Ein Buch über das physische und soziale Altern und das Sterben
Und ihm schien, dass sie niemals leichtfertig abgetan werden durfte, die Einsamkeit am Grund eines jeden Lebens, und dass die Entscheidungen, die die Menschen trafen, um dieser klaffenden Schwärze zu entgehen, Entscheidungen waren, denen Respekt gebührte; das galt für Jim und Helen, und für Margaret und ihn ganz genauso.
Elitabeth Strout hat ein Buch geschrieben, das von den Mühen und Plagen des Alters, von Einsamkeit, Liebe und Lust und vom sozialen und physischen Tod erzählt. Wer diese Themen lieber meidet, sollte das Buch nicht lesen.
Es ist eine Fortsetzung des Romans “Mit Blick aufs Meer“ (deutsch: 2010), der unter dem englischen Buchtitel “Olive Kitteridge” mit der immer beeindruckenden Frances McDormand als Miniserie für HBO verfilmt wurde und auch in Deutschland vom 3. bis zum 24. Februar 2015 auf Sky Atlantic HD zu sehen war. (Und auf DVD erhältlich ist!)
Olive ist eine übergewichtige, hemdsärmelige, pensionierte Mathematiklehrerin, die der Schreck fast aller Schüler war. Sie panzert sich mit Distanz und Abwehr, steckt voller Vorurteile über die Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen, ist aber dennoch hier und da bereit einen Schritt zurückzutreten und ihre Meinung zu ändern. Meistens fällt dieser Nervensäge das sehr schwer.
Zu Beginn der Episoden ist sie vierundsiebzig Jahre alt und lebt mit ihrem zweiten Mann zusammen, zum Schluß ist sie dreiundachtzig und einsame, doppelte Witwe. Manchmal lernen wir Sie aus der Perspektive ihrer Mitmenschen kennen, dann wiederum werden wir in ihre Gedankenwelt eingeführt, fühlen mit und sind irritiert über ihr Verhalten. Über allen Geschichten schwebt aber der Geist Olives wie eine ordnende Macht.
Zu Beginn der Episoden ist sie vierundsiebzig Jahre alt und lebt mit ihrem zweiten Mann zusammen, zum Schluß ist sie dreiundachtzig und einsame, doppelte Witwe. Manchmal lernen wir Sie aus der Perspektive ihrer Mitmenschen kennen, dann wiederum werden wir in ihre Gedankenwelt eingeführt, fühlen mit und sind irritiert über ihr Verhalten. Über allen Geschichten schwebt aber der Geist Olives wie eine ordnende Macht.
Die Geschichten, die Elizabeth Strout um diese schrullige Frau erzählt, sind immer erfahrungsgesättigt und bewegend, aber auch distanziert und analytisch. So wie schon in dem Vorgänger “Mit Blick aufs Meer”. Und so lieben wir es.
Eine Abschweifung
Elizabeth Strouts Kitteridge-Romane handeln auch von Maine, von der Schönheit des Landes und der Schrulligkeit ihrer Bewohner.
Ich kenne Maine nicht, aber der amerikanische Schriftsteller Richard Ford kennt Maine ziemlich gut und hat in einer seiner Geschichten* aus “Irische Passagiere” über die Bewohner geschrieben:
Mae war nie begeistert von den Menschen in Maine. “Kein Strom, kein fließend Wasser, scheiß in ein Loch und fick deine Schwester, so mögen die das”, hatte Mae gesagt. [...]
Zuerst das Tor zum Mädchencamp, dann die Müllkippe, das Dollar-General-Kaufhaus, die Ladenzeile mit den pleitebedrohten Einzel- und Großhandelsfirmen, Autoschrottplätze, Mokassin-Outlets, dazu das gleichförmige Siedlungsschema von Maine - aufgebockte Bootswracks, Haufen aus Fallen und Bojen, Holzspaltmaschinen und Nissenhütten aus Zeltplane - und wirklich jeder mit einem aufgebockten Truck, einer zerborstenen Pflugschar, einem Geländemotorrad und einem Hund. Wenn das Meer außer Sicht war, entsprach Maine Michigan, nur ohne Humor. Und nach dem Kolumbus-Tag nahmen es die Mainer wieder komplett in Besitz. In den Läden ging das Licht aus, Restaurants wurden verrammelt und verriegelt, die Ortsansässigen ignorierten einen, wenn man in den Graben fuhr, und Ferienhäuser, die nicht einbruchsicher waren, wurden zu Meth-Labs umfunktioniert oder abgefackelt oder beides. Der Sheriff nahm sich frei.” [...] “Man kostete seinen Groll aus. Jeder war bewaffnet.” (141f)Das hilft vielleicht, Olive Kitteridge noch besser zu verstehen, oder?
*Richard Ford, Irische Passagiere. hier: Der Lauf deines Lebens
Rezensionen
Elizabeth Strout: „Die langen Abende“. Eine schrullige Heldin wird altersweiseVon Michael Watzka Deutschlandfunk
