Montag, 23. Mai 2022

Neue Erzählungen aus Taiwan


Von Wahrsagern und Technofrauen: Erzählungen zeitgenössischer Autorinnen aus Taiwan 
von Hsu An-Nie (Herausgeber), Übersetzt von: Brigitte Höhenrieder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann.
Projekt Verlag Bochum u. Freiburg /  National Museum of Taiwan Literature, 2021

Die Sammlung enthält acht Erzählungen jüngerer Autorinnen aus Taiwan, die ein breites Themenfeld abdecken, wie im Titel “Von Wahrsagern und Technofrauen” schon erkennbar wird. Am besten gefallen hat mir die zurückhaltende Erzählung “Mein erfundenes Jahr 1987” von Lai Hsiang-Yin, eine berührende “Coming-of-age”-Geschichte aus dem modernen Taiwan, die einen Einblick in das Denken und Fühlen Taiwanischer Jugendlicher bietet. Weniger soziologisch-psychologisch angelegt, dafür originell ist Lin Hsin-Huis dystopische Erzählung von der humanoiden Techno-Ehefrau, die auf rätselhafte Weise ihren realen Ehegatten in eine neue Existenz überführt. Auch die Geschichte von der sterbenden Mutter und dem blinden Masseur (“Der letzte Gast”), geschrieben von Chung Wen-Yin, kann durch ihren individuellen Ton überzeugen und ist für mich ein gelungener Beweis für die Qualität des gegenwärtigen Literaturschaffens auf der Insel. 

Mancher mag denken, die Literatur Taiwans ist nur deshalb bei uns so wenig bekannt, weil es vielleicht an der Qualität mangelt. Die drei genannten Erzählungen sind ein Beweis des Gegenteils. Es liegt nicht an der mangelnden Qualität, wenn die taiwanischen Autoren und Autorinnen bei uns so wenig bekannt sind. 

Aber woran liegt es dann? Vielleicht daran: Die drei von mir genannten Beiträge der Sammlung sind alle vom gleichen Übersetzer übersetzt worden, von Marc Hermann. Alle anderen Texte wurden, mit einer Ausnahme, von Hans Peter Hoffmann übersetzt - und ich finde, in katastrophaler, nahezu unlesbarer Weise.

Ich habe den Namen des Übersetzers recherchiert und herausgefunden, dass er u.a. auch Übersetzer von Lao Yiwu ist, von dem ich zwei Bücher in meinem Bücherregal stehen habe. An diesen Texten ist nichts auffällig und nichts zu bemäkeln, soweit ich das beurteilen kann. Was aber in dem hier besprochen Sammlung abgeliefert wurde, spottet jeder Beschreibung. Satzbruchstück folgt auf Satzbruchstück, die Zeichensetzung ist teilweise grammatikalisch völlig willkürlich und ohne System. Diese Mängel und der Gebrauch von abgedroschener Umgangssprache* (“kam nie aufs Tapet”, “ arbeitete im horizontalen Gewerbe”, “auch wenn sie von wegen Verhütung geschützt gewesen seien”; “eine Mütze voll Schlaf”)  mit norddeutscher Einfärbung (“Ich habe da einen Blick für”, “er hatte es über”) machen das Lesen zu einer Qual und verhindern geradezu den Zugang zu den Texten. Die Ausdrucksmängel und direkten Fehler sind teilweise so eklatant, dass ich die Vermutung hatte, es müsse sich um einen namensgleichen Anfänger handeln. Oder ist es vielleicht so, dass der ausgewiesene Übersetzer die Übersetzung einem Sinologie-Studenten übertragen hat, das Ergebnis aber unkontrolliert dem Verlag übermittelt wurde? 

Hier einige Kostproben der Übersetzungsleistung (Ohne Kenntnis des chinesischen Originaltextes).
S. 20f: “Auch sie verströmten einen unangenehmen Geruch, der Schweiß- und Ölgeruch, den sie verbreiteten, überdeckte sogar den Geruch des Bluts und des aus der Maschine ausgelaufenen Öls, und streunende Hunde und Raubvögel verhielten beklommen.” 

S. 33: “Vor den vereinzelten Häusern an der Straße standen, alt und riesig, gelbe Hibiskus- und Brotfruchtbäume, in diesem Landstrich wehte der Wind vom Meer Tag und Nacht, Grashalme, Häuser und die Gesichter der Menschen hatten einen sturen und beklommenen Ausdruck.”

S. 110:  “Er erinnerte sich schon nicht mehr und rechnete auch nicht nach, wieviel Jahre der Lungenkrebs der Tante her war, sie hatten den Brustkorb geöffnet und nachgesehen, aber nichts getan und unverrichteter Dinge wieder zugenäht, es dauerte keine sechs Monate und es war zu Ende; nachmittags, die Beerdigung war schon vorbei, kam er nach Hause, zwei Männer, erschöpft und jeder für sich irgendwo im Wohnzimmer hingesunken, saßen sie die Zeit ab, wortlos wie zwei Stücke Holz, und selbst wenn sie das Foto der Tante, das über dem Totenaltar gehangen hatte, ansahen, taten sie es verstohlen und nicht gemeinsam, als hätten sie Angst, der andere würde es merken.”
Es gibt auch unlogische, manchmal unfreiwillig komische Sätze:
S. 33 “A Yun ging nicht zur Nachmittagsschicht in die Fabrik zurück, sie schlug eine kleine Gasse zur Küste ein.”

S. 43: “er rief ununterbrochen, kam aber doch nicht herüber und zeterte nur in seinem Schatten da herum.” (Reife Leistung - im eigenen Schatten zu zetern!)

S. 55: “Diese geheime Anleitung für Bildhauer, die auch etwas von der Kälte eines wissenschaftlichen Konzepts hatte, aus ihrem Mund machte mich schaudern. Männer, wie sie sie sich vorstellte, waren alle Klingel und Hund, wie bei Pavlov, auf Außenreiz reagierende Geschöpfe.” 

S. 123: “Es hieß ja, auf dem Sterbebett ziehen die entscheidenden Szenen des Lebens an einem vorbei, dieser Vorstellung hingen fast alle an, die noch nie gestorben waren,...”

S. 130: ...”das Kriegsbeil mit dem Körper war nahezu begraben.”
Der Band schließt mit einem lesenswerten und sehr informativen Text “Zum Übersetzen aus dem Chinesischen”. Die Autoren schreiben: 

Konsequenzen für das Übersetzen

“Syntaktisch ist das Chinesische reihend aufgestellt, vor allem in der klassischen Prosa wird das deutlich, Geschehen reiht sich an Geschehen, idealerweise in Einheiten von je vier Schriftzeichen, was sehr knapp, sehr elegant, sehr schön sein kann, während das Deutsche türmt und verschachtelt, statt in die Fläche sich im Raum, in dreidimensionaler Spracharchitektonik aufbaut - wobei eine direkte Nachahmung der chinesischen Reihung im Deutschen schnell etwas sehr Schulaufsatzhaftes bekommen kann.” (S.282f)
Es bleibt das Geheimnis des Übersetzers, wieso die Alternative zu deutschen Satzungetümen (Thomas Mann?) die bloße Aneinanderreihung von Satzteilen sein soll.

“Sehr knapp, sehr elegant sehr schön” ist die Reihung in der Übersetzung von Herrn Hofmann nicht. Es blieb beim “Schulaufsatzhaften.” Er hätte sich ein Beispiel an seinem Kollegen Marc Hermann nehmen sollen, dem tatsächlich eine gut lesbare, elegante Übersetzung gelungen ist.

Leider gab es auch kein Lektorat, das die gröbsten Schnitzer in Grammatik und Satzbau hätte korrigieren können. Selbst Fehler im Buchsatz (fehlende Satzzeichen, fehlende Buchstaben am Wortende) wurden übersehen. Das Buch wirkt insgesamt wie eine oberflächlich zusammengestellte Kostprobe studentischer Übersetzungsversuche.

Das Ergebnis ist ein lieblos gemachtes Buch, das der Sache, der Popularisierung taiwanischer Autorinnen mehr schadet als nutzt. Man hat diesen Frauen einen Bärendienst erwiesen.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Corona-Post April 2022

GIGA-Finale: Garbage In - Garbage Out


Die ist vorerst mein letzter Monatsbericht zur Pandemie. Wie man sieht, werden die Daten durch die  Bundesländer nicht mehr kontinuierlich erhoben. Elf von sechzehn Ländern melden übers Wochenende und über Feiertage nichts mehr an das RKI. Da es begründete Vermutungen gibt, dass die Registrierung positiver PCR-Tests auch nicht valide ist, lasse ich es lieber. 

Leider haben zwei Jahre Pandemie es auch nicht erreicht, dass in den Medien seriös und gewissenhaft darüber berichtet wird. Immer noch herrscht Sensationsjournalismus vor, selbst bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wenn die BILD sich am 2. Mai zu der wahrheitswidrigen Meldung hinreißen lässt:
0 Corona-Tote!
dann weiß man halt: BILD kann nicht anders. Aber wenn die Tagesschau eine ähnliche Nachricht verbreitet und am Morgen des 2. Mai verkündet:
Erstmals seit September 2020 wurde kein Todesfall registriert
dann möchte man schon verzweifeln ob der Leichtfertigkeit (oder ist es schlicht Ahnungslosigkeit?) der Redaktion. 
(Mehr dazu bei "Übermedien": Klick)

Übrigens: Vor einem Jahr sahen die Kurven noch so aus:

War was? Wir sehen uns mit aktuellen Daten im Herbst wieder, versprochen!

Im Familienkreis sind wir bis jetzt mehr oder weniger gut durch die Pandemie gekommen. In Sabines Familie kam es zu zwei nachgewiesenen Infektionen, in meinem Umkreis waren es ebenfalls zwei. Bis auf einen Fall waren aber alle folgenlos, wenn auch die jeweils erforderliche Quarantäne ziemlich nervte. Ende April habe ich meine 4. Impfung bekommen, die ich wie die bisherigen Impfungen gut vertragen habe.

Corona ist mittlerweile weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden, dafür ist der Ukraine-Krieg das beherrschende Thema. Das ist verständlich, wenn man das Leid der Bevölkerung und die Zerstörungen der zivilen Einrichtungen durch die russische Armee abendlich live am TV verfolgen kann.


In Deutschland kommt es zu einer mich verstörenden Diskussion, befeuert vor allem aus dem linken und kulturell geprägten Milieu. Statt Waffen zu liefern solle man lieber auf Verhandlungen mit dem Aggressor setzen.
Ich frage mich: Was müsste man Putin anbieten, damit er im Gegenzug auf die völlige Zerstörung ukrainischer Städte und die Vernichtung der Bevölkerung verzichtet?


Sonntag, 1. Mai 2022

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

 

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929-1939.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 202.

Alles was in den dreißiger Jahren Rang und Namen hat, hat hier seinen Auftritt:
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Henry Miller und Anaïs Nin , F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Salvatore Dali, Pablo Picasso, Joseph Roth und Irmgard Keun, Bertolt Brecht und Helene Weigel und nicht zuletzt Katia und Thomas Mann nebst Kindern Klaus und Erika.

Im Angesicht der kommenden Katastrophe präsentiert uns Illies einen Reigen aus Klatsch und Tratsch von großen und kleinen Schriftstellern, Frauen und Männern jeglichen Geschlechts im untergehenden Europa der Kultur von 1932 -1939.
Aufgeführt wird in dem Stück die Zukunft als Katastrophe, nur der spanische Bürgerkrieg spielt fast keine Rolle. Auch das Elend des Exils ist weitgehend reduziert auf das Elend der Beziehungskriege. In den Betten ging es wild zu zwischen allen Geschlechtern und allen Generationen (Kinder ausgenommen). 
Das Buch ist ein Puzzle, das man beliebig legen kann. Quellen sind im Anhang angeführt, aber leider ohne Bezüge zum Text, so dass sich viele Aussagen nicht überprüfen lassen. Und vieles, was den Protagonisten in den Mund gelegt wird, ist sicher frei erfunden. Es gibt auch historische Ungenauigkeiten, aber das ist keine Geschichtsstudie, sondern ein Werk zur gebildeten Unterhaltung, das mit originellen Formulierungen aufwarten kann. Eine Auswahl:

S.65: Erst "Die Schönen und die Verdammten" und dann "Der große Gatsby", das waren Grimms Märchen der zwanziger Jahre.

S.83: Sein eigenes Herz hält  (Ernst) Jünger kühl, knapp über Null Grad. Seine Frau Gretha kann ein Lied davon singen. Er wird ihr lebenslang die Untreue halten.

S.338: Über Hannah Arendt und ihren späteren Mann Heinrich Blücher:
Sie bewegen sich in ihren Briefen und in ihren Gesprächen auf eine wundersame Weise ganz langsam aufeinander zu, wissend, dass Umwege die Ortskenntnis erhöhen.

Das Buch liest sich flott und langweilt nie und knüpft damit aufs Vortrefflichste an Illies Bestseller "1913" an.
Mal sehen, wer einst die Chronik der Zeitenwende von 2022 schreiben wird.

Rezensionsübersicht:
Perlentaucher

Mittwoch, 20. April 2022

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid

 

Ai Weiwei: 1000 Jahre Freud und Leid. Erinnerungen. Penguin Verlag, München 2021. 
ISBN 9783328602316. Gebunden, 416 Seiten, 38,00 EUR

Wenn die Administration uneingeschränkte Macht hat, wenn die Justiz keiner Kontrolle unterliegt, wenn Informationen vor der Öffentlichkeit zurückgehalten werden, dann muss eine Gesellschaft jenseits von Gerechtigkeit und Moral funktionieren. Eine korrupte Justiz ist das öffentliche Gesicht eines moralisch bankrotten Gemeinwesens, eine Narbe, die die Zeit entstellt, in der wir leben.
(Ai Weiwei, S.274)


Vorbemerkungen


Mein erster Kontakt mit Ai Weiwei und seinem Werk geht auf ein Zitat von ihm zurück, als er die Zerstörung seiner großen Installation Template in Kassel am 21. Juni 2007 mit den Worten kommentierte: „Das ist besser als vorher“. Diesen Künstler, der so gelassen und humorvoll mit der Zerstörung seines Werks durch Wind und Wetter umgeht, wollte ich näher kennen lernen.



Ich habe in den folgenden Jahren fast jede Ausstellung von Ai Weiwei in Deutschland und im nahen Ausland besucht. Dabei habe ich das Werk eines Künstlers kennen gelernt, das mich zum Nachdenken anregt und immer wieder tief beeindruckt.
Nichts hat mich mehr gefreut, als zu Weihnachten von Sabine seine Autobiographie  geschenkt zu bekommen.


Zwei Leben in einem Buch


Das Buch besteht aus zwei Teilen, die ineinander übergehen. Im ersten Teil schildert Ai Weiwei das Leben seines Vaters Ai Qing, der ein gefeierter Poet und Kämpfer der chinesischen Revolution unter Mao Tse-tung war. Im zweiten Teil erfahren wir vieles über den künstlerischen Werdegang Ai Weiweis  -  von New York 1981 bis ins Jahr 2016 als Exilant mit Frau und Kind in Berlin. 

Ai Weiwei wird 1957 geboren, im gleichen Jahr als Mao die erste Parteisäuberung organisierte und den sogenannten “Kampf gegen die Rechtsabweichler” begann. Ai Qing,  der Vater, wurde als “führender Rechtsabweichler” in den fernen Nordosten Chinas nach Shihezi verbannt.  Dort geht Ai Weiwei zur Schule. 
Im Gefolge der Kulturrevolution 1967 wird der Vater dann erneut verbannt und in eine Militärfarm am Rand der Wüste Gurbantünggüt in Xinjiang gebracht, unter den Einheimischen “Klein Sibirien” genannt. Die Mutter beschließt mit dem kleinen Bruder von Weiwei, Ai Dan, nach Beijing zurückzugehen. Vater und Sohn bleiben in Xinjiang.Später müssen Vater und Sohn erneut in Xinjiang  umziehen und hausen von da an unter unbeschreiblichen Zuständen in einem nicht mehr genutzten Erdloch. Der kleine Weiwei wird Zeuge der täglichen Unterwerfungsrituale, dem entwürdigenden System aus “Kritik und Selbstkritik”, die sein Vater als “Rechtsabweichler” und Vertreter der alte Ordnung gegenüber den Rotgardisten leisten muss. 

Die Autobiographie gibt uns Einblick in das Leben im chinesischen Gulag, unter der Schreckensherrschaft des Regimes von Mao, wie wir es auch schon von anderen chinesischen Intellektuellen kennen lernten.  Chen Kaiges Autobiographie (“Kinder des Drachen), Yu Huas Roman , Der Mann, der sein Blut verkaufte), Li Zhenshengs Fotodokumentationen (“Roter Nachrichtensoldat”) oder in Filmen wie Zhang Yimous “Leben”.Alle in der Phase nach dem Sturz Maos in der Zeit der Liberalisierung erschienen.

Auch wenn die heutige chinesische Regierung unter dem Mao-Imitator Xi Jinping noch so viel Propaganda verbreitet. Sie wird eine echte Aufarbeitung der Geschichte der vergangenen siebzig Jahre nicht vermeiden können.

Erst 1972, nach dem Ende der Macht von Mao, können Vater und Sohn auf Intervention Edgar Snows bei Zhou Enlai nach Shihezi zurückkehren. Weiwei kann wieder seine alte Mittelschule besuchen. Drei Jahre später darf der Vater auch wieder nach Beijing, wohin ihm sein Sohn ein Jahr später, nach Abschluss der Schule, folgt. 
Im März 1979 wird der Vater schließlich vollständig rehabilitiert. Ai Weiwei ist zu dieser Zeit schon Student an der Kunstabteilung der Filmakademie in Beijing mit dem Hauptfach Zeichentrick! Die erste Phase seines Lebens ist abgeschlossen.


Ich gehe deshalb so detailliert auf den Werdegang des Autors ein, weil nur so sein weiteres Werk verständlich wird und, nebenbei, auch die Irritationen, die sein Wegzug aus Berlin 2019 auslöste. Davon später mehr.

Neuanfang


Im Januar 1981 stellt Ai Weiwei einen Antrag auf einen selbstfinanzierten Studienaufenthalt im Ausland. Der Antrag wird genehmigt und am 11. Februar fliegt er, versehen mit Reisepass und einem Startgeld von 30 US-$ in die USA. 

ICH REISTE NICHT ETWA deshalb nach Amerika, weil ich mich nach einem westlichen Lebensstil sehnte - es war eher so, dass ich das Leben in Beijing einfach nicht mehr aushielt. (S.184)

In den USA angekommen wechselt er häufig seinen Aufenthaltsort. Anfangs wohnt er bei einer Freundin in Philadelphia, dann an der Westküste in Berkeley. Später begegnet er im Philadelphia Museum of Art zum ersten Mal moderner Kunst. Es sind die Installationen von Marcel Duchamps, die ihn begeistern und zu ersten selbständigen Arbeiten animieren.

 Nach einem Jahr bewirbt er sich schließlich für ein Studium an der Parsons School of Design in New York und wird dort aufgenommen. Über die Parsons School schreibt er:

Parsons glich einem teuren Kindergarten, in dem man einen Haufen eigensinniger Kinder feinsinnig überreden wollte, sich doch anständig zu benehmen. Aber die Zeit dort war wichtig. Ich kam mir vor, als stände ich am Ufer der Kunst, mit einem weiten Sichtfeld vor mir und einem Wirrwarr an Ideen im Kopf. Ich fing an, nach Konzepten und Ausdrucksformen zu suchen, die mir gefielen. (S.101)

Er wohnt an verschiedenen Orten in New York, vor allem aber im East Village und in Greenwich Village. In dieser Zeit schließt er Freundschaften mit chinesischen Künstlern, trifft Allen Ginsberg, malt hin und wieder, lebt von Porträts, die er an der Straße für Touristen anfertigt und probiert sich an ersten kleinen Installationen. Er lebt das Leben eines Bohemiens, ohne Ziel und Engagement, “wie eine Ameise auf einem großen Baum”, schreibt er, und genießt seine Freiheiten als Künstler. Zwölf Jahre lang.

Schließlich kehrt er 1993 nach Beijing zurück, nachdem ein chinesischer Künstler in N.Y. von einem Schwarzen nach einem Streit erschossen wurde und er sich nicht mehr sicher fühlt.
Der Mord an Lin Lin machte mich empfänglicher für die Absurdität dieser Gesellschaft. Die Gewalt, die im amerikanischen Leben so tief verwurzelt war, dass man ihr nie entrinnen konnte, spiegelte die tiefgreifenden Mängel wider, die in das gesellschaftliche Gerüst dieses Landes eingewoben sind. (S. 216)

 Der  Künstler und Aktivist


In Beijing entwickelt Ai Weiwei die ersten Arbeiten, diese kleinen Schandtaten, wie er sie nennt, die bis heute in der Öffentlichkeit mit seinem Namen verbunden werden: Die antike Vase mit dem Coca-Cola Schriftzug und eine Fotoserie, wie er ein Ritualgefäß aus der Han-Dynastie fallen und spektakulär zerspringen lässt.


Im Winter 1995  entsteht dann das berühmte Stinkefinger-Foto vom Tiananmen-Platz.
Diese unmissverständlich höhnische Geste war meine Art, die Existenz meines Ichs zu bestätigen. Für Fehlinterpretation blieb dabei kein Raum. Ich hatte keine anderen Mittel - ich konnte lediglich eine Haltung aufbieten. Indem ich nicht vergaß, nicht vergab und nicht aufgab, begriff ich, was für ein Glück es war, nach Beijing zurückgekehrt zu sein - endlich hatte ich das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Mein Foto war weniger ein Kunstwerk als ein Manifest aus dem Stegreif, aber es war hart erkämpft. (S.226)
Seit diesem Zeitpunkt ist Ai Weiwei einer internationalen Öffentlichkeit bekannt.

Die folgenden Jahre werden durch Großprojekte geprägt, die ihn zu einem der führenden Künstler weltweit machen und international für Aufsehen sorgen (und schließlich in der Volksrepublik zu staatlichen Repressionen führen).  Dazu gehört u.a. die Mitarbeit am Bau des Olympiastadions in Beijing (“Vogelnest”, 2002 - 2005), und das Projekt “Fairytale” zur documenta in Kassel  2006/2007, als er 1001 Chinesen einfliegen ließ, als Teil der Ausstellung und ihre Erfahrungen als ein Beitrag zur Kunst, und viele andere Projekte.

Auf zwei Projekte möchte ich genauer eingehen: Die Ausstellung “So Sorry” in München 2009 (die ich gesehen habe), und die Installation “Seeds” in Londons Tate Modern 2010. Zwei extrem unterschiedliche Ansätze zeitgenössischer Kunst.

So Sorry


Als im Mai 2008 ein Erdbeben Sichuan erschüttert und ganze Ortschaften vernichtet, fühlt sich Ai Weiwei sofort herausgefordert. Er besucht die Unglücksorte, thematisiert das Ausmaß der Katastrophe und das weitgehende Versagen der Behörden und deren Gleichgültigkeit in einem Internet-Blog und unterläuft damit die staatliche Politik der Informationskontrolle.
Ihm fällt auf, dass besonders öffentliche Gebäude wie Schulen und Kindergärten häufig völlig zerstört wurden, da die endemische Korruption chinesischer Behörden und Parteigrößen zu Pfusch und zum Einsatz von ungeeignetem, billigen Material führten. Er erstellt mit seinen Helfern Listen der umgekommenen Kinder. Die Behörden wollen aber das Ausmaß der Katastrophe lieber verschweigen .
Wir schickten insgesamt tausend Fragen und bekamen auf keine einzige eine direkte Antwort. Was mich aber abgesehen vom tragischen Tod so vieler Kinder am meisten schockierte, war die zunehmende Gleichgültigkeit der Menschen wie sie sich von der Sache abwandten, sie vergaßen, schwiegen -, als hätte die Katastrophe nichts mit ihnen zu tun.
Die Katastrophe von Sichuan und verändern die Einstellung Ai Weiweis radikal.  
Ich war offenbar vom Künstler zum Aktivisten geworden. Es ist gar nicht so schwierig, Aktivist zu werden: Sobald man seiner Besorgnis über die Zukunft der Nation Ausdruck verleiht, befindet man sich möglicherweise schon auf dem direkten Weg ins Gefängnis. Aber ich war gewissermaßen mit einem fragilen Regime konfrontiert, und ich begriff, dass ich handeln musste, um das Böse in ihm zu entlarven. Ich betrachte das, was vor mir liegt, als »Readymade«, so wie Duchamps Urinal. Die Realität schafft die größten Möglichkeiten für meine Kunst, und diese Erkenntnis ist der Quell meiner Zuversicht.
Künstlerischen Niederschlag finden diese Aktivitäten in der großen Ausstellung “So Sorry” . An der Außenwand befestigt Ai Weiwei  9000 Schulrucksäcke, die in der Anordnung als chinesische Schriftzeichen den Satz "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt" bilden; der Satz, mit dem die Mutter eines Erdbebenopfers die Kindheit ihrer Tochter beschrieb. 



Armierungseisen aus den eingestürzten Schulgebäuden und Kindergärten ließ er einsammeln, gerade biegen und in Holzsärgen wie Leichen lagern, um auf den Zusammenhang zwischen schlechtem Material, Korruption, dem Versagen der Behörden beim Bau der Gebäude und den tödlicher Folgen diese Missstände hinzuweisen.


Ai Weiwei schreibt über die große Ausstellung in München
Im Gegensatz zu der Ausstellung "According to What?" in Tokio einige Monate zuvor, die nur begrenzt wahrgenommen worden war, rief So Sorry - die Eröffnung fand kurz nach meinem Krankenhausaufenthalt statt, über den ausführlich berichtet worden war - starkes Interesse hervor und erhielt überwältigend positive Kritiken. Eine solche Anerkennung in München, einem bedeutenden Kunstzentrum in der Mitte Europas, zu bekommen, verfestigte meine spirituelle Verbindung mit meinem Vater, dessen Liebe zur Kunst achtzig Jahre zuvor in den Museen und Galerien von Paris genährt worden war.

Seeds

Zur Ausstellung “Seeds”  in Londons Tate Modern 2010 ließ Ai Weiwei 100 Millionen Schalen von Sonnenblumenkernen anfertigen, die er als 650m2  großen Teppich in der Halle ausbreitete. Sie sind aus Porzellan, handgefertigt und jede einzelne Schale ist handbemalt und damit einzigartig. Ungefähr 1.600 Arbeiter/-innen brauchten zweieinhalb Jahre für ihre Herstellung, also wurden pro Person ca. 60 000 Stück bemalt. Wie Ai Weiwei schreibt, wurde die Arbeit auch zu Hause, zu allen Zeiten, in vielen Pausen erledigt. (Man könnte anmerken: Nichts ist in China so billig wie Arbeitskraft.) Ai Weiwei sieht in den unzähligen ähnlichen Kernen eine Metapher für das Menschenbild der kommunistischen Partei Chinas:

Jeder Kern war eine selbstständige Einheit, aber zwischen den einzelnen Kernen gab es keine erheblichen Unterschiede, und wenn eine gewisse Zahl von Sonnenblumenkernen zusammengetragen wurde, dann wurde etwas anderes daraus. Man sah jeden einzelnen Kern, gleichzeitig aber auch nicht, denn sie alle gingen in einer gewaltigen Flut unzähliger ähnlicher Sonnenblumenkerne unter. Wenn es etwas gibt, das mein Verständnis von China symbolisieren soll - etwas, das jeder Chinese und jede Chinesin kennt, dann ist das auf jeden Fall der Sonnenblumenkern. (Ai Weiwei, S.312f) 

Der Teppich aus Sonnenblumenkerne war auch in Düsseldorf 2019 zu sehen. 

Staatliche Repression

Schon vor  München stand Ai Weiwei unter staatlicher Beobachtung. Seine Tätigkeit in seinem Blog, sein Wandel vom “reinen” Künstler zum Aktivisten sorgte für Unruhe bei den staatlichen Mächten. Spätestens ab Ende 2008  begannen dann die chinesischen Behörden Ai Weiweis Blog zu stören und im April  2011 erfolgt schließlich die erste Verhaftung, die zu einer Untersuchungshaft von 81 Tagen führt, unter permanenter Aufsicht und Kontrolle durch Wachpersonal. (In einer späteren Installation baute er die Zelle samt Wachpersonal nach.)
Die Untersuchungshaft endet mit einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung seiner Firma FAKE und einer Steuerrechnung von über 2,4 Mio $. Eine Berufung wird 2013 abgelehnt.

Düsseldorf 2019

Für den Künstler Ai Weiwei ist das Anlass China zu verlassen. 2014 fliegen Frau und Kind nach Berlin, ein Jahr später folgt er ihnen nach. Sie bleiben vorerst in Deutschland. 2019 erfolgt der Umzug nach Cambridge und später nach Portugal, wo Ai Weiwei heute lebt.

Ai Weiwei zieht aus seinem bisherigen Leben als Künstler und künstlerischer Aktivist ein vorläufiges Zwischenergebnis:
Heutzutage sehen sich immer mehr Menschen gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen, und zwar aus allen möglichen Gründen - Krieg, religiöse Diskriminierung, politische Verfolgung, Zerstörung der Umwelt, Hunger, Armut. Wird es uns jemals gelingen, diese Geißeln aus der Welt zu schaffen? Kann eine Zivilisation, die auf dem Unglück anderer aufgebaut ist, ewig weiter bestehen? Und wer kann sich sicher sein, nicht selbst eines Tages seine Heimat verlassen zu müssen und an einer fremden Küste ausgesetzt zu werden, nur um dort auf Diskriminierung zu stoßen und gezwungen zu sein, um Mitleid zu betteln?
Das Schicksal unserer drei Generationen - meines Vaters, meines Sohns und mir - ist eng mit dem Schicksal zahlloser Menschen verknüpft, denen wir nie begegnet sind und die wir nie kennenlernen werden. Umso mehr ist das Grund für mich, auszusprechen, was ich im Herzen fühle, es mit anderen zu teilen und mir Gehör zu verschaffen. Sich auszudrücken ist von zentraler Bedeutung für die menschliche Existenz. (S.405)

Mein Resümee

Obwohl das Buch mit dem etwas zähen Beginn und der asynchronen Erzählweise in der ersten Hälfte das Lesen erschwert, überzeugt es als spannende Exkursion in die chinesische Zeitgeschichte und in der zweiten Hälfte mit seinen authentischen Erläuterungen zum Werk des Künstlers und Aktivisten (wobei ich das Wort Aktivist eigentlich nicht mag, bezeichnete es doch früher vor allem eine “Person, die im sozialistischen Wettbewerb durch wesentliche Erhöhung der Leistungen und durch neue Arbeitsmethoden die Produktion steigert”, Wikipedia ). Manch irritierendes Verhalten von Ai Weiwei, auch während des kurzen Exils in Deutschland, wird durch seine Autobiographie leichter verständlich und akzeptabel. So die nach der Niederschrift des Buches erfolgte Aktion in Lesbos, als er sich an den Strand legte und das weltweit durch die Presse gegangene Bild eines toten Flüchtlingskindes nachstellte. In der Buchvorstellung in Berlin im November 2021 legt er dar, wie die Situation der Flüchtlinge ihn an seine eigene Kindheit erinnerten und die Situation in Lesbos in ihm alle Hoffnungen und das Vertrauen auf europäische Werte der Menschlichkeit zerstörten.

Das Buch hat mich tief beeindruckt. Es hat mein Wissen bereichert weil es mir das Werk des Künstlers auf eine besonders überzeugende, weil authentische Weise noch näher gebracht hat.


Materialien/Rezensionen

Rezensionsübersicht beim Perlentaucher:

Ai Weiwei: „1000 Jahre Freud und Leid“. Autobiografische Aufarbeitung der Familiengeschichte

Kritischer Geist 
Ai Weiweis Memoiren: Die Wurzeln eines Entwurzelten
In "1000 Jahre Freud und Leid" erinnert sich der chinesische Kunststar an seinen Vater und sein eigenes Leben. Versteht man den Kritiker und Selbstvermarkter nun besser?

BR: Ai Weiweis Autobiografie "1000 JAHRE FREUD UND LEID"

"Niemand mag mich. Aber das mag ich"
Ai Weiwei über China, Corona und das unbeliebte Berlin
 

Weitere Quellen: TV

ARD: Autobiografie von Ai Weiwei 14:15

Fairytale Documenta 12, 2007 Kassel

Video: Disturbing the Peace 

Ai Weiwei: Doku zu Corona in China Coronation 

Deutschlandfunk Kultur (Audio): 
 




Freitag, 8. April 2022

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n...

und dann werden tausend Träume wahr.


Samstag, 2. April 2022

Corona Post März 2022

 Die Lage muss sich normalisieren - sagen die Landesregierungen und sagt die Bundesregierung. 
Wir werden sehen.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" präsentiert weitere Daten grafisch:

(Anklicken zum Vergrößern!)
Wie man sieht: Ende März sind wir auf dem Stand von Anfang November wieder angellangt, allerdings mit fallender Tendenz. Nur die Impfungen folgen diesem Muster nicht

Mittwoch, 9. März 2022

9.3. 2022 Bild des Tages...

 ... und ein bemerkenswertes Interview


Wie aus zuverlässiger Moskauer Quelle gemeldet haben feige, von der NATO bezahlte Faschisten im russischen Mariupol eine Geburtsklinik zerstört, um die Befreiung der Ukraine zu blockieren.

Interview: Gregor Gysi und Bodo Ramelow

Lernt die Linke aus diesem Krieg?
Gregor Gysi und Bodo Ramelow stellen sich der Debatte, ob Putins Angriff auf die Ukraine linke Überzeugungen gegenüber Russland ins Wanken bringen muss.
Interview: Martin Machowecz und August Modersohn
9. März 2022 
(Bezahlschranke)

Ramelow:
Wir haben jetzt auch nicht die Frage zu klären, welche Lebenslügen Herrn Putin erst eingeladen hätten, die Ukraine zu überfallen. Wir haben ihn nicht eingeladen! Er ist der Meinung, dass er das russische Altreich wieder errichten kann, und hat dafür einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gestartet.
[...]
ZEIT: Wie kann dieser Krieg beendet werden? 
Ramelow: Indem wir den Geldhahn zudrehen! Ich bin für einen kompletten Entzug aller Vermögenswerte derer, die das System Putin tragen.

Gysi:
Ich bin sehr enttäuscht über die gesamte russische Führung. Ich habe immer geglaubt und gehofft, dass sie keinen völkerrechtswidrigen verbrecherischen Angriffskrieg beginnen. Da habe ich mich geirrt. Wir erleben schwarze Tage für Europa und die Welt.
[...]
ZEIT: Gibt es aus Ihrer Sicht keine blinden Flecke im Umgang mit Putin?
Gysi: Über die blinden Flecke des Westens können wir gern sprechen. Ich war immer gegen die Osterweiterung der Nato. Sie war ein Fehler. Vielleicht wäre alles nicht so eskaliert, wenn man  darauf verzichtet hätte. Jetzt ist eine neue Situation eingetreten. Finnland und Schweden denken darüber nach, der Nato beizutreten. Früher hätte ich sie dafür schwer kritisiert. Heute kann ich es ihnen nicht vorwerfen. Ich bin aber gegen die aktuellen Aufrüstungsbeschlüsse der Bundesregierung, ich bin auch gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine durch Deutschland.

Zur täglichen Information mit analytischer Ausrichtung hier ein Podcast des NDR:
Streitkräfte und Strategien #Ukraine
https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast2998.html 


Dienstag, 1. März 2022

Corona Post Februar 2022


Die Situation scheint desaströs. Die Inzidenzen sind teilweise zwanzigmal höher als vor einem Jahr! Besonders auffallend: der reziproke Verlauf der Infektionen in Darmstadt und im Neckar-Odenwald-Kreis, meinen beiden Wohnstätten.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Tatsächlich ist aber die allgemeine Situation entspannter als noch vor einem Jahr. Das zeigt die Grafik aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2022.

Das Schlimmste scheint für dieses Jahr hinter uns zu liegen. Die Impfungen zeigen offensichtlich Wirkung und die neueste Variante des Virus scheint nicht ganz so zu wüten wie die vorhergehenden.
Nun denn, auf ein Neues?



Jeden Montag wird gegen die Impfpflicht demonstriert. Wer sind die „Spaziergänger“? Und was hält sie zusammen? Beobachtungen von Demonstrationen aus Frankfurt, Bad Homburg und Wetzlar.
Fragt die FAZ am 31.1.2022 und gibt u.a. die Antwort:
Im Gespräch mit den Demonstranten fällt so gut wie immer ein Wort: Freiheit. Der Staat, so empfinden sie es, hat ihnen diese Freiheit geraubt, weil er Geimpften mehr Rechte einräumt als Ungeimpften, weil er ihnen den Zutritt zu Geschäften, Fußballstadien oder Kinos verwehrt. Das Gegenargument, dass ein mangelnder Immunschutz in der Bevölkerung die Freiheit der vulnerablen Personen einschränkt, lassen sie dagegen nicht gelten.

In diesen Tagen wird das Thema Pandemie verdrängt vom Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine. Unsere Herzen sind bei den Menschen dort, die für ihre Unabhängigkeit und gegen den russischen Imperialismus kämpfen.
Ich habe hier gespendet. Tun Sie das auch.
Hier finden Sie weitere Kontaktadressen:


Mittwoch, 23. Februar 2022

In der Augenklinik #2: "Money makes the world go round" (akt. 14.3.22)

Am 10.2. muss ich wieder in die Augenklinik, 
um das linke Auge behandeln zu lassen. Das rechte Auge wurde schon im Januar operiert. Drei Tage musste ich damals in der Klinik bleiben.

Diesmal wird mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen kann: "Komfortzimmerservice"

Ich rechne mit einer Übernachtung, maximal werden es vielleicht zwei, und schlage zu.
Ich buche ein Einzel-Komfortzimmer.


Hier lässt sich doch leben?




Es gibt weitere Aufmerksamkeiten:


Auch die Dusche zeigt Komfort:


Als ich am Nachmittag nach der OP wieder aufwache, stehen Kaffee und Kuchen schon auf dem Tisch. Ein Fläschchen Saft und eine Süßigkeit gibt es auch. Ich bin gerührt und zerdrücke eine Träne aus dem linken Auge. Am nächsten Tag gibt es sogar eine Tageszeitung zum Frühstück. Ich bereue nichts.


Das Lesen fällt mir schwer, 
denn auf dem linken Auge sehe ich nur hell-dunkel, rechts bin ich leicht angestrengt und werde müde. Die Augen tränen nicht nur aus Freude über die freundliche Betreuung. Ich wechsle vom Lesen zum Hörspiel. Auf Empfehlung von Sabine wähle ich

Christian Kracht: Imperium
Es dauert...
Das Leben auf der Station hat auch seine angenehmen Seiten. Ich werde bedient, ich habe meine Ruhe, ich kann lesen, Podcasts hören und TV schauen, ganz wie und wann ich es will. 


Aber es dauert.
Am Samstag wird mir bei der Visite geraten, noch einen Tag zu bleiben.
(Ich rechne schnell: Drei mal 167€ macht ....; ok)
Am Sonntag wird mir bei der Visite geraten, einen weiteren Tag zu bleiben.
Am Montag schließlich werde ich entlassen. Ich bekomme vier Medikamente, Augentropfen, die ich mir täglich selbst verabreichen muss. Eines davon muss ich stündlich in die Augen tropfen, über den ganzen Tag verteilt.

Sehen kann ich auf dem linken Auge immer noch nichts. Nur Schatten und starke Hell-Dunkel-Schemen sind erkennbar. Das Auge ist immer noch rot entzündet, äh, sorry, gereizt, wie der Oberarzt betont. Deshalb auch die vielen Medikamente.

In den folgenden zwei Wochen verbessert sich der Zustand nur schleichend, und schleichend soll ich in den nächsten Wochen die Tropfen absetzen.

Aktualisierungen

Tag 20 nach der 2. OP   1.3.2022
Die Reizung ist nahezu verschwunden, Ich sehe aber immer noch nur Schatten auf dem linken Auge, trotz sichtbar kleiner werdenden Gasblase. Rätselhaft.

Tag 27  8.3.2022
Ich sehe immer noch nichts auf dem linken Auge, außer Schemen und Schatten. Eine Untersuchung heute in der Uniklinik ergab, dass dafür eine kleine, postoperative Blutung im Auge verantwortlich ist. Dies sollte sich aber in den nächsten zwei Wochen normalisieren. Wenn nicht, wird gespült.
Im Übrigen hat sich die Gasblase der Tamponade auf einen kleinen schwarzen Punkt reduziert.

Tag 29  10.3.2022
Am Abend hat sich die Gasblase aufgelöst. Die Sehbehinderung bleibt (noch).

Tag 32  13.3. 2022
Heute zum ersten Mal eine Verbesserung der Sehfähigkeit. Ich kann meine Finger deutlicher sehen und auch sonst Kontraste und Schemen deutlicher strukturiert. 

Die Pupille im linken Auge ist aber noch deutlich größer als die rechts, obwohl ich seit drei Tagen keine Tropfen mehr einträufele.

Tag 33  14.3. 2022
Die Sehfähigkeit hat sich weiter leicht verbessert. Ich kann jetzt mein Bücherregal sehen (Entfernung ca. 2m), und zwar so wie hier:


Immerhin.

Tag 35  Di 16.3. 22
Ich sehe links fast wieder normal, gerade so, als würde ich ich eine Lesebrille für die Ferne tragen. Keinerlei Behinderung mehr, nur Unschärfe bei der Fernsicht. Ich kann auch wieder Auto fahren. Die Augenärztin, die ich heute konsultiere, ist sehr zufrieden.

Tag 42  Di 23.3. 22
Bis heute hat sich das Sehen leicht verbessert, scheint aber zu stagnieren bei geschätzt 80 - 90%. Die linke Pupille ist immer noch vergrößert was dazu führt, dass ich beim derzeitig sonnigen Wetter eine Sonnenbrille trage, um das Blenden zu mildern.
Wieder Termin bei der Augenärztin mit OCT-Prüfung des linken Auges: Alles wunderbar.


Fortsetzung folgt!

Elizabeth Strout: „Oh, William!“

 

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Verlag, München 2021 
224 Seiten, 20 Euro

Im Klappentext heißt es:
In ihrem neuen Roman erzählt Lucy Barton (die Heldin aus den Romanen "Die Unvollkommenheit der Liebe" und "Alles ist möglich") von der komplexen und innigen Beziehung zu ihrem ersten Mann William, von den Anfängen, als sie noch studierten, von ihren beiden Töchtern und vom schmerzvollen Ende ihrer Ehe. Doch obwohl sie neue Partner, neue Liebe finden, bleiben sie einander jahrzehntelang verbunden. Und als William Hilfe braucht, ist es Lucy, an die er sich wendet.
Man kann das Buch sicher als einen Roman über Ehe und Partnerschaft im untergehenden amerikanischen Imperium lesen, aber etwas anderes interessiert mich mehr. Ich möchte etwas zum besonderen Ton und Stil des Romans anmerken und zur Soziobiographie der Protagonisten (wie immer bei mir).

Die Autorin spricht mit der Stimme von Lucy Barton zu ihren Lesern wie zu einer Freundin oder einem intimen Freund. Kommunikativ, in schlichten Worten, schnörkellos plaudernd, auch hier und da abschweifend und manchmal wie auf einer Party, mit Wiederholungen und rhetorischen Floskeln. Redend formt sie ihre Gedanken, manchmal auch im fiktiven Monolog. Typische Kapitelanfänge sind Redewendungen wie: “Was ich noch dazu sagen sollte” oder “Dies noch zu meiner eigenen Mutter” und, gleich im allerersten Satz, “Ich muss noch was über meinen ersten Mann sagen, William”. Die Kapitel enden dann oft ebenso knapp und offen: “Armer William” oder “Das gehört auch dazu.” oder “Auch so eine Sache”.

Aber es ist mehr als nur das Geplauder einer älteren Frau. Es sind Reflexionen über die Angst vor dem Verlassenwerden, vor dem Leben, nachdem man verlassen wurde und wie es möglich ist, auch danach ein neues Leben zu haben ohne in Trauer oder Wut zu verfallen. 
“Die Menschen sind einsam, darum geht es. Viele Leute können denen, die ihnen am nächsten stehen, nicht das sagen, was ihnen wirklich auf der Seele liegt”, kommentiert Lucy das zentrale Problem.

Es überrascht nicht, dass diese Ängste bei der in schrecklichen Verhältnissen aufgewachsenen Lucy („Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter je irgendeines ihrer Kinder berührt hätte, außer um es zu schlagen.“)  eine herausfordernde Rolle spielen. Eine Rolle, die sie aber meistert (und uns darin vielleicht ein Vorbild sein kann?).
Nichts Weinerliches liegt in den Geschichten, selbst wenn Lucy sich an ihre trostlose, bitterarme Kindheit erinnert, nur Tragisches. Wir erkennen Scham, aber es wird nicht darüber geklagt.

Oh, William! ist auch ein klassischer Bildungsroman. Lucy verliert ihr “Hänsel und Gretel-Gefühl”, das Gefühl, dass ihr Mann sie sicher durch die Welt führen wird, und wird zu einer Frau, die Distanz zu ihrem früheren Mann gewinnt, weil sie die emotionale Sicherheit, die er ihr als Hänsel bot, nicht mehr braucht.

Es gibt eine zweite Geschichte, die Lucy erzählt, und das ist die Geschichte ihrer verstorbenen Stiefmutter Catherine, der Mutter Williams.
Gleich zu Beginn gewinnt man den Eindruck, dass Catherine eine arrogante, abgehobene reiche Mittelschichtsmutter gewesen sein muss-
In dieser ersten Zeit stellt Catherine mich ihren Freunden vor, indem sie mir die Hand auf den Arm legte und mit gesenkter Stimme sagte: »Das ist Lucy. Lucy war früher gar niemand.«  (S.41) und weiter: “Sie gab mir ihre abgelegten Nachthemden, schöne Nachthemden, weiß mit Stickerei. Die trug ich immer gern.” (S.44)
 Man erschrickt noch mehr, wenn man dann dann liest: 
“Sie war das Licht In Person. Jedenfalls meistens.” (S.42) und “Sie besaß diese große Herzenswärme.” (S.45)
Wie kann das zusammengehen, die beschriebene Arroganz und die gleichzeitig konzedierte Warmherzigkeit dieser Person? Es gibt eine überraschende Erklärung. Catherine ist nicht die, die sie zu sein vorgibt. Das Geheimnis um Catherine wird auf der Fahrt von Lucy und William nach Maine gelöst, wo er den Wohnort seiner Mutter und die zufällig entdeckte Existenz einer Stiefschwester recherchieren will. Catherine kommt aus noch ärmeren Verhältnissen als Lucy. Was an ihrem Verhalten auf den ersten Blick paternalistisch und arrogant wirkte, war wohl eher als versteckte Solidarität einer Gemeinschaft der Armen zu verstehen. Und Lucy muss das gespürt haben, aber auch ihr Mann William, denn als William und Lucy die schreckliche Entdeckung der ärmlichen Herkunft von Catherine wahrnehmen, meint Lucy: “William, du hast deine Mutter geheiratet. Das sagte ich leise.” (S.186)
(Welch dunkle Geschichte Catherine noch als Last mit sich trug, soll hier ungenannt bleiben. Man lese das Buch!)

Der Roman schließt mit einer Sentenz, die lange nachhallt:
Aber im Kern bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich, das will ich damit sagen.
Das ist vielleicht die einzige Wahrheit, deren ich mir ganz sicher bin.
Elizabeth Strout - das ist MEIN Amerika, wie ich es liebe und zu verstehen glaube und ich wünschte, es gäbe nur diese USA und nicht die Vereinigten Staaten des und der Idioten.

Halt, jetzt muss doch noch eine Einschränkung gemacht werden. Was ist eigentlich mit Maine los? Ich meine den Bundesstaat Maine im Nordosten der USA und Schauplatz des zweiten Teil des Romans.  Dazu mehr hier: Klick

Rezensionen


Perlentaucher:

Alte Liebe trifft ins Mark
von Gabriele von Arnim · 13.11.2021
 
Literaturkritik.de
Elizabeth Strouts hoch emotionaler Roman „Oh William“
Von Peter Mohr

Deutschlandfunk Büchermarkt
Von Lieske, Tanya | 05. Januar 2022, 16:12 Uhr 6:22 Min.