Montag, 4. Dezember 2017

Annie Ernaux ‚Die Jahre‘ / Les années



Klappentext
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«. 


Eine Wiederentdeckung


Die gegenwärtige Popularität von Annie Ernaux in Deutschland - im November 2017 Platz 1 auf der Bestenliste des SWR - ist ganz gewiss ein Resultat des ökonomischen Erfolges der Bücher von Didier Eribon und Eduard Louis, die  beide immer wieder Bezug auf Annie Ernaux nehmen.
Ihr Erfolg reiht sich damit in eine ganze Reihe „soziologischer„ Romane aus Frankreich ein. Neben den erwähnten Eribon und Louis könnte man noch Catherine Millet (Traumhafte Kindheit) und Virginie Despentes (Das Leben des Vernon Subutex) dazu zählen. 

Schon früher gab es Versuche, Ernaux dem deutschen Publikum vertraut zu machen: 
- La Place (deutsch: Das Bessere Leben, Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl., Nov. 1988 und in: Moderne französische Prosa, Verlag Volk und Welt Berlin 1988);
- Les Femmes ( deutsch: Gesichter einer Frau, Goldmann Verlag 10. April 2007 und  Das Leben einer Frau Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. 1993).  

Selbst im Stoffplan der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg 2013 taucht A.E. mit ihrem Roman „La Place / …) als Wahllektüre auf. 

Bei Reclam gibt es dazu die passende Textausgabe mit Erläuterungen: 
Ernaux, Annie: Une femme (Gallimard, 1988 u. Reclam)  La place (Gallimard, 1984)


Trotz zweier weiterer in Deutschland veröffentlichter Bücher („Sich verlieren“, 2003  und „Eine vollkommene Leidenschaft“, 2004) war die Autorin nahezu in der Versenkung verschwunden, als sie im Sommer 2017 überraschend wieder auftauchte (s.o.).


Eine Auto-Soziobiographie 


In den älteren Büchern, „La Place - Das bessere Leben“ berichtet Annie Ernaux vom Leben ihres Vaters, in „ Les Femmes - Gesichter einer Frau“ steht das Leben ihrer Mutter im Zentrum. Beide Bücher sind noch stark autobiographisch ausgerichtet und schildern den sozialen Aufstieg der Familie aus ärmlichen Verhältnissen zu bescheidenem Wohlstand und die damit verbundenen Anstrengungen und  Verbiegungen, mit denen insbesondere das Mädchen und die junge Frau Annie konfrontiert wurde.
Biographie wird mit Zeitgeschichte verbunden und das Individuelle mit dem Kollektiven verknüpft. 

„Die Jahre“ weicht davon vollkommen ab, denn nun ist das Individuelle vollständig im Kollektiven aufgegangen. 
Annie Ernaux: „Es ging mir darum ein Leben zu entfalten, das Leben einer bestimmten Generation über 60 Jahre hinweg. Ich wollte auf keinen Fall eine autobiographische Form verwenden, im Stil von <<Ich bin 1940 geboren>>.“



Sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen", heißt es am Ende des Buches. (S.252)
Also bekommen wir eine „Anti-Autobiographie“, eine Kollektivbiographie" der Jahre 1940 bis 2010 zu lesen, die bei Lesern, und vor allem Leserinnen, meiner Generation viele Erinnerungen wecken wird, und die sind nicht immer angenehm. 

Dem ästhetischen Konzept entsprechend ist „der totale Roman“  in einer schmuck- und emotionslosen, distanziert nüchternen Sprache geschrieben. Obwohl immer wieder Familienfotos den Anstoß für Erinnerungen liefern, gibt es hier kein „ich“, sondern nur ein „wir“ und „man“. Persönliches wird nach Möglichkeit in den Hintergrund gedrängt.


Wie ich das Buch lese 


Es ist ein Bericht darüber, wer wir waren, was wir werden wollten und was wir geworden sind. (Obwohl ich Probleme habe, an dieser Stelle „wir“ zu schreiben, denn das „wir“ ist immer ein Konstrukt, das Zeitgenossen einschließt ohne deren Einverständnis einzuholen.)

Engere Familiengeschichte findet kaum statt. Die Rolle des Ehemannes (und später die des Geliebten, der Kinder, des Berufs) werden nur an wenigen Stellen schemenhaft angedeutet, so z.B. S.101: 
Also ist er der unsichtbare Fotograf, der jungenhafte, flatterhafte Student, der in nur vier Jahren Ehemann, Vater und Beamter in einer mittelgroßen Stadt in den Bergen geworden ist." 

Dafür finde ich eine Fülle von treffenden Beobachtungen und Reflektionen zur Nachkriegsgeneration, der Jahre des sozialen Aufstiegs und des steigenden Wohlstandes, zum Leben als Kind in den späten 40er und als Jugendliche in den 50er Jahren, mit verblüffenden Parallelen zum Leben in Deutschland, zu meiner eigenen Biographie, z.B. zum Verhältnis Jungen/Mädchen.


„Überall waren Jungen und Mädchen voneinander getrennt. Die Jungen, laute Wesen, die keine Tränen kannten, warfen ständig mit irgendetwas, einem Stein, einer Kastanie, einem Böller, einem harten Schneeball, sie fluchten und lasen Tarzan- und Bibi-Fricotin-Comics. Die Mädchen fürchteten sich vor ihnen und wurden ermahnt, es ihnen auf keinen Fall gleichzutun, man hielt sie zu ruhigeren Spielen an, Plumpsack, Hinkelkästchen und Ringlein, Ringlein, du musst wandern.“ (S.40)

Aber bei der Beobachtung von Alltagsszenen bleibt es nicht:


Die 70er Jahre


Anfangs der Siebzigerjahre saß man an lauen Sommerabenden in großer Runde um einen Bauerntisch herum, der beim Antiquitätenhändler stolze tausend Franc gekostet hatte. […] Die Gespräche drehten sich „um Farbstoffe und Hormone in der Nahrung, um Sexualwissenschaft und Ausdruckstanz, um Antigymnastik, Kinesiologie, humanistische Psychologie, Yoga, um sanfte Geburt, Homöopathie und Soja, um Selbstverwaltung und den Arbeitskampf in der Lip-Uhrenfabrik.“ (S.119)

Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt 'Konsumgesellschaft'. Das war eine unumstößliche Tatsache, die man wohl oder übel hinnehmen musste." […] Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“ (S.121)
Man selbst ging der Werbung natürlich nicht auf den Leim, man analysierte ihre Verlockungen mit den Schülern und ließ sie einen Aufsatz zum Thema >>Macht Besitz glücklich<< schreiben, und wenn man bei Fnac eine Super-8-Kamera von Bell & Howell kaufte, war man überzeugt, dass man die modernen Errungenschaften zu einem intelligenten Zweck nutzte. Für uns und durch uns wurde der Konsum zu etwas Erhabenem. Der Konsum löste die Ideale von 1968 ab."(S.122)
In einem Pariser Vorort zu wohnen bedeutete: auf einem Territorium zu leben, dessen Geografie einem fremd blieb und dessen Straßen ein unentwirrbares Geflecht bildeten, weil man alle Wege mit dem Auto zurücklegte, sich den Verlockungen der Warenwelt nicht entziehen zu können, den ausufernden Gewerbegebieten und der langen Abfolge von Lagerhallen an den Ausfallstraßen, mit Firmenschildern, die Maßlosigkeit ausdrückten, Alles fürs Wohnzimmer, Welt des Teppichs, Lederzentrum, und mit einem Mal waren die Werbespots im Radio seltsam real, Ich kauf' meine Möbel nur bei Saint-Maclou. Es bedeutete, dass man in dem, was man sah, keine glückliche Ordnung fand." (S.132f)

Die 80er Jahre


„Die Tatsachen, die materielle und immaterielle Wirklichkeit, erreichte uns nur noch in Form von Zahlen und Prozentpunkten, die Arbeitslosenquote, der Absatz von Autos und Büchern, das Krebsrisiko, die durchschnittliche Lebenserwartung, die Umfrageergebnisse zu diesem oder jenem Thema. 55% der Franzosen sind der Meinung, dass zu viele Nordafrikaner im Land leben, 30% besitzen einen Videorekorder. Die Arbeitslosenzahl ist auf zwei Millionen gestiegen. Die Zahlen drückten nichts aus, nur Fatalismus und Sachzwang.“ (S.153)

Und in den 90er Jahren dann: 


Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion. Wettbewerb, Prekariat, Erwerbsfähigkeit, Flexibilität waren die neuen Kampfbegriffe. Man lebte in geschönten Diskursen. Man hörte ohnehin kaum zu, die Fernbedienung hatte die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, uns wurde schnell langweilig." (S.191)
"Es gab immer mehr und immer größere Verkaufsflächen. [...] Es waren Orte des harten Konsums, wo sich der Kaufakt in einer schmucklosen Umgebung vollzog, in einem sowjetisch anmutenden Klotz, der mit einer monströsen Anzahl von Produkten ein und derselben Sparte gefüllt war,..." (S.193)

Schließlich das neue Jahrtausend:


„Die Religion war zurück, aber es war nicht mehr unsere, nicht die, an die man nicht mehr glaubte, die man nicht weitergegeben hatte und die letztlich die einzige richtige war, oder, wenn man wollte, die beste. Der Rosenkranz, die Kirchenlieder und Fisch am Freitag gehörten ins Museum unserer Kindheit.“ (S.223)
„Die Orte, an denen sich die Waren präsentierten, wurden immer größer und schöner, immer bunter und sauberer, ein krasser Gegensatz zu den verwahrlosten Metrostationen, Postämtern und öffentlichen Schulen.“ (S.229)
„Für alle, auch für die illegalen Einwanderer, die in einem überfüllten Boot auf die spanische Küste zuhielten, hatte die Freiheit die Anmutung eines Einkaufszentrums oder eines Hypermarchés mit seinem erdrückenden Überangebot." (S.230)


Ein Resümee


Wie oben zu lesen war: Annie Ernaux betreibt keine Nabelschau, sie schreibt  keine Recherche du temps ...", vielmehr breitet sie den Erfahrungsschatz einer ganzen Generation aus, mit geschärftem Blick auf die sozialen Veränderungen von 1940 bis Anfang der 2000er Jahre. Sie verfällt jedoch nicht in ideologische Denkmuster, wie man das Eribon vorwerfen kann. Ernaux analysiert nicht, sie beobachtet, stellt Fragen an sich selbst als Repräsentantin einer Generation, deren Selbstlügen sie zerpflückt  - und das authentisch und deshalb überzeugend.

Leider verliert das Buch zum Ende hin an Durchschlagskraft. Die Jahre nach der Epochenwende 1989 werden zunehmend atemlos durchschritten, „das Feuer lässt nach“, die Bilanz wird buchhalterisch und damit langweiliger, weil vieles bekannt ist und nur noch referiert wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre. Ich bin gespannt, wann es eine Fortsetzung gibt.


Und – beziehen sich Eribon und Louis zu Recht auf Annie Ernaux?


Eine Übereinstimmung mit Eribon und Louis sehe ich lediglich im soziologischen Ansatz und in der Scham" über die Herkunft aus der Unterschicht.
Die Einbettung der eigenen Geschichte in die kollektive Geschichte, das Bekenntnis zu den Lügen und Irrtümern der eigenen Generation unterscheidet sie jedoch fundamental von Eribon und Louis. Bei Ernaux gibt es keine Schuldigen, denen man die Verantwortung für die als Misere erlebte Biographie zuschieben kann. Wenn überhaupt, dann sind die Schuldigen „wir“.

Mehr dazu demnächst in diesem Blog!



Quellen Links:



Pressestimmen zum Roman auf der Suhrkampseite.
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_jahre-annie_ernaux_22502.html

Annie Ernaux spricht über »Die Jahre«  Suhrkamp Verlag
https://youtu.be/Gga-t7C7BQo 

SWR Bestenliste November  Annie Ernaux: Die Jahre - Lesung aus dem Buch und Diskussion
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr-bestenliste-november-annie-ernaux-die-jahre/-/id=659892/did=20578204/nid=659892/14pn9qt/index.html

Französische Literatur - Ich und das Mittagessen
Von Meike Feßmann SZ 9. Oktober 2017
http://www.sueddeutsche.de/kultur/franzoesische-literatur-ich-und-das-mittagessen-1.3687874

Annie Ernaux: "Die Jahre". Erinnerungen ohne Ich-Erzähler
Von Peter Urban-Halle
http://www.deutschlandfunkkultur.de/annie-ernaux-die-jahre-erinnerungen-ohne-ich-erzaehler.950.de.html?dram:article_id=397818

Aus dem Radiofeature: Frankreichs Schriftsteller mit Soziologenbrille
Die französischen Schriftsteller Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon 
WDR 3 Kulturfeature | 07.10.2017 | 53:58 Min.
http://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/soziologen-frankreich-100.html