Barry Cohen, eine ambivalente bis tragische Figur, ist ein mehrfach gescheiterter, aber dennoch superreicher Hedgefondverwalter aus New York, für den zweistellige Dollarmillionären arme Leute sind, denen er mit einer gewissen Überheblichkeit gegenübertritt. Er ist ein ziemliches Arschloch, aber mit tragischer Seite und mit einem Ansatz zur Läuterung. Als Kind eines alleinerziehenden Vaters lernte er “Freundschaftssätze” auswendig, um über Smalltalk Kontakt zu Mitschülern und -studenten aufzunehmen, “denn Menschen, die nicht so klug sind wie wir lieben Smalltalk.” (S. 292)
Barry ist jüdischer Herkunft, aber ohne Bezug zur jüdischen Kultur. Seine literarische Liebe gilt den Romanen F.Scott Fitzgeralds und seine Hedgefonds tragen Namen, die auf diesen Autor verweisen. Aber wie die Protagonisten Fitzgeralds, scheitert auch Barry immer wieder bei dem Versuch, seinen Mitmenschen wirklich nahe zu kommen. Überall möchte er “Mentor” sein - und liebt doch nur seine sündhaft teuren Armbanduhren. (Eine Leidenschaft, die er mit dem Autor teilt.)
Er flüchtet von seiner Familie und dem Luxusappartement mit den drei Duravit-Waschbecken für drei Söhne, die er nicht hat, aus New York, wirft Kreditkarte und Handy weg und unternimmt mit dem Greyhoundbus eine Reise durch das Amerika der armen Leute. Auf der Suche - ja, wonach eigentlich?
Der Roman spielt im Jahr vor der Wahl Trumps zum Präsidenten, und obwohl er Trump unterstützen müsste, wie eigentlich alle seiner Kollegen, denn Trump hat versprochen die Steuern zu senken, hasst er ihn, denn Trump hat sich über Behinderte lustig gemacht. Barry hat einen schwerst-autistischen Sohn, der, wie Barry glaubt, unfähig ist zu ihm eine Beziehung aufzunehmen.
Von der abenteuerlichen “Bildungsreise” wieder zurück in New York, scheint sich für Barry ein happy-end anzudeuten, aber es ist keins von der Sorte Hollywoods.
Das Buch von Gary Shteyngart ist unterhaltsam, witzig und im Tenor der Zustandsbeschreibung Amerikas, und vor allem der Finanzwelt, entlarvend, bissig und vernichtend.
“Vielleicht aus Versehen, vielleicht auch nicht, hat Shteyngart den ersten großen Trump-Roman geschrieben.” heißt es in einer Rezension der SZ vom 13./14. April 2019. Dem schließe ich mich an. Es macht Spaß ihn zu lesen und man ist am Ende ein bißchen klüger als vorher.
Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success. Penguin Verlag, München 2019, 432 Seiten.
Rezensionsübersicht beim Perlentaucher:
