Mittwoch, 9. März 2022

9.3. 2022 Bild des Tages...

 ... und ein bemerkenswertes Interview


Wie aus zuverlässiger Moskauer Quelle gemeldet haben feige, von der NATO bezahlte Faschisten im russischen Mariupol eine Geburtsklinik zerstört, um die Befreiung der Ukraine zu blockieren.

Interview: Gregor Gysi und Bodo Ramelow

Lernt die Linke aus diesem Krieg?
Gregor Gysi und Bodo Ramelow stellen sich der Debatte, ob Putins Angriff auf die Ukraine linke Überzeugungen gegenüber Russland ins Wanken bringen muss.
Interview: Martin Machowecz und August Modersohn
9. März 2022 
(Bezahlschranke)

Ramelow:
Wir haben jetzt auch nicht die Frage zu klären, welche Lebenslügen Herrn Putin erst eingeladen hätten, die Ukraine zu überfallen. Wir haben ihn nicht eingeladen! Er ist der Meinung, dass er das russische Altreich wieder errichten kann, und hat dafür einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gestartet.
[...]
ZEIT: Wie kann dieser Krieg beendet werden? 
Ramelow: Indem wir den Geldhahn zudrehen! Ich bin für einen kompletten Entzug aller Vermögenswerte derer, die das System Putin tragen.

Gysi:
Ich bin sehr enttäuscht über die gesamte russische Führung. Ich habe immer geglaubt und gehofft, dass sie keinen völkerrechtswidrigen verbrecherischen Angriffskrieg beginnen. Da habe ich mich geirrt. Wir erleben schwarze Tage für Europa und die Welt.
[...]
ZEIT: Gibt es aus Ihrer Sicht keine blinden Flecke im Umgang mit Putin?
Gysi: Über die blinden Flecke des Westens können wir gern sprechen. Ich war immer gegen die Osterweiterung der Nato. Sie war ein Fehler. Vielleicht wäre alles nicht so eskaliert, wenn man  darauf verzichtet hätte. Jetzt ist eine neue Situation eingetreten. Finnland und Schweden denken darüber nach, der Nato beizutreten. Früher hätte ich sie dafür schwer kritisiert. Heute kann ich es ihnen nicht vorwerfen. Ich bin aber gegen die aktuellen Aufrüstungsbeschlüsse der Bundesregierung, ich bin auch gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine durch Deutschland.

Zur täglichen Information mit analytischer Ausrichtung hier ein Podcast des NDR:
Streitkräfte und Strategien #Ukraine
https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast2998.html 


Dienstag, 1. März 2022

Corona Post Februar 2022


Die Situation scheint desaströs. Die Inzidenzen sind teilweise zwanzigmal höher als vor einem Jahr! Besonders auffallend: der reziproke Verlauf der Infektionen in Darmstadt und im Neckar-Odenwald-Kreis, meinen beiden Wohnstätten.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Tatsächlich ist aber die allgemeine Situation entspannter als noch vor einem Jahr. Das zeigt die Grafik aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2022.

Das Schlimmste scheint für dieses Jahr hinter uns zu liegen. Die Impfungen zeigen offensichtlich Wirkung und die neueste Variante des Virus scheint nicht ganz so zu wüten wie die vorhergehenden.
Nun denn, auf ein Neues?



Jeden Montag wird gegen die Impfpflicht demonstriert. Wer sind die „Spaziergänger“? Und was hält sie zusammen? Beobachtungen von Demonstrationen aus Frankfurt, Bad Homburg und Wetzlar.
Fragt die FAZ am 31.1.2022 und gibt u.a. die Antwort:
Im Gespräch mit den Demonstranten fällt so gut wie immer ein Wort: Freiheit. Der Staat, so empfinden sie es, hat ihnen diese Freiheit geraubt, weil er Geimpften mehr Rechte einräumt als Ungeimpften, weil er ihnen den Zutritt zu Geschäften, Fußballstadien oder Kinos verwehrt. Das Gegenargument, dass ein mangelnder Immunschutz in der Bevölkerung die Freiheit der vulnerablen Personen einschränkt, lassen sie dagegen nicht gelten.

In diesen Tagen wird das Thema Pandemie verdrängt vom Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine. Unsere Herzen sind bei den Menschen dort, die für ihre Unabhängigkeit und gegen den russischen Imperialismus kämpfen.
Ich habe hier gespendet. Tun Sie das auch.
Hier finden Sie weitere Kontaktadressen:


Mittwoch, 23. Februar 2022

In der Augenklinik #2: "Money makes the world go round" (akt. 14.3.22)

Am 10.2. muss ich wieder in die Augenklinik, 
um das linke Auge behandeln zu lassen. Das rechte Auge wurde schon im Januar operiert. Drei Tage musste ich damals in der Klinik bleiben.

Diesmal wird mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen kann: "Komfortzimmerservice"

Ich rechne mit einer Übernachtung, maximal werden es vielleicht zwei, und schlage zu.
Ich buche ein Einzel-Komfortzimmer.


Hier lässt sich doch leben?




Es gibt weitere Aufmerksamkeiten:


Auch die Dusche zeigt Komfort:


Als ich am Nachmittag nach der OP wieder aufwache, stehen Kaffee und Kuchen schon auf dem Tisch. Ein Fläschchen Saft und eine Süßigkeit gibt es auch. Ich bin gerührt und zerdrücke eine Träne aus dem linken Auge. Am nächsten Tag gibt es sogar eine Tageszeitung zum Frühstück. Ich bereue nichts.


Das Lesen fällt mir schwer, 
denn auf dem linken Auge sehe ich nur hell-dunkel, rechts bin ich leicht angestrengt und werde müde. Die Augen tränen nicht nur aus Freude über die freundliche Betreuung. Ich wechsle vom Lesen zum Hörspiel. Auf Empfehlung von Sabine wähle ich

Christian Kracht: Imperium
Es dauert...
Das Leben auf der Station hat auch seine angenehmen Seiten. Ich werde bedient, ich habe meine Ruhe, ich kann lesen, Podcasts hören und TV schauen, ganz wie und wann ich es will. 


Aber es dauert.
Am Samstag wird mir bei der Visite geraten, noch einen Tag zu bleiben.
(Ich rechne schnell: Drei mal 167€ macht ....; ok)
Am Sonntag wird mir bei der Visite geraten, einen weiteren Tag zu bleiben.
Am Montag schließlich werde ich entlassen. Ich bekomme vier Medikamente, Augentropfen, die ich mir täglich selbst verabreichen muss. Eines davon muss ich stündlich in die Augen tropfen, über den ganzen Tag verteilt.

Sehen kann ich auf dem linken Auge immer noch nichts. Nur Schatten und starke Hell-Dunkel-Schemen sind erkennbar. Das Auge ist immer noch rot entzündet, äh, sorry, gereizt, wie der Oberarzt betont. Deshalb auch die vielen Medikamente.

In den folgenden zwei Wochen verbessert sich der Zustand nur schleichend, und schleichend soll ich in den nächsten Wochen die Tropfen absetzen.

Aktualisierungen

Tag 20 nach der 2. OP   1.3.2022
Die Reizung ist nahezu verschwunden, Ich sehe aber immer noch nur Schatten auf dem linken Auge, trotz sichtbar kleiner werdenden Gasblase. Rätselhaft.

Tag 27  8.3.2022
Ich sehe immer noch nichts auf dem linken Auge, außer Schemen und Schatten. Eine Untersuchung heute in der Uniklinik ergab, dass dafür eine kleine, postoperative Blutung im Auge verantwortlich ist. Dies sollte sich aber in den nächsten zwei Wochen normalisieren. Wenn nicht, wird gespült.
Im Übrigen hat sich die Gasblase der Tamponade auf einen kleinen schwarzen Punkt reduziert.

Tag 29  10.3.2022
Am Abend hat sich die Gasblase aufgelöst. Die Sehbehinderung bleibt (noch).

Tag 32  13.3. 2022
Heute zum ersten Mal eine Verbesserung der Sehfähigkeit. Ich kann meine Finger deutlicher sehen und auch sonst Kontraste und Schemen deutlicher strukturiert. 

Die Pupille im linken Auge ist aber noch deutlich größer als die rechts, obwohl ich seit drei Tagen keine Tropfen mehr einträufele.

Tag 33  14.3. 2022
Die Sehfähigkeit hat sich weiter leicht verbessert. Ich kann jetzt mein Bücherregal sehen (Entfernung ca. 2m), und zwar so wie hier:


Immerhin.

Tag 35  Di 16.3. 22
Ich sehe links fast wieder normal, gerade so, als würde ich ich eine Lesebrille für die Ferne tragen. Keinerlei Behinderung mehr, nur Unschärfe bei der Fernsicht. Ich kann auch wieder Auto fahren. Die Augenärztin, die ich heute konsultiere, ist sehr zufrieden.

Tag 42  Di 23.3. 22
Bis heute hat sich das Sehen leicht verbessert, scheint aber zu stagnieren bei geschätzt 80 - 90%. Die linke Pupille ist immer noch vergrößert was dazu führt, dass ich beim derzeitig sonnigen Wetter eine Sonnenbrille trage, um das Blenden zu mildern.
Wieder Termin bei der Augenärztin mit OCT-Prüfung des linken Auges: Alles wunderbar.


Fortsetzung folgt!

Elizabeth Strout: „Oh, William!“

 

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, München 2021 
224 Seiten, 20 Euro

Im Klappentext heißt es:
In ihrem neuen Roman erzählt Lucy Barton (die Heldin aus den Romanen "Die Unvollkommenheit der Liebe" und "Alles ist möglich") von der komplexen und innigen Beziehung zu ihrem ersten Mann William, von den Anfängen, als sie noch studierten, von ihren beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Doch obwohl sie neue Partner, neue Liebe finden, bleiben sie einander jahrzehntelang verbunden. Und als William Hilfe braucht, ist es Lucy, an die er sich wendet.
Man kann das Buch sicher als einen Roman über Ehe und Partnerschaft im untergehenden amerikanischen Imperium lesen, aber etwas anderes interessiert mich mehr. Ich möchte etwas zum besonderen Ton und Stil des Romans anmerken und zur Soziobiographie der Protagonisten (wie immer bei mir).

Die Autorin spricht mit der Stimme von Lucy Barton zu ihren Lesern wie zu einer Freundin oder einem intimen Freund. Kommunikativ, in schlichten Worten, schnörkellos plaudernd, auch hier und da abschweifend und manchmal wie auf einer Party, mit Wiederholungen und rhetorischen Floskeln. Redend formt sie ihre Gedanken, manchmal auch im fiktiven Monolog. Typische Kapitelanfänge sind Redewendungen wie: “Was ich noch dazu sagen sollte” oder “Dies noch zu meiner eigenen Mutter” und, gleich im allerersten Satz, “Ich muss noch was über meinen ersten Mann sagen, William”. Die Kapitel enden dann oft ebenso knapp und offen: “Armer William” oder “Das gehört auch dazu.” oder “Auch so eine Sache”.

Aber es ist mehr als nur das Geplauder einer älteren Frau. Es sind Reflexionen über die Angst vor dem Verlassenwerden, vor dem Leben, nachdem man verlassen wurde und wie es möglich ist, auch danach ein neues Leben zu haben ohne in Trauer oder Wut zu verfallen. 
“Die Menschen sind einsam, darum geht es. Viele Leute können denen, die ihnen am nächsten stehen, nicht das sagen, was ihnen wirklich auf der Seele liegt”, kommentiert Lucy das zentrale Problem.

Es überrascht nicht, dass diese Ängste bei der in schrecklichen Verhältnissen aufgewachsenen Lucy („Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je irgendeines ihrer Kinder berührt hätte, außer um es zu schlagen.“)  eine herausfordernde Rolle spielen. Eine Rolle, die sie aber meistert (und uns darin vielleicht ein Vorbild sein kann?).
Nichts Weinerliches liegt in den Geschichten, selbst wenn Lucy sich an ihre trostlose, bitterarme Kindheit erinnert, nur Tragisches. Wir erkennen Scham, aber es wird nicht darüber geklagt.

Oh, William! ist auch ein klassischer Bildungsroman. Lucy verliert ihr “Hänsel und Gretel-Gefühl”, das Gefühl, dass ihr Mann sie sicher durch die Welt führen wird, und wird zu einer Frau, die Distanz zu ihrem früheren Mann gewinnt, weil sie die emotionale Sicherheit, die er ihr als Hänsel bot, nicht mehr braucht.

Es gibt eine zweite Geschichte, die Lucy erzählt, und das ist die Geschichte ihrer verstorbenen Stiefmutter Catherine, der Mutter Williams.
Gleich zu Beginn gewinnt man den Eindruck, dass Catherine eine arrogante, abgehobene reiche Mittelschichtsmutter gewesen sein muss-
In dieser ersten Zeit stellt Catherine mich ihren Freunden vor, indem sie mir die Hand auf den Arm legte und mit gesenkter Stimme sagte: »Das ist Lucy. Lucy war früher gar niemand.«  (S.41) und weiter: “Sie gab mir ihre abgelegten Nachthemden, schöne Nachthemden, weiß mit Stickerei. Die trug ich immer gern.” (S.44)
 Man erschrickt noch mehr, wenn man dann dann liest: 
“Sie war das Licht In Person. Jedenfalls meistens.” (S.42) und “Sie besaß diese große Herzenswärme.” (S.45)
Wie kann das zusammengehen, die beschriebene Arroganz und die gleichzeitig konzedierte Warmherzigkeit dieser Person? Es gibt eine überraschende Erklärung. Catherine ist nicht die, die sie zu sein vorgibt. Das Geheimnis um Catherine wird auf der Fahrt von Lucy und William nach Maine gelöst, wo er den Wohnort seiner Mutter und die zufällig entdeckte Existenz einer Stiefschwester recherchieren will. Catherine kommt aus noch ärmeren Verhältnissen als Lucy. Was an ihrem Verhalten auf den ersten Blick paternalistisch und arrogant wirkte, war wohl eher als versteckte Solidarität einer Gemeinschaft der Armen zu verstehen. Und Lucy muss das gespürt haben, aber auch ihr Mann William, denn als William und Lucy die schreckliche Entdeckung der ärmlichen Herkunft von Catherine wahrnehmen, meint Lucy: “William, du hast deine Mutter geheiratet. Das sagte ich leise.” (S.186)
(Welch dunkle Geschichte Catherine noch als Last mit sich trug, soll hier ungenannt bleiben. Man lese das Buch!)

Der Roman schließt mit einer Sentenz, die lange nachhallt:
Aber im Kern bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich, das will ich damit sagen.
Das ist vielleicht die einzige Wahrheit, deren ich mir ganz sicher bin.
Elizabeth Strout - das ist MEIN Amerika, wie ich es liebe und zu verstehen glaube und ich wünschte, es gäbe nur diese USA und nicht die Vereinigten Staaten des und der Idioten.

Halt, jetzt muss doch noch eine Einschränkung gemacht werden. Was ist eigentlich mit Maine los? Ich meine den Bundesstaat Maine im Nordosten der USA und Schauplatz des zweiten Teil des Romans.  Dazu mehr hier: Klick

Rezensionen


Perlentaucher:

Alte Liebe trifft ins Mark
von Gabriele von Arnim · 13.11.2021
 
Literaturkritik.de
Elizabeth Strouts hoch emotionaler Roman „Oh William“
Von Peter Mohr

Deutschlandfunk Büchermarkt
Von Lieske, Tanya | 05. Januar 2022, 16:12 Uhr 6:22 Min.


Ach, Maine!


Ich war noch nie in den USA, geschweige denn in Maine! 
Aber wenn ich den Berichten von Lucy Barton in Elizabeth Strouts Roman “Oh, William!” vertrauen soll, dann gibt es vermutlich keinen abgehängteren, abgesoffeneren Staat in der gesamten nordamerikanischen Hemisphäre, wie Maine. Und das gilt, folgt man Lucy und damit Elizabeth Strout, nicht nur für die Dörfer, die Landschaft, die Institutionen, sondern auch für einen Großteil der Bewohner. 
 Ich sagte: »Wenn ich ein Mann wäre, der ein junges Mädchen umbringen und ihre Leiche irgendwo verscharren will, wo kein Hahn danach kräht, dann käme ich dazu hierher. Ich meine, schau dich doch um!« (S.110) 
Am Straßenrand stand ein Schild: »Willkommen im freundlichen Fort Fairfield«.
[...] Alles in der Stadt war geschlossen. Nicht ein Auto fuhr auf der Straße, und an einem Gebäude mit der Aufschrift »Gemeindeverwaltung« - keinem kleinen Gebäude! - hing ein Schild: ZU VERMIETEN. Eine große First National Bank mit Säulen vor dem Eingang gab es, deren Tür mit Brettern zugenagelt war. Laden um Laden war auf diese Weise verrammelt. Nur das kleine Postamt am Ende der Main Street schien offen zu sein. Hinter der Hauptstraße floss ein Fluss.
»Was ist das denn, Lucy?«
»Ich habe keine Ahnung.« Aber es war wirklich gespenstisch. Nicht ein Café, nicht ein Kleidergeschäft oder Drogeriemarkt, absolut nichts in dieser Stadt hatte geöffnet, und auch als wir die Hauptstraße wieder zurückfuhren, begegnete uns kein einziges Auto, und dann lag der Ort hinter uns.
William kommentiert fassungslos: 
»Dieser Staat ist echt am Ende«, sagte William, aber die Verstörung war ihm anzumerken. Ich war selber verstört. (S.127)
Ein Restaurant, einen Schnellimbiss  oder ein Café zu finden, scheint in Maine besonders schwer zu sein:
Eigentlich hatten wir in Houlton zu Mittag essen wollen, aber das eine Restaurant, das wir fanden, schloss um halb drei, und es war fünf nach halb. »Wir haben zu«, sagte die Frau an der Tür, und damit schloss sie die Tür und verriegelte sie von innen. »Gibt es hier in der Nähe sonst irgendwelche Lokale?«, versuchte William noch durch das Glas zu fragen, aber die Frau ging einfach weg. (S.121)
Unfreundlichkeit ist noch nicht mal das größte Problem: 
Der Mann starrte uns nach, er war bärtig und alt und trug kein Hemd, und sein Blick war voll Hass; seit ich ein Kind war, hatte kein Fremder mich mit solchem Hass im Blick angestarrt, und meine Angst nahm noch zu. (S.184)
Selbst im regionalen Flughafen in Bangor: kein Restaurant , das geöffnet hat, kein Café oder so, nichts.
Ach, Maine!, möchte man mit Elizabeth Strout stöhnen.


Ähnliches, nein, eigentlich sogar noch Schlimmeres, findet man in “Irische Überfahrt”, Erzählungen von Richard Ford über vorwiegend weiße Wirtschaftsanwälte aus der Mittelklasse oder weiße Frauen, die als Immobilienmaklerinnen arbeiten, in der Regel meist älter und gut situiert. Nette Typen, mit denen der Autor gut befreundet sein könnte.
Dort heißt es in Der Lauf deines Lebens (S.98ff):
Mae war nie begeistert von den Menschen in Maine. 
»Kein Strom, kein fließend Wasser, scheiß in ein Loch und fick deine Schwester, so mögen die das«, hatte Mae gesagt. »So ziemlich dasselbe wie in einem Dorf in Nordirland - wobei ich das Vergnügen nie hatte«. [...]
Zuerst das Tor zum Mädchencamp, dann die Müllkippe, das Dollar-General-Kaufhaus, die Ladenzeile mit den pleitebedrohten Einzel- und Großhandelsfirmen, Autoschrottplätze, Mokassin-Outlets, dazu das gleichförmige Siedlungsschema von Maine - aufgebockte Bootswracks, Haufen aus Fallen und Bojen, Holzspaltmaschinen und Nissenhütten aus Zeltplane - und wirklich jeder mit einem aufgebockten Truck, einer zerborstenen Pflugschar, einem Geländemotorrad und einem Hund. Wenn das Meer außer Sicht war, entsprach Maine Michigan, nur ohne Humor. Und nach dem Kolumbus-Tag nahmen es die Mainer wieder komplett in Besitz. In den Läden ging das Licht aus, Restaurants wurden verrammelt und verriegelt, die Ortsansässigen ignorierten einen, wenn man in den Graben fuhr, und Ferienhäuser, die nicht einbruchsicher waren, wurden zu Meth-Labs umfunktioniert oder abgefackelt oder beides. Der Sheriff nahm sich frei. Hier, das wurde Boyd klar, konnte er nicht überleben. [...]
Man kostete seinen Groll aus. Jeder war bewaffnet. (S.141ff)
Ach, Maine!

Mittwoch, 16. Februar 2022

Mein politisches Jahr: Aufgelesenes

Wer solche Autos Autos baut, glaubt vermutlich auch einen Krieg gegen Russland gewinnen zu können. (Aber hat man nicht schon einmal geglaubt, man braucht nur schwere Geschosse und alles wird einfach?)

***

Ich vermute, dass ich heute eher nicht Soziologie oder Politikwissenschaft studieren würde.

***

Imperatoren lieben es gerne etwas pompöser:



Das war vor ca. 80 Jahren nicht anders:

Was man wissen müsste: Pompös ist nicht immer nachhaltig!




Mittwoch, 9. Februar 2022

Mein Amerika: Ein Jahr danach im TV


Man glaubt es kaum: Schon wieder ein Jahr ist es her, als man in den USA versuchte Revolution zu machen. Damals hatte ich hier  und hier darüber berichtet.

Jetzt gibt es umfangreiche Dokus zum Thema, die die öffentlich-rechtlichen Sender verdienstvollerweise produziert haben:

Sturm auf das Kapitol
06.01.2022 ∙ Dokus im Ersten ∙ Das Erste
Der Angriff auf die US-Demokratie. Am 6. Januar 2021 drangen Hunderte Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump gewaltsam in den Sitz des US-Kongresses in Washington ein. Der preisgekrönte Autor und Regisseur Jamie Roberts zeichnet mit seinem Dokumentarfilm eine minutiöse Chronologie des schweren Angriffs auf die US-Demokratie nach.
https://www.ardmediathek.de/video/dokus-im-ersten/sturm-auf-das-kapitol-oder-doku/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE5ZjJiNWZmLWQ1MzItNGQ5Zi1iNzBjLWY0Y2QxZGJlMTE0ZQ/

Der Sturm aufs Kapitol
Ein amerikanisches Trauma
Der 6. Januar 2021 ist eine Zäsur in der Geschichte der USA. Ein wütender, bewaffneter Mob dringt in das US-Kapitol ein, um zu verhindern, dass Joe Biden offiziell als Wahlsieger bestätigt wird. Der Sturm aufs Kapitol hinterlässt einen Schock bei allen überzeugten Demokraten. Wie konnte es so weit kommen?
Dauer: 53 Min.
Verfügbar: Vom 04/01/2022 bis 03/04/2022

Amerika in Aufruhr
Von Charlottesville zum Sturm aufs Kapitol
Ein erstaunlicher und aufrüttelnder Bericht, der die Bedrohung durch gewalttätige, rechtsextreme Gruppen in den USA untersucht, die sich selbst als Verteidiger der Verfassung sehen, aber mit regierungsfeindlichen, rassistischen Ideologien und Kriminalität verbunden sind.
Dauer: 82 Min.
Verfügbar: Vom 04/01/2022 bis 02/02/2022


Montag, 31. Januar 2022

Wartet nicht auf bessre Zeiten ...


Die Inzidenzen steigen und steigen und steigen. Zum Vergleich:
Darmstadt 31. Januar 2021: Inzidenz 63
Darmstadt 31. Januar 2022: Inzidenz 1535. 
Das ist fast das Fünfundzwanzigfache gegenüber dem Vorjahr!

Es gibt nur einen Trost. Die Hospitalisierung steigt nicht ebenso, sondern ist gegenüber dem Vorjahr geradezu moderat, wie die Grafiken der FAZ vom 31. Januar zeigt.


Noch besser: Auch die Todesrate ist nicht ähnlich dramatisch angestiegen:


Aber immer noch kann man sich mit der Hilfe von Amazon mit etwas Geschick einen Impfpass basteln.



Und weiterhin gibt es Probleme bei der Übermittlung der Krankendaten. Die FAZ meldete am 30. Januar 2022:
Noch immer können viele Gesundheitsämter neue Corona-Fälle nicht an das Robert-Koch-Institut melden. Nach einem Update der vom RKI verwendeten Software kommt es schon seit einigen Tagen zu Verzögerungen bei der Falleingabe . Das Hessische Sozialministerium, das täglich in Zusammenarbeit mit dem RKI eine Übersicht über die Fallzahlen liefert, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten, hat nun reagiert: „Aufgrund von Problemen bei der Bereitstellung der Daten durch das RKI kein Bulletin“, steht auf der Homepage des Ministeriums zu lesen. 
Der Alltag wird dennoch einfacher, trotz Maskengebot und Impfnachweispflicht. In Darmstadt kann man sich an verschiedenen Stellen ein Bändchen besorgen, das für 14 Tage den vollständigen Impfnachweis mit App und Perso ersetzt.




Selbst im kleinen Aglasterhausen (5000 Einwohner) gibt es jetzt zwei Teststellen.


Beim Testen gibt es nicht nur das Problem, dass manche Tests nicht so richtig zuverlässig sind, d.h. gerne mal falsch-negativ melden, wenn die Virusbelastung gering ist. Hinzu kommt, dass der Test überhaupt erst anschlägt, wenn die Infektion schon einige Tage zurückliegt und deshalb in der Zwischenzeit weitere Kontaktpersonen angesteckt sein können. Sehr schön zeigt das eine Grafik aus der spanischen Zeitung El País.


(Sie wollen wissen wie gut ihr Schnelltest-Material ist? Auf  https://schnelltesttest.de/ können sie den Barcode scannen und ein Resultat erhalten, basierend auf den Informationen über die vom Paul-Ehrlich-Institut evaluierten SARS-COV-2-Antigen-Schnelltests.)

Ansonsten gilt bei uns: Alle in der Verwandtschaft sind gesund, niemand aktuell infiziert oder gar erkrankt, fast alle vollständig geimpft. Alle Tests waren bisher negativ. Aber wir wissen auch: Früher oder später wird der Virus auch uns finden. Wir sind gewappnet!

Wolf Biermann:

Wartet nicht auf bessre Zeiten
Wartet nicht mit Eurem Mut
Gleich dem Tor, der Tag für Tag
An des Flusses Ufer wartet
Bis die Wasser abgeflossen
die doch ewig fließen

Also: Wartet nicht auf bessre Zeiten! Tut was, impft euch, wenn möglich. 

Sonntag, 30. Januar 2022

The Times They Are Not A-Changin' oder Beobachtungen in der Klinik

Es wird gegessen was auf den Tisch kommt!

Mitte Januar muss ich für zwei Tage in die Uni-Augenklinik. Als Beamter im Ruhestand habe ich natürlich den Status "Privatpatient".
Bei der Aufnahme werde ich nach dem Verpflegungswunsch gefragt. Ich wünsche “Normalverpflegung”, was sonst. Ich bin schließlich karnivor und nur temporär vegetarisch gepolt.

Das erste “Abendbrot” erinnerte mich stark an meine Erlebnisse bei Klassenfahrten, als ich noch im Schuldienst aktiv war. Ich bin überrascht, dass sich die renommierte Uniklinik am Standard der Jugendherbergen der 80er Jahre orientiert.

Auch das Frühstück am nächsten Tag ist etwas mager, aber karnivor: 
Truthahn-Mortadella fettreduziert!


Das Mittagessen setzt diese Tradition fort. Immerhin: Es schmeckt sogar!



Am frühen Abend gibt es wieder ganz traditionell jugendherbergsmäßig Tee mit Wurst und Käse. Aber: Auch Gemüse wird gereicht! Sechs Stückchen gedünsteter Kohlrabi. Ich bin gerührt.


Sabine kommentiert das Foto: Was liegt denn da?? Die Finger der Köchin? 

Patientenmanagement

Die Uniklinik ist eine hoch arbeitsteilig angelegte Gesundheitsfabrik. Wenn man nicht gerade bei seinem zugewiesenen Arzt ist, wird man von Abteilung zu Abteilung geschickt. Immer wieder Wartezeiten, umständliches Ausfüllen von Formularen und trotz Laufmappe wird doch ab und zu das gleiche abgefragt. 
Daten werden per Stift in Formulare eingetragen, sowohl von mir wie vom Hilfspersonal und später von den Ärzten in Dateien eingegeben und digitalisiert. Digitale Datenverarbeitung gibt es nur bei den technischen Geräten und im "Backend".

Das System ist orientiert an der Fließbandarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts mit Patienten als zu bearbeitendem Produkt. Und wie in Zeiten vor der “Just-in-time-Produktion” wird das Produkt Patient von Station zu Station weitergegeben, es staut sich immer wieder, weil Stationen nicht besetzt sind oder mit dem Ansturm nicht zurecht kommen und es kommt zu Fehlläufen: “Ist das hier nicht die Anästhesie-Anmeldung?” 
Alle sind im Stress und die Ursache liegt in der frühindustriellen Organisation. Das hier ist die Universitätsklinik XXX, eine weltweit renommierte Institution.

Betreuung

Was mir sofort auffiel ist die Diskrepanz zwischen dem pflegenden und dem verwaltenden Personal (Ausnahmen natürlich immer möglich). Das pflegende Personal auf der Station ist durchgehend freundlich und bemüht, den Bedürfnissen der Patienten Rechnung zu tragen. Man ist sehr selten ungeduldig. Es wird sogar hin und wieder gelacht!

Im Gegensatz dazu ist das Verwaltungspersonal überwiegend sachlich-bürokratisch, desinteressiert und ungehalten bei Nachfragen. (Große Ausnahme: Das Sekretariat des Klinikleiters. Hier bin ich sehr zuvorkommend behandelt worden!) Zu oft werden Fragen als Zumutung empfunden und gerne wird man abgewimmelt mit dem Hinweis: Das haben wir schon geklärt. Der Patient wird vermutlich als Störfaktor im bürokratischen Ablauf gesehen.
Es fällt mir schwer, manchmal nicht die Fassung zu verlieren.

Nach zwei Tagen Aufenthalt werde ich entlassen. Dazu eine Anmerkung hier: Klick


Im Februar sind dann nochmals zwei Tage Aufenthalt angesagt.



Donnerstag, 27. Januar 2022

Frankreichs deutsche Kinder

ARTE vom 18.1.2022  52:13

Die französische Besatzungszone nach 1945: Tausende Kinder deutscher Mütter und französischer Väter kommen zur Welt. Sie sollen nach Frankreich gebracht und dort adoptiert werden – ein ehrgeiziges, aber skandalöses Projekt, um die demographische Entwicklung Frankreichs anzukurbeln. Ihrer deutschen Identität beraubt, wissen viele Adoptivkinder bis heute wenig über ihre Wurzeln. [...] Die Dokumentation „Frankreichs deutsche Kinder“ begleitet zwei Frauen bei dem Versuch, ihre ersten Lebensjahre in Deutschland zu rekonstruieren.

Mitte Januar habe ich einen Tipp zu einer Sendung auf ARTE, die mir buchstäblich durch die Lappen gegangen ist, aber ich konnte sie mir in der Mediathek ansehen und auch über https://mediathekviewweb.de/ downgeloaden. Es gibt eine thematisch ähnliche Sendung über die französischen Kinder deutscher Besatzungssoldaten mit ähnlich berührenden Erzählungen.

Ich denke, "berührend" beschreibt diese Sendung zutreffend. Oder wie anders soll man die Suche der beiden Frauen nach ihrer leiblichen Mutter bezeichnen? Eines Tages sozusagen aufzuwachen und zu wissen, dass noch irgendwo eine leibliche Mutter unbekannterweise existiert, schrecklich einerseits und vielleicht doch motivierend andererseits. Die Suche war in beiden Fällen erfolgreich, aber leider nicht bei beiden sehr beglückend, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich vermute, die Schuldgefühle der Mütter waren doch zu groß um darüber hinwegzugehen - und die Enttäuschung bei den Frauen dann ebenso. Insgesamt eine gelungene Doku. 

ABER: Die Auswahl des deutschen Historikers und der deutschen Historikerin fand ich ziemlich unglücklich. Die beiden haben sich m.E. viel zu wenig auf die tatsächlichen Verhältnisse eingelassen und ergehen sich m. E. viel zu sehr in allgemeinen Spekulationen über die Nachkriegsverhältnisse. So wenn die Historikerin Silke Satjukow von den Motiven der abgebenden Mütter spricht, die angeblich “nach den schrecklichen Erlebnissen des Krieges mit ihren Gefühlen haushalten mussten". Da ist m.E. dummes Zeug, denn die Frauen waren viel zu jung um an der Rheinschiene die vollen Schrecken des Krieges erleben zu können. Die meisten waren ins Hinterland evakuiert worden und arbeiteten als Arbeitsdienstmädchen in Haushalten kinderreicher Familien, weit weg vom Kriegsgeschehen. Im Südwesten waren die Verhältnisse eben anders als im Osten Deutschlands oder in den großen Industriezentren. 

Schwach fand ich auch den Historiker Rainer Gries der sich ebenfalls mehr allgemein spekulierte als konkret zur Klärung der Verhältnisse in der französischen Besatzungszone beizutragen.

Das hätte man sich sparen können.

(Nebenbei: Auch die Behauptung, ein Besatzungskind galt als Schande, kann ich aus meinen Erlebnissen in Rastatt nicht bestätigen. In der eigenen Familie und "drumherum" gab es viele Besatzungskinder und auch Ehen mit französischen Besatzungssoldaten. Von Schande war da nie die Rede. Noch Jahre später gab es immer wieder Besuche aus Frankreich mit einer erklecklichen Kinderschar im Tross. Auch deutsche Männer hatten da Chancen. In einem Fall hatte ein deutscher Freund meiner Eltern eine Französin geheiratet und ist mit ihr nach Royan gezogen.)

Überzeugend hingegen fand ich den französischen Historiker, Yves Denéchère, Universität Angers, der die französische Bevölkerungspolitik konkret benennt und darauf hinweist, dass es einen Plan der französischen Behörden gab, möglichst viele Kinder französischer Besatzungssoldaten nach Deutschland zu holen um den Geburtenausfall als Folge des Krieges auszugleichen. Ein Plan, der übrigens scheiterte, denn es kam nur zu maximal 1500 Adoptionen.

In ihrem Schlusswort hat Claudine/aka Margarete betont:
"Was damals passiert ist, war sehr hart für die Kinder. Die Franzosen wollten sie haben unter dem Vorwand, sie seien Kinder französischer Soldaten. Und die Deutschen waren froh, dass sie die Kinder los wurden. Jeder hat so seine Schäfchen ins Trockene gebracht. Aber ich finde es gut, dass Deutschland heute sagt, du gehörst auch zu uns."

Eine informative, berührende Doku, auf ARTE online noch bis zum 22. April zu sehen!

Regie: Anja Unger
Land: Frankreich
Jahr: 2021
Herkunft: SWR
Dauer: 53 Min.
Verfügbar: Vom 18/01/2022 bis 17/04/2022