Mittwoch, 23. Februar 2022

Ach, Maine!


Ich war noch nie in den USA, geschweige denn in Maine! 
Aber wenn ich den Berichten von Lucy Barton in Elizabeth Strouts Roman “Oh, William!” vertrauen soll, dann gibt es vermutlich keinen abgehängteren, abgesoffeneren Staat in der gesamten nordamerikanischen Hemisphäre, wie Maine. Und das gilt, folgt man Lucy und damit Elizabeth Strout, nicht nur für die Dörfer, die Landschaft, die Institutionen, sondern auch für einen Großteil der Bewohner. 
 Ich sagte: »Wenn ich ein Mann wäre, der ein junges Mädchen umbringen und ihre Leiche irgendwo verscharren will, wo kein Hahn danach kräht, dann käme ich dazu hierher. Ich meine, schau dich doch um!« (S.110) 
Am Straßenrand stand ein Schild: »Willkommen im freundlichen Fort Fairfield«.
[...] Alles in der Stadt war geschlossen. Nicht ein Auto fuhr auf der Straße, und an einem Gebäude mit der Aufschrift »Gemeindeverwaltung« - keinem kleinen Gebäude! - hing ein Schild: ZU VERMIETEN. Eine große First National Bank mit Säulen vor dem Eingang gab es, deren Tür mit Brettern zugenagelt war. Laden um Laden war auf diese Weise verrammelt. Nur das kleine Postamt am Ende der Main Street schien offen zu sein. Hinter der Hauptstraße floss ein Fluss.
»Was ist das denn, Lucy?«
»Ich habe keine Ahnung.« Aber es war wirklich gespenstisch. Nicht ein Café, nicht ein Kleidergeschäft oder Drogeriemarkt, absolut nichts in dieser Stadt hatte geöffnet, und auch als wir die Hauptstraße wieder zurückfuhren, begegnete uns kein einziges Auto, und dann lag der Ort hinter uns.
William kommentiert fassungslos: 
»Dieser Staat ist echt am Ende«, sagte William, aber die Verstörung war ihm anzumerken. Ich war selber verstört. (S.127)
Ein Restaurant, einen Schnellimbiss  oder ein Café zu finden, scheint in Maine besonders schwer zu sein:
Eigentlich hatten wir in Houlton zu Mittag essen wollen, aber das eine Restaurant, das wir fanden, schloss um halb drei, und es war fünf nach halb. »Wir haben zu«, sagte die Frau an der Tür, und damit schloss sie die Tür und verriegelte sie von innen. »Gibt es hier in der Nähe sonst irgendwelche Lokale?«, versuchte William noch durch das Glas zu fragen, aber die Frau ging einfach weg. (S.121)
Unfreundlichkeit ist noch nicht mal das größte Problem: 
Der Mann starrte uns nach, er war bärtig und alt und trug kein Hemd, und sein Blick war voll Hass; seit ich ein Kind war, hatte kein Fremder mich mit solchem Hass im Blick angestarrt, und meine Angst nahm noch zu. (S.184)
Selbst im regionalen Flughafen in Bangor: kein Restaurant , das geöffnet hat, kein Café oder so, nichts.
Ach, Maine!, möchte man mit Elizabeth Strout stöhnen.


Ähnliches, nein, eigentlich sogar noch Schlimmeres, findet man in “Irische Überfahrt”, Erzählungen von Richard Ford über vorwiegend weiße Wirtschaftsanwälte aus der Mittelklasse oder weiße Frauen, die als Immobilienmaklerinnen arbeiten, in der Regel meist älter und gut situiert. Nette Typen, mit denen der Autor gut befreundet sein könnte.
Dort heißt es in Der Lauf deines Lebens (S.98ff):
Mae war nie begeistert von den Menschen in Maine. 
»Kein Strom, kein fließend Wasser, scheiß in ein Loch und fick deine Schwester, so mögen die das«, hatte Mae gesagt. »So ziemlich dasselbe wie in einem Dorf in Nordirland - wobei ich das Vergnügen nie hatte«. [...]
Zuerst das Tor zum Mädchencamp, dann die Müllkippe, das Dollar-General-Kaufhaus, die Ladenzeile mit den pleitebedrohten Einzel- und Großhandelsfirmen, Autoschrottplätze, Mokassin-Outlets, dazu das gleichförmige Siedlungsschema von Maine - aufgebockte Bootswracks, Haufen aus Fallen und Bojen, Holzspaltmaschinen und Nissenhütten aus Zeltplane - und wirklich jeder mit einem aufgebockten Truck, einer zerborstenen Pflugschar, einem Geländemotorrad und einem Hund. Wenn das Meer außer Sicht war, entsprach Maine Michigan, nur ohne Humor. Und nach dem Kolumbus-Tag nahmen es die Mainer wieder komplett in Besitz. In den Läden ging das Licht aus, Restaurants wurden verrammelt und verriegelt, die Ortsansässigen ignorierten einen, wenn man in den Graben fuhr, und Ferienhäuser, die nicht einbruchsicher waren, wurden zu Meth-Labs umfunktioniert oder abgefackelt oder beides. Der Sheriff nahm sich frei. Hier, das wurde Boyd klar, konnte er nicht überleben. [...]
Man kostete seinen Groll aus. Jeder war bewaffnet. (S.141ff)
Ach, Maine!