Sonntag, 30. Januar 2022

The Times They Are Not A-Changin' oder Beobachtungen in der Klinik

Es wird gegessen was auf den Tisch kommt!

Mitte Januar muss ich für zwei Tage in die Uni-Augenklinik. Als Beamter im Ruhestand habe ich natürlich den Status "Privatpatient".
Bei der Aufnahme werde ich nach dem Verpflegungswunsch gefragt. Ich wünsche “Normalverpflegung”, was sonst. Ich bin schließlich karnivor und nur temporär vegetarisch gepolt.

Das erste “Abendbrot” erinnerte mich stark an meine Erlebnisse bei Klassenfahrten, als ich noch im Schuldienst aktiv war. Ich bin überrascht, dass sich die renommierte Uniklinik am Standard der Jugendherbergen der 80er Jahre orientiert.

Auch das Frühstück am nächsten Tag ist etwas mager, aber karnivor: 
Truthahn-Mortadella fettreduziert!


Das Mittagessen setzt diese Tradition fort. Immerhin: Es schmeckt sogar!



Am frühen Abend gibt es wieder ganz traditionell jugendherbergsmäßig Tee mit Wurst und Käse. Aber: Auch Gemüse wird gereicht! Sechs Stückchen gedünsteter Kohlrabi. Ich bin gerührt.


Sabine kommentiert das Foto: Was liegt denn da?? Die Finger der Köchin? 

Patientenmanagement

Die Uniklinik ist eine hoch arbeitsteilig angelegte Gesundheitsfabrik. Wenn man nicht gerade bei seinem zugewiesenen Arzt ist, wird man von Abteilung zu Abteilung geschickt. Immer wieder Wartezeiten, umständliches Ausfüllen von Formularen und trotz Laufmappe wird doch ab und zu das gleiche abgefragt. 
Daten werden per Stift in Formulare eingetragen, sowohl von mir wie vom Hilfspersonal und später von den Ärzten in Dateien eingegeben und digitalisiert. Digitale Datenverarbeitung gibt es nur bei den technischen Geräten und im "Backend".

Das System ist orientiert an der Fließbandarbeit des 19. und 20. Jahrhunderts mit Patienten als zu bearbeitendem Produkt. Und wie in Zeiten vor der “Just-in-time-Produktion” wird das Produkt Patient von Station zu Station weitergegeben, es staut sich immer wieder, weil Stationen nicht besetzt sind oder mit dem Ansturm nicht zurecht kommen und es kommt zu Fehlläufen: “Ist das hier nicht die Anästhesie-Anmeldung?” 
Alle sind im Stress und die Ursache liegt in der frühindustriellen Organisation. Das hier ist die Universitätsklinik XXX, eine weltweit renommierte Institution.

Betreuung

Was mir sofort auffiel ist die Diskrepanz zwischen dem pflegenden und dem verwaltenden Personal (Ausnahmen natürlich immer möglich). Das pflegende Personal auf der Station ist durchgehend freundlich und bemüht, den Bedürfnissen der Patienten Rechnung zu tragen. Man ist sehr selten ungeduldig. Es wird sogar hin und wieder gelacht!

Im Gegensatz dazu ist das Verwaltungspersonal überwiegend sachlich-bürokratisch, desinteressiert und ungehalten bei Nachfragen. (Große Ausnahme: Das Sekretariat des Klinikleiters. Hier bin ich sehr zuvorkommend behandelt worden!) Zu oft werden Fragen als Zumutung empfunden und gerne wird man abgewimmelt mit dem Hinweis: Das haben wir schon geklärt. Der Patient wird vermutlich als Störfaktor im bürokratischen Ablauf gesehen.
Es fällt mir schwer, manchmal nicht die Fassung zu verlieren.

Nach zwei Tagen Aufenthalt werde ich entlassen. Dazu eine Anmerkung hier: Klick


Im Februar sind dann nochmals zwei Tage Aufenthalt angesagt.