Montag, 29. Juni 2026

Once Upon A Time

 Aus meinem Notizbuch vom Juli 1987:



Mittwoch, 3. Juni 2026

Agnès Poirier: An den Ufern der Seine

 


Informativ, unterhaltsam, atmosphärisch dicht

“An den Ufern der Seine ist weder literarische Fiktion noch akademische Analyse, sondern ein erzählerisches Porträt des Pariser Lebens in der Zeit zwischen 1940 und 1950: eine Rekonstruktion, eine Bildcollage, ein Kaleidoskop von Schicksalen, das auf verschiedenen Quellen und Dokumenten beruht”, schreibt die Autorin auf S.29.

Zu diesen Schicksalen gehören Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Boris Vian, Samuel Beckett, Arthur Koestler, Juliette Gréco, Richard Wright und viele andere.
Agnes Poirier gibt einen informativen, atmosphärisch dichten und gleichzeitig unterhaltsamen Einblick in die Lebensumstände und Arbeitsbedingungen französischer Künstler und Intellektueller vom Beginn des Krieges bis zur Befreiung von Paris und den unmittelbaren Jahre danach. Einer Zeit des politischen und ökonomischen Abstieg Frankreichs und des gleichzeitigen Aufstieg als ‘kultureller Supermacht’. Sie erkundet die Ursprünge des Existenzialismus, sieht in Simone Beauvoir, aber auch in Brigitte Bardot und Francoise Sagan die Emanzipation der Frau und den Feminismus am Horizont auftauchen. Sie beschreibt die fatale Attraktivität der kommunistischen Parteien für viele Intellektuelle und welche Anziehungskraft das Pariser Milieu auf amerikanische Künstler, schwarze Musiker und Schriftsteller hatte.

Vielfältige Quellen zieht die Autorin heran und ihre Sprachkenntnisse erlauben ihr auch eine Auseinandersetzung mit amerikanischen und englischen Quellen im Original.

Ich hätte dennoch einige kleinere Einwände, die aber den Gesamtcharakter des Buches nur unwesentlich beeinflussen:
Brigitte Bardot als “neues Gesicht des Feminismus” (S.28) zu bezeichnen, scheint mir recht gewagt zu sein. Das gleiche gilt für die Rolle von Francoise Sagan, die laut Agnes Poirier in die Fußstapfen von Simone de Beauvoir trat (S.196).

Quellenkritik ist nicht die Stärke der Autorin, so im Fall von Gerhard Heller, dem deutschen Zensor der Besatzungsregierung, den sie für meinen Geschmack zu unkritisch zitiert.
Andere Mängel und Fehler hätte ein aufmerksames Lektorat vermeiden können: Sartre geriet 1940 ganz unspektakulär in deutsche Kriegsgefangenschaft (Im Elsass, in der Gegend von Brumat) und wurde nicht “verhaftet”, wie es auf S.55f heißt. Die Porte d’Italie liegt nicht im Nordwesten von Paris (S.117), sondern logischerweise im Südosten. Ein Satz wie: “Jedem Franzosen standen [1946, R.W.] drei Scheiben Brot täglich zu, mehr als die Nazis ihnen 1942, im schlimmsten Kriegsjahr, gewährt hatten” (S.180) erscheint mir nicht logisch. Es hätte wohl ‘weniger’ heißen müssen.

Ebenso undurchsichtig ist das Layout für Zitate. Manchmal werden sie eingerückt, oft aber in den Text integriert, manchmal im Original, manchmal in übersetzter Form abgedruckt. Das System erschloss sich mir nicht wirklich.

Das Buch enthält dankenswerter Weise eine Zeittafel, ein ausführliches Personenregister und einen Anmerkungsapparat, aber kein Quellenverzeichnis und kein Verzeichnis der benutzten Literatur.

Man kann das Buch als flott geschriebene Klatsch- und Tratschgeschichte des französischen (und das heißt: des Pariser) intellektuellen Lebens und der ideologischen Kontroversen zwischen 1940 und 1950 lesen und qualifizieren, muss aber nicht, denn die Autorin überzeugt mit ihren treffenden Charakterisierungen, der prägnanten Sachdarstellung und vor allem, und das hat mich überrascht, der Darstellung der vielfältigen Beziehungen zwischen französischen und amerikanischen Intellektuellen und Künstlern in der Nachkriegszeit.

Resümee:

Eine Lektüre, die man unbedingt empfehlen kann. Wer in den philosophischen Streitfragen der damaligen Zeit tiefer eintauchen will, dem empfehle ich jedoch das Buch von Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten.
(Punktabzug nur für die Schwächen beim deutschen Lektorat.)

Sonntag, 1. März 2026

Lost in ...

  26.2.2026 

Am Tag zuvor habe ich mein Handy vermisst. Trotz intensiver Suche war es nirgends zu finden: weder im Haus noch im Auto noch in meinen Klamotten.  Ich habe es mit meinem Tablet angerufen, Sabine hat es mit ihrem Handy angerufen – ohne Erfolg. Nichts, kein Ort, nirgends.

Nach kurzer Recherche ein Tipp von Google. Auf meinem Handy starte ich im Browser android/find - und siehe da: Mein Handy wird gefunden. Es befindet sich in der Nähe in einem Supermarkt, in dem ich am Nachmittag eingekauft habe.

Am nächsten Vormittag fahre ich dorthin. Nach einem kurzen Wortwechsel und einem Blick auf das Google-Foto geht die Marktleiterin in das Büro und kommt mit dem Handy wieder zurück. Es wurde über Nacht im Safe sichergestellt. Wer es aber gesichert hat, ist nicht bekannt. Mit Dank verabschiede ich mich, dankbar auch dem Google-Findesystem.





Dienstag, 3. Februar 2026

Ich, Donald, Kaiser und Gott

© Tsp Screenshot/X (ehem. Twitter)/@WhiteHouse
 

Made my day:

"Der sogenannte „Friedensrat“ war von Trump vor Kurzem ins Leben gerufen worden. Das Gremium ist so strukturiert, dass Trump Vorsitzender auf Lebenszeit ist, selbst über die Aufnahme von Mitgliedsländern entscheidet und in allen Fragen ein Vetorecht hat. Länder, die länger als drei Jahre der Gruppe angehören wollen, müssen mindestens eine Milliarde US-Dollar in bar an Trump übergeben."

Freitag, 9. Januar 2026

Meine Straße


 

Samstag, 27. Dezember 2025

Sonntag, 5. Oktober 2025

Es gibt noch Hoffnung

(Warum hat mir die FAZ das nicht schon früher gesagt?)


Dienstag, 23. September 2025

Eine überraschende Entdeckung am Schauinsland

 Version 26.9.2925; aktualisiert: 30.4.2026

Aktualisierung:
ARD-Bericht/Video zur Gedenkveranstaltung "90 Jahre Engländerunglück": Klick
Youtube-Video zum Unglück (Deutsche Version, KI-erstellt, Übersetzungsfehler): Klick
Das Engländernglück im Schauinsland - Zeitungsberichte Darmstadt April 1936: Klick
Bericht in The Guardian vom 26.4.2026: Klick

Ich komme schon seit Jahren regelmäßig für einige Tage ins Feldberggebiet. Früher war ich mit meinem Sohn hier, zweimal auch mit einer Schulklasse und seit vielen Jahren mit meiner Lebenspartnerin. Wir wohnen im kleinen Hotel Peterle in Falkau, lassen uns dort verwöhnen und unternehmen Wanderungen. In nahezu jedem Jahr sind wir von Falkau aus über Zweiseenblick, Feldberg, Stübenwasen, Notschrei und Halde zum Schauinsland gewandert und von dort mit der Seilbahn hinunter nach Freiburg. Man kann also sagen: Wir kennen uns aus.

Und dennoch: Mitte August erfährt Sabine in einem Podcast von einem unglaublichen Vorfall in den 1930er Jahren im Schauinsland-Gebiet, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Davon und von unserer Wanderung möchte ich berichten.

Das Engländerunglück am Schauinsland 

Fünf englische Schüler sterben 1936 am Schauinsland - weil ein Lehrer alle Warnungen und Ratschläge missachtet

Die Geschichte in Kürze


Das Abendläuten der Hofsgrunder Kirche und der mutige Einsatz der gesamten Hofsgrunder Bevölkerung rettete am Abend des 17. April 1936 das Leben der Mehrheit einer Gruppe von 27 am Schauinsland in Bergnot geratenen Schülern der Strand School in London-Brixton. Für 5 Schüler im Alter zwischen 12 und 14 Jahren kam jede Hilfe zu spät. Vier von ihnen konnten von den Hofsgrunder Rettern im Gasthaus „Hof“ nicht mehr wiederbelebt werden. Der fünfte Schüler starb nur 10 Minuten nach dem Eintreffen des Krankenwagens in der Freiburger Universitätsklinik am frühen Morgen des nächsten Tages. Ein weiterer konnte in der Klinik am Leben gehalten werden. Erst im Nachhinein ließ sich das ganze Ausmaß des Unglücks am 17. April 1936 übersehen: eine Gruppe von 28 Personen – 27 Schüler im Alter zwischen 12 und 17 Jahren und ihr Lehrer – waren in Bergnot geraten und wenn die Hofsgrunder Retter nicht zur Stelle gewesen wären, wären noch mehr Personen ums Leben gekommen. Völlig orientierungslos war der Lehrer mit der Gruppe zuletzt querfeldein in Nebel und starkem Schneefall die Kappler Wand hinaufgeklettert, um irgendwo Schutz zu suchen. Aber fünf Jugendliche waren aufgrund von Erschöpfung und Kreislaufversagen an diesem Abend am Freiburger Hausberg gestorben.

Quelle: Bernd  Hainmüller 



Bernd Hainmüller hat die Geschichte in allen Einzelheiten recherchiert, darüber ein Buch geschrieben und eine umfassende Dokumentation im Internet angelegt. Sie finden alle Links am Ende meines Beitrags unter "Quellen/Material". Dort finden Sie auch weitere Berichte und Quellen sowie den Link zum Podcast, der den Anstoß für unsere Wanderung gab.
Herrn Hainmüller danke ich auch für seine korrigierenden Hinweise zu meinem ersten Textentwurf.

August 2025

Wir entscheiden uns spontan, bei unserem turnusmäßigen Schwarzwald-Aufenthalt die Strecke der Gruppe nachzulaufen, soweit sie heute noch rekonstruierbar ist. Die ursprünglich geplante Route sollte von der damaligen Jugendherberge „Peterhof“ in Freiburg aus über den Schauinsland zur Jugendherberge in Todtnauberg führen. Sie war ca. 23 km lang, hätte mindestens 6 Stunden gedauert und es hätten dabei ca. 1000 Höhenmeter überwunden werden müssen. Ein anspruchsvolles Vorhaben für Schüler zwischen 12 und 17 Jahren – vor allem im April und bei angekündigtem Schnee!

Hier der geplante Verlauf der Strecke auf Google Maps:

https://maps.app.goo.gl/xRQrepDCQPZckcsX7


Wir wählen allerdings eine kürzere Strecke:

Unsere Wanderung

Wir fahren mit dem Auto zum Schauinsland, nehmen die Seilbahn ins Tal zur Talstation und fahren von dort mit dem Bus nach Günterstal. Von dort aus startet die eigentliche Wanderung über St. Valentin hinauf zum Schauinsland  und zum Kleinen Engländerdenkmal und zum  Engländerdenkmal.

Wie die Schülergruppe wollen wir folgende Punkte anlaufen:

St. Valentin → Sohlacker → Kohlerhau → Ostkamm Schauinsland 

Wir rechnen mit ca. 3 Stunden.

Unser Weg am 2.September 2025 folgte dann tatsächlich weitgehend den Wegen der Schülergruppe. Erst ab dem “Mundloch” des Kappeler Stollens verlieren sich die Spuren der Engländer und wir müssen improvisieren. 

(In der folgenden Karte habe ich unseren Weg mit den zentralen Anlaufstellen blau markiert.)



Station 1: Gasthaus St. Valentin

Die englische Schülergruppe startet am 17. April 1936 um 9 Uhr morgens in Freiburg. Sie erreicht St. Valentin, verläuft sich dort jedoch im dichten Nebel und läuft fast wieder zurück nach Freiburg. Erst nach zweieinhalb Stunden erreichten sie St. Valentin erneut. Es schneit. Lehrer Keast fragt die Gastwirtin nach dem Weg. 

Zitat aus dem Buch von Bernd Hainmüller: 

Dass er (der Lehrer Kenneth Keast) mit einem solchen Schneesturm wohl hätte rechnen können, wenn er sich nach der Ankunft am Donnerstagmorgen über den Wetterbericht informiert hätte, verschwieg Keast bei dieser ersten Vernehmung. Auch dass er sich beim Fremdenverkehrsbüro Freiburg an diesem Tag eine geeignete Wanderkarte hätte besorgen können, spielte für ihn bei der späteren Schuldfrage keine Rolle. Seine Wanderkarte hatte er vom »School Travel Service« erhalten, eine »Paasche's Schwarzwald-Wanderkarten Blatt 3« in einem Maßstab von 1:100.000. Auf dieser Karte waren nur die Hauptwege und die Fahrstrasse zu erkennen, nicht aber die gut beschilderten Wanderwege des Schwarzwaldvereins. Außerdem waren keine genauen Höhenmeter - Linien vorhanden. (S.59f)


Wir wandern dagegen mit einer Karte im Maßstab 1:30.000 und orientieren uns zusätzlich mithilfe von Komoot. Nach einem kurzen Marsch von der Endhaltestelle der Straßenbahn in Günterstal erreichen wir um 11:45 Uhr das Gasthaus St. Valentin.

Als Keast östlich Günterstal allein im Gasthof St. Valentin nach dem Weg fragte, riet auch dort die Wirtin von einer Wanderung auf den Schauinsland ab und wies darauf hin, dass alle Wege und Wegweiser zugeschneit seien. Er gab zurück, dann würde er den Schnee eben abwischen. Dass er eine Schülergruppe bei sich hatte, bemerkte die Wirtin erst beim Abmarsch. (Wikipedia)


Vom Gasthaus aus führt ein kleiner, leicht ansteigender Weg Richtung Süden zum Sohlacker. Er ist etwas eng und eher ein Pfad, aber bei schönem, warmem Wetter können wir ihn relativ problemlos begehen. Die Beschilderung ist sicher nicht kleiner als vor 90 Jahren. Schnee liegt auch nicht. Das Wegzeichen ist somit gut erkennbar. Wie wird jedoch im April 1936 bei Nebel und 30 cm Neuschnee die Situation gewesen sein?




Station 2: Sohlacker
Um 12:40 Uhr, nach 55 Minuten, erreichen wir die Weggabelung Sohlacker. Die englische Gruppe brauchte dafür zwei Stunden, da sich der Lehrer erneut verirrte und es weiter schneite.


Wir folgen weiter dem gelben Rhombus in Richtung Kohlerhau.

Der Weg ist nicht immer einfach. Aber die Luft ist warm, und wir genießen das Licht, das durch die Bäume fällt. Romantik pur! Ein totaler Gegensatz zum April 1936.

Station 3: Kohlerhau

Nach weiteren 70 Minuten erreichen wir die Weggabelung Kohlerhau. Dieser Punkt wird von der Schülergruppe erst nach eineinhalb Stunden mühsamen Stampfens durch den Schnee erreicht. Sie sind jetzt bereits seit sechs Stunden unterwegs. Als Wegverpflegung gab es für jeden lediglich zwei belegte Brote, eine Apfelsine und etwas Wasser.


Gegen 15 Uhr an der Kohlerhau sprach Keast – nach seiner eigenen Aussage – mit zwei Forstarbeitern, die ihre Arbeit wegen des Unwetters eingestellt hatten. Er fragte nach dem Weg, sah aber keinen Grund, die Wanderung abzubrechen. (Wikipedia)



Die Situation vor Ort ist etwas unübersichtlich: Es führen drei Wege Richtung Schauinsland und trotz Karte und Komoot sind wir unsicher, welchen wir wählen sollen. Ohne eine hinreichende Wanderkarte wäre es für die Gruppe reines Glück gewesen, einen Weg hinaufzufinden.


Wir nehmen den mittleren Weg, einen schmalen Pfad, der sich durch einen lichten Wald schlängelt und nicht immer leicht zu finden ist. Wir fragen uns immer wieder, wie man bei Schnee oder gar im Schneesturm den Weg finden soll. Spätestens hier hätte Keast umkehren müssen. Vermutlich hoffte er, dass der letzte Abschnitt hinauf zum Gipfel einfacher werden würde. Doch diese Hoffnung hatte keinerlei realistische Grundlage.

Station 4: Kappeler Stollen

Obwohl er schon auf der Rodelbahn war, bzw. diese überquert hatte, ging er etwa 200 m talwärts der Bergwerksanlage bzw. des Leopoldstollens zu und stieg bald darauf wieder auf 800 m (Leopoldstollen), 1.000 m (Bergmannsheim) und schließlich auf 1.200 m hinauf, um abermals die Rodelbahn zu erreichen. (Bericht des Gendarmerie-Oberwachtmeister Malter vom Gendarmerieposten Kirchzarten an die Staatsanwaltschaft Freiburg)


Laut Wikipedia hat die Gruppe diese Stelle bereits nach 15 Minuten erreicht. Der kürzeste Weg ist ca. 1 km lang. Bei den damaligen Wetterbedingungen und dem Zustand der Schüler ist das völlig unmöglich. Wir brauchen etwa 30 Minuten und laufen nicht den Weg, den Komoot anzeigt, denn es gibt ihn nicht oder nicht mehr. Auf der Wanderkarte ist ein Pfad eingezeichnet, der aber ebenfalls nicht zu finden ist.

An dieser Stelle soll die Gruppe auf Postmann Otto Steiert getroffen sein. Wie er später protokollierte, gab er Kean den Rat,


Wenn es besseres Wetter sei und er Sicht habe, dann könne er sich am Bergmannsheim auf die Rodelbahn begeben.. Dies sei jedoch in Anbetracht des herrschenden Schneesturms nicht denkbar” (Aussage Steiert; Buch Hainmüller, S.71)


Keast wird klar, dass er es nicht mehr nach Todtnauberg schaffen wird. Sie sind bereits seit sieben Stunden unterwegs, der Sturm ist immer noch heftig und alle sind erschöpft. Er will nur noch den Gipfel erreichen und von dort aus einen sicheren Platz, beispielsweise das Dorf Hofgrund oder die Bergstation der Schauinslandbahn.

Wie es tatsächlich weiterging, ist allerdings unklar. Ist er mit der Gruppe den Hang schnurstracks hinauf; mit Kindern, die über keinerlei winterliche Kleidung verfügten?

Am Kappler Stollen, genauer gesagt am Eingang zum Stollen, dem Mundloch, in fast 1.000 m Höhe angekommen, können wir den Weg direkt hinauf nicht finden. Wie Keast damals? Die Halde ist größtenteils mit Gebüsch bedeckt und fast zugewachsen, vor 80 Jahren mag das noch anders gewesen sein. Der Karte können wir lediglich entnehmen, dass wir in zwei längeren Serpentinen, auf dem Schauinslandweg und dem Hundsrückenweg,  zum Kamm des Schauinsland gelangen können. Wir sind genauso desorientiert wie damals Lehrer Keast, trotz schönstem Wetter und sommerlichen Temperaturen.

Eine Woche nach unserer Wanderung habe ich Bernd Hainmüller gefragt: Ist die Gruppe tatsächlich an dieser Stelle angekommen und hat dort den Bergmann Steiert getroffen? Warum hat sie dann nicht den Stollen benutzt, der durch den Berg ins gegenüberliegende Dorf Hofgrund und damit in Sicherheit geführt hätte? Der Kappeler Stollen wurde schließlich auch von Kindern aus der Bergwerkssiedlung benutzt, um sich auf dem Weg in die Hofgrunder Schule abzukürzen und war auch als Hebammenstollen bekannt. So ist es auf der Webseite Grube Schauinsland zu lesen.

Herr Hainmüller hat eine überzeugende Erklärung. Der Bergmann Steiert hat die Gruppe tatsächlicht nicht am Kappeler Stollen, sondern an anderer Stelle getroffen. Außerdem: Steiert hatte keine Veranlassung Keast das zu sagen, weil er ihn ja angeboten hatte, ihn im Bergmannszechenheim unterzubringen oder nach Kappel zu begleiten. Das hat Keast aber abgelehnt. Eigentlich hätte Steiert vom Bergmannszechenheim aus die Polizei anrufen müssen, dass hier ein Irrer versucht, die Kappler Wand hinaufzusteigen. Das hat er nicht getan.


Wir brauchen fast eine volle Stunde, um auf den gut ausgebauten Serpentinen endlich den Kamm des Schauinslands zu erreichen. Fast an derselben Stelle wie damals die englische Schülergruppe. Ein freies Feld eröffnet sich vor uns – heute friedlich, still, lichtdurchflutet – und doch spürt man, wie gnadenlos dieses offene Gelände in einem Schneesturm, in der Dunkelheit wirken muss. Kaum ein Ort in der Umgebung, an dem man schutzloser sein könnte.

Wir haben für den Aufstieg von Günterstal knapp vier Stunden gebraucht. 1936 dauerte für die Schülergruppe der Weg von Freiburg bis zum Aufstieg neun unendliche Stunden. Stunden voller Kälte, Wind und Schnee – „ohne Kopfbedeckung, kniefrei, Halbschuhe“, wie später der Retter Eugen Schweizer schilderte. Mancher Junge war so erschöpft, dass ihn die eigenen Kameraden tragen mussten. Wie haben sie wohl gelitten, Schritt für Schritt, gegen den Sturm, gegen die Hoffnungslosigkeit?


Sabine entdeckt einen Wegweiser: Hinweise zum Kleinen Engländerdenkmal und zum Engländerdenkmal, das die Nazis errichten ließen. Wir folgen ihm und wandern weiter, mit herrlichem Blick über den tief unten im Tal liegenden Weiler Hofgrund. Die Landschaft liegt sonnenbeschienen, freundlich und einladend. Und doch wissen wir: Am 17. April 1936 sah derselbe Ausblick aus Kinderaugen völlig anders aus – verzerrt durch Schneeschleier, Schmerz und Verzweiflung. Der Gegensatz zum heutigen Tag könnte nicht größer sein.

Kleines Engländerdenkmal



Von Kreuzschnabel; map layout: OpenTopoMap; map data: OpenStreetMap contributors - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52027294 


Erläuterungen zur obigen Karte (aus der englischen Wikipedia übersetzt; mit meinen Ergänzungen in rot)
The group's route.

  • S: (Eingang Kappler Stollen)Treffen mit dem Postboten Otto Steiert*

  • , dann Aufstieg auf die Kappler Wand.

  • 1: Ankunft auf dem Grat, vom Sturm nach Osten getrieben.

  • 2: Punkt, an dem die Gruppe wahrscheinlich zum ersten Mal Kirchenglocken hörte und dem Klang folgte.

  • 3: Ort, an dem Jack Eaton mit zwei Überlebenden gefunden wurde**

  • 4: Ort, an dem Francis Bourdillon und Roy Witham zusammen mit Keast und einem weiteren Überlebenden gefunden wurden

  • 5: Ort, an dem Peter Ellercamp mit einem Überlebenden gefunden wurde

  • 6: Ort, an dem Stanley Lyons gefunden wurde, direkt oberhalb des Dobelhofs

  • D: Dobelhof-Bauernhof

  • B: Bergstation der Seilbahn (wo die nächste Schutzhütte zu finden gewesen wäre)

Übersetzt mit Deepl

* Vermutlich eine falsche Lokalisierung; das Treffen kann nach Aussagen von Bernd Hainmüller nicht hier gewesen sein

** Auch hier eine falsche Lokalisierung. Das “Kleine Engländerdenkmal”, errichtet im Mai 1937 vom Vater des verstorbenen Jack Eaton, steht südlich vom Waldrand. Ein zweites, größeres und von den Nazis errichtetes Denkmal steht weiter westlich. Die teilweise abstruse Geschichte um die Errichtung der beiden Denkmäler lässt sich bei Hainmüller im Abschnitt “Die Legenden um das Unglück” nachlesen.


Ob die Schüler damals genau diesen Weg nahmen, ist ungewiss. Doch fest steht: Oben, am Schauinsland, begann für sie das letzte Kapitel ihres Dramas.

Station 5: Die Endphase des Dramas:

Auf dem Kamm des Schauinslands angekommen, zerbricht die Marschkolonne unter der Last des Elends. Einige bleiben bei den Schwächsten zurück. Andere stolpern verzweifelt davon, tasten sich querfeldein den Hang hinunter, angetrieben vom Läuten der Glocken im Dorf Hofgrund, das wie ein verheißungsvolles Zeichen von Rettung klingen musste. Und melden in dem etwas abseits liegenden Gehöft, dem Dobeler Hof, ihre Notlage.

Bauern und Dorfbewohner werden umgehend mobilisiert, eilen zu Fuß, auf Skiern, mit Schlitten in den Schneesturm – und finden die Kinder, verstreut, durchnässt, verzweifelt. Aber nicht alle können sie retten.


Fünf von ihnen verlieren ihr Leben, Opfer einer Mischung aus Uneinsicht, Torheit und Verantwortungslosigkeit ihres Lehrers:

  • Francis Bourdillon (12 Jahre)

  • Peter Ellercamp (13 Jahre)

  • Stanley Lyons (13 Jahre)

  • Jack Alexander Eaton (14 Jahre)

  • Roy Witham (14 Jahre)

Ihre Namen bilden bis heute die traurige Essenz eines Ereignisses, das niemals hätte geschehen dürfen.


Die Überlebenden kehren am nächsten Tag nach Freiburg zurück. Dort werden sie vernommen – und verstummen danach. Sie sprachen nie wieder in der Öffentlichkeit über das traumatische Erlebnis. Ihr Lehrer, Kenneth Keast, der die Tragödie durch Ignoranz und Arroganz überhaupt erst heraufbeschwor, wurde für sein verantwortungsloses Handeln niemals zur Rechenschaft gezogen.

Quelle: Der Sonntag in Freiburg; 17.4.2016, S.3

Epilog

Doch die Geschichte endet hier nicht. Auf die Katastrophe folgt ein zweites Unrecht: die propagandistische Inszenierung der Nazis, die aus toten Kindern ein Märchen von Heldentum machen und in einem Denkmal verewigten wollten, dem Engländerdenkmal am Schauinsland.

Deutsche und englische Politik taten ihr Übriges, um einen Skandal zu verhindern. Eine Tragödie wurde verdreht, beschwiegen, instrumentalisiert – und bleibt doch bestehen, unauslöschlich eingebrannt in die Geschichte des Schauinslands.

Das Unglück hatte ein weiteres Nachspiel. Jack Eaton, Vater des verunglückten Jack Alexander Eaton, wollte sich mit der offiziellen Darstellung nicht zufriedengeben. Er führte eigene Recherchen durch, auch direkt am Schauplatz des Geschehens, wo er mit Helfern sowie Justizbeamten in Freiburg sprach. Auf Grundlage dieser Nachforschungen kam er zu dem Schluss, dass die Katastrophe ausschließlich auf das Fehlverhalten des Lehrers Kenneth Keast zurückzuführen sei – eine Einschätzung, die auch spätere Untersuchungen bestätigten. In den folgenden Jahren bemühte sich Eaton mehrfach, Keast persönlich zur Verantwortung zu ziehen. Da er ihn über längere Zeiträume immer wieder damit konfrontierte, könnte man sein Verhalten aus heutiger Sicht mit dem Begriff „Stalking“ umschreiben. Konkrete Konsequenzen hatte das Vorgehen von Jack Eaton jedoch nicht; lediglich Keasts Teilnahme an weiteren Schülerreisen ins Ausland wurde untersagt.

1937 ließ Jack Eaton am Berghang von Hofsgrund einen Gedenkstein für seinen Sohn errichten, das sogenannte „Kleine Engländerdenkmal“. Der letzte Satz der Inschrift sollte lauten: „Ihr Führer versagte in der Stunde der Bewährung.“ Die zuständige deutsche Behörde verbot jedoch dem Steinmetz, diesen Text anzubringen, da er "Anstoß erregen" könnte. (Quelle: Hainmüller, Tod am ..., a.a.O., S.178)

Quellen/Material finden Sie hier: Klick.