Donnerstag, 5. März 2020

Ein Kind steigt aus



Noch ein Bericht aus dem prekären Milieu Deutschlands? Ja, und wie bei Christian Barons “Ein Mann seiner Klasse” sogar aus der gleichen Stadt, Kaiserslautern.  Aber diesmal weniger eine Autosoziobiografie (Ernaux) als ein sozialpolitisches Manifest zur Bekämpfung von Armut, eingebettet in die eigene, noch kurze Lebensgeschichte.

Das Buch von Jeremias Thiel beeindruckt in der Darstellung der außergewöhnlichen psychischen Leistungen des verwahrlosten Kindes Jeremias, geboren 2001, der sich mit elf Jahren sozusagen an den eigenen Haaren aus dem gröbsten Elend befreit, indem er mit dem Zwillingsbruder zum Sozialamt geht und um Hilfe bittet. Zu Hause war ein kindgerechtes Leben mit einer psychisch kranken Mutter und einem depressiven Vater nicht mehr möglich.

Es folgt eine Lehrstück über staatliche Hürden und Hilfen und Institutionen, die es in unserem Land ermöglichen, trotz ungünstigster sozialer Voraussetzungen einen erfolgreichen Lebensweg einzuschlagen. Über SOS-Jugendhof, Gesamtschule und Robert Bosch College in Freiburg bis bis in die USA an eine renommierte Universität.

Viele haben ihm auf diesem Weg geholfen und es waren nicht zuletzt die Vertreter staatlicher Institutionen, der Klassenlehrer an der Gesamtschule, der Sachbearbeiter im Jugendamt, die Sozialarbeiter im Jugendhof  usw., die ihn förderten, die ihm ein anderes Leben zeigten und ihm so einen Ausweg eröffneten.  

Nötigt nicht nur die Befreiung aus dem Milieu großen Respekt ab, so auch die Schlüsse, die Jeremias aus seiner Prekariats-Kindheit zieht. Hier wird weder gejammert über die Mühen des Ausstiegs noch über den Klassenverrat räsoniert, er schämt sich nicht für seinen Aus- und Aufstieg und schon gar nicht wird ein Staatspräsident für das soziale Elend der Eltern verantwortlich gemacht, wie bei Édouard Louis. Auch sieht er im deutschen Schulsystem kein generelles Hindernis für den Bildungsaufstieg, wie es Christian Baron tut. Jeremias gibt konkrete Hinweise und macht ganz detaillierte Vorschläge, beruhend auf eigenen Erfahrungen, woran es an unserem Sozialstaat mangelt und wie dem abzuhelfen ist. Einen großen Teil des Buches ist diesen Analysen und Reformvorschlägen gewidmet. Das macht das Buch an manchen Stellen etwas dröge, ist aber auch hilfreich.

Jeremias ist mit Recht stolz auf das, was er bisher geleistet hat und hat einen offenen Blick für die Leistungen und die Mängel des deutschen Sozialstaates und er zieht einen logischen, aber nicht immer populären Schluss daraus. Er zeigt politisches Engagement und engagiert sich in einer Partei, der SPD.

Sein Resümee ist nicht schönfärberisch:
“Ich habe Hilfe eingefordert, und ich habe sie von vielen Menschen auch bekommen. Diesen Menschen bin ich von Herzen dankbar. Aber ich weiß auch: Wenn sehr viele Kinder und Jugendliche in der gleichen Weise Hilfe einfordern würden, wäre das gesamte System unserer Jugendhilfe vom Kollaps bedroht. Dafür sind wir nämlich zu viele.”
Ich wage die Prognose: da wächst ein sozialdemokratischer Politiker heran. Und ich hoffe, dass man auf seine Stimme schon heute hört.

Jeremias Thiel: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss. 224 Seiten. Piper Verlag 2020


Links:

Blog des Piper Verlags zum Buch:
Aufwachsen in Armut. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss.

Jeremias Thiel spricht mit SWR1-Moderatorin Katja Heijnen über seine Kindheit in Kaiserslautern, die er auf die einfache Formel bringt: "Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance".
Sendung vom 29.3.2020 10:00 Uhr, Leute, SWR1 Rheinland-Pfalz

Kinderarmut ein Gesicht geben. Von Kim Kindermann
Jeremias Thiel: „Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“
Deutschlandfunk Kultur

Früher Hartz IV - Heute Student in USA
Jungautor Jeremias Thiel - der Armut entkommen (Audio)
Aus der Sendung “Landesschau”, Do, 19.3.2020 18:45 Uhr, 
Landesschau Rheinland-Pfalz, SWR Fernsehen RP