews mit Zeitzeugen, damals noch Kinder, bringen uns die Jahre 1946/47 nahe. Auch Jahre nach den Erlebnissen des Hungerwinters erschüttern heute noch die Berichte aus dem Elend.

Im Frühjahr 1946 und noch einmal Anfang 1947 besuchte Herbert C. Hoover,  amerikanischer Präsident von 1929-1933, Deutschland und beschrieb die Verhältnisse, die er zu Gesicht bekam mit folgenden Worten:
»Die große Masse des deutschen Volkes ist, was Ernährung, Heizung und Wohnung anlangt, auf den niedrigsten Stand gekommen, den man seit hundert Jahren in der westlichen Zivilisation kennt.« (S.163)*
Das Buch überzeugt nicht nur durch die vielen Tagebuchauszüge und Augenzeugenberichte. Die historische Einordnung und Bezüge zur Besatzungspolitik und den ökonomischen Bedingungen der Nachkriegszeit (Bizone, Trizone) sind ebenfalls Thema. So werden Missverständnisse zwischen der deutschen Verwaltung und der Besatzungsmacht zitiert, die man kurios nennen könnte, wenn sie nicht so tragisch in ihren Auswirkungen gewesen wären:
Vielerorts wurde statt Weizen und Roggen Mais geliefert. In Kiel etwa mussten die Bäcker im Januar 1947 dem Brotteig zunächst 50 Prozent, dann 80 Prozent Mais beimischen. Der am Lübecker Krankenhaus tätige Assistenzarzt Harald Walter hatte eine einfache Erklärung dafür: »Ursache für das Maisbrot war ein Übersetzungsfehler unserer gebildeten Politiker. Sie hatten bei den Amis Korn bestellen wollen und hatten tatsächlich ›corn‹ bestellt. ›Corn‹ aber bedeutete im amerikanischen Sprachgebrauch ›Mais‹.Für Getreide gab es die Bezeichnung ›grain‹. Das Maisbrot verursachte Verdauungsbeschwerden, weil es auch nicht unserem Geschmack entsprach. Gefährliche Stoffwechselkrankheiten, besonders bei Kindern, waren die Folge.« (S.155f)
Das Buch führt in eine Zeit zurück, die unsere Eltern noch erlebt haben - und die nie mehr wiederkehren soll.

Alexander Häusser / Gordian Maugg, Hungerwinter. Deutschlands humanitäre Katastrophe 1946/47, Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2010, unveränderte Neuausgabe 2021, Bestellnummer: 10715.

*Zu Hoover heißt es auf Wikipedia:
“In seinem im März 1947 veröffentlichten Bericht zu Nachkriegsdeutschland empfahl Hoover dem Präsidenten die Demontage der Industrieanlagen zu beenden und konstatierte, dass die militärische Schwächung Deutschlands erreicht werden könne, ohne die Versorgung seiner Bevölkerung zu behindern. Der Report Hoovers wurde kontrovers diskutiert und fand insbesondere bei John R. Steelman, dem Stabschef des Weißen Hauses, positive Resonanz. 1947 ernannte ihn der republikanisch kontrollierte 80. Kongress zum Vorsitzenden der Commission on Organization of the Executive Branch of the Government, der sogenannten Hoover Commission, die Maßnahmen vorschlug, um bürokratische und administrative Hürden zu senken und die exekutive Gewalt zu stärken. Hoover setzte sich für die Einführung der Schulspeisung, die sogenannte Hoover-Speisung, in der Bizone ein. Diese kam über sechs Millionen Deutschen zugute, die so eine warme Mahlzeit am Tag erhielten.”

Ergänzungen

Das Buch ist für 4,50€ bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich:
https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/35765/hungerwinter

Das Buch war auch Grundlage für eine Fernseh-Doku (2009): Hungerwinter – Überleben nach dem Krieg (Fernsehfilm; nicht in der Mediathek)