Freitag, 19. Januar 2018

Eribon - die Fortsetzung: Gesellschaft als (Fehl-)Urteil

I was born with a plastic spoon in my mouth
The north side of my town faced east, and the east was facing south


“Seit einigen Jahren erregt in Paris eine neue Gemeinschaft Aufsehen. ‘Für G., natürlich’ lautet folgerichtig die Widmung in Didier Eribons Buch Gesellschaft als Urteil; ‘Für D. natürlich’ heißt es in Geoffroy de Lagasneries Werk Verurteilen. Der strafende Staat und die Soziologie. Édouard Louis hat seinen zweiten Roman Im Herzen der Gewalt Letzterem gewidmet; auf dem Umschlag erklärt wiederum Eribon, der Roman mache den 24-jährigen Louis ‘zu einem der bedeutendsten Autoren seiner Generation’. Französische Nahbeziehungen, offensiv transparent; alle drei Bücher sind soeben auf Deutsch erschienen.”Alexander Cammann: Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie: Immer schön kritisch | ZEIT ONLINE, Dienstag, November 7, 2017

Wie man sieht: Die Mandarins von Paris sind in neuer Gestalt von den Toten auferstanden oder mit Marx: “das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce”, und wir sind hier bei der Farce.



Eribon, Louis und Geoffroy de Lagasnerie: Da werfen sich im  Feuilleton drei Pariser Intellektuelle die Bälle zu, aber für mich ist das nur eine Luftnummer: Flaue Luft in einem porösen Schlauch.

Die Fortsetzung von Rückkehr nach Reims ist wohl kein großer Auflagenerfolg geworden, und auch  die Aufmerksamkeit im Feuilletons hat sichtbar nachgelassen. Das ist verständlich, denn alles in allem ist “Gesellschaft als Urteil” ein ärgerliches, geradezu dummes Buch, das weder biographisch noch analytisch überzeugt und den Autor wieder einmal als großen Lamentierer und bramarbasierenden Schwätzer zeigt .
Ich versuche mein Urteil zu belegen.


I. Zum  Inhalt: 

Der Essay ist eine assoziativ strukturierte Auseinandersetzung mit Autoren, die sich im engen und weitesten Sinne mit Gesellschaftsanalyse auseinandergesetzt haben, insbesonders mit den Unterschichten. Darin verwoben werden Reflektionen zur Biographie und zum Einfluss, den einige französische Autoren schon in seiner Jugendzeit auf Eribon ausgeübt haben. Das reicht von Simone de Beauvoir und Claude Lévi-Strauss bis Trotzki und wird als Ganzes wieder als ‘Autoanalyse’ bezeichnet.

Es beginnt mit einer geschwätzigen ‘Ouvertüre’ über die Mühen der Auswahl des jeweiligen Titelfotos beider “Reims”-Bücher und endet bei einem ebenso geschwätzigen wie inhaltsleeren Wortgebirge, das er ‘Epilog’ nennt. Dazwischen folgen Kapitel zur ‘Hontoanalyse’ (eine Auseinandersetzung über Motive zu dem neuen Buch, mit Verweisen auf Proust und Bourdieu), was ihm alles beim Lesen von Annie Ernaux einfällt (sehr viele Namen) und ein Kapitel ‘Gedächtnispolitik’ (im wesentlichen eine Auseinandersetzung mit Paul Nizan, Richard Hoggart und Raymond Williams). Der abschließende Epilog ist dann wiederum André Gide gewidmet.

II Stil: Eitelkeit, Larmoyanz, Selbstanklage und Größenwahn

Geschrieben ist das Buch leider in einem teils eitlen, teils larmoyanten Stil, durchzogen mit Zügen der Selbstanklage und Phrasen des Größenwahns. Beispiele:

Eitelkeit:
Die für ihn quälende Auswahl des Titelfotos für sein Buch kommentiert er: 
"Ich konnte mit mir zufrieden sein. Das Ergebnis war außerordentlich gelungen. Wie einfach es doch ist und wie angenehm, seinem eigenen Bildungsnarzissmus zu schmeicheln." (S.17)

Larmoyanz:
"Ich schämte mich dafür, dass ich mich für meine Mutter schämte und insbesondere für die Standpunkte, die sie zu dieser Zeit vertrat. [...] Ich schämte mich meiner sozialen Herkunft so sehr, dass ich sie auf keinen Fall in einem soziologischen Buch abgebildet sehen wollte. [...] Sich seiner eigenen Scham zu schämen genügt nicht, um diese auch effektiv zu vertreiben. Wochenlang marterte ich mich.” (S.70) 

Selbstanklage:
“Ich erlebte das Glück einer 'Distinktion', die mich natürlich nicht nur von meinen Klassenkameraden abhob - daher eine Überheblichkeit, von der ich mich bis heute kaum befreien konnte -, sondern auch und vor allem von meinem Herkunftsmilieu und von meiner Familie. Es war das Glück einer Unterscheidung und Abspaltung, in dem die Voraussetzungen und Versprechungen des sozialen Aufstiegs schon sichtbar wurden. All das ist nicht besonders ruhmreich, das gebe ich gerne zu. Aber vielleicht war es notwendig. Und es ist die Wahrheit. Ich muss sie aussprechen." (S.117)
"Auf einer noch tieferen Ebene der Analyse muss man allerdings auch feststellen, dass man all die sanften Zwänge und Unterwerfungen, all das, was zum Einstieg ins kulturelle und intellektuelle Milieu (wenn man beispielsweise beginnt, Artikel oder Bücher zu veröffentlichen) notwendig ist, nicht nur erleidet, sondern dass man sich ihm auch bereitwillig unterwirft. Man sucht nach den Zwängen, man verlangt nach ihnen." (S.118f) 

Größenwahn:
Ganz unbescheiden ist der Autor nicht:
"Ich hatte 'Rückkehr nach Reims in vielen Hinsichten als ein Nachfolgebuch zu 'Die feinen Unterschiede' konzipiert." (S.60)
Und natürlich reiht er sich gerne in die Galerie der Großen ein:
"Die Autoren, die mir am meisten bedeutet haben, waren meist auch diejenigen, die mir deshalb etwas geben konnten, weil ihr Schreiben sich auf einer Sorge um die anderen gründete. [...] Großzügigkeit. Wie sollte man die Bücher Sartres, Beauvoirs, Bourdieus, Foucaults und das, was sie inspiriert hat besser beschreiben? (S.128f) [...] "Wie sehr ich mich gefreut habe, als mich nach dem Erscheinen meiner 'Reflexions sur la question gay' so viele Briefe erreichten, in denen Sätze standen wie "Sie haben mir das Leben gerettet" oder "Dank ihnen kann ich besser leben, und als sich nach 'Rückkehr nach Reims' Ähnliches wiederholte.  Ich war selbst zu einem großzügigen Autor geworden, und diese Großzügigkeit hatte ihre Wirkung gezeigt." (S.129f)
Geht's noch?

Eribon beschreibt ausführlich wie er sich dafür schämt, was er gerade veröffentlicht hat und im (deutschen) Feuilleton für Furore sorgt. Er verleugnet seine Mutter, seinen Vater, seine Herkunft, er schämt sich für alles was vor seiner akademischen Karriere war und was er danach gemacht hat - aber die öffentliche Beichte soll alles wieder gut machen. Ihm soll Generalabsolution erteilt werden für sein in den eigenen Augen schäbiges Verhalten. Man muss sich Eribon als zutiefst katholischen Autor vorstellen.

Ihm fehlt die Größe, die Leistungen seiner Mutter, seines Vaters, seiner Lehrer und Lehrerinnen anzuerkennen, die ihm dabei halfen, dass er den Weg heraus aus der Misere geschafft hat. Und ihm fehlt, als Soziologe, (!) das Interesse für die Analyse der Faktoren, die es ihm, aber nicht seinem Bruder ermöglichten, sozial aufzusteigen. Dafür nur Gejammere und Selbstmitleid. Alles war doch so schwer.




III. Zur Soziologie Eribons: Das fürchterliche Gesetz des Determinismus  - Klassenflucht und Klassenverrat - die dualistische Gesellschaft

 Dreh und Angelpunkt seiner Theorie ist das von ihm erfundene 
"fürchterliche Gesetz des sozialen Determinismus, das jedem Einzelnen einen Platz zuweist, das uns vorschreibt, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu sagen und wer wir zu sein haben." (S.53)
Wer sich diesem Gesetz entzieht beginnt laut Eribon Klassenflucht, im schlimmsten Fall, als sozialer Überläufer, sogar Klassenverrat (S.122f) und hat sich dafür gefälligst zu schämen.

So räsoniert Eribon über die physische Ähnlichkeit zu seinem Vater, erkennbar auf einem Bild, das er zerriss:
“Natürlich gibt es eine physische Ähnlichkeit. [...] Was aber bleibt von diesen Ähnlichkeiten bei einem Klassenflüchtigen? Wie ist es bei einem sozialen Überläufer, bei dem sich die Unterschiede so stark herausgebildet haben, dass sie sich anschicken, die Ähnlichkeiten zu verdrängen?” (S.32)
Und weiter 
"Es stellt sich also die Frage: Wovor ist man geflohen? Wie holt man es wieder ein? Wie holt man die Vergangenheit seiner sozialen Klasse ein, wenn die Gegenwart dieser Klasse die Emanzipation von der sexuellen "Scham" so schwierig macht? Wie versöhnt man Ansätze, die sich vielleicht als widersprüchlich erweisen: Kann man die soziale und die sexuelle Scham überwinden? Wie soll man beiden zugleich (und weiteren Formen der Scham) im Denken gerecht werden?" (S.97) 
Dem theoretischen Modell aus sozialer Determination und sozialem Aufstieg als Klassenflucht und -verrat liegt wiederum ein dichotomisches Gesellschaftsmodell zugrunde, das nur eine sogenannte "populäre Klasse" (gerne auch im Plural) und die herrschende(n), die “wohlhabende Klasse(n)” (S.27) kennt. Alles dazwischen ist in seinem Weltbild  irrelevant und spielt für ihn  allenfalls in der Kritik an anderen Autoren (vor allem an  Richard Hoggarth und Raymond Williams) eine gewisse Rolle.
"Ich benutze den Begriff populäre Klassen, weil er üblich ist, ich weiß aber auch, dass Wörter niemals unschuldig sind. Der ganz zu Recht verwendete Plural kaschiert die Gewalt, die diese inferiorisierende Bezeichnung in sich trägt. Der Zugang zur 'legitimen' Kultur markiert den Anfang einer aufsteigenden Bahn und somit auch des 'Klassenverrats'. Dieser lässt sich, in gewisser Weise, auch nicht vermeiden." (S.122f)
(Siehe auch S.187, wo er Nizans Problem mit dem sozialen Aufstieg  mit eigenen Erfahrungen als “Klassenverräter” vergleicht.)


IV. Meine Kritik an der Soziologie Eribons

Die begriffliche Grundlage seiner Soziologie ist dürftig: Ihr liegt die Vorstellung von einem vormodernen gesellschaftlichen Kastensystem zugrunde. Noch nicht einmal ein hierarchisches Klassen- oder Schichtmodell hat Platz in seinem Konstrukt, so 'modern' ist dieser Soziologe.

Das mag aus der Sicht eines Intellektuellen, der es nicht geschafft hat im Zentrum der französischen Kultur, nämlich in Paris, Fuß zu fassen, vielleicht überzeugend zu sein. Es gibt aber eine Welt außerhalb dieses Zentrums: die Welt der Industrie, der wissenschaftlichen Forschung und andere Welten, die leichter zugänglich sind und in denen die soziale Herkunft eine geringere Rolle spielt. In dieser Welt der ‘Transclasses’ (Pascal Jaquet) gibt es tatsächlich sozialen Aufstieg, hier spricht kaum jemand vom "Klassenflüchtling" und von der Scham des 'transfuge de classe', sondern vom Stolz, es geschafft zu haben, trotz ungünstiger Voraussetzungen.

Was ist die These vom Klassenverrat anderes als ein Ausdruck eines extrem reaktionären Weltbildes, das jedem Gesellschaftsmitglied seinen Platz per Geburt zuweist, solange die große Revolution (das “Heil”) noch nicht realisiert wurde? Ein Gesellschaftsbild, das mehr dem indischen Kastensystem ähnelt als europäischer Realität. Ein Weltbild, in dem es nur 'die da oben' und 'die da unten' gibt und dazwischen nichts. Dabei hat schon die Soziologie des letzten  Jahrhunderts die Mittelschichten und deren Ideologie zum Thema gemacht und die vielfältigen Auf- und Abstiegsprozesse dieser Schicht beschrieben, einschließlich der spezifischen Ängste vor Letzterem. Aber Begriffe wie Citoyen, Bourgeois, Parvenü, in Frankreich geprägt, existieren für Eribon nicht, und so lässt er auch unberücksichtigt, welche spezifischen Differenzen selbst in der ‘populären Klasse’ bestehen, wie man an der Biografie seines Kompagnons Louis erkennt, der seine Familie weit unter der Eribons stehen sieht, während die Eltern Annie Ernaux’, als selbständige Kleinkrämer und Cafébesitzer privilegiert, sich wiederum streng nach unten abgrenzen (siehe: Annie Ernaux, La Place; deutsch: Das bessere Leben).

Was also bei Eribon völlig fehlt, als Möglichkeit und Wirklichkeit sozialer Existenz, ist die französische Mittelschicht, wie sie neben anderen Yasmina Reza beschreibt, die “nicht ganz normale, weil etwas besserverdienende, Pariser Mittelschicht um die vierzig", deren Figuren sich "in einem leichthin perlenden Sprechblasenrausch um Kopf und Kragen" reden. (Iris Radisch, Warum ..., S.205). Eine soziale Schicht, der sich fast die Hälfte aller Franzosen zugehörig fühlt, und der zweifellos auch Eribon angehört. 




Eribon kennt nur den Antagonismus 'Oben' vs 'Unten', und das auch nur in der besonderen Konstellation 'Oben in Paris' und 'Unten in der Provinz'. Dabei übersieht er völlig, dass dieser Gegensatz eher Ausdruck der Spaltung des Landes in Zentrum Paris und Peripherie Restfrankreich ist, als alles andere. Tatsächlich kennt er wie jeder echte französische Intellektuelle weder das Unten in Paris noch das Oben in der Provinz. Entsprechen kurzsichtig bleibt der Blick auf Frankreichs Totale, und all die feinen Unterschiede zwischen Oben und Unten, Paris und Provinz werden nicht gesehen. Ein merkwürdiger Soziologe ist das.
Einschub: Zu seiner Entschuldigung muss ich allerdings konzedieren, dass der Begriff “Populäre Klasse(n)” in Frankreich eine gern benutzte Vokabel für alles ist, was sich sozial zwischen Elite und “Unberührbare” bewegt und dabei mehr umfasst als der deutsche Begriff Unterschicht; siehe mein Post La France, Französisch and Me #3 - Les classes populaires.
Man könnte versucht sein, dieses primitive Gesellschaftsbild auch damit zu erklären, dass Eribon der erstrebte soziale Aufstieg zwar gelungen ist, aber der Einzug ins Herz der französischen Kultur,  nach ganz oben in den Kreis der Pariser Mandarins, nicht. Es hat halt “nur” für Amiens gereicht.

In seinem theoretischem Konstrukt ist Eribon in der Tat konsequent: Wer vom "fürchterlichen Gesetz des sozialen Determinismus” spricht, das jedem Einzelnen einen Platz zuweist, das uns vorschreibt, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu sagen und wer wir zu sein haben", kann den eigenen sozialen Aufstieg nur als Verrat empfinden, für den man sich rechtfertigen oder, in seinem Verständnis, sogar schämen muss. 

Das Buch überzeugt mich vor allem deshalb nicht, weil es die Funktion hat sich dafür zu entschuldigen, dass sein Leben der eigenen Theorie vom "fürchterlichen Gesetz des Determinismus" nicht gehorchte, sondern dass er den ihm zugewiesenen Platz verließ und sozialen Aufstieg realisierte.
Welch eine Verwirrung. 

Was Eribon macht ist allerdings ein gern gespieltes Melodram in Paris, das vom Intellektuellen handelt, der sich herzergreifend an die Brust klopft und mit erstickter Stimmer röchelt: Ich bekenne mich schuldig, ich habe Fehler gemacht - und ansonsten wie bisher lustvoll weitermacht im Spiel um die Deutungshoheit im intellektuellen Kleinklima. Dieses Stück hat man schon in Zeiten des Nachkriegskommunismus gespielt und Eribon spielt eine tragende Rolle mit neuem Text, aber alter Melodie  (und erzielt damit einen Megaseller in Deutschland): Ich habe falsch gehandelt, meine Klasse verraten, kann aber belesen beweisen, warum alles so gekommen ist. Wir kennen diese Melodie.


V. Gibt es denn nichts Positives anzumerken?

Doch, es gibt auch sehr berührende Momente in seiner Schamanalyse. So, wenn er die Erweckungserlebnisse beschreibt, die sich ihm als Schüler und später als junger Student  bei der Lektüre ihm noch gänzlich fremder Autoren einstellten. Berührende Darstellungen seiner Faszination für Lévi-Strauss, Simone de Beauvoir, ‘Duras und Lenin’ und vor allem für das soziale Umfeld dieser Lektüren, denn "Ich fühlte mich von diesen mythischen Wesen, von den 'Studenten im Quartier Latin', die 'angesagte' Bücher lasen, ausgeschlossen, verspürte aber auch eine entfernte, vage, noch nicht formulierte Lust, einer von ihnen zu werden." (S.115).
Später, als junger Student, begeistert er sich für Sartres 'Saint Genet'. "Es war mir ein Überlebensratgeber, ein Handbuch mich selbst zu erfinden" (S.127). Wen würde das nicht berühren?

Ebenso überzeugt hat mich die Darstellung des Schicksals seiner beiden Großmütter, den Beschränkungen in ihrem Leben und den verzweifelten, aber letztlich ergebnislosen Versuchen, dem Elend zu entkommen - fast wie bei Annie Ernaux.

Hätte Eribon all diese berührenden Momente nicht mit einer dicken Sauce Sekundärliteratur übergossen und einer überreichlichen Sättigungsbeilage namens Theorie versehen, hätte es ein gutes Buch werden können. Aber leider, leider schreibt er zu seiner frühen Lektüre: 
“Es war das Glück einer Unterscheidung und Abspaltung, in dem die Voraussetzungen und Versprechungen des sozialen Aufstiegs schon sichtbar wurden. All das ist nicht besonders ruhmreich, das gebe ich gerne zu. Aber vielleicht war es notwendig. Und es ist die Wahrheit. Ich muss sie aussprechen." (S.117)
(In diesem Satz ist wieder alles enthalten, was ich Eribon vorwerfe: Larmoyanz, Eitelkeit, Selbstanklage. Man kann sich den Autor auch gut in einer Rolle als Angeklagter vor einem stalinistischen Schauprozess vorstellen.)

Es bleibt ein Buch voller weinerlicher Selbstanklagen, peinlichen Entschuldigungen und stellenweise einer gehörigen Portion Größenwahn. Im Grunde ungenießbar.


Schlusswort 1
Mit Sabine rede ich sehr oft über das Buch, vor allem wenn ich mich mal wieder richtig ärgere. Sie fragt mich, warum ich mir das antue, ich könne das Buch doch einfach beiseite legen. Ich hätte auf sie hören sollen.

Schlusswort 2
Gilles Deleuze: „Les intellectuels ont raison de se taire“ 







There's room at the top they're telling you still
But first you must learn how to smile as you kill
If you want to be like the folks on the hill
A working class hero is something to be
A working class hero is something to be
If you want to be a hero well just follow me
If you want to be a hero well just follow me


VI. Zum Weiterlesen:

Eribon und die Kraft der Scham
Von Oliver Nachtwey SZ vom 10.10.2017
http://www.sueddeutsche.de/kultur/gegenwartsdiagnose-kraft-der-scham-1.3688157

Didier Eribon: "Gesellschaft als Urteil " Paradoxien der Scham
Deutschlandfunk LESART | Beitrag vom 19.10.2017
Von René Aguigah http://www.deutschlandfunkkultur.de/didier-eribon-gesellschaft-als-urteil-paradoxien-der-scham.1270.de.html?dram:article_id=398613 

René Scheu:  Denkt so ein Arbeiterkind?
NZZ 28.11.2017
https://www.nzz.ch/feuilleton/denkt-so-ein-arbeiterkind-ld.1332846  

Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie:Immer schön kritisch
Von Alexander Cammann Zeit Online 9. Oktober 2017
http://www.zeit.de/2017/41/didier-eribon-geoffroy-de-lagasnerie-franzoesische-linke 




Samstag, 13. Januar 2018

Meine Straße

Meine Straße ist eigentlich eine Sackgasse, aber eine richtige Gasse ist es auch wieder nicht. Es gibt zwar keine Bürgersteige wie bei einer städtischen Gasse, doch die Häuser stehen nicht eng an eng am Straßenrand, sondern locker mit Abstand zur Straße. Es gibt freie Flächen, unbebautes Land, Vor- und Hintergärten und an manchen Stellen einfach Baumaterial, das rumsteht und auf Gebrauch wartet.




Die Häuser haben maximal 2 Geschosse und die ältesten sind höchstens 80 Jahre alt und stammen aus verschiedenen Epochen seither. Sie sind gepflegt, modernisiert und werden von Familien bewohnt, die weder reich noch arm sind, solider Mittelstand mit Hang zum Do-it-yourself und zur Nachbarschaftshilfe. Nichts ist schon endültig, alles noch im Fluss, Veränderung ist der Normalzustand, und dennoch wirkt alles gelassen und in sich ruhend.



Sackgasse wiederum heißt, es gibt keinen Durchgangs- sondern nur Anliegerverkehr und es sind mehr Fußgänger unterwegs als Autos. Man grüßt sich vertrauensvoll, streichelt den Hund des Nachbarn. An warmen Tagen stehen nachmittags die Erwachsenen auf der Straße und unterhalten sich, die Männer gerne mal mit einer Flasche Bier in der Hand.
Aber das schönste ist: Es ist eine Straße mit Kindern.



Kein Tag vergeht, ohne das drei vier oder mehr Kinder im Alter zwischen 2 und 5 Jahren in meiner Straße zu sehen sind. Bei jedem Wetter und jeder Temperatur fahren sie mit ihrem Bobby-Car, mit dem Laufrad, dem Fahrrad oder auch auf Rollschuhen die Straße vor und zurück, oder sie spielen im Sand der Baustelle mit ihren Gerätschaften.



Sven ist selten ohne seinen Kinder-Werkzeugkasten unterwegs und bedient schon souverän seine Werkzeuge, die Plastikbohrmaschine und die Kettensäge. Louisa fegt mit ihrem rosa Kinderfahrrad über die Straße, stolz auf den rosaroten Schutzhelm. Ihr Zwillingsbruder Mario erkundigt sich immer, wohin ich gehe, was ich eingekauft habe, und überhaupt ...
Björn von gegenüber hilft seinem Vater bei der Umgestaltung des Gartens und der Befestigung der Böschung, und natürlich wird er dabei von Sven tatkräftig unterstützt.

Manchmal bemalen die Kinder mit farbiger Kreide das Verbundpflaster an unserem Haus und freuen sich über die Muster, die sie uns stolz präsentieren. 




Auf dem Nachbargrundstück steht ein Trampolin mit Käfig. Ältere Kinder hüpfen, und ihr Kreischen macht die Jüngeren neidisch.

Ich sitze im Sommer auf der Terrasse, im Winter oft vor dem Fenster, schaue und freue mich.




Nur vormittags ist wenig los. Dann sind alle Kinder im Kindergarten, der praktischerweise direkt am Anfang der Straße liegt.




Meine Straße ist eine ganz besondere Straße mit viel Herz.



Donnerstag, 21. Dezember 2017

La France, Französisch and Me #3 - Les classes populaires

Französisch ist eine einfache Sprache: Unterschiedliche Phänomene kann mit einem einzigen Begriff erklären:


Übersetzungen für "classes populaires":
Arbeitende Klassen, Arbeiterklasse, Unterschicht, untere Klassen, untere Schichten, einfache Bevölkerungsschichten, niedere Schichten, einfaches Volk, einfache Bürger, einfache Volksschichten, Volksbewegung.

Man könnte meinen, es sei ein Problem der Übersetzer. Nein, es ist eines der Autoren: ein einziger Begriff für unterschiedliche soziale Gruppen.
Ich habe es immer vermutet:
"Wer aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, möchte nicht selten den Autor des Originals befragen: Was soll dieser Satz eigentlich bedeuten? Was hatten Sie im Sinn? Häufig weiß der Autor die Frage nicht zu beantworten, und zwar ganz einfach deshalb, weil das Französische ihn nie dazu gezwungen hat, sie sich zu stellen."
Anne Weber: Sie küssen und sie übersetzen sich. In: FAZ vom 7.Oktober 2017, Beilage Seite L2.


Didier Eribon: Die Fortsetzung #1


Didier Eribon hat seinem Megaseller "Rückkehr nach Reims" (hier mein Kommentar dazu) schon 2013 ein Sequel  nachgeschoben, von dem sich der Suhrkamp Verlag ebenfalls viel Umsatz erhoffte (was aber sicher nicht eintraf):
Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil.

Es ist ein Buch voller Larmoyanz, Selbstanklage und mit einer deftigen Portion Größenwahn, kurz ein schamloses Buch, dessen Lektüre mir einige Qualen bereitet.

Nur kurz zwei Beispiele für seine nach Generalabsolution heischende Selbstanklage:
Ich konnte "mich der 'symbolischen Gewalt' nicht entziehen, konnte [...] nicht verhindern, dass ich, wie so viele Beherrschte, zu einem Komplizen der beherrschenden Herrschaft wurde. Wir sind so sehr Produkte der Ordnung der sozialen welt, dass wir sie am Ende selbst reproduzieren: Noch wenn man sie anklagt oder auf einer anderen Ebene dafür kämpft, dass sie sich ändert, wie man es gerne hätte, bestätigt man ihre Legitimität und Funktion" (S.63)
"Auf einer noch tieferen Ebene der Analyse muss man allerdings auch feststellen, dass man all die sanften Zwänge und Unterwerfungen, all das, was zum Einstieg ins kulturelle und intellektuelle Milieu (wenn man beispielsweise beginnt, Artikel oder Bücher zu veröffentlichen) notwendig ist, nicht nur erleidet, sondern dass man sich ihm auch bereitwillig unterwirft. Man sucht nach den Zwängen, man verlangt nach ihnen." (S.118f)

Den treffenden Kommentar dazu hat schon vor über 100 Jahren Wilhelm Busch geschrieben:
Kritik des Herzens
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.

Demnächst mehr zu Eribon, versprochen!

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ach, Edith.

Von Roger Fry - http://www.artnet.de/artwork/424645113/159979/roger-fry-portrait-of-edith-sitwell.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4076482

Edith Sitwell darf man mit gutem Recht als geniales Lästermaul bezeichnen - und sie hätte das gewiss als Kompliment aufgefasst. Zum Beweis meiner Behauptung ein Zitat:
Meinen Eltern mißfiel ich, weil sie gern ein Kind wie das gehabt hätten, das 1788 einer Frau namens Mary Clark geboren worden war: "Die Ärzte fanden ihren Kopf von sonderbarem Aussehen.". Aber diese Merkwürdigkeit "kümmerte sie nicht weiter, denn das Kind verhielt sich in der üblichen Weise, und erst nachdem eingetretenen Tod unbestreitbar war, ...erwies sich, daß es nicht das geringste Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn oder Rückenmark gab." Das wäre für meine Eltern ein ideales Kind gewesen. Aber leider habe ich mich nie auf die übliche Weise verhalten, und es ließ sich nicht leugnen, daß ich schon in frühester Kindheit deutliche Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark an den Tag legte. Ich war eine Enttäuschung. Meine achtzehnjährige Mutter hatte geglaubt, sie habe eine neue Puppe bekommen - eine, die auf ihre Aufforderung hin die Augen öffnete und schloß und "Papa" und "Mama" sagte. In dieser Hinsicht wie in jeder anderen erfüllte ich die in mich gesetzten Erwartungen nicht.

Und noch ein Meisterstück ihrer Spottlust:
Eines der schlimmsten dieser unmenschlichen Wesen war Diana Pilkington, angeblich eine Schönheit. Ihr Körper schien genau in zwei Teile geteilt zu sein, von denen der obere aus einem riesigen roten Schinken bestand, der ihr als Gesicht diente; seine untere Hälfte hingegen ähnelte einem jener beinlosen Spielzeuge, die hin und her schaukeln, wenn man sie leicht anstößt.Hinter der gewaltigen ausdruckslosen rosa Fassade war sie ein abgestumpftes Geschöpf,an dem plumpe, ungeformte Gesichtszüge einfach deshalb angebracht waren, weil sie einen Mund brauchte um zu essen, sowie eine Nase, um damit das Elend anderer herauszuschnüffeln.

Sie war keineswegs allein mit dieser Lust am britischen, d.h. exzentrischen Spott. Über den von ihr sehr geschätzten Lord Berners berichtet sie:
Einer seiner Bekannten hatte die unverschämte Gewohnheit, zu ihm zu sagen: "Ich habe mich für sie in die Bresche geworfen". Das wiederholte er einmal zu oft, und Lord Berners erwiderte: "Und ich mich für Sie. Jemand hat behauptet, sie seien es nicht wert, mit Schweinen zu leben, und ich habe gesagt, Sie sind es doch.

Herrliche Zeiten, kein Aufschrei.


Alle Zitate aus: Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben. Fischer Tb-Verlag, Frankfurt a.M., 1997. S.31f; S.53f; S.196

Mehr über Edith Sitwell hier: 
Wikipedia
The Telegraph: Edith Sitwell, Eccentric Genius 


Montag, 4. Dezember 2017

Annie Ernaux ‚Die Jahre‘ / Les années



Klappentext
Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, »unpersönliche Autobiographie«. 


Eine Wiederentdeckung


Die gegenwärtige Popularität von Annie Ernaux in Deutschland - im November 2017 Platz 1 auf der Bestenliste des SWR - ist ganz gewiss ein Resultat des ökonomischen Erfolges der Bücher von Didier Eribon und Eduard Louis, die  beide immer wieder Bezug auf Annie Ernaux nehmen.
Ihr Erfolg reiht sich damit in eine ganze Reihe „soziologischer„ Romane aus Frankreich ein. Neben den erwähnten Eribon und Louis könnte man noch Catherine Millet (Traumhafte Kindheit) und Virginie Despentes (Das Leben des Vernon Subutex) dazu zählen. 

Schon früher gab es Versuche, Ernaux dem deutschen Publikum vertraut zu machen: 
- La Place (deutsch: Das Bessere Leben, Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl., Nov. 1988 und in: Moderne französische Prosa, Verlag Volk und Welt Berlin 1988);
- Les Femmes ( deutsch: Gesichter einer Frau, Goldmann Verlag 10. April 2007 und  Das Leben einer Frau Dt. Erstausg.Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl. 1993).  

Selbst im Stoffplan der gymnasialen Oberstufe in Baden-Württemberg 2013 taucht A.E. mit ihrem Roman „La Place / …) als Wahllektüre auf. 

Bei Reclam gibt es dazu die passende Textausgabe mit Erläuterungen: 
Ernaux, Annie: Une femme (Gallimard, 1988 u. Reclam)  La place (Gallimard, 1984)


Trotz zweier weiterer in Deutschland veröffentlichter Bücher („Sich verlieren“, 2003  und „Eine vollkommene Leidenschaft“, 2004) war die Autorin nahezu in der Versenkung verschwunden, als sie im Sommer 2017 überraschend wieder auftauchte (s.o.).


Eine Auto-Soziobiographie 


In den älteren Büchern, „La Place - Das bessere Leben“ berichtet Annie Ernaux vom Leben ihres Vaters, in „ Les Femmes - Gesichter einer Frau“ steht das Leben ihrer Mutter im Zentrum. Beide Bücher sind noch stark autobiographisch ausgerichtet und schildern den sozialen Aufstieg der Familie aus ärmlichen Verhältnissen zu bescheidenem Wohlstand und die damit verbundenen Anstrengungen und  Verbiegungen, mit denen insbesondere das Mädchen und die junge Frau Annie konfrontiert wurde.
Biographie wird mit Zeitgeschichte verbunden und das Individuelle mit dem Kollektiven verknüpft. 

„Die Jahre“ weicht davon vollkommen ab, denn nun ist das Individuelle vollständig im Kollektiven aufgegangen. 
Annie Ernaux: „Es ging mir darum ein Leben zu entfalten, das Leben einer bestimmten Generation über 60 Jahre hinweg. Ich wollte auf keinen Fall eine autobiographische Form verwenden, im Stil von <<Ich bin 1940 geboren>>.“



„Sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen", heißt es am Ende des Buches. (S.252)
Also bekommen wir eine „Anti-Autobiographie“, eine „Kollektivbiographie" der Jahre 1940 bis 2010 zu lesen, die bei Lesern, und vor allem Leserinnen, meiner Generation viele Erinnerungen wecken wird, und die sind nicht immer angenehm. 

Dem ästhetischen Konzept entsprechend ist „der totale Roman“  in einer schmuck- und emotionslosen, distanziert nüchternen Sprache geschrieben. Obwohl immer wieder Familienfotos den Anstoß für Erinnerungen liefern, gibt es hier kein „ich“, sondern nur ein „wir“ und „man“. Persönliches wird nach Möglichkeit in den Hintergrund gedrängt.


Wie ich das Buch lese 


Es ist ein Bericht darüber, wer wir waren, was wir werden wollten und was wir geworden sind. (Obwohl ich Probleme habe, an dieser Stelle „wir“ zu schreiben, denn das „wir“ ist immer ein Konstrukt, das Zeitgenossen einschließt ohne deren Einverständnis einzuholen.)

Engere Familiengeschichte findet kaum statt. Die Rolle des Ehemannes (und später die des Geliebten, der Kinder, des Berufs) werden nur an wenigen Stellen schemenhaft angedeutet, so z.B. S.101: 
„Also ist er der unsichtbare Fotograf, der jungenhafte, flatterhafte Student, der in nur vier Jahren Ehemann, Vater und Beamter in einer mittelgroßen Stadt in den Bergen geworden ist." 

Dafür finde ich eine Fülle von treffenden Beobachtungen und Reflektionen zur Nachkriegsgeneration, der Jahre des sozialen Aufstiegs und des steigenden Wohlstandes, zum Leben als Kind in den späten 40er und als Jugendliche in den 50er Jahren, mit verblüffenden Parallelen zum Leben in Deutschland, zu meiner eigenen Biographie, z.B. zum Verhältnis Jungen/Mädchen.


„Überall waren Jungen und Mädchen voneinander getrennt. Die Jungen, laute Wesen, die keine Tränen kannten, warfen ständig mit irgendetwas, einem Stein, einer Kastanie, einem Böller, einem harten Schneeball, sie fluchten und lasen Tarzan- und Bibi-Fricotin-Comics. Die Mädchen fürchteten sich vor ihnen und wurden ermahnt, es ihnen auf keinen Fall gleichzutun, man hielt sie zu ruhigeren Spielen an, Plumpsack, Hinkelkästchen und Ringlein, Ringlein, du musst wandern.“ (S.40)

Aber bei der Beobachtung von Alltagsszenen bleibt es nicht:


Die 70er Jahre


„Anfangs der Siebzigerjahre saß man an lauen Sommerabenden in großer Runde um einen Bauerntisch herum, der beim Antiquitätenhändler stolze tausend Franc gekostet hatte. […] Die Gespräche drehten sich „um Farbstoffe und Hormone in der Nahrung, um Sexualwissenschaft und Ausdruckstanz, um Antigymnastik, Kinesiologie, humanistische Psychologie, Yoga, um sanfte Geburt, Homöopathie und Soja, um Selbstverwaltung und den Arbeitskampf in der Lip-Uhrenfabrik.“ (S.119)

„Die Gesellschaft bekam einen neuen Namen, sie hieß jetzt 'Konsumgesellschaft'. Das war eine unumstößliche Tatsache, die man wohl oder übel hinnehmen musste." […] Die Werbung zeigte, wie man zu leben, sich zu verhalten und seine Wohnung einzurichten hatte, sie war die Kulturanimateurin der Nation.“ (S.121)
„Man selbst ging der Werbung natürlich nicht auf den Leim, man analysierte ihre Verlockungen mit den Schülern und ließ sie einen Aufsatz zum Thema >>Macht Besitz glücklich<< schreiben, und wenn man bei Fnac eine Super-8-Kamera von Bell & Howell kaufte, war man überzeugt, dass man die modernen Errungenschaften zu einem intelligenten Zweck nutzte. Für uns und durch uns wurde der Konsum zu etwas Erhabenem. Der Konsum löste die Ideale von 1968 ab."(S.122)
„In einem Pariser Vorort zu wohnen bedeutete: auf einem Territorium zu leben, dessen Geografie einem fremd blieb und dessen Straßen ein unentwirrbares Geflecht bildeten, weil man alle Wege mit dem Auto zurücklegte, sich den Verlockungen der Warenwelt nicht entziehen zu können, den ausufernden Gewerbegebieten und der langen Abfolge von Lagerhallen an den Ausfallstraßen, mit Firmenschildern, die Maßlosigkeit ausdrückten, Alles fürs Wohnzimmer, Welt des Teppichs, Lederzentrum, und mit einem Mal waren die Werbespots im Radio seltsam real, Ich kauf' meine Möbel nur bei Saint-Maclou. Es bedeutete, dass man in dem, was man sah, keine glückliche Ordnung fand." (S.132f)

Die 80er Jahre


„Die Tatsachen, die materielle und immaterielle Wirklichkeit, erreichte uns nur noch in Form von Zahlen und Prozentpunkten, die Arbeitslosenquote, der Absatz von Autos und Büchern, das Krebsrisiko, die durchschnittliche Lebenserwartung, die Umfrageergebnisse zu diesem oder jenem Thema. 55% der Franzosen sind der Meinung, dass zu viele Nordafrikaner im Land leben, 30% besitzen einen Videorekorder. Die Arbeitslosenzahl ist auf zwei Millionen gestiegen. Die Zahlen drückten nichts aus, nur Fatalismus und Sachzwang.“ (S.153)

Und in den 90er Jahren dann: 


„Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion. Wettbewerb, Prekariat, Erwerbsfähigkeit, Flexibilität waren die neuen Kampfbegriffe. Man lebte in geschönten Diskursen. Man hörte ohnehin kaum zu, die Fernbedienung hatte die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, uns wurde schnell langweilig." (S.191)
"Es gab immer mehr und immer größere Verkaufsflächen. [...] Es waren Orte des harten Konsums, wo sich der Kaufakt in einer schmucklosen Umgebung vollzog, in einem sowjetisch anmutenden Klotz, der mit einer monströsen Anzahl von Produkten ein und derselben Sparte gefüllt war,..." (S.193)

Schließlich das neue Jahrtausend:


„Die Religion war zurück, aber es war nicht mehr unsere, nicht die, an die man nicht mehr glaubte, die man nicht weitergegeben hatte und die letztlich die einzige richtige war, oder, wenn man wollte, die beste. Der Rosenkranz, die Kirchenlieder und Fisch am Freitag gehörten ins Museum unserer Kindheit.“ (S.223)
„Die Orte, an denen sich die Waren präsentierten, wurden immer größer und schöner, immer bunter und sauberer, ein krasser Gegensatz zu den verwahrlosten Metrostationen, Postämtern und öffentlichen Schulen.“ (S.229)
„Für alle, auch für die illegalen Einwanderer, die in einem überfüllten Boot auf die spanische Küste zuhielten, hatte die Freiheit die Anmutung eines Einkaufszentrums oder eines Hypermarchés mit seinem erdrückenden Überangebot." (S.230)


Ein Resümee


Wie oben zu lesen war: Annie Ernaux betreibt keine Nabelschau, sie schreibt  keine „Recherche du temps ...", vielmehr breitet sie den Erfahrungsschatz einer ganzen Generation aus, mit geschärftem Blick auf die sozialen Veränderungen von 1940 bis Anfang der 2000er Jahre. Sie verfällt jedoch nicht in ideologische Denkmuster, wie man das Eribon vorwerfen kann. Ernaux analysiert nicht, sie beobachtet, stellt Fragen an sich selbst als Repräsentantin einer Generation, deren Selbstlügen sie zerpflückt  - und das authentisch und deshalb überzeugend.

Leider verliert das Buch zum Ende hin an Durchschlagskraft. Die Jahre nach der Epochenwende 1989 werden zunehmend atemlos durchschritten, „das Feuer lässt nach“, die Bilanz wird buchhalterisch und damit langweiliger, weil vieles bekannt ist und nur noch referiert wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre. Ich bin gespannt, wann es eine Fortsetzung gibt.


Und – beziehen sich Eribon und Louis zu Recht auf Annie Ernaux?


Eine Übereinstimmung mit Eribon und Louis sehe ich lediglich im soziologischen Ansatz und in der „Scham" über die Herkunft aus der Unterschicht.
Die Einbettung der eigenen Geschichte in die kollektive Geschichte, das Bekenntnis zu den Lügen und Irrtümern der eigenen Generation unterscheidet sie jedoch fundamental von Eribon und Louis. Bei Ernaux gibt es keine Schuldigen, denen man die Verantwortung für die als Misere erlebte Biographie zuschieben kann. Wenn überhaupt, dann sind die Schuldigen „wir“.

Mehr dazu demnächst in diesem Blog!



Quellen Links:



Pressestimmen zum Roman auf der Suhrkampseite.
http://www.suhrkamp.de/buecher/die_jahre-annie_ernaux_22502.html

Annie Ernaux spricht über »Die Jahre«  Suhrkamp Verlag
https://youtu.be/Gga-t7C7BQo 

SWR Bestenliste November  Annie Ernaux: Die Jahre - Lesung aus dem Buch und Diskussion
https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/lesenswert/swr-bestenliste-november-annie-ernaux-die-jahre/-/id=659892/did=20578204/nid=659892/14pn9qt/index.html

Französische Literatur - Ich und das Mittagessen
Von Meike Feßmann SZ 9. Oktober 2017
http://www.sueddeutsche.de/kultur/franzoesische-literatur-ich-und-das-mittagessen-1.3687874

Annie Ernaux: "Die Jahre". Erinnerungen ohne Ich-Erzähler
Von Peter Urban-Halle
http://www.deutschlandfunkkultur.de/annie-ernaux-die-jahre-erinnerungen-ohne-ich-erzaehler.950.de.html?dram:article_id=397818

Aus dem Radiofeature: Frankreichs Schriftsteller mit Soziologenbrille
Die französischen Schriftsteller Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon 
WDR 3 Kulturfeature | 07.10.2017 | 53:58 Min.
http://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/soziologen-frankreich-100.html

Donnerstag, 30. November 2017

Warum Franzosen so gute Bücher schreiben


Diese These ist von Iris Radisch, die darüber eine vergnügliches Buch geschrieben hat, das ich jedem ans Herz lege, der ein gewisses Interesse an französischen Schriftstellern der letzten 100 Jahre hat. Niemals zuvor hat eine Autorin so treffende und spöttische Beschreibungen literarischer Häupter und deren Weltzentrum Paris abgeliefert: 

Als Beleg mögen folgende Zitate dienen:
Über Sartre:
"Ein aufrechter Resistancekämpfer wie Camus' Freund Pascal Pia nannte Sartre dann auch in boshafter Anspielung auf die Vichy-Regierung den "Vichinsky vom Café de Flore". (S.12)
"... ein verbitterter Nelson Algren wird dem Playboy-Magazin anvertrauen, dass Beauvoir und Sartre andere Menschen in schlimmerer Weise benutzten als ein Zuhälter seine Prostituierte. Das war bösartig, aber nicht abwegig." (S.23)


Über die Befreiung von Paris im August 1944:
"Während die Alliierten auf Paris vorrücken und die Armee Leclerc schon vor den Toren steht, hat Paris beschlossen sich zu befreien. Und was machen der reizende Castor und Sartre? Was sie in den letzten Jahren immer getan haben. Sie sitzen morgens, mittags und abends im oberen Stockwerk des Café de Flore." (S.14)
"Der Wetterbericht meldet für den 19. August 39 Grad im Schatten. Die Pariser nehmen mitten im Aufstand ein kühlendes Bad in den Seine-Bädern. In den Zeitungen: Menschenmengen im Badetrikot." (S.15)
"Leiris notiert im Tagebuch: "Der Aufstand ist nur mehr der Hintergrund für einen durchaus angenehmen Abend." (S.16)


Über Paris:
"Paris ist für seine Schriftsteller mehr als eine Stadt. Es ist eine Lebensform und das Nationaltheater, auf dem die französische Kultur aufgeführt wird. " [...] Obwohl man nirgends so einsam sein kann wie in Paris - Camus nennt es im Tagebuch 'die einzig bewohnbare Wüste' - ist man hier niemals allein. Man bewohnt denselben urbanen Salon." (S.38f)

Über Nathalie Sarraute
"Das interessiert Nathalie Sarraute: die gekrümmten Seelen des französischen Bürgertums, die sich unter der Last der Floskeln winden." (S.58)

Über Sagan und 'Bonjour Tristesse'
"Seine Heldin ist eine in die Geschlechtsreife gekommene Pippi Langstrumpf aus der Pariser Bourgeoisie." (S.84)
"Françoise Sagan wird das erste Fräuleinwunder und der erfolgreichste französische Literaturstar der Nachkriegszeit, ein Kerouac mit großen braunen Kinderaugen und Perlenkette." (S.85)


Über Ionesco:
"Ionescos frühe Einakter waren von heiterer Sinnlosigkeit.Vater Ionesco (unter den Faschisten ein Rechtsintellektueller, unter den Kommunisten ein Linksintellektueller; RW) glaubte an die Macht. Sohn Ionesco an die Ohnmacht." (S.100)


Über Michel Leiris:
"So mutig wie die bewunderten spanischen Stierkämpfer wollte er sein Leben am Schreibtisch riskieren." (S.113)

Über die Mairevolte 1968:
"Sisyphos wälzte keine Steine mehr, er warf sie." (S.124)


Über Assia Djebar
"Assia Djebar gehört nicht zu den Menschen, die mit hängender Zunge durchs Leben hetzen." (S.141) 
 "Assia Djebar wird der Konflikt zwischen der Muttersprache des Herzens und der Vatersprache der Aufklärung bis zu ihrem Tod begleiten." (S.150)


Über das zwiespältige Verhalten der Schriftsteller maghrebinischer Herkunft und deren Illusionen: 
"Die Wirklichkeit hat einen träumenden französischen Schriftsteller allerdings noch nie aufgehalten." (S.152)

Über Daouds 'Fall Meursault': 
"Daoud hat versucht mit seinem Roman, "die Philosophie des Absurden vom Kopf auf die Plattfüße zu stellen." (S.158f)


Über die 80erJahre nach Sartres Tod:
"Ein neues Zentralgestirn ist nicht in Sicht. Man sieht im Fernsehen jetzt zwar ständig neue Philosophen. Aber man kann sich deren Namen nicht merken." (S.171)


Über Le Clézio:
"Sein Roman ('Die Wüste') enthält die bewährten Zutaten antizivilisatorischer Aussteigerliteratur von Mark Twain bis Henry David Thoreau und darüber hinaus eine kräftige Prise jener sandknirschender Verklärung, die auf Antoine de Saint-Exupéry und Albert Camus zurückgeht." (S.172/174).


Über Yasmina Reza:
"Yasmina Reza porträtiert in der Regel die nicht ganz normale, weil etwas besserverdienende, Pariser Mittelschicht um die vierzig - eine der sorglosesten und zugleich tragikomischsten Generationen aller Zeiten, die in der korrekten Handhabung der Küchengeräte und der kompetenten Nutzung der Fernsehkanäle die letzten metaphysischen Herausforderungen ihrer Epoche erblickt." (S.205)
Ihre Figuren sind  alle "Helden dieser überforderten, im französischen Konsumparadies umherirrenden Mittelschicht, mit deren Affären man sich nicht lange aufhalten würde, wäre da nicht Rezas immense Kunst, so verzweifelt komisch zu sein." (S.206)


S.212 Eine LISTE der französischen Schriftsteller, die über ihre Mütter nicht hinweggekommen sind.


Über Emmanuel Carrère:
"Die Suche nach dem Reich Gottes kann in diesem Roman guten Gewissens vertagt werden. Hier bereitet man zu dem Thema erst einmal einen Sonderdruck vor. Und ein paar Jahre später veranstaltet man dann vielleicht ein Symposium." (S.215)


Über Michel Houellebecq: 
"ein Literaturterminator mit Schwerbeschädigtenausweis, der unwiderruflich ein neues Zeitalter einläutet." (S.197) 
Und über sein Buch "Ausweitung der Kampfzone": 
"wieder einmal hat ein französischer Schriftsteller das Lebensgefühl einer ganzen Epoche vorweggenommen, noch bevor es allseits beklagt wurde." (S.197)
Houellebecq und Sartre:
"Michel Houellebecq tritt ein Erbe an, das nach Sartres Tod niemand übernehmen wollte - er schreibt zeitdiagnostische Gesellschaftsromane im Stile eines Pariser Chefideologen, der seinen Feldherrenblick über das Gewimmel seiner Epoche schweifen lässt." (S.219f)

Über Jonathan Littells 'Die Wohlgesinnten': 
Der Autor habe die französische Besonderheit des pornographischen Mystizismus mit den Grausamkeiten eines feinsinnigen SS-Mörders amalgamiert, was in diesem Fall zu einer toxischen Mischung und einem nur schwer erträglichen Roman führte. "Ein weiteres Mal gilt: Es schreiben ja nicht alle Franzosen gute Bücher." (S.180) 

Touche!

Und warum schreiben jetzt die Franzosen so gute Bücher?

"Inzwischen sind Pierre Michon und Marie NDiaye die legitimen Erben der verwaisten französischen Klassik. Ohne ihre auf zahllosen Parataxen balancierenden, mit Metaphern und Metonymien jonglierenden, absolut absturzsicheren Endlossätzen, mit denen man über beinahe jede Lebensklippe hinwegkommt, würden die Franzosen definitiv nur halb so gute Bücher schreiben." (S.191)
Und:
"Könnte es sein, dass die französischen Schriftsteller so gute Bücher schreiben, weil sie weder vor politischen Grenzüberschreitungen noch vor den Nachtseiten der Existenz zurückschrecken?" (S.219)

Eine Frage, keine Antwort, ein Gesicht erbleicht.




Zur Vertiefung

Mit mp3 zum download:
NDR kultur Klassik à la carte: Studiogast: Iris Radisch
Mittwoch, 11. Oktober 2017, 13:00 bis 14:00 Uhr
http://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/klassik_a_la_carte/Iris-Radisch-liebt-franzoesische-Literatur-,sendung697546.html#

Iris Radischs Streifzug durch die französische Literatur
von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Sachbuchkritiker
https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/sachbuch-der-woche-iris-radisch-warum-die-franzosen-so-gute-buecher-schreiben-100.html


Dienstag, 3. Oktober 2017

Montag, 2. Oktober 2017

Was die Hausfrau noch wusste #2

























Eines der beliebtesten Pasta-Gerichte für Kinder ist
Spaghetti mit Banane und Spiegelei.
Nicht vergessen: Banane vorher schälen!

Haben Sie auch einen Tipp?

(Mehr auf worstofchefkoch.tumblr.com)