“Ich heiße Paul Blick, bin vierundfünfzig Jahre alt [...]. Ich schlucke regelmäßig Disopyramid, Propranolol und habe, wie alle anderen auch, zu rauchen aufgehört. Ich lebe allein, esse allein und werde allein alt, auch wenn ich versuche, den Kontakt zu meinen beiden Kindern und meinem Enkelsohn aufrechtzuerhalten.” (S.12)
Paul Blick, der Protagonist, wird 1948 geboren und wächst in einem bürgerlichen Haushalt auf. Claire, die Mutter, ist Korrektorin, der Vater Victoire führt eine gut gehende Autowerkstatt mit Verkauf. Alles könnte perfekt sein, aber die Familie leidet unter dem frühen Tod des ältesten Sohnes Vincent, der 1958, am Tag der Volksabstimmung über die Verfassung der Fünften Republik, an einer Bauchfellentzündung verstarb.
“Seit Vincents Tod konnte bei uns zu Hause von einem richtigen Leben nicht mehr die Rede sein, und zwei Monate im Jahr, wenn meine Großmutter kam, verwandelte es sich in eine Hölle.” (S.19), denn seine strenggläubige katholische Großmutter väterlicherseits, “eine Frau aus einer anderen Zeit, war in meinen Augen der Archetyp der Hässlichkeit, Niedertracht, Verbitterung und Perfidie.”(S.15)
Paul führt uns durch die französische Nachkriegszeit, von Anfang 1950 bis zum Beginn der 2000er Jahre und spart dabei nicht mit Kritik an der jeweiligen Präsidentschaft und den Regierungen, die sein Leben begleiten, aber nicht wesentlich prägen. Politik ist Bestandteil des familiären und gesellschaftlichen Lebens. Dabei geht es durchaus robust zu, denn man hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. So erzkatholisch und reaktionär bis faschistoid die Großmutter ist, so links antiautoritär ist eine Tante, die im Konkubinat mit einem Sportjournalisten lebt, der am weihnachtlichen Tisch 1962 die Unabhängigkeit Algeriens verteidigt gegenüber Hubert, ein Cousin, der von de Gaulle als “wahrem Hurensohn” spricht, der die Franzosen in Algerien verraten hat.
“So also war meine Familie damals: freudlos, überaltert, reaktionär und unendlich traurig. Mit einem Wort französisch. Sie glich diesem Land, das sich glücklich schätzte, noch am Leben zu sein, nachdem es Scham und Armut hinter sich gebracht hatte. Ein Land, das heute reich genug ist, seine Bauern gering zu schätzen, sie zu Fabrikarbeitern zu machen und ihnen absurde Städte zu errichten von funktionaler Hässlichkeit.” (S.30)
Paul hat für die Präsidenten, die sein Leben begleiten nichts als Verachtung übrig:
Zu de Gaulle: “Rasch begann ich diesen Mann zu hassen. Sein süffisantes Gehabe, sein Käppi, seine Leuchtturmwärteruniform, sein ganzes hochmütiges Äußeres störten mich...(S.14)
Zu Valerie Giscard D’Estaing: “ein kleiner Wicht, ein erbärmliches Würstchen”, der am Tage der letzten Hinrichtung eines Delinquenten in Frankreich, sich verkroch und nicht erreichbar war.“ (S.158f)
Zu Mitterand: “Die Mitterand-Ära, im Rausch der Hoffnung und Versprechen, mit einer gewissen Majestät begonnen, endete in einer Art politischem und moralischem Zerfall.” In einer “monarchischen Republik, die die öffentlichen und moralischen Angelegenheiten auf ein vorsintflutliches Niveau zurückstufte,...” (S.277)
Aber Paul ist kein besserwisserischer Spießer, sondern durchaus selbstkritisch:
“Zu gegebener Stunde hatte ich, ohne es zu merken, sämtliche Etappen des Lebens eines Kleinbürgers durchlaufen. Für die Diplome Student, in den Pausenzeichen Anarchist, einen kurzen Schauder lang Libertin, dann schnell durch eine gute Heirat wieder angepasst und zwei handfeste Kinder am Hals, war ich schließlich beträchtlich reich geworden. Alles in allem war ich ein guter Schüler. Das System hatte mich nicht abgerichtet und gegeißelt, sondern ... verdaut.“ (S.218)
Pauls Glück und sein Vermögen sind nicht von Dauer und er muss lernen. mit Schicksalsschlägen zu leben. Wie sein Land?
Frankreich war mir schon aus geographischen Gründen immer sehr nahe. Jean-Paul Dubois hat mir das Land und seine Leute noch näher gebracht, denn die Verknüpfung von Biographie, Gesellschaftsanalyse und Zeitgeschichte ist ihm überzeugend gelungen. Kein Balzac, kein Zola, aber in deren Tradition fest verankert.
Jean-Paul Dubois erhielt 2014 für diesen Roman den “Prix Femina” und den “Prix roman FNAC”. 2019 erhielt er den “Prix Concourt” für sein Buch "Tous les hommes n'habitent pas le monde de la même façon".
"Une vie française" erschien 2005 auf Deutsch bei Ullstein und 2007 in unveränderter Übersetzung bei List. Mal sehen wie lange es dauert, bis es seinen neuen Roman auch auf Deutsch zu lesen geben wird.
