Didier Eribon hat seinem Megaseller "Rückkehr nach Reims" (hier mein Kommentar dazu) schon 2013 ein Sequel nachgeschoben, von dem sich der Suhrkamp Verlag ebenfalls viel Umsatz erhoffte (was aber sicher nicht eintraf):
Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil.
Es ist ein Buch voller Larmoyanz, Selbstanklage und mit einer deftigen Portion Größenwahn, kurz ein schamloses Buch, dessen Lektüre mir einige Qualen bereitet.
Nur kurz zwei Beispiele für seine nach Generalabsolution heischende Selbstanklage:
Ich konnte "mich der 'symbolischen Gewalt' nicht entziehen, konnte [...] nicht verhindern, dass ich, wie so viele Beherrschte, zu einem Komplizen der beherrschenden Herrschaft wurde. Wir sind so sehr Produkte der Ordnung der sozialen welt, dass wir sie am Ende selbst reproduzieren: Noch wenn man sie anklagt oder auf einer anderen Ebene dafür kämpft, dass sie sich ändert, wie man es gerne hätte, bestätigt man ihre Legitimität und Funktion" (S.63)
"Auf einer noch tieferen Ebene der Analyse muss man allerdings auch feststellen, dass man all die sanften Zwänge und Unterwerfungen, all das, was zum Einstieg ins kulturelle und intellektuelle Milieu (wenn man beispielsweise beginnt, Artikel oder Bücher zu veröffentlichen) notwendig ist, nicht nur erleidet, sondern dass man sich ihm auch bereitwillig unterwirft. Man sucht nach den Zwängen, man verlangt nach ihnen." (S.118f)
Den treffenden Kommentar dazu hat schon vor über 100 Jahren Wilhelm Busch geschrieben:
Kritik des Herzens
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
Demnächst mehr zu Eribon, versprochen!
