Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, München 2021
224 Seiten, 20 Euro
224 Seiten, 20 Euro
Im Klappentext heißt es:
In ihrem neuen Roman erzählt Lucy Barton (die Heldin aus den Romanen "Die Unvollkommenheit der Liebe" und "Alles ist möglich") von der komplexen und innigen Beziehung zu ihrem ersten Mann William, von den Anfängen, als sie noch studierten, von ihren beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Doch obwohl sie neue Partner, neue Liebe finden, bleiben sie einander jahrzehntelang verbunden. Und als William Hilfe braucht, ist es Lucy, an die er sich wendet.
Man kann das Buch sicher als einen Roman über Ehe und Partnerschaft im untergehenden amerikanischen Imperium lesen, aber etwas anderes interessiert mich mehr. Ich möchte etwas zum besonderen Ton und Stil des Romans anmerken und zur Soziobiographie der Protagonisten (wie immer bei mir).
Die Autorin spricht mit der Stimme von Lucy Barton zu ihren Lesern wie zu einer Freundin oder einem intimen Freund. Kommunikativ, in schlichten Worten, schnörkellos plaudernd, auch hier und da abschweifend und manchmal wie auf einer Party, mit Wiederholungen und rhetorischen Floskeln. Redend formt sie ihre Gedanken, manchmal auch im fiktiven Monolog. Typische Kapitelanfänge sind Redewendungen wie: “Was ich noch dazu sagen sollte” oder “Dies noch zu meiner eigenen Mutter” und, gleich im allerersten Satz, “Ich muss noch was über meinen ersten Mann sagen, William”. Die Kapitel enden dann oft ebenso knapp und offen: “Armer William” oder “Das gehört auch dazu.” oder “Auch so eine Sache”.
Aber es ist mehr als nur das Geplauder einer älteren Frau. Es sind Reflexionen über die Angst vor dem Verlassenwerden, vor dem Leben, nachdem man verlassen wurde und wie es möglich ist, auch danach ein neues Leben zu haben ohne in Trauer oder Wut zu verfallen.
“Die Menschen sind einsam, darum geht es. Viele Leute können denen, die ihnen am nächsten stehen, nicht das sagen, was ihnen wirklich auf der Seele liegt”, kommentiert Lucy das zentrale Problem.
Es überrascht nicht, dass diese Ängste bei der in schrecklichen Verhältnissen aufgewachsenen Lucy („Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je irgendeines ihrer Kinder berührt hätte, außer um es zu schlagen.“) eine herausfordernde Rolle spielen. Eine Rolle, die sie aber meistert (und uns darin vielleicht ein Vorbild sein kann?).
Nichts Weinerliches liegt in den Geschichten, selbst wenn Lucy sich an ihre trostlose, bitterarme Kindheit erinnert, nur Tragisches. Wir erkennen Scham, aber es wird nicht darüber geklagt.
Oh, William! ist auch ein klassischer Bildungsroman. Lucy verliert ihr “Hänsel und Gretel-Gefühl”, das Gefühl, dass ihr Mann sie sicher durch die Welt führen wird, und wird zu einer Frau, die Distanz zu ihrem früheren Mann gewinnt, weil sie die emotionale Sicherheit, die er ihr als Hänsel bot, nicht mehr braucht.
Es gibt eine zweite Geschichte, die Lucy erzählt, und das ist die Geschichte ihrer verstorbenen Stiefmutter Catherine, der Mutter Williams.
Gleich zu Beginn gewinnt man den Eindruck, dass Catherine eine arrogante, abgehobene reiche Mittelschichtsmutter gewesen sein muss-
In dieser ersten Zeit stellt Catherine mich ihren Freunden vor, indem sie mir die Hand auf den Arm legte und mit gesenkter Stimme sagte: »Das ist Lucy. Lucy war früher gar niemand.« (S.41) und weiter: “Sie gab mir ihre abgelegten Nachthemden, schöne Nachthemden, weiß mit Stickerei. Die trug ich immer gern.” (S.44)
Man erschrickt noch mehr, wenn man dann dann liest:
“Sie war das Licht In Person. Jedenfalls meistens.” (S.42) und “Sie besaß diese große Herzenswärme.” (S.45)
Wie kann das zusammengehen, die beschriebene Arroganz und die gleichzeitig konzedierte Warmherzigkeit dieser Person? Es gibt eine überraschende Erklärung. Catherine ist nicht die, die sie zu sein vorgibt. Das Geheimnis um Catherine wird auf der Fahrt von Lucy und William nach Maine gelöst, wo er den Wohnort seiner Mutter und die zufällig entdeckte Existenz einer Stiefschwester recherchieren will. Catherine kommt aus noch ärmeren Verhältnissen als Lucy. Was an ihrem Verhalten auf den ersten Blick paternalistisch und arrogant wirkte, war wohl eher als versteckte Solidarität einer Gemeinschaft der Armen zu verstehen. Und Lucy muss das gespürt haben, aber auch ihr Mann William, denn als William und Lucy die schreckliche Entdeckung der ärmlichen Herkunft von Catherine wahrnehmen, meint Lucy: “William, du hast deine Mutter geheiratet. Das sagte ich leise.” (S.186)
(Welch dunkle Geschichte Catherine noch als Last mit sich trug, soll hier ungenannt bleiben. Man lese das Buch!)
Der Roman schließt mit einer Sentenz, die lange nachhallt:
Aber im Kern bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich, das will ich damit sagen.Das ist vielleicht die einzige Wahrheit, deren ich mir ganz sicher bin.
Elizabeth Strout - das ist MEIN Amerika, wie ich es liebe und zu verstehen glaube und ich wünschte, es gäbe nur diese USA und nicht die Vereinigten Staaten des und der Idioten.
Halt, jetzt muss doch noch eine Einschränkung gemacht werden. Was ist eigentlich mit Maine los? Ich meine den Bundesstaat Maine im Nordosten der USA und Schauplatz des zweiten Teil des Romans. Dazu mehr hier: Klick
Rezensionen
Perlentaucher:
Alte Liebe trifft ins Mark
von Gabriele von Arnim · 13.11.2021
Literaturkritik.de
Elizabeth Strouts hoch emotionaler Roman „Oh William“
Von Peter Mohr
Deutschlandfunk Büchermarkt
Von Lieske, Tanya | 05. Januar 2022, 16:12 Uhr 6:22 Min.