Zehn Kurzgeschichten aus dem Jahr 1987, darunter vier aus der Sicht von Jugendlichen geschrieben, vorwiegend in Montana spielend, mit starken Anklängen an seinen Roman “Wildlife” aus dem Jahr 1990.
“In seinem berühmten Erzählband "Rock Springs" schildert Richard Ford Menschen, die unermüdlich versuchen, die Scherben ihres Lebens zu kitten, einen Rest von Sinn und Sicherheit zu finden”, heißt es auf der Verlagsseite zu dieser Sammlung von Kurzgeschichten.
Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Die zehn Geschichten spielen fast ausnahmslos in prekären und beinahe-prekären Milieus in Montana, weit ab von den Personen und Milieus, die Richard Ford uns in seinen späteren Romanen, vor allem in seiner Bascombe-Reihe, nahe bringt. Es sind Geschichten von Armeeangehörigen und Armeebeschäftigten und deren Frauen und Söhnen. Geschichten vom Open Range des Nordwestens der USA, in dem die Ölindustrie und der lokale Luftwaffenstützpunkt das wirtschaftliche Zentrum bilden und es ansonsten nur viel Landschaft gibt. Sie spielen Anfang der 60er Jahre und werden in den frühen 80ern erinnert. Der kulturelle, soziale und vor allem der politische Horizont der Protagonisten ist und bleibt überschaubar und endet im wahrsten Sinne des Wortes an der Countygrenze. Der Traum vom Süden wird manchmal geträumt, er bleibt aber auf Florida begrenzt.*
Und es sind oft sehr traurige aber unsentimentale Geschichten, die viel mit einer Einstellung zu tun haben, die Mark Twain in seinem großen Roman Huckleberry Finn so beschrieben hat:
“All I wanted was to go somewheres; all I wanted was a change. I warn't particilar.”
Irritierend war für mich in nahezu allen Geschichten die Gesprächsführung der Protagonisten. Hier wird selten diskutiert oder argumentiert. Dialoge sind oft rätselhafte Selbstgespräche, die mehr auf passive Zustimmung abzielen als echte Zwiesprache zu sein (S.248). Die Sprecher erwarten keine ernsthaften Reaktionen und sie bekommen auch keine. Es wird in die eigene Geschichte hinein gesprochen, selten zur Außenwelt.
Ob die Ursache im eingeschränkten Sprachcode des Milieus zu finden ist, das Richard Ford beschreibt? Es sprechen nicht Angehörige der oberen Mittelschicht, Anwälte oder Immobilienmakler, wie in seinen Bascombe-Romanen, sondern hier kommen Verlierer zu Wort, dysfunktionale Mütter und Väter, wie es in der englischen Wikipedia heißt, Gescheiterte und solche, die das Scheitern noch vor sich haben. Oft sind es Alleinerziehende - auch alleinerziehende Väter- und Jugendliche ohne Bezug zu der Generation der Erwachsenen. Der Sohn ist in der Rolle des distanzierten und distanzierenden Erzählers dargestellt, der über seine Zeit als Jugendlicher berichtet und über die Schicksalsschläge, die ihm versetzt wurden, - und welche Lehren er daraus zog, um erwachsen zu werden.
Man kann die Kurzgeschichten auch als Verknappung und Vorläufer zu Richard Fords Roman “Wild Leben” von 1990 lesen, der in der gleichen Gegend und im gleichen sozialen Umfeld spielt und beinahe die gleichen Fragen stellt - Warum lebt man nicht glücklich? - und die gleichen Antworten gibt:
Es ist das schlechte Leben, irgendeine Kälte in uns allen, eine Hilflosigkeit, die uns dazu bringt, das Leben, wenn es rein und einfach ist, misszuverstehen, und sie lässt unsere Existenz wie eine Grenze zwischen zwei Bereichen des Nichts erscheinen und macht uns zu nichts mehr und nichts weniger als Tieren, die einander auf der Straße begegnen - wachsam, mitleidlos, ohne Geduld oder Sehnsucht”,
schreibt er in der Story Great Falls.
Die Kurzgeschichten folgen in Aufbau und Stil oft einem festen Schema. Der Erzähler erinnert sich, er schildert eine Konflikt oder ein bemerkenswertes Ereignis in der Biographie, und es wird ein Resümee im Sinne einer “Lehre fürs Leben” gezogen. Wie aus einem Lehrbuch für Creative Writing.
Dennoch: Uns diese fremde Welt bildhaft vor Augen zu führen, das ist, finde ich, Richard Ford überzeugend gelungen.
Richard Ford. Rock Springs: Short Stories, dt. von Harald Goland; S. Fischer, Frankfurt am Main 1989
