Mittwoch, 16. Dezember 2020

Deniz Ohde: Streulicht


Ich habe zum Ende des Jahres u.a. drei Bücher deutscher Autoren bzw einer Autorin gelesen, die mich durch ihren besonderen Tonfall gefangen nahmen:

  • Bov Björg mit “Serpentinen: deutsch grübelnd Vergangenheit aufarbeitend,
  • Cihan Acar: eine junge freie Stimme berichtet aus türkisch-deutschem Milieu, und
  • Deniz Ohde: eine junge Autorin, die aus der Distanz ihre Welt poetisch betrachtet.
Deniz Ohde: Streulicht. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020
Zum Inhalt in Worten der Autorin:

"Es geht um eine junge Ich-Erzählerin, [...] die an ihren Heimatort zurückkehrt und dort die Hochzeit ihrer besten Freunde Peter und Sophia besucht, und während sie dort ist, erinnert sie sich an ihre Familiengeschichte. Der Vater hat sein Leben lang in diesem Industriepark gearbeitet, die Mutter kommt aus der Türkei. Sie erinnert sich an diese Familienkonstellation, an die Mechanismen, die in dieser Familie vorherrschen und an ihre Bildungsbiographie. Sie ist frühzeitig vom Gymnasium abgegangen und hat dann ihre Abschlüsse auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, und wie es dazu gekommen ist und warum sie trotz dessen, dass sie eigentlich als Aufsteigerin gelten könnte, sich nicht als triumphierende Person fühlt. Dem versucht sie auf den Grund zu gehen." 
Quelle: Gespräch mit Deniz Ohde bei hr doppelkopf 

Deniz Ohde beschreibt eine Landschaft, einen Ort, das Leben einer Familie im Schatten der Kühltürme eines Industrierevier. Aber es ist nicht ihre Familie und nicht unbedingt ihr Leben als Kind, Jugendliche und junge Frau. Die Grundlage ihres Schreibens sind ihre Erfahrungen, die aber nicht unbedingt soziobiographisch verarbeitet werden, sondern künstlerisch, poetisch, in Form eines Entwicklungs- und Bildungsromans. Ich finde, das erhebt sie weit über viele oberflächliche Rezensenten, die in ihr nur eine weitere Autorin der  Art “Wie es sich da unten lebt, in der bildungsfernen Schicht, bei den Abgehängten” sehen wollen.

Ihre Geschichte spielt am Main, in Sindlingen, im Schatten der Kamine eines Industrieparks, der früher einmal die Hoechst AG war. Aber es könnte überall sein: Am Rand von Ludwigshafen oder Leverkusen, denn nicht der Ort ist bedeutsam, sondern der Blick der Autorin auf ihn.

"Die Luft verändert sich, wenn man über die Schwelle des Ortes tritt. Eine feine Säure liegt darin, etwas dicker ist sie, als könnte man den Mund öffnen und sie kauen wie Watte. Niemandem hier fällt das mehr auf, und auch mir wird es nach ein paar Stunden wieder vorkommen wie die einzig mögliche Konsistenz, die Luft haben kann. Jede andere wäre eine fremde. Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht."

Über sich selbst sagt die Erzählerin: 

Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt. (S. 224)

Wie und auf welchen Wegen es die “Staubgeborene” dennoch schafft, sich von der gescheiterten Gymnasiastin zur Studentin zu verwandeln, ist Inhalt des Romans. Ihre Voraussetzungen sind denkbar ungünstig, dabei sind es weniger die objektiven Mängel in den Lebensumständen und im Intellekt, als die ihr zugeschriebenen Defizite durch Lehrer und Lehrerinnen (“Hier wird ausgesiebt”, heißt es in der Orientierungsstufe des Gymnasiums) und die eigenen Zweifel, die Unsicherheiten und eine den Leser irritierende Passivität, die die Protagonistin ausbremsen und ihr Umwege aufnötigen. 

Von der Mutter, als junges Mädchen aus der Osttürkei nach Deutschland eingewandert heißt es:

"Sich Verhaltensregeln zu beugen, die in heiligen Büchern standen, war nichts für meine Mutter, sie wusste selbst zu denken, das war ihr immer wichtig zu betonen, ob es um Schweinefleisch ging oder um Größeres, aber mein Vater und alle Männer waren eine Naturgewalt, der man sich fraglos zu unterwerfen hatte. Unterwerfen, ich kann hören, wie sie das Wort empört von sich gewiesen hätte: »Ich unterwerfe mich doch nicht!«, und niemand hätte je von ihr behauptet, sie sei eine unterwürfige Frau. Es war allen einge-|schrieben, dass die eigene Macht, das eigene Denken bei den Handlungen und Entscheidungen der Männer aufhörten, niemand fragte, warum das so war, niemand fiel es überhaupt auf." (S. 227f)

Der Vater, einst Arbeiter im besagten Industriepark, ist in der Gegenwart des Romans ein Alkoholiker und Messie, der seit dem Tod seiner Frau immer mehr vereinsamt und sich in die sicheren Räume seines mit Sonderangeboten und Billigprodukten angereichertem Konsumlager zurückzieht und nicht versteht, was seine Tochter eigentlich will und was sie treibt. Aber als seine Tochter früher als ursprünglich geplant abreist, bietet er der Tochter zum Abschied etwas hilflos Sicherheit und Geborgenheit an:

Ich habe meinen Vater im Flur noch umarmt. Ob es wirklich in Ordnung für ihn sei. »Na klar«, hat er gesagt, und wir haben uns kurz angesehen, ich mit meinem Rucksack auf dem Rücken. Ich habe die Tür geöffnet, das schmatzende Geräusch des Holzes, das rundgeriebene Schnappen des Schlosses, und während ich noch den Knauf in der Hand hatte, hörte ich ihn hinter mir sagen: 

                    »Wenn's nichts wird, kommst wieder heim.« 

Deniz Ohde hat immer wieder darauf hingewiesen, dass dies ein Roman ist und keine Sozialstudie. Um so betroffener machen mich dann Äußerungen wie die auf ZEIT Online: “Ihr Roman ist eine Erkundung der eigenen Herkunft: Was es heißt, aus der Arbeiterklasse aufsteigen zu wollen. Welchen Demütigungen man ausgesetzt ist. Was es heißt, dazugehören zu wollen.”

Man will einfach nicht heraus aus dem abgedroschenen Narrativ (so nennt man das jetzt) von Eribon, Annie Ernaux, etc. Dem Narrativ vom mühseligen und schambehafteten sozialen Aufstieg aus der prekären Unterschicht. Lieber blickt man gönnerhaft von oben herab auf die, die von unten kamen und noch kommen. Für mich ein Ausdruck der Arroganz der bildungsbürgerlichen Mittelschicht bei der Entdeckung der Unterschicht als exotischer Lebensform.

Der Roman von Deniz Ohde ist viel mehr als eine gängige Sozialreportage, er ist gut geschriebene Literatur, ohne Larmoyanz, mit Ambivalenzen und einem kritischen Blick auf Ort und Umstände ihrer Zeit als Kind, Jugendliche und junge Frau.

Im Interview mit dem Hessischen Rundfunk gibt sie selbstbewusst zu Protokoll: 
Ich wollte schon als Vierjährige Schriftstellerin werden.
Mission completed!


Quellen und Material:

Frankfurter Premieren Online #5 vom 9.12.2020: Deniz Ohde
Interview mit Deniz Ohde zu ihrer Motivation und Arbeitsweise (Video)

Diskussion auf SWR2 Bestenliste am 6.10.2020
Aus der Bestenliste-Jury diskutieren die Literaturkritiker*innen Sandra Kegel und Helmut Böttiger über Bücher von Christine Wunnicke, Marcel Beyer, Thomas Hettche und Deniz Ohde.

Mein Kommentar dazu:
Vanessa Vu: der verzweifelte Versuch Deniz Ohde in das Clichee vom beschämten Aufsteigermädchen, sozusagen eine weibliche deutsche Version von Didier Eribon,  pressen zu wollen und dabei unfähig ist, technisch sauber ein Interview als Videolifestream umzusetzen. Die Journalistin kann auch in dieser Hinsicht viel von Deniz Ohde lernen.

SWR2 LESENSWERT QUARTETT mit Denis Scheck
Denis Scheck diskutiert im SWR2 lesenswert Quartett mit Ijoma Mangold und Insa Wilke sowie als Gast Sandra Kegel über Bücher von Christine Wunnicke, Deniz Ohde, Benjamin Moser und Manuel Vilas.
Mein Kommentar:
Außer Denis Scheck sind alle Beteiligten an der Diskussion der Meinung, Deniz Ohde habe einen hervorragenden Roman geschrieben. Nur Denis Scheck ist der Auffassung, der Roman, sei “larmoyant, misslungen, humorfrei, banal,  langweilig, nicht der Rede wert, geprägt durch intellektuelle Schmalspurigkeit und Sozialkitsch einer Vertreterin einer Minderheit."
Denis Scheck hat es gerne krawallig. Man muss aber nicht immer mitspielen und die Diskutanten tun es auch nicht.