Zusammenfassung
Christian Baron hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, dem man, bei aller Kritik, viele Leser wünscht. Vor allem solche, die es sich in ihrer Mittelschichtsblase bequem gemacht haben und denken, Verhältnisse, wie sie Edouard Louis und Didier Eribon in ihren Autobiografien beschreiben, gäbe es nur in Frankreich. Nein, auch im Sozialstaat Deutschland gibt es ein Milieu der Abgehängten, Dauerarbeitslosen und prekär Beschäftigten, die von der Sozialverwaltung gerne in abgelegene Viertel abgeschoben werden. Ein Milieu, das man mit dem Ausdruck “sozialschwach” verniedlicht und das gerne als “bildungsfern” bezeichnet wird, wobei fehlende Bildung in der Regel noch das geringste Problem ist: Es ist die Welt der Deklassierten, die selten in der Lage sind, sich aus ihrer Situation zu befreien, weil Suff, Gewalt und Passivität eine unüberwindliche Mauer bilden. Diese Milieus findet man nicht erst seit Hartz IV in den Mittel- und Großstädten, sondern sie existieren seit den 50er Jahren, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Kaiserslautern ist kein Einzelfall.Wie es in dieser Welt konkret zugeht, was ein Kind dort erleben kann und unter welchen Umständen ein individueller Aússtieg dennoch möglich ist, davon berichtet Christian Baron ohne Sentimentalität und ohne Beschönigung.
Das ist kein “Armutsroman”, sondern eine Sozialreportage, auch wenn sie sich romanhafter Mittel bedient.
Vorläufer
“Ein Mann seiner Klasse”, die Geschichte einer Familie aus dem prekären Milieu Kaiserslauterns, ist sozusagen die deutsche Version von Edouard Louis’ ”Das Ende von Eddy” und Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”. Sie reiht sich nahtlos ein in die Galerie literarischer Entdeckungen zum Thema sozialer Aufstieg aus der Unterschicht in die (meist akademische) Mittelschicht. Ausgelöst wurde der Trend durch den enormen Erfolg auf dem Buchmarkt, den Annie Ernaux in Deutschland mit ihrer Soziobiographie “Die Jahre” hatte.Dabei ist das Thema nicht wirklich neu. Ernaux’ Bücher wurden schon in den 70er Jahren ins Deutsche übersetzt. In Deutschland gab es eine erfolgreiche literarische Vorläuferin, nämlich Ulla Hahn, die ihre Biographie und ihren Aufstieg aus rheinisch-katholischem Arbeitermilieu, romanhaft verkleidet, einem interessierten Publikum präsentieren konnte und damit Erfolg hatte. Daneben gab es regionale Berichte, teilweise im Selbstverlag erschienen, die das Leben der in der deutschen Provinz der Nachkriegszeit und die Mühen des sozialen Aufstiegs anschaulich und informativ beschrieben. (Wimmer, Ebbmeyer)1.
Was damals jedoch völlig fehlte waren die heutigen Klagen über die Mühen des sozialen Aufstiegs, das Gejammer und die Scham über den angeblichen “Klassenverrat”. Merkmale, die für einen Erfolg im Feuilleton heute unumgänglich zu sein scheinen.
Der ökonomische Erfolg von Ernaux, Eribon und Louis hat den Boden für jüngere deutsche Autoren vorbereitet und die Verlage sind aufgewacht. Sehr früh am Start waren Daniela Dröscher mit “Zeige deine Klasse” und Anke Stelling mit “Schäfchen im Trockenen”. Nun also Christian Baron.
Das Milieu
Die bedrückende Lektüre erlaubt einen verstörenden Einblick in ein Milieu, wie man es leider überall in Deutschland vorfinden kann. Es ist das Milieu der Schlichtwohnbauten, der Sozialwohnungen für Obdachlose, der Verlierer der Gesellschaft: das Prekariat, wie es oft spöttisch heißt. Die Menschen die dort wohnen sind nicht faul, sondern oft von der Arbeit schwer gezeichnet, aber auch unfähig, sich aus eigener Kraft. aus dem Elend zu befreien.So auch die Familie von Christian Baron. Die Mutter ist früh, mit 16 Jahren, schwanger geworden. Sie verliert das erste Kind und der Kindsvater verlässt sie. Der neue Mann, der in ihr Leben tritt, wirbt in rührender Weise um sie und hat Erfolg bei ihr. Fünf weitere Kinder bringt die junge Mutter in den folgenden Jahren auf die Welt, Christian ist ihr zweites Kind, das überlebt. Aber leider hat die Mutter mit der Wahl des Mannes und Vaters ihrer Kinder nicht das große Los gezogen, sondern eine komplette Niete.
Wie bei Eribon und Louis ist der gewalttätige, unbeherrschte Vater der böse Geist im Haus, der sich mehr und mehr als verantwortungsloser Säufer herausstellt. Ein toxisches Exemplar seines Geschlechts, das kein Mitleid sondern nur Verachtung verdient. Er schlägt die Mutter, er schlägt die Kinder, verbringt seine Freizeit am liebsten in der Kneipe und lässt sich dort als Schwadroneur feiern. Er versäuft das Geld für die Geburtstagsgeschenke seiner Kinder und, man hätte es ahnen können, macht sich irgendwann aus dem Staub.
Die Frauen
Es gibt aber heimliche “Heldinnen” in dieser Erzählung vom sozialen Aufstieg aus elenden Verhältnissen. Es sind die Mutter, zwei Tanten und eine Grundschullehrerin. Die Geschichte dieser Heldinnen wird leider in den Rezensionen viel zu wenig thematisiert und gewürdigt. Das gilt im Übrigen auch für die Soziobiographien von Annie Ernaux, Didier Eribon und Edouard Louis. Auch bei diesen findet man immer eine Frau im Hintergrund, meistens die Mutter, die den sozialen Aufstieg des Kindes tatkräftig befördert, und immer ist auch ein Lehrer oder eine Lehrerin da, die auf dem schulischen Weg helfen.Als Barons Mutter mit nur 32 Jahren an Krebs stirbt, nimmt ihre Schwester, Tante Juli, die vier Kinder zu sich. Sie und eine engagierte Grundschullehrerin setzen sich für den begabten Jungen ein, den trotz bester Noten kein Gymnasium nehmen will.
Er besucht die Gesamtschule, später die Oberstufe und macht schließlich Abitur, Danach studiert er Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik, wird Journalist und Autor. Der Aufstieg in die akademische Mittelschicht ist vollzogen.
Der Vater: Ein Mann seiner Klasse? Ein Mann ohne Wahl?
Baron schreibt:“Unser Vater war ein Mann seiner Klasse. Ein Mann der kaum eine Wahl hatte, weil er wegen seines gewalttätigen Vaters und einer ihn nicht auffangenden Gesellschaft zu dem werden musste, der er nun einmal war.” Und: “Das entschuldigt nichts, erklärt aber alles". 2“Musste” er? Es gibt doch viele Väter aus der Unterschicht, die NICHT so sind oder waren wie der Vater des Autors. Ist denn die Brutalität, der Suff, die Vernachlässigung entschuldbar, bloß weil man dem ärmeren Teil der Gesellschaft angehört? Hatte der Vater keine Chance, ein "guter Vater" zu werden? Wer hat ihn gezwungen so zu werden wie er war? Und umgekehrt: Gibt es nicht auch Väter der Mittelschicht, die ihre Kinder vernachlässigen und gewalttätig sind? Ist das ebenfalls durch die soziale Lage erklärbar?
Der Autor scheint auch nicht zu sehen, dass dieser Satz im eklatanten Widerspruch zu seinem eigenen Leben steht. Christian Baron und sein Bruder hätten ja demnach wie ihr Vater ein ignorantes und arrogantes Exemplar seiner “Klasse” werden müssen. Aber warum wurden sie es nicht? Ist vielleicht das Milieu doch nicht die Erklärung für das Versagen, sind es vielleicht doch individuelle Gründe eher als gesellschaftliche Bedingungen erklärende Größen für ein Leben in Gewalt und Suff?
Verstörend ist dennoch die Tatsache, dass Christian der einzige in der Familie bleibt, der dem Milieu entfliehen kann.
Irgendwann hat jeder die Wahl. Es mag jemand schwer im Leben haben, ein verantwortungsloser Vater und Ehemann zu werden ist eine freiwillige Entscheidung.
Das Buch endet viel fragender, zweifelnder, was das totale Versagen seines Vaters anging: Die Antwort nach den Gründen dafür bleibt nämlich offen, ganz im Gegensatz zu seiner Behauptung, dass sein Vater ein Mann war, der kaum eine Wahl hatte.
“Wer oder was hat meinen Vater umgebracht? Sein Kummer? Seine Krankheit? Sein Körper? Seine Arbeit? Seine Armut? Seine Klasse”. Sein Sohn?” (S.279)
Das Schulsystem
Christian Baron hat in verschiedenen Interviews Stellung genommen zu angeblichen und echten Defiziten der deutschen Gesellschaft. So zur Rolle des Schulsystems.In einem Interview mit Andrea Gerk vom NDR sagte er 3 :
"In Deutschland gibt es eine Trennung, da werden die Bildungsweichen früh gestellt. Nach der Grundschule muss man quasi schon entscheiden, ob man Abitur machen wird oder nicht, insofern ist es in dieser Klassengesellschaft, wie es die deutsche ist, überhaupt nicht möglich, aus eigener Kraft da rauszukommen. Also es hat diese Türsteher geben müssen, die an den verschiedensten Punkten waren und interessanterweise überwiegend weiblich."Dem widerspreche ich aus eigener Erfahrung. Nichts ist entschieden, wenn nach der 4.Klasse der Zugang zum Gymnasium verwehrt wird. Dies zeigt Barons eigene Geschichte. Der Übergang in eine Gesamtschule mit späterer Zulassung zur gymnasialen Oberstufe öffnet ebenfalls die Tür zum Studium. Und diesen Weg ist Baron, wie viele andere auch, gegangen. Die Bildungsweichen werden tatsächlich nicht unabänderlich im Alter von 10 Jahren gestellt, sondern es gibt danach noch sehr viele Wege, die zur Studienberechtigung führen. Man findet sie in Fachschulen, Fachoberschulen, Beruflichen Gymnasien und Schulen des Zweiten Bildungsweges. Nichts ist früh entschieden, auch wenn der Weg manchmal länger sein mag. Aber sicher gilt: Es muss, wie im 4.Schuljahr Türsteher geben, die den Weg weisen können und man muss sich selbst informieren, wenn man alt genug ist.
Ausblick
Die Lektüre des Buches von Christian Baron macht betroffen. Es bleibt die Frage, ob wir aus dem Schicksal Christian Barons und vieler anderer etwas lernen können?Vielleicht können wir daraus lernen nicht nachzulassen in den Anstrengungen, Kindern den Ausstieg aus dem Milieu zu ermöglichen und sie dabei zu stärken, einen eigenen Weg zu gehen. Durch staatliche Förderprogramme in der Schulzeit, durch institutionalisierte “Türsteher” in den Grundschulen, durch großzügige Unterstützung der Mütter. Dabei sind vor allem die sozialen Institutionen in der Pflicht, Kita, Schule, Sozialverwaltung, die genauer hinschauen müssen, wie sich Kinder entwickeln, wie sie gefördert werden können, welche Chancen ihnen durch unzumutbaren Lebensumständen möglicherweise verwehrt werden.
Viele Ideen und Vorschläge dazu findet man in dem Buch von Jeremias Thiel: "Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance" 4 , das mehr analytisch und weniger autobiographisch seinen Aufstieg aus hoffnungslos scheinender sozialer Lage darstellt. Jeremias Thiel stammt übrigens wie Christian Baron ebenfalls aus Kaiserslautern.
Anhang
Anmerkungen1.Maria Wimmer: Die Kindheit auf dem Lande. rowohlt, Hamburg 1978
Rosemarie Ebbmeyer: Später wird's schöner: Skizzen einer Kindheit im Ried. Amazon Books on Demand; 2.Auflage Januar 2015
2 Herkunft. Ganz egal, ob geprügelt und ob das Geld versoffen wurde: Ich wollte immer genau so werden wie mein Vater Christian Baron | Der Freitag Ausgabe 10/2019 https://www.freitag.de/autoren/cbaron/ein-mann-seiner-klasse
Zuletzt besucht 3.3.2020
3 Christian Baron in einem Interview mit Andrea Gerk: Das Leben ganz unten - ein Erfahrungsbericht.
https://www.ndr.de/kultur/buch/Ein-Mann-seiner-Klasse-Das-Leben-ganz-unten,mannseinerklasse102.html
Zuletzt besucht 3.3.2020
4 Jeremias Thiel: Kein Pausenbrot, Keine Kindheit, Keine Chance. Wo sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss. Piper Verlag, München 2020
Rezensionen
Rezenionsübersicht vom Perlentaucher:
https://www.perlentaucher.de/buch/christian-baron/ein-mann-seiner-klasse.html
«Ein Mann seiner Klasse»: Selbst am untersten Rand der Gesellschaft schaut man noch auf andere herunter Paul Jandl NZZ online 12.02.2020
https://www.nzz.ch/feuilleton/christian-baron-erzaehlt-ueber-sich-als-kind-der-unterschicht-ld.1539612
Prekär in Kaiserslautern. Eine Rezension von Ijoma Mangold
https://www.zeit.de/2020/06/ein-mann-seiner-klasse-christian-baron-unterschicht-buchrezension/komplettansicht
Herkunft lebenslänglich. Ist sozialer Aufstieg in Deutschland überhaupt möglich? Neue Bücher wie Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" verdichten Kindheitserinnerungen zum vehementen Zweifel. Von Johannes Schneider
https://www.zeit.de/kultur/literatur/2020-02/unterschicht-christian-baron-rene-marik-literatur-marxismus
Das Leben ganz unten - ein Erfahrungsbericht >>Ein Mann seiner Klasse<<.von Christian Baron. Vorgestellt von Andrea Gerk
https://www.ndr.de/kultur/buch/Ein-Mann-seiner-Klasse-Das-Leben-ganz-unten,mannseinerklasse102.html
Auf ein Spaghetti-Eis mit Christian Baron. NDR Kultur Reporterin Andrea Gerk hat Christian Baron in einer Berliner Eisdiele auf ein Spaghetti-Eis getroffen und mit ihm über seinen Roman "Ein Mann seiner Klasse" gesprochen. (Audio)
https://www.ndr.de/media/Auf-ein-Spaghetti-Eis-mit-Christian-Baron,christianbaron102.html
https://www.ndr.de/kultur/buch/Ein-Mann-seiner-Klasse-Das-Leben-ganz-unten,mannseinerklasse102.html
SWR2 Kultur Neu Entdecken.BUCHKRITIK. Christian Baron - Ein Mann seiner Klasse
Rezension von Jann-Luca Künßberg. (Dort als MP3)
https://www.swr.de/swr2/literatur/Buchkritik-Christian-Baron-Ein-Mann-seiner-Klasse,christian-baron-ein-mann-seiner-klasse-100.html
Ganz wird man die Herkunft eben doch nie los
Mit Bov Bjergs "Serpentinen" und Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" erzählen gerade zwei sehr lesenswerte Bücher von Männern, die ihrem Milieu entkommen wollen und dabei scheitern. Von Felix Stephan SZ 31. Januar 2020, 18:45 Uhr
(Ein recht alberner Titel, den keiner der beiden “scheitert”, sondern beide schaffen die Flucht aus dem Milieu. R.W.)
VOX-Doku: "Asternweg - Ein Jahr danach": Das haben die Bewohner erlebt - Promis, https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Asternweg-Ein-Jahr-danach-Das-haben-die-Bewohner-erlebt-id37362877.html
Trailer: https://www.99pro.de/formate/asternweg/
Arno Frank: Schicksal einer deutschen Mittelstadt. Das abgehängte Kaiserslautern
Der Autor Christian Baron lebt in Berlin, fährt aber regelmäßig in seine Heimatstadt. Dort sieht er schäbige Kneipen, heruntergekommene Viertel, einen drittklassigen Fußballverein. Aber auch den Stolz der Bewohner.
https://www.spiegel.de/kultur/ein-mann-seiner-klasse-von-christian-baron-das-abgehaengte-kaiserslautern-a-00000000-0002-0001-0000-000169587549
