Von Wahrsagern und Technofrauen: Erzählungen zeitgenössischer Autorinnen aus Taiwan
von Hsu An-Nie (Herausgeber), Übersetzt von: Brigitte Höhenrieder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann.
Projekt Verlag Bochum u. Freiburg / National Museum of Taiwan Literature, 2021
Die Sammlung enthält acht Erzählungen jüngerer Autorinnen aus Taiwan, die ein breites Themenfeld abdecken, wie im Titel “Von Wahrsagern und Technofrauen” schon erkennbar wird. Am besten gefallen hat mir die zurückhaltende Erzählung “Mein erfundenes Jahr 1987” von Lai Hsiang-Yin, eine berührende “Coming-of-age”-Geschichte aus dem modernen Taiwan, die einen Einblick in das Denken und Fühlen Taiwanischer Jugendlicher bietet. Weniger soziologisch-psychologisch angelegt, dafür originell ist Lin Hsin-Huis dystopische Erzählung von der humanoiden Techno-Ehefrau, die auf rätselhafte Weise ihren realen Ehegatten in eine neue Existenz überführt. Auch die Geschichte von der sterbenden Mutter und dem blinden Masseur (“Der letzte Gast”), geschrieben von Chung Wen-Yin, kann durch ihren individuellen Ton überzeugen und ist für mich ein gelungener Beweis für die Qualität des gegenwärtigen Literaturschaffens auf der Insel.
Mancher mag denken, die Literatur Taiwans ist nur deshalb bei uns so wenig bekannt, weil es vielleicht an der Qualität mangelt. Die drei genannten Erzählungen sind ein Beweis des Gegenteils. Es liegt nicht an der mangelnden Qualität, wenn die taiwanischen Autoren und Autorinnen bei uns so wenig bekannt sind.
Aber woran liegt es dann? Vielleicht daran: Die drei von mir genannten Beiträge der Sammlung sind alle vom gleichen Übersetzer übersetzt worden, von Marc Hermann. Alle anderen Texte wurden, mit einer Ausnahme, von Hans Peter Hoffmann übersetzt - und ich finde, in katastrophaler, nahezu unlesbarer Weise.
Ich habe den Namen des Übersetzers recherchiert und herausgefunden, dass er u.a. auch Übersetzer von Lao Yiwu ist, von dem ich zwei Bücher in meinem Bücherregal stehen habe. An diesen Texten ist nichts auffällig und nichts zu bemäkeln, soweit ich das beurteilen kann. Was aber in dem hier besprochen Sammlung abgeliefert wurde, spottet jeder Beschreibung. Satzbruchstück folgt auf Satzbruchstück, die Zeichensetzung ist teilweise grammatikalisch völlig willkürlich und ohne System. Diese Mängel und der Gebrauch von abgedroschener Umgangssprache* (“kam nie aufs Tapet”, “ arbeitete im horizontalen Gewerbe”, “auch wenn sie von wegen Verhütung geschützt gewesen seien”; “eine Mütze voll Schlaf”) mit norddeutscher Einfärbung (“Ich habe da einen Blick für”, “er hatte es über”) machen das Lesen zu einer Qual und verhindern geradezu den Zugang zu den Texten. Die Ausdrucksmängel und direkten Fehler sind teilweise so eklatant, dass ich die Vermutung hatte, es müsse sich um einen namensgleichen Anfänger handeln. Oder ist es vielleicht so, dass der ausgewiesene Übersetzer die Übersetzung einem Sinologie-Studenten übertragen hat, das Ergebnis aber unkontrolliert dem Verlag übermittelt wurde?
Hier einige Kostproben der Übersetzungsleistung (Ohne Kenntnis des chinesischen Originaltextes).
S. 20f: “Auch sie verströmten einen unangenehmen Geruch, der Schweiß- und Ölgeruch, den sie verbreiteten, überdeckte sogar den Geruch des Bluts und des aus der Maschine ausgelaufenen Öls, und streunende Hunde und Raubvögel verhielten beklommen.”S. 33: “Vor den vereinzelten Häusern an der Straße standen, alt und riesig, gelbe Hibiskus- und Brotfruchtbäume, in diesem Landstrich wehte der Wind vom Meer Tag und Nacht, Grashalme, Häuser und die Gesichter der Menschen hatten einen sturen und beklommenen Ausdruck.”S. 110: “Er erinnerte sich schon nicht mehr und rechnete auch nicht nach, wieviel Jahre der Lungenkrebs der Tante her war, sie hatten den Brustkorb geöffnet und nachgesehen, aber nichts getan und unverrichteter Dinge wieder zugenäht, es dauerte keine sechs Monate und es war zu Ende; nachmittags, die Beerdigung war schon vorbei, kam er nach Hause, zwei Männer, erschöpft und jeder für sich irgendwo im Wohnzimmer hingesunken, saßen sie die Zeit ab, wortlos wie zwei Stücke Holz, und selbst wenn sie das Foto der Tante, das über dem Totenaltar gehangen hatte, ansahen, taten sie es verstohlen und nicht gemeinsam, als hätten sie Angst, der andere würde es merken.”
Es gibt auch unlogische, manchmal unfreiwillig komische Sätze:
S. 33 “A Yun ging nicht zur Nachmittagsschicht in die Fabrik zurück, sie schlug eine kleine Gasse zur Küste ein.”S. 43: “er rief ununterbrochen, kam aber doch nicht herüber und zeterte nur in seinem Schatten da herum.” (Reife Leistung - im eigenen Schatten zu zetern!)S. 55: “Diese geheime Anleitung für Bildhauer, die auch etwas von der Kälte eines wissenschaftlichen Konzepts hatte, aus ihrem Mund machte mich schaudern. Männer, wie sie sie sich vorstellte, waren alle Klingel und Hund, wie bei Pavlov, auf Außenreiz reagierende Geschöpfe.”S. 123: “Es hieß ja, auf dem Sterbebett ziehen die entscheidenden Szenen des Lebens an einem vorbei, dieser Vorstellung hingen fast alle an, die noch nie gestorben waren,...”S. 130: ...”das Kriegsbeil mit dem Körper war nahezu begraben.”
Der Band schließt mit einem lesenswerten und sehr informativen Text “Zum Übersetzen aus dem Chinesischen”. Die Autoren schreiben:
Konsequenzen für das Übersetzen
“Syntaktisch ist das Chinesische reihend aufgestellt, vor allem in der klassischen Prosa wird das deutlich, Geschehen reiht sich an Geschehen, idealerweise in Einheiten von je vier Schriftzeichen, was sehr knapp, sehr elegant, sehr schön sein kann, während das Deutsche türmt und verschachtelt, statt in die Fläche sich im Raum, in dreidimensionaler Spracharchitektonik aufbaut - wobei eine direkte Nachahmung der chinesischen Reihung im Deutschen schnell etwas sehr Schulaufsatzhaftes bekommen kann.” (S.282f)
Es bleibt das Geheimnis des Übersetzers, wieso die Alternative zu deutschen Satzungetümen (Thomas Mann?) die bloße Aneinanderreihung von Satzteilen sein soll.
“Sehr knapp, sehr elegant sehr schön” ist die Reihung in der Übersetzung von Herrn Hofmann nicht. Es blieb beim “Schulaufsatzhaften.” Er hätte sich ein Beispiel an seinem Kollegen Marc Hermann nehmen sollen, dem tatsächlich eine gut lesbare, elegante Übersetzung gelungen ist.
Leider gab es auch kein Lektorat, das die gröbsten Schnitzer in Grammatik und Satzbau hätte korrigieren können. Selbst Fehler im Buchsatz (fehlende Satzzeichen, fehlende Buchstaben am Wortende) wurden übersehen. Das Buch wirkt insgesamt wie eine oberflächlich zusammengestellte Kostprobe studentischer Übersetzungsversuche.
Das Ergebnis ist ein lieblos gemachtes Buch, das der Sache, der Popularisierung taiwanischer Autorinnen mehr schadet als nutzt. Man hat diesen Frauen einen Bärendienst erwiesen.