ARTE vom 18.1.2022 52:13
Mitte Januar habe ich einen Tipp zu einer Sendung auf ARTE, die mir buchstäblich durch die Lappen gegangen ist, aber ich konnte sie mir in der Mediathek ansehen und auch über https://mediathekviewweb.de/ downgeloaden. Es gibt eine thematisch ähnliche Sendung über die französischen Kinder deutscher Besatzungssoldaten mit ähnlich berührenden Erzählungen.
Ich denke, "berührend" beschreibt diese Sendung zutreffend. Oder wie anders soll man die Suche der beiden Frauen nach ihrer leiblichen Mutter bezeichnen? Eines Tages sozusagen aufzuwachen und zu wissen, dass noch irgendwo eine leibliche Mutter unbekannterweise existiert, schrecklich einerseits und vielleicht doch motivierend andererseits. Die Suche war in beiden Fällen erfolgreich, aber leider nicht bei beiden sehr beglückend, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich vermute, die Schuldgefühle der Mütter waren doch zu groß um darüber hinwegzugehen - und die Enttäuschung bei den Frauen dann ebenso. Insgesamt eine gelungene Doku.
ABER: Die Auswahl des deutschen Historikers und der deutschen Historikerin fand ich ziemlich unglücklich. Die beiden haben sich m.E. viel zu wenig auf die tatsächlichen Verhältnisse eingelassen und ergehen sich m. E. viel zu sehr in allgemeinen Spekulationen über die Nachkriegsverhältnisse. So wenn die Historikerin Silke Satjukow von den Motiven der abgebenden Mütter spricht, die angeblich “nach den schrecklichen Erlebnissen des Krieges mit ihren Gefühlen haushalten mussten". Da ist m.E. dummes Zeug, denn die Frauen waren viel zu jung um an der Rheinschiene die vollen Schrecken des Krieges erleben zu können. Die meisten waren ins Hinterland evakuiert worden und arbeiteten als Arbeitsdienstmädchen in Haushalten kinderreicher Familien, weit weg vom Kriegsgeschehen. Im Südwesten waren die Verhältnisse eben anders als im Osten Deutschlands oder in den großen Industriezentren.
Schwach fand ich auch den Historiker Rainer Gries der sich ebenfalls mehr allgemein spekulierte als konkret zur Klärung der Verhältnisse in der französischen Besatzungszone beizutragen.
Das hätte man sich sparen können.
(Nebenbei: Auch die Behauptung, ein Besatzungskind galt als Schande, kann ich aus meinen Erlebnissen in Rastatt nicht bestätigen. In der eigenen Familie und "drumherum" gab es viele Besatzungskinder und auch Ehen mit französischen Besatzungssoldaten. Von Schande war da nie die Rede. Noch Jahre später gab es immer wieder Besuche aus Frankreich mit einer erklecklichen Kinderschar im Tross. Auch deutsche Männer hatten da Chancen. In einem Fall hatte ein deutscher Freund meiner Eltern eine Französin geheiratet und ist mit ihr nach Royan gezogen.)
Überzeugend hingegen fand ich den französischen Historiker, Yves Denéchère, Universität Angers, der die französische Bevölkerungspolitik konkret benennt und darauf hinweist, dass es einen Plan der französischen Behörden gab, möglichst viele Kinder französischer Besatzungssoldaten nach Deutschland zu holen um den Geburtenausfall als Folge des Krieges auszugleichen. Ein Plan, der übrigens scheiterte, denn es kam nur zu maximal 1500 Adoptionen.
"Was damals passiert ist, war sehr hart für die Kinder. Die Franzosen wollten sie haben unter dem Vorwand, sie seien Kinder französischer Soldaten. Und die Deutschen waren froh, dass sie die Kinder los wurden. Jeder hat so seine Schäfchen ins Trockene gebracht. Aber ich finde es gut, dass Deutschland heute sagt, du gehörst auch zu uns."
Eine informative, berührende Doku, auf ARTE online noch bis zum 22. April zu sehen!