Freitag, 8. November 2019

Nicolas Mathieu: Wie später ihre Kinder - Vier Sommer in 6 Jahren

1992 - 1994 - 14.Juli 1996 - 1998




„Das heutige Frankreich ist geteilt und zerrissen. Auf der einen Seite das Frankreich der Metropolen, auf der anderen Seite das Frankreich, das wir 'Peripherie' nennen. Diesem Frankreich der Peripherie fehlt oft die grundlegende Infrastruktur, öffentlicher Nahverkehr, Krippen, Kulturveranstaltungen.“
Emmanuel Macron in seinem Buch "Revolution"; 2017

Von diesem Frankreich der Peripherie handelt der Roman von Nicolas Mathieu, der 2018 mit dem Prix Concourt ausgezeichnet wurde. Eine Coming of Age-Geschichte aus dem prekären Milieu Frankreichs, lokalisiert in dem fiktiven, ehemaligen Industriestandort Heillange in Lothringen. Geschrieben mit sehr viel Sympathie für das langweilige Leben der Jugendlichen, „die keine Träume mehr hatten" (S.52) und auch keine Stimme, könnte man ergänzen. Er erzählt über einen Zeitraum von sechs Jahren die Geschichte von Anthony, Steph, Clem, Hacin und Coralie und deren Eltern und Geschwistern. Er berichtet von ihren Problemen, Träumen und von ihren Ängsten vor der Gegenwart und der Zukunft. Und er liefert, wenn man so will, auch ein Beitrag zum Verständnis dessen, was die Bewegung der Gelbwesten antreibt, denn 
„Die Krise war allerdings nicht mehr zeitlich beschränkt. Sie hatte einen Platz in der Ordnung der Dinge eingenommen. Sie war ein Schicksal. Ihr Schicksal.“ (S.436)
Deshalb kann man den Roman durchaus in der  naturalistischen Tradition eines Emile Zola sehen, wie Virginie Despentes irgendwo bemerkte.

Nicolas Mathieu überzeugte mich nicht nur durch die genaue Milieuschilderung, sondern auch durch seine Sprache, die an vielen Stellen eine, wie ich finde, starke poetische Kraft hat:
„Eine Weile spürte er noch ihre Blicke im Rücken und bog in die Rue Clément-Hader, ohne aufs Stoppschild zu achten. Die Straße war zu dieser Tageszeit wie ausgestorben, sie fiel steil zur Innenstadt ab. Am Horizont leuchtete der Himmel in völlig übertriebenen Farben. Wie berauscht ließ er das Lenkrad los und breitete die Arme aus. Sein Shirt flatterte im Fahrtwind. Für einen Augenblick schloss er die Augen, der Wind pfiff ihm in den Ohren. Und so fuhr er dieser ausgestorbenen, seltsam wackligen Stadt entgegen, die sich den Hang hinunter bis unter die Autobahn erstreckte, mit einem Schaudern, zum Verrecken jung.“ (S.31)
Ein Roman, den man auch jungen Lesern sehr empfehlen kann.

Verweise:

TAZ: 
Die Loser von Lothringen. Von Fokke Joel

Rezensionsübersicht beim Perlentaucher: 
Nicolas Mathieu, Wie später ihre Kinder

DLF: 
Die Hölle der Gleichförmigkeit. Von Dirk Fuhrig

„Als wären sie nie gewesen“  Neue Literatur aus den Randgebieten Frankreichs. Von Sigrid Brinkmann (PDF) Klick

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