Montag, 5. Juli 2021

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Frau Yangs Familiengeschichte über vier Generationen spiegelt bis in Details die Geschichte der VR China der letzten 75 Jahre wieder, die Autorin macht sie uns lebendig und verstehbar.

   Es ist die Geschichte vom Aufstieg ihrer chinesischen Familie aus Armut und Not der Nachkriegszeit, die Geschichte der Unterdrückung und der Leiden unter Mao, der vorübergehenden Befreiung durch die Reformpolitik Deng Xiaopings und der Möglichkeit ihrer Eltern zum wissenschaftlichen Arbeiten ins Ausland, nach Deutschland, gehen zu dürfen, weil sich Partei und Staat dadurch wirtschaftlichen Gewinn versprachen. Frau Yang berichtet von den Mühen und der Arbeit ihrer Eltern, sich in Deutschland zurechtzufinden und finanziell über die Runden zu kommen. Sie müssen ihr Baby bei den Verwandten in China zurücklassen, was das Kind ihnen entfremdet. 

   Erst als Vierjährige wird Xifan gegen ihren Widerstand nach Deutschland  geholt. Sie besucht Kindergarten und Schule, wird als Chinesin bestaunt  und  auch diskriminiert, identifiziert sich aber im Lauf der Jahre mit der neuen   Gesellschaft so sehr, dass sie als junges Mädchen am liebsten alles   Chinesische abstreifen möchte. 
 
   In der ökonomischen Erfolgsgeschichte von Familie und Staat seit dem Sturz Maos gibt es auch ‘Verlierer’ wie Onkel Xungui, der wie viele andere glaubte, am rasanten Aufschwung teilhaben zu können und nach vorübergehendem Erfolg, doch wieder da angelangt ist, von wo aus er einst hoffnungsvoll und unternehmungslustig gestartet war: Als Mittelschullehrer, jetzt aber desillusioniert und alten Träumen nachhängend und auf dem Dach der Schule Gemüse pflanzend, weil er den Lebensmittel aus dem Supermarkt misstraut (und, wie man nach den unzähligen Skandalen weiß, dafür allen Grund hat).

   Die Autorin erklärt uns manch irritierende Einstellung der heutigen Chinesen. So wenn der Großvater auf ihre Frage “Aber hat die Partei dir nicht unendlich viel Leid zugefügt?” antwortet: “Ja. Aber sie hat mir auch die letzten dreißig Jahre geschenkt. Und die letzten dreißig Jahre waren die besten meines Lebens.” (S.328) 

   Wie vielen Freunden der chinesischen Kultur, die im Zwiespalt leben zwischen dem beeindruckenden Reichtum dieser Kultur, dem bewundernswerten wirtschaftlichen Aufstieg einerseits und dem abstoßenden Protz der neureichen Klassen und der Allmacht der staatlichen Kontrolle in China andererseits, geht es auch Yang Xifan, die heute in Shanghai lebt und arbeitet: 
“Hinter der Glasfassade gibt es eine zweite, unsichtbare Ebene, auf der ein permanentes Gefühl von Unbehagen regiert, von Ohnmacht, Beklemmung, Furcht und Misstrauen. Auf dieser Ebene gibt es keine Sicherheit für niemanden. Nach außen hin mag das neue China glänzen, doch im Innern ist es verfault.” (S.329)
   In diesen Tagen feiert die Kommunistische Partei Chinas mit ihrem Vorsitzenden Xi Jinping ihren 100. Geburtstag und lässt sich für den märchenhaften Aufstieg des Landes feiern. Das ist die gleiche Partei, die unter der Herrschaft Maos Millionen Menschen, darunter ihre engsten Anhänger auf dem Gewissen hat und sich heute noch nicht voll dazu bekennt. Dass es zu diesem Wirtschaftswunder kam, ist jedoch nicht das Verdienst der Partei,sondern das Gegenteil ist der Fall: Erst als die Partei die ökonomischen Fesseln lockerte, konnte der Fleiß der Menschen ungehindert zu Tage treten und dem Land einen gigantischen Aufschwung bescheren. Nicht die Partei, es war das chinesische Volk, das diesen Aufschwung erzielt hat. Auch davon berichtet dieses Buch am Beispiel der Familie Peng.

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie

Carl Hanser Verlag, Berlin 2015 ISBN 9783446246546. Gebunden, 336 Seiten, 19,90 EUR

Video
Rezensionsübersicht beim Perlentaucher:
https://www.perlentaucher.de/buch/xifan-yang/als-die-karpfen-fliegen-lernten.html

Nachtrag

Das Buch kostete ursprünglich 19,90 €. Im April 2020 habe ich es für 10,25 € incl. Porto bei Medimops gekauft. Jetzt wird es gebraucht angeboten für 50 € (Stand: 1.Juli 2021). Momox zahlt im Ankauf aber nur 0,15 € dafür, der Partner Medimops hat das Buch aber nicht mehr im Angebot.
Das ist die Art von Kapitalismus, die ich nie verstehen werde.