“Das musste die größtmögliche Freiheit sein: nicht zu merken, daß sie um einen ist, wie die Luft zum Atmen.” (S.137)
Büscher durchquert die Vereinigten Staaten in drei Monaten von Nord nach Süd, von North Portal/North Dakota einem öden Grenzübergang, wo er nicht gerade freundlich empfangen wird, bis Brownsville/Texas. Fast immer zu Fuß, manchmal aber auch mit dem Auto auf der Route 77. Und er erlebt die Menschen im tiefsten Inneren der USA.
In den Plains hörte er drei Sätze immer wieder:
“Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.” (S.151)
Ein Friseur in Manhattan/Kansas:
“Wir leben in Angst, wir, die arbeitende Klasse. Solche wie ich mit einem kleinen Geschäft. Wir haben etwas Geld beiseite gelegt fürs Alter. Jetzt gibt Washington mehr und mehr Geld für die Wohlfahrt aus. Geld, das sie uns nehmen, Geld, das uns erhalten sollte im Alter. Wir sind keine Klassengesellschaft, jeder ist willkommen, ob Spanier, ob Mexikaner, nur arbeiten muß er. Kommt und arbeitet! Capitalism is good!” (S.192)
In der Nähe von Lincoln/Nebraska, kurz bevor auf die Route 77 trifft, findet der müde Wanderer Mitleid bei Gene, einem Bauarbeiter, der ihn mit zu seiner Familie nimmt. Sie leben kaum anders als 150 Jahre zuvor die ersten Siedler gelebt haben, nur jetzt mit Pickup vor dem Haus und TV im Wohnzimmer. Aber noch immer versammelt sich die Familie vor dem Feuer und trotzte der Kälte:
"Diese Leute sind arm, bemitleidenswert arm. Wer sagte das, wer redete so? [...] In gegenwartsdeutschen Augen bin auch ich als Kind arm gewesen, bemitleidenswert arm, aber mir ist das damals nicht so vorgekommen. Arm war, wer hungerte und fror und sich nicht helfen konnte. Wir hungerten und froren nicht und konnten uns helfen. [...] - wir hielten uns doch nicht für arm. Und waren es auch darum nicht.” (S.156)
Über Kansas schreibt er:
"Viel leere Orte hatte ich gesehen. Wichita war leerer als alle”.
Er besucht den <<Lord's Dinner>>der Diözesanskathedrale Zur Unbefleckten Empfängnis Mariens mit Freitischen für Arme und notiert:
"Das war das Erstaunlichste - jedem Dritten sah man es nicht an, daß er den ganzen Tag darauf wartete, hier eine warme Mahlzeit umsonst zu erhalten. Alte und Junge und Familien mit Kindern, die gar nicht zu wissen schienen, wohin sie gingen, so unbefangen kamen sie an der Hand ihrer Eltern daher." (S.217)
In Waco/Texas trifft er auf Charles, den heutigen Chef der Davidianer-Sekte, die sich 1993 einen mehrere Woche langen Kampf mit der Polizei geleistet hatte und bei dem lediglich neun Bewohner ein ausgebrochenes Feuer überlebten. Büscher resümiert:
"Schon wahr, Amerika war, wenn nicht das Land der Freien, so doch derer, die frei sein wollten, sie alle brachen aus unfreieren Ländern hierhin auf, bis heute. Aber es brachen auch die nach Amerika auf, die in älteren, in Lebensdingen gelasseneren, in Glaubensdingen gefestigteren Ländern niemand vermißte - all die verrückten Sektierer. Auch ihnen bot Amerika einen Platz in seinen Prärien, seinen Wüsten, seinen Städten, auch mit ihnen hatte es sich vollgesogen." (S.268)
Büscher zeigt ein ungeschminktes Amerika, weitab von den städtischen Zentren im Westen und Osten des Kontinents. Ein Amerika von unten, verstörend fremd für uns Mitteleuropäer, die wir mehr an Sozialstaat als am Jüngsten Gericht orientiert sind. Hätte man das Buch aus dem Jahr 2011 (!!) früher gelesen, wäre die Überraschung und der Schrecken über den Wahlerfolg Donald Trumps wohl nicht so groß gewesen.
Und was bedeutet das für die kommende Wahl zum Präsidenten der USA? Ich fürchte, nichts Gutes.
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