Montag, 28. Dezember 2020

Mein Amerika und Trump: Drei Bücher zum Verständnis, Teil 2

Was müssen wir wissen, über das Amerika der Trump-Wähler und ihrer Motive? 

Arlie Russell Hochschild: Das weiße Amerika in der Warteschlange


Angeregt durch das Buch von Thomas Frank: “Warum Kansas” machte Sie sich “auf eine fünfjährige Reise ins Herz der amerikanischen Rechten” (S.25), aber nicht nach Kansas sondern nach Louisiana, einem der ärmsten Staaten der USA mit den größten Umweltproblemen. Gleichzeitig ist der Staat ein Hort der Tea Party und eine sichere Bank für die Republikaner. Wie ist dieses Great Paradox erklärbar? 


Anders wie Thomas Frank beschreibt sie nicht die Geschichte der Machteroberung durch evangelikale Konservative und deren politische Strategie, sondern sie geht zu den Menschen und betreibt eine Feldstudie zu den Ängsten,  Motiven und Einstellungen von Anhängern der Tea Party in der Gemeinde Calcasieu / Lake Charles im US-Bundesstaat Louisiana. Das Bayou-Gebiet hat eine hohe Konzentration an petrochemischen Anlagen sowie einen hohen Verschmutzungsgrad der Wasserwege.
https://www.visitlakecharles.org/?asset=2557-ig-1839945949435649792_651419
Als Ergebnis ihrer teilnehmenden Beobachtung entwickelt sie die Theorie von der Tiefengeschichte (deep story), d.h. der "gefühlten Erzählung" bzw. der Geschichte, die Anhänger der Tea-Party über sich und ihre Gesellschaft für wahr halten.

In dieser gefühlten Geschichte wurde die Warteschlange des sozialen Aufstiegs in den 60er/70er Jahre durch den Staat neu organisiert. Die weißen Arbeiter wie die Selbstständigen der ländlichen Mittelschicht wuchsen noch mit einer Vorstellung von fairem Wettbewerb und sozialem Aufstieg durch harte Arbeit und Disziplin auf. Jetzt wurden sie überholt von einer langen Parade Unterprivilegierter, line jumpers, die sich in der Warteschlange vordrängeln und dabei vom Staat unterstützt werden: Schwarze, unterbezahlte Latinos, japanische Opfer von Internierungslager während des Weltkrieges, Ureinwohner, Frauen, Lesben, Homosexuelle usw. In der Warteschlange wurde er, in seiner Sicht der eigentliche Amerikaner, der zu stolz ist auf staatliche Hilfe zu bauen, weil er diese Hilfe als paternalistisch und entwürdigend empfindet, und der sich nicht als Opfer sehen will, nach hinten durchgereicht und zum Fremden im eigenen Land. Ganz vorne stand jetzt der liberale, akademisch ausgebildete weiße Kosmopolit, meistens an der Ost- oder Westküste beheimatet und konzentriert in Washington anzutreffen. Der Staat wird repräsentiert durch diese Intellektuelle, die dem einfachen Volk vorschreiben wollen, was es zu denken hat, wie es zu handeln hat und welche Probleme vordringlich gelöst werden müssen. Die Parallelen zur Erzählung Thomas Franks über Kansas sind unübersehbar.

Die Reaktion der “Überholten” heißt als politisches Programm: Gegen Säkularisierung, gegen Moderne, Rassen-Integration, Gender-Diversität, Expertenkultur und staatliche Regulierung. Die Tea Party und Donald Trump sind die politischen Vertreter dieser Radikalisierung, die liberale urbane Elite der politische Feind. Und dies gilt nicht nur im Blick auf Washington sondern auch im Kleinen, in den Counties und Bundesstaaten.

In einem Interview fasst Hochschild das Ergebnis ihrer Studie zusammen:
"Das Mantra der Liberalen lautet, Trump-Unterstützer seien von wirtschaftlichen Sorgen und rassistischen Vorurteilen getrieben. Das ist keine ganz falsche Einschätzung, aber es sind nur Teile eines größeren Mosaiks. Die Menschen fühlen sich übergangen und entfremdet."*  
Eben als: Fremde im eigenen Land.

Arlie Russell Hochschild: Strangers In Their Own Land. Anger and Mourning on the American Right, The New Press, New York 2016, 
deutsch: Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017.