Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe. Roman.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Roth.
Luchterhand Literaturverlag, München 2016.
Lucy Barton ist Schriftstellerin und lebt in New York. Als Nachwirkung einer postoperativen Infektion muss sie für längere Zeit im Krankenhaus liegen. Nach vielen Jahren bekommt sie auch wieder Besuch von ihrer Mutter. Für Lucy Anlass, sich an die arme und trostlose Kindheit in Illinois zu erinnern. Die Mutter verweigert sich zwar immer wieder bei der Suche nach der verlorenen Zeit mitzuarbeiten, bleibt aber dennoch fünf Tage und Nächte bei der Tochter. Die wundert sich: diese Anteilnahme hatte es früher nie gegeben.
Zitate
Müssen die Eltern arbeiten und ist die kleine Lucy alleine, wird sie in einen Pickup gesteckt und eingeschlossen.
Ich stellte mir vor, dass ich nicht fror und dass ich saubere Bettwäsche hatte und saubere Handtücher und ein Klo, das richtig spülte, und eine Küche, in die die Sonne schien. Ich träumte mir einen richtigen Himmel zusammen. Und dann wurde es kalt im Pick-up, und die Dunkelheit kam, und das Weinen ging wieder los, erst nur als Wimmern und dann immer lauter. Und dann stand plötzlich mein Vater da und sperrte die Tür auf, und manchmal trug er mich. »Was weinst du denn?«, sagte er dann, und ich weiß noch das Gefühl, wenn sich seine warme Hand um meinen Hinterkopf wölbte. (S.67)
Sie sagte: »Du warst anders als Vicky. Und auch als dein Bruder. Dir war es nicht so wichtig, was die Leute dachten.«»Wie kommst du darauf?«, fragte ich.»Ich meine, schau dir dein Leben jetzt an. Du hast es einfach selbst in die Hand genommen.«»Ach so«, sagte ich, als sähe ich nun klar. Aber was an sich selbst kann man je klar sehen? (S.73)
Über versteckte Scham beim Lesen einer Klatsch-Zeitschrift:
Die Zeitschrift lag den Vormittag über auf meinem Bett. Dann steckte ich sie in die Schublade an dem Tischchen, auf dem das Telefon stand - versteckte sie dort für den Fall, dass der Arzt hereinkam. Darin waren wir also gleich, ich und meine Mutter, beide mochten wir nicht nach unserer Lektüre beurteilt werden, und während sie das Blatt nicht einmal anrührte, wollte ich nur nicht damit erwischt werden. [...] Diese Zeitschrift - ich bin mir sicher, sie hätte der Zuneigung meines Doktors keinen Abbruch getan. Aber so dünnhäutig waren wir beide, meine Mutter und ich. Immerzu fordert die Welt diese Abwägung von uns: Wie verhindern wir, dass wir uns anderen unterlegen fühlen? (S.86)Bei unserem kleinen Hochzeitsempfang sagte sie zu einer Freundin: »Das ist Lucy.« Und sie fügte, fast ein bisschen neckisch, hinzu: »Lucy war früher gar niemand.« Es kränkte mich nicht, und eigentlich kränkt es mich auch jetzt nicht. Aber ich denke bei mir: Kein Mensch auf der ganzen Welt ist gar niemand. (S.160)
Lucy taucht auch in den späteren Romanen von Elizabeth Strout wieder auf. Ist sie hier die gesetzte und gesellschaftlich anerkannte und etablierte Autorin, so lernen wir sie in “Alles ist möglich” als junges Mädchen in prekären Verhältnissen aufwachsend kennen und in “Oh, William” begegnet sie uns als zweifach geschiedene, erfolgreiche Autorin im fortgeschrittenen Alter, die sich mit ihrem Ex-Ehemann William auf den Weg nach Iowa macht, um der rätselhaften Familiengeschichte von William auf die Spur zu kommen..
Das letzte o.a. Zitat findet man nahezu wortwörtlich in dem fünf Jahre später geschriebenen Roman “Oh, William”. Das Zitat mit der im Pickup eingesperrten Lucy findet eine Entsprechung in dem Roman “Alles ist möglich”, wo es von Lucy heißt, sie sei die gewesen, “die nie in die Pausen ging” und bis zum Ende des Schultages in der Schule blieb. Denn, so erfahren wir im vorliegenden Buch, sie genoss die Wärme des Gebäudes und fürchtete das Alleinsein und die Kälte zu Hause..
Mir haben Lucys Geschichten als Erinnerungsversuch gefallen. Hier wird kein Betroffenheitskitsch und keine breit gewalzte Herkunftsscham zelebriert, sondern nüchtern einer der vielen Realitäten Nordamerikas im 21. Jahrhundert beleuchtet. Elizabeth Strout kann man durchaus als Soziographin des amerikanischen Klassensystems betrachten. Von den Angehörigen der “working poor” bis zur “upper middle class” bekommen wir - und wie ich finde authentisch - in all ihren Büchern präsentiert was es heißt, als WASP https://en.wikipedia.org/wiki/White_Anglo-Saxon_Protestants im heutigen Amerika und im Zeitalter des Untergangs des amerikanischen Imperiums zu leben.
Das Buch ist 2016 auf englisch und noch im gleichen Jahr auf deutsch erschienen. Es bleibt das Geheimnis des deutschen Verlages, warum man aus dem neutralen (aber, wie ich nach der Lektüre finde, dennoch vielsagenden) englischen Titel “My Name Is Lucy Barton” in Deutschland einen Titel wie für einen Rosamunde Pilcher-Roman gemacht hat. Soll das wirklich “frauenliteraturaffin” sein?
(Heute würde, im Nachklang der Erfolge von Annie Ernaux und ihrer deutschen Epigon(inn)en, der Titel wahrscheinlich lauten: “Lucy Barton - Ich war niemand”.)
Rezensionen
Perlentaucher:
Der Stoff, aus dem der Alltag ist. Elizabeth Strout macht in ihrem Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“ aus kleinen Anekdoten große Lebensgeschichten
Von Ulrike Schuff
Ein bisschen Kitsch für alle Frauenseelen
Veröffentlicht am 31.08.2016 Von Elmar Krekeler
