Samstag, 9. November 2019

Lernen bis zum Umfallen #1 Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris




Der Erzähler Victor, anfangs nur „der Schriftsteller“ genannt, ist auch Protagonist des Buches. Erzählt wird aus der Retrospektive, dreißig Jahre nach den schrecklichen Ereignissen.
Victor gehört 1984 zu den zwölf bis dreizehn Prozent besten Schülern seines Abiturjahrgangs in Frankreich und hat sich damit für eine Vorbereitungsklasse (Classe préparatoire) an einer Eliteschule in Paris qualifiziert. Ihm eröffnet sich die Möglichkeit an einer Elitehochschule zu studieren, wenn er das erste Jahr erfolgreich übersteht und nach dem zweiten Jahr den sogenannten Concours, eine Zulassungsprüfung in mehreren geisteswissenschaftlichen Disziplinen, besteht*.

Die Zeit am Lycée D ist geprägt von brutalem Leistungsdruck, Anpassungszwang und Erniedrigung durch die Lehrkräfte, in deren Folge sich ein Mitschüler, wie Victor aus der Provinz kommend, das Leben nimmt.

Über einen seiner Lehrer. Monsieur Clauzet schreibt Victor:
„Clauzet war eines der schlimmsten Exemplare von Lehrern, die ich jemals getroffen hatte. Arrogant bis zum Gehtnichtmehr, [...] Überzeugt davon, dass er die neue Weltelite unterrichtete, die nichtsdestotrotz wie x-beliebige Studenten einer Vorbereitungsklasse behandelt werden mussten, sogar eher noch wie Gymnasiasten: mit demonstrativer Herablassung und gelegentlich maximal einer Silbe der Anerkennung oder der Ermutigung, quasi wie Brotkrumen, die man Tauben hinwirft. Er war berühmt-berüchtigt für seine verletzenden Kommentare und originellen verbalen Klatschen, die seine Opfer kreuzigten. Gegenüber Gleichaltrigen – Leuten Anfang, Mitte vierzig – wäre das vielleicht amüsant gewesen. Aber er hatte es mit jungen, oft sensiblen Schülern zu tun. Jungen Menschen ihren Bildungsmangel vorzuwerfen ist nichts anderes als eine extreme Form von Selbstverachtung.“ (S.34f) 

Dass Clauzet auch ein Frauenfeind war und Schülerinnen auf besonders verachtenswerte Weise demütigte, wird jetzt niemand überraschen. 

Das System Clauzet ist jedoch nicht das System eines kranken Einzelgängers, sondern spiegelt den Geist der Eliteerziehung wider:
Clauzet wurde von allen gehasst, und auch viele seiner Kollegen konnten seinem Humor verständlicherweise nichts abgewinnen – doch mir fiel auf, dass keiner der anderen Lehrer seine Methoden direkt oder indirekt in Frage gestellt hätte und dass auch keiner versuchte, den Schmerz zu lindern, wenn manche Schüler kreidebleich und am Boden zerstört aus den Französischstunden kamen. Im Grunde ihres Herzens glaubten auch sie an die natürliche Selektion und waren froh, dass ihnen jemand die Drecksarbeit abnahm und sie sich nicht selbst die Hände schmutzig machen mussten.“ (S.37)
Alle Lehrer waren durch dieses System der Unterwerfung gegangen, und so erscheint die brutale Erziehung nicht zuletzt als Rache der Alten für die Demütigungen in ihrer Jugend.

Für Victor heißt die Konsequenz: „Jeden Morgen, wenn ich Clauzet grüßte, grinste ich innerlich und sagte mir, dass er mein abschreckendes Beispiel war. Das, was ich nicht werden wollte.“ 

Und tatsächlich wurde Victor später Lehrer und Schriftsteller, obwohl er die Zwischenprüfung gerade so noch besteht, aber die eigentliche Zulassungsprüfung nach zwei Jahren ad absurdum führt, indem er als letzte schriftliche Aufgabe statt eines Essays eine Art Roman abgibt und deshalb nicht zur Elitehochschule zugelassen wird.

Aber das ist nicht nur eine Erzählung über Leistungsdruck und elitären Dünkel im französischen System der Elitenbildung und ein Französisches Coming-of-age, sondern, wie Blondel in einem Interview mit der deutschen Lektorin betont:
„Ja, ganz nebenbei ist Ein Winter in Paris auch ein Roman über soziale Unterschiede, der die Wege nachzeichnet, die zum Beispiel auch Annie Ernaux oder Didier Eribon beschreiten. Der Roman zeigt, wie man nicht nur durch einen Ortswechsel, durch das Umfeld, sondern auch, weil man neue Kompetenzen und Kenntnisse erwirbt, in unsichere Gefilde gerät, weil einem bewusst wird, dass man sich von seiner Basis, seinen Wurzeln entfernt und dass der Weg ab einem bestimmten Punkt endgültig ist. Man kann nicht mehr zurück.Und das ist natürlich auch ein Roman über Paris und die Provinz und die seltsame Beziehung, die wir, die wir aus der Provinz kommen, mit der Hauptstadt unterhalten – bestehend aus Bewunderung, Eifersucht, Neid, aber auch Zurückweisung: Wir lieben es, ein paar Tage in Paris zu verbringen, aber wir wollen nicht für alles Geld der Welt hier leben.“Quelle: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-winter-in-paris/978-3-552-06377-8/#fivequestions
Das ist ein starkes Buch, mit einer fundamentalen Kritik an den elitären Classes préparatoires und seinen sadistischen Lehrern, die keine Rücksicht auf die jugendliche Psyche nehmen. Und der Autor schreibt offensichtlich aus eigener Erfahrung.

Ein Winter in Paris erinnerte mich stark an Hesses Unterm Rad, in dem Hermann Hesse seine bedrückenden Erfahrungen am württembergischen Landesseminar literarisch verarbeitete. Obwohl zwischen beiden Geschichten nahezu einhundert Jahre liegen, gibt es doch verblüffende Parallelen. Also habe ich diesen Roman wieder gelesen. Das Ergebnis finden Sie hier: Klick

*Zum System der (vor-) universitären französischen Elitebildung siehe Wikipedia


Verweise und Besprechungen
Leseprobe
https://www.vorablesen.de/buecher/ein-winter-in-paris

Über den Autor
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Philippe_Blondel

5 Fragen an … Jean-Philippe Blondel
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ein-winter-in-paris/978-3-552-06377-8/#fivequestions 

Jean-Philippe Blondel - Ein Winter in Paris. Von Jörg Aufenanger
https://www1.wdr.de/kultur/buecher/ein-winter-in-paris-104.html 

Perfekter Text über einen gesellschaftlichen Aufsteiger. Von buchdoktor Avatar
https://www.vorablesen.de/buecher/ein-winter-in-paris/rezensionen/perfekter-text-ueber-einen-gesellschafltichen-aufsteiger 

SWR2 Lesenswert: Jean-Philippe Blondel, Ein Winter in Paris 
https://www.swr.de/swr2/literatur/Jean-Philippe-Blondel-Ein-Winter-in-Paris,aexavarticle-swr-55884.html (MP3)