Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ach, Edith.

Von Roger Fry - http://www.artnet.de/artwork/424645113/159979/roger-fry-portrait-of-edith-sitwell.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4076482

Edith Sitwell darf man mit gutem Recht als geniales Lästermaul bezeichnen - und sie hätte das gewiss als Kompliment aufgefasst. Zum Beweis meiner Behauptung ein Zitat:
Meinen Eltern mißfiel ich, weil sie gern ein Kind wie das gehabt hätten, das 1788 einer Frau namens Mary Clark geboren worden war: "Die Ärzte fanden ihren Kopf von sonderbarem Aussehen.". Aber diese Merkwürdigkeit "kümmerte sie nicht weiter, denn das Kind verhielt sich in der üblichen Weise, und erst nachdem eingetretenen Tod unbestreitbar war, ...erwies sich, daß es nicht das geringste Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn oder Rückenmark gab." Das wäre für meine Eltern ein ideales Kind gewesen. Aber leider habe ich mich nie auf die übliche Weise verhalten, und es ließ sich nicht leugnen, daß ich schon in frühester Kindheit deutliche Anzeichen für das Vorhandensein von Großhirn, Kleinhirn und Rückenmark an den Tag legte. Ich war eine Enttäuschung. Meine achtzehnjährige Mutter hatte geglaubt, sie habe eine neue Puppe bekommen - eine, die auf ihre Aufforderung hin die Augen öffnete und schloß und "Papa" und "Mama" sagte. In dieser Hinsicht wie in jeder anderen erfüllte ich die in mich gesetzten Erwartungen nicht.

Und noch ein Meisterstück ihrer Spottlust:
Eines der schlimmsten dieser unmenschlichen Wesen war Diana Pilkington, angeblich eine Schönheit. Ihr Körper schien genau in zwei Teile geteilt zu sein, von denen der obere aus einem riesigen roten Schinken bestand, der ihr als Gesicht diente; seine untere Hälfte hingegen ähnelte einem jener beinlosen Spielzeuge, die hin und her schaukeln, wenn man sie leicht anstößt.Hinter der gewaltigen ausdruckslosen rosa Fassade war sie ein abgestumpftes Geschöpf,an dem plumpe, ungeformte Gesichtszüge einfach deshalb angebracht waren, weil sie einen Mund brauchte um zu essen, sowie eine Nase, um damit das Elend anderer herauszuschnüffeln.

Sie war keineswegs allein mit dieser Lust am britischen, d.h. exzentrischen Spott. Über den von ihr sehr geschätzten Lord Berners berichtet sie:
Einer seiner Bekannten hatte die unverschämte Gewohnheit, zu ihm zu sagen: "Ich habe mich für sie in die Bresche geworfen". Das wiederholte er einmal zu oft, und Lord Berners erwiderte: "Und ich mich für Sie. Jemand hat behauptet, sie seien es nicht wert, mit Schweinen zu leben, und ich habe gesagt, Sie sind es doch.

Herrliche Zeiten, kein Aufschrei.


Alle Zitate aus: Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben. Fischer Tb-Verlag, Frankfurt a.M., 1997. S.31f; S.53f; S.196

Mehr über Edith Sitwell hier: 
Wikipedia
The Telegraph: Edith Sitwell, Eccentric Genius