Mittwoch, 19. August 2020

Deutschland Perspektiven: Vier Bücher

Lesen heißt für mich fast immer, ein Schwerpunktthema zu wählen und dann voll einzusteigen. Welches Thema mich gerade interessiert ist oft dem Zufall geschuldet. Waren es in den vergangenen drei Jahren vor allem die Themen Frankreich, (Kollaboration, Gesellschaftskritik), und sozialer Aufstieg (Deutschland, Frankreich, USA), so war ich davor fest eingebunden in die Lektüre moderner amerikanischer Autoren, die aus dem Herzen Amerikas, das ist für mich der Mittlere Westen, berichteten. Autoren wie Denis Johnson, Tom Drury oder Donald Ray Pollock
Nun, seit einigen Monaten also, Deutschland, Deutschland, ... Eigentlich waren es fünf Bücher, die ich in den letzten Monaten zum Thema gelesen habe. Bereits (enthusiastisch) besprochen habe ich Katja Oskamp: Marzahn, mon amour: Geschichten einer Fußpflegerin. Hier nun die neuen Titel.


Das ist quasi die Vorgeschichte zu seinem Erfolgsroman “In Zeiten des abnehmenden Lichts”. Hier beschreibt er jetzt die Geschichte seiner Großmutter, die 1936 als junge Kommunistin im Büro der Kommunistischen Internationale in Moskau angestellt war und nach Kriegsbeginn unter die stalinistischen Räder geriet. Sehr eindrucksvoll wird der Alltag und die Stimmung unter den Emigranten in Moskau dargestellt. Emigranten, auf der verzweifelte Suche einen Sinn in den Verdächtigungen und Verfolgungen durch den sowjetischen Geheimdienst suchen. Grundlage des und Anlass für den Roman waren Dokumente seiner Großmutter, unter anderem Selbstbezichtigungsschreiben, die er in Moskau einsehen konnte und die er mit fiktiven Monologen und Dialogen zu einem Roman verarbeitete.
Wer in seiner Jugend -  zeittypisch -  kommunistischen und sozialistischen Ideen anhing, kannte dennoch auch Bücher wie "Sonnenfinsternis" von Arthur Koestler oder Wolfgang Leonhards “Die Revolution entlässt ihre Kinder”. Metropol steht in dieser Tradition.
Eugen Ruge: Metropol. Hamburg: Rowohlt 2019, 432 Seiten.

Nachsatz:
Dazu passte auch das Video/der Film “Und der Zukunft zugewandt”
Das Schicksal dreier deutscher Kommunistinnen, die in Workuta im Straflager gefangen gehalten wurden und nach der Gründung der DDR frei kamen, aber nichts über ihre Vergangenheit berichten durften. Kann man bei mir ausleihen! 


Diesen Roman von Lutz Seiler habe ich zufällig gefunden, als “Findelkind” im Bessunger Bücherschrank.
Er handelt vom freien und ungebundenen Leben im letzten Sommer vor der Wende auf Hiddensee, wo sich in den letzten Jahren der DDR  immer mehr Aussteiger und  potentielle Flüchtlinge unter den Augen der Staatsmacht konspirativ trafen und feierten. Auch sprachlich ein beeindruckender Roman.

Dennoch habe ich hier und da den Eindruck, dass Lutz Seiler das Leben der Individualisten auf Hiddensee in ein romantisches Licht getaucht hat, das mich stutzen lässt. Eine Insel voller Aussteiger und potentieller Republikflüchtlinge und kaum Probleme mit der Staatsmacht? Vielleicht zu schön um wahr zu sein.
Es gibt eine Art Fortsetzung: Lutz Seiler, Stern 111. (Spoiler: Auch dort spielt ein Tier eine Nebenrolle, diesmal aber kein toter Fuchs!)
Lutz Seiler: Kruso. Roman. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2014, 480 Seiten.


Zufällig wurde ich durch die Süddeutsche Zeitung auf einen Roman aufmerksam, der unverdienterweise und unerklärlicherweise völlig in der Versenkung verschwunden ist (wie auch der Autor). Martin Gross: Das letzte Jahr. Damit ist das Jahr 1990 gemeint, in dem der Autor zuerst als westdeutscher Schriftsteller und “Korrespondent”, dann als Mitarbeiter einer Zeitung aus Dresden berichtet, wie ein Land zusammenbricht und ein neues Land noch lange nicht entsteht. Vieles hat mich an die eigenen Erlebnissen in der Nach-Wende-DDR erinnert, bei meinen ersten Besuchen in Erfurt, Apolda und Waltershausen, gleich nach der Öffnung der Mauer im Winter und Frühjahr 1990, als das Land und seine Menschen zwischen Neuanfang und “nix wie weg” schwankte. 
Martin Gross hat einen nüchternen Blick auf die Wende und die Konflikte, die sich einstellen. Hier zwei Beispiele:
Montagsdemonstration in Dresden: Neben mir ein paar Jugendliche. Auch sie halten die Fahne in der Höher (trotz der Kälte) und wiegen ihr enttäuschtes Gesicht hin und her. Alles in diesem Land halten sie für gescheitert. Und Deutschland? Ja, das bedeutet, dass es besser wird, weil die D-Mark kommt und zwar schnell, das ist die Hauptsache, sonst ist bald niemand mehr hier, und die Städte sind leer, weil alles in den Westen gegangen ist. So stehen sie herum und wissen mit ihrer ganzen Revolution nichts anzufangen, als mit der Ausreise zu drohen.” (22. Januar / S.25)
"Es ist wirklich nicht schwer in Wut zu geraten! Wenn du dir ansiehst, was mit diesem Land geschieht, dann begreifst du die Lage in der Dritten Welt. Es geht in beiden Fällen um die Verteilung der Beute, um nichts anderes. Und die ganze Aufbauhilfe ist ein schönes staatliches Rahmenprogramm; die Werbekosten für diese gigantische Räuberei trägt nämlich der Staat.” (13. Oktober / S.223f)
Ich wünsche dem Buch viele neue Leser. Leider ist es nur noch im Antiquariat (ZVAB.de, booklooker.de) erhältlich. Vielleicht erwärmt sich die Bundeszentrale für politische Bildung für eine Lizenzauflage “30 Jahre danach”. 
Martin Gross: Das letzte Jahr. Berlin: BasisDruck 1992, 312 Seiten.

Der Bericht in der SZ vom 22. Juni 2020:
Gesucht: Ein Autor. Wer und wo ist Martin Gross? 
Ein Rätsel, das viele Leser von "Das Jahr 1990 freilegen" lange umtrieb, ist endlich gelöst, der Verfasser des 1992 erschienenen Buches "Das letzte Jahr" gefunden. Von Tobias Lehmkuhl




Steffen Mau liefert eine  soziologische Analyse der DDR-Gesellschaft und einen Vergleich zwischen Deutschland-Ost vor und nach der Wende, sehr schön verknüpft mit autobiographischen Bezügen, da der Autor selbst ein Kind aus “Lütten Klein”, einem Neubauviertel in Rostock ist, und damit auch als Zeitzeuge berichten kann.
Neben eigenen Beobachtungen hat der Autor aktuelle und ehemalige Bewohner befragt und seine Ergebnisse mit den Erkenntnissen soziologischer Studien angereichert. 

Im Teil 1 der Studie ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass trotz vielfältiger Aufstiegsmöglichkeiten in der Frühzeit der DDR im weiteren Verlauf sich diese Wege "verstopften" und die DDR sich zu einer Gesellschaft entwickelte, die 
“durch eine nach unten zusammengedrückte Sozialstruktur und eine arbeiterliche Kultur geprägt war, was auch auf das Dienstleistungsproletariat und die Transferklassen von heute ausstrahlt - es dominiert eine Mentalität der einfachen Leute.” (S.14f)
Im Teil 2 des Buches untersucht Steffen Mau den Transformationsprozess nach 1989. Er arbeitet heraus, wie es nach der Wende zu einem Elitentransfer von West nach Ost kam , der einerseits zum kollektiven sozialen Abstieg der alten DDR-Eliten führte (“Unterschichtung” vom Autor genannt) und zu einer Überschichtung durch die neuen Eliten aus dem Westen. Die schon in der DDR der späten Jahre angelegten Mobilitätsblockaden einer sozial gedeckelten Gesellschaft (siehe Teil 1) wurden nicht aufgelöst, sondern sogar noch verstärkt. Im Ergebnis haben wir heute eine frakturierte Gesellschaft,
"in der Vorbehalte, Systemskepsis und populistische Mobilisierung hervortreten, während die Selbstbindung an eine liberale Ordnung und ein tolerantes soziales und politisches Klima einen schweren Stand haben". (S.15)
Ich finde, das ist ein wichtiges, weil informatives, locker geschriebenes und zum Nachdenken anregendes Buch über die Unterschiede zwischen den Gesellschaften Ost und West und zu den Ursachen dafür. Oder hätten sie zum Beispiel gewusst, dass 2012 in Ostdeutschland “bei den Zwanzigjährigen auf 100 potentiell partnerlose Frauen ohne Abitur sage und schreibe 300 ungebundene Männer ohne Abitur” (S.197) kamen? Man sieht diese jungen Männer buchstäblich, kurzrasiert mit einem Baseballschläger, auf der Straße stehen. Mau spricht hier von der beunruhigenden demografischen Maskulinisierung der neuen Bundesländer und ist sicher nicht allein, wenn er darin ein Problem sieht.)
Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 2019. ISBN 978-3-518-42894-8.

Sammelrezension beim Perlentaucher:
https://www.perlentaucher.de/buch/steffen-mau/luetten-klein.html

Wikipedia:  Lütten Klein  Steffen Mau