Freitag, 28. Juli 2017

Édouard Louis: Das Ende von Eddy


Klappentext

Ein Befreiungsschlag, ein Aufbruch in ein neues Leben – mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt der junge französische Autor Édouard Louis die Geschichte einer geglückten Flucht aus einer unerträglichen Kindheit: inspiriert von seiner eigenen. ›Das Ende von Eddy‹ ist sein Debütroman, der zu einem großen Erfolg und einer der meistdiskutierten Veröffentlichungen des Jahres wurde. 

Eddy:
"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt." 
Das Buch von Édouard Louis ist kein Roman und auch nicht "mit unglaublicher Sprachgewalt erzählt", wie der Klappentext vollmundig behauptet, dennoch ist das Buch unbedingt lesenswert. Édouard "Eddy" Louis' Schilderung eines unerträglichen Lebens voller Gewalt, Hass und Demütigung, als schwules Kind in der französischen Provinz, lässt keinen Leser unberührt. Es ist eine einzige Anklage des Milieus, dem er entrinnen konnte. Ein Milieu, das gekennzeichnet ist durch endloses Gerede über Nachbarn und Verwandtschaft, stumpfsinnigem Fernsehkonsum rund um die Uhr, einer vulgären Sprache, einer gewalttätigen Art und Weise Konflikte zu lösen, dem Suff als hauptsächlichem Freizeitvergnügen neben dem Fernsehen, Homophobie und nicht zuletzt durch eine reaktionäre Einstellung gegenüber allem, was vom Hergebrachten abweicht: Die Frau, die plötzlich mehr verdient als der arbeitslose Mann, der tuntige Sohn, der gerne sich als Mädchen verkleidet, auf die weiterführende Schule geht und plötzlich nicht mehr den gängigen vulgären Umgangston pflegt. All das darf nicht sein und wird deshalb hasserfüllt und brutal mit Schlägen sanktioniert. Selbstverständlich wählt man Le Pen. 


'Das Ende von Eddy' ist weniger analytisch als das thematisch ähnliche Buch von Eribon, aber viel überzeugender in der Darstellung der alltäglichen physischen und strukturellen Gewalt - und überhaupt nicht wehleidig, was man Eribon leider vorwerfen kann.


Wie gelingt es Eddy aus dem Milieu auszusteigen? Es ist, trotz der unglaublichen Gewalt, die er dort täglich von Mitschülern erleiden muss, die Schule, sein Interesse am Lernen, ein Lehrer, eine Schulleiterin, die ihm den Weg zur höheren Schulbildung eröffnen und damit den Aus- und Aufstieg aus seinem Milieu ermöglichen. Aber vor allem ist es seine Rolle als gesellschaftlicher Außenseiter. Er hatte keine Alternative, wollte er ein besseres Leben führen und der täglichen Gewalt entrinnen. Hierin gleicht sich sein Schicksal dem Eribons; es ist sicher kein Zufall, dass beide homosexuell sind
Beiden wurde die Chance zum Aus- und Aufstieg geboten und beide wussten sie zu nutzen.

Manches ist mir vertraut aus meiner eigenen Kindheit in ähnlichem, aber weit weniger hoffnungslosem Milieu in den 50er Jahren. Was mich deshalb am meisten deprimiert an dem Buch: Eddy ist 1990 geboren, und in 40 Jahren scheint sich, außer dem fatalen Einzug des Fernsehers ins Familienleben, nicht viel geändert zu haben. Im Gegenteil, es wurde schlimmer.

Édouard Louis hat kein Rezept, wie sich die Verhältnisse verbessern lassen*, er hat auch keine Antwort auf die Frage, wie es geschehen konnte. Sein Buch ist aber ein einziger Aufschrei: "Seht hin, was da passiert". Und man müsste ergänzen und den Beteiligten zurufen: "Warum lasst ihr das zu? Wer hindert euch daran, eure Frauen und Kinder anständig zu behandeln, wer hindert euch daran, euren Kinder Bildung zukommen zu lassen,? Wer zwingt euch zu dem mitleidlosen und brutalen Umgang miteinander? Ist es nicht das selbst erzeugte und weitergegebene Milieu, das euch daran hindert, menschlicher miteinander umzugehen? Wer, wenn nicht ihr selbst, kann diese Verhältnisse ändern?"

* Hierzu die Einschränkung, dass sich Louis in Interviews durchaus zu den Ursachen des Elends geäußert hat. Es ist, natürlich muss man fast sagen, der Neoliberalismus und der Verrat der Linken. Hier unterscheidet er sich nicht im geringsten von Eribon.
Siehe: Frankreich vor der Wahl: Édouard Louis über die vergessene Arbeiterklasse - SPIEGEL ONLINE Dienstag, April 25, 2017


Weitere Links zu Buch und Autor: 

Édouard Louis im Corso-Gespräch mit Dirk Fuhrig /Deutschlandfunk

Ulf Lippitz: Bestsellerautor über Homophobie - Erinnerungen an ein Familiendrama / Tagesspiegel (mit Foto des Geburtshauses)

Grußwort von Staatsminister Michael Roth bei der Gesprächsrunde zum Thema "Ausgrenzung und Gewalt gegen sexuelle Minderheiten – wenn Literatur Politik trifft" mit dem französischen Autor Édouard Louis am 12. März 2015 


Rezensionen:

Und er nahm eine Axt und kappte seine Wurzeln - Édouard Louis‘ Debütroman erzählt von der Befreiung aus einer Kindheit voll Demütigung und Intoleranz 

Homophobie in der Provinz. Ein Herz, verschlossen wie eine Auster. Von Franziska Wolffheim (Spiegel)

Abrechnung und Aufbegehren von Matthias Hennig (NZZ 31.3.2015)

Übersicht aller Buchrezensionen:

http://literaturkritik.de/public/buecher/Buch-Info.php?buch_id=40157