Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik war der Titel des 2018 erschienenen Buches von Rüdiger Barth und Hauke Friederichs, das hier besprochen habe. Im Anschluss daran habe ich eine Neuerscheinung gelesen, die schon im Titel Ähnlichkeiten und Differenzen zum Vorgänger aufweist: Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur.
Nur wenige Tage überschneiden sich die beiden Chronologien, aber die Themen und handelnden Figuren sind andere. Standen im Buch von Barth/Friedrichs noch die hohe Politik und einige Randfiguren im Mittelpunkt des Interesses, so sind es jetzt Schriftsteller wie Berthold Brecht, Carl Zuckmayer, Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Heinrich und Thomas Mann und Schriftstellerinnen wie Else Lasker-Schüler, Erika Mann, Mascha Kaléko und Ricarda Huch, an deren Schicksal in den Tagen von Ende Januar bis 15. März 1933 wir Anteil nehmen können.
Die “Machtergreifung” der Nazis am 30.Januar wird schnell organisatorisch umgesetzt und abgesichert. An wichtige Schalthebel der Macht, Innenministerien, Polizeibehörden in Preußen und im Reich sitzen jetzt bekannte Nazis, die sofort gegen politische Gegner vorgehen, gedeckt durch die sogenannte Reichstagsbrandverordnung, die willkürliche Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen ermöglichte. Knapp einen Monat nach der Machtergreifung werden linke Schriftsteller wie Erich Mühsam, Carl von Ossietzky, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller und viele andere verhaftet und im Polizeipräsidium eingelocht.
Wir werden konfrontiert mit ihren Ängsten und Hoffnungen, verzweifelten Versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten war. Nur wenige sahen trotz allem hoffnungsvoll in die Zukunft, so zum Beispiel Heinrich Simon, Chefredakteur der Frankfurter Zeitung, der am 1. März noch der Überzeugung war, ”dass die Nazis keine Chance haben, jemals in Süddeutschland, in Württemberg, Baden und Bayern Fuß zu fassen. Die ‹Mainlinie wird halten›, sagt er, da ist er sicher” (S.213). Viel sind zu diesem Zeitpunkt schon auf der Flucht oder treffen Vorbereitungen dafür, weil man nach ihnen sucht, weil ihre Wohnungen zerstört wurden oder weil man einfach dem Terror entfliehen wollte.
Die Eintragungen enden für jeden Tag mit Schlagzeilen zu politischen Anschlägen und Schießereien im gesamten Reichsgebiet und es wird dem Leser drastisch vor Augen geführt, in welch verzweifelter Situation sich Gegner der Nazis bereits wenige Tage nach dem 30. Januar befanden und wie sehr die Situation eskalierte. Aber nicht nur Nazis griffen zu den Waffen, auf der Linken war man ebenfalls bereit, mit Waffengewalt den politischen Gegner zu bekämpfen.
Ab und zu finden sich auch Hinweise auf die Grippewelle in jenen Tagen, die sicher nicht zufällig im Jahr der Corona-Pandemie ihren Weg in das Buch gefunden haben.
Immer wieder finden sich Einträge zur Situation in meiner zweiten Heimatstadt Darmstadt, wo am Landestheater der berühmte Intendant Gustav Hartung arbeitet, der - letztlich erfolglos - versucht, dem Terror der Nazis (und dem Druck des Stadtrats) Widerstand entgegen zu setzen, und der am 1. März, also noch vor den letzten Reichstagswahlen, schreibt: “die Atmosphäre in der Stadt ist derart aufgeheizt, dass keine ruhige Probenarbeit mehr möglich ist”. Umstrittene Stücke mussten bereits abgesetzt werden. (Mehr zu Gustav Hartungs Rolle in Darmstadt findet man im Darmstädter Stadtlexikon.)
Für jemanden wie mich, der die Gnade der späten Geburt genießen kann, sind die Berichte aus den letzten Tagen der Weimarer Republik ergreifend, bedrückend und mahnend zugleich.
Deutschlandfunk Kultur Podcast:
Chronik einer angekündigten Katastrophe
Moderation: Andrea Gerk
Uwe Wittstock, Februar 33. Der Winter der Literatur
C.H. Beck Verlag, München 2021 ISBN 9783406776939
Gebunden, 288 Seiten, 24,00 EUR
Rezensionen
Rezensionsübersicht beim PerlentaucherDeutschlandfunk Kultur Podcast:
Chronik einer angekündigten Katastrophe
Moderation: Andrea Gerk
