Mittwoch, 31. März 2021

Ein Jahr des Erschreckens (update)

update - beinahe hätte ich es vergessen:

Am 25. Aprilwurde ich abends in Darmstadt mit BionTech geimpft und alles lief unkompliziert ab. Die Prozedur war gut organisiert, dauerte mal gerade 30 Minuten einschließlich einer Ruhezeit von 15 Minuten, und außer einem zweitägigen, leichten Berührungsschmerz an der Einstichstelle hatte ich keinerlei Beschwerden. Der nächste Termin ist dann Anfang Mai.


Wir sind da, wo wir schon mal waren:



Erinnern Sie sich? Bergamo März 2020:


Warum kommt so viel Protest gegen die Corona-Maßnahmen ausgerechnet aus dem grünen Baden-Württemberg?

fragt sich Florentin Schumacher in der FAS vom 21. März 2021. Und seine Antwort ist erst einmal ganz einfach:
Gegen irgendetwas sind sie ja fast immer, Nörgeln gehört zum Image, und an dieser schwäbischen Dick­schädel-Folklore dürfte es liegen, wenn bisher kaum auffiel, dass gerade das sattgrüne Baden-Württemberg am lautesten „Corona-Diktatur“ schreit. Der Export-Hit „Querdenken“ kommt aus Stuttgart, die Protestprominenz aus der Region: der „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg, der HNO-Arzt Bodo Schiffmann, gegen den wegen falscher Maskenatteste ermittelt wird, der Virusleugner Stefan Lanka, der „Corona-Anwalt“ Markus Haintz, der Laienprediger Samuel Eckert, dem auf Telegram mehr Leute folgen als Attila Hildmann. 

Und ihm fällt auf: Nirgendwo im Bund liegt der Anteil der Eingeschulten, die gegen Masern geimpft sind, niedriger als in Baden-Württemberg. Den heterogenen Protest, der sich daraus formiert, nennt der Soziologe Oliver Nachtwey die vielleicht „erste wirklich postmoderne Bewegung“. 
(Siehe dazu meinen Beitrag vom 25. Januar 20121: Die bunte Welt der Querdenkerinnen)

Aber das alles ist nicht grundlegend neu, denn, so findet er heraus:
Baden-Württemberg und die Skepsis gegenüber „Schulmedizin“ verbindet ei­ne lange Geschichte. Im 19. Jahrhundert gründete Robert Bosch nicht bloß eine Werkstatt, aus der das Unternehmen mit den meisten Angestellten in Ba­den-Württemberg wurde. Bosch er­öff­nete 1940 auch ein Krankenhaus an der Stuttgarter Hahnemannstraße, benannt nach Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, die Bosch verehrte. [...] Heute, da viele Ärztekammern die Homöopathie streichen, richtet das Robert-Bosch-Krankenhaus gerade mit der Uni Tübingen einen Lehrstuhl für Naturheilkunde ein.
Die Reportage aus Tübingen zeigt aber auch: Die Querdenkerinnen sind nicht grundsätzlich unsympathische Leute, und schon gar nicht durchgängig rechtsextrem. Aber die Grenze zwischen Verschwörungsphantasten und Rechtsaußen ist diffus: Ein Gespräch mit einer Bioladenbesitzerin, die nach eigenen Angaben “nicht grün, sondern bunt” sei, beginnt bei Existenzängsten und landet sehr schnell im absurden Verschwörungstaumel: 
PCR-Tests, die wiederholt würden, bis sie positiv seien, Pharmakonzerne und ihre Polit-Lobby, die daran verdienten, unterstützt von der WHO und Bill Gates, der auch Großaktionär sei bei Bayer und Monsanto und Impfversuche mache an Kindern in Afrika, schon Gates’ Vater habe sich für Eugenik interessiert – „checken Sie das mal“, sagte sie. 

Vielleicht passt dazu dieses Bild?


In der Corona-Pandemie zeigt auch mein Freund, der Algorithmus, wieder seine Schwächen auf: Empfohlen wird das Doppelwaffeleisen als Zubehör für das Homeoffice. Aber beachten: Nur noch begrenzt verfügbar!




In diesem Sinne. Entspanntes sterfest !

Freitag, 12. März 2021

Sonntag, 28. Februar 2021

Corona Frontbericht 1. März 2021

Im Westen kaum Neues. Die Inzidenzen stabilisieren sich auf einem Niveau um die 50 Neuinfektionen in 7 Tagen, bezogen auf 100 000 Einwohner.


Die Schulen öffnen Schritt für Schritt. Die Auswirkungen bleiben ungewiss: Zwei Meldungen vom gleichen Tag




Am 24. Februar konnte ich mich zum Impfen registrieren lassen. Einen Termin habe ich aber noch nicht. Dafür kann ich am 1. März zum Friseur. Dort gab es einen Termin!






Sonntag, 7. Februar 2021

Die amerikanische Katastrophe


Die Journalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby begleiteten den amerikanischen Wahlkampf vom Sommer 2019, also noch vor der Wahl Joe Bidens als Kandidat der Demokraten, bis zum Sommer2020, als die Pandemie in den USA zuschlug und sich das Debakel für Donald Trump abzeichnete.

In dieser Zeit führten sie vor Ort Interviews mit renommierten Kollegen, d.h. Journalisten, Radiomoderatoren und Medienvertretern beider Seiten. So mit Chris Cuomo, Brian Stelter, Manu Raju von CNN, Marty Baron, Chefredakteur bei der Washington Post und Journalisten der NYT. Aber auch konservative Moderatoren von Fox News und ehemalige (irgendwann wurde bei Trump jeder gefeuert) Trump-Berater wie Sebastian Gorka (aufgestiegen als rechter Radiomoderator) und Anthony Scaramucci kommen zu Wort. 
Ergänzt werden diese “fachlichen” Interviews durch Interviews mit gesprächsbereiten (und nicht unfreundlichen) Trumpanhängern auf Wahlkampfveranstaltungen, wie z.B. Michael Graham und “Greg P.”, die am liebsten alle Demokraten lynchen würden, wenn das Impeachment gegen Trump erfolgreich wäre. Da klingt schon der 6. Januar 2021 an. 
Auch der deutsche Außenminister kommt zu Wort.


Das Buch ist eine journalistische Fleißarbeit im besten Sinne, eher präskriptiv als analytisch und weniger eine Studie als eine Diagnose des gegenwärtigen politisch-medialen Systems in den USA. Und sie fällt erschreckend aus. 
Demnach ist das Land tief gespalten in zwei unversöhnliche Lager (wie auch viele andere Autoren gezeigt haben) und diese Spaltung ist ein Ergebnis der Spaltung der extrem kommerzorientierten Medienwelt mit ihren eigenen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie. Es wird vor allem im republikanischen Lager viel Geld mit dieser Spaltung verdient. Dabei gilt nach Auffassung der Autoren: “Die Spaltung des Landes ist kein Kollateralschaden, sie ist das Ziel. Donald Trump ist zugleich Produkt dieser Entwicklung wie ihr Beschleuniger.”

Quasi nebenbei liefern Brinkbäumer  und Lamby auch  eine fundamentale Kritik des amerikanischen Wahlsystem, dem sie konzedieren: “Das Wahlsystem ist nicht nur ein bisschen unfair, es ist destruktiv und undemokratisch”. Diese Kritik teile ich absolut.

Etwas abschweifend und nicht recht zum Thema passend, wie mir scheint, enthält das Buch ein Interview mit dem ehemaligen Sicherheitsberater unter Nixon, Henry Kissinger (einschließlich der Umstände, unter denen das Interview zustande kam) und Ausführungen zum damaligen Impeachment gegen Nixon.

Mir fällt auf: Im Literaturverzeichnis fehlen Autoren wie Arlie Russell Hochschild, Thomas Frank und Torben Lütjen, die ja bereits früher den Zustand Amerikas analysierten.
Zum Schluss machen die Autoren, vielleicht etwas anmaßend, zehn Reformvorschläge für die nächsten Jahre, darunter - natürlich - die Reform des amerikanischen Wahlrechts und Wahlsystems und, wahrscheinlich am dringendsten, eine Reform des Medienrechts, die diesen Namen verdient, weil sie auch Medien wie Facebook, Twitter u.a. haften lässt, wenn sie als Plattform für Fake News, Hasspostings und Verschörungsmythen genutzt werden.

Ausblick

Die USA unter Trump waren in der Gefahr sich in ein Land sich zu verwandeln, das Trumps Anhänger immer fürchteten (aber vielleicht auch unbewußt erhofften?). Ein Land, in dem nicht Recht und Gesetz das Leben der Menschen bestimmen sondern die Macht, die aus den Gewehrläufen automatischer Waffen kommt, ein Land, in dem nur das Recht des Stärkeren gilt.

Diese Gefahr besteht weiterhin, auch wenn das System Trump vorerst gescheitert ist. Das Ziel seines Kampfes wird vermutlich bleiben, ein politisches System zu etablieren, in dem man regierungskritische Medien nicht wie in Diktaturen verbietet, sondern sie durch tägliches, grenzenloses Beschimpfen unglaubwürdig zu machen versucht, sie so lange delegitimiert, bis Lüge nicht mehr als Lüge und Wahrheit nicht mehr als Wahrheit erkennbar ist und Fake News wie Tatsachen behandelt werden. Ein System, dass ganz gezielt die Spaltung des Landes in “Wir” und “Die” betreibt und dem politischen Gegner jede Existenzberechtigung abspricht, ihn als Feind markiert, der vernichtet werden muss.
Letztendlich ist das Ziel die Alleinherrschaft eines populistischen Despoten. 
Dies gezeigt zu haben ist das Verdienst des Buches. Wer es gelesen hat wundert sich nicht mehr über den “Sturm auf das Kapitol” am 6. Januar 2021.

Klaus Brinkbäumer, Stephan Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe
C.H. Beck Verlag, München 2020, 391 Seiten

Materialien

Zur Verfügung stand mir die Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, die leider ohne Bilder gedruckt wurde, dafür aber sehr preisgünstig angeboten wird, für 7€.

Parallel zum Buch wurde auch eine sehenswerte TV-Reportage erstellt, die von der ARD im Oktober 2020, als noch vor der Wahlniederlage Donald Trumps, gesendet wurde und in der Mediathek zur Verfügung steht. Sie zeigt in einem chronologischen Rückblick bis zum Herbst 2020 das ganze Ausmaß der amerikanischen Tragödie und die - im doppelten Wortsinne -  unglaublichen Ausfälle des amerikanischen Präsidenten in erschreckenden und verstörenden Bildern. Das Buch wird durch die filmische Reportage auf überzeugende Weise komplettiert.

Die Reportage zeigt auch, wie Hassprediger und Verschwörungsmystiker aus dem rechten Lager (beispielhaft Alex Jones)  Stimmung machen und ungestraft zum Töten aufrufen können, ohne eine Bestrafung fürchten zu müssen. Das ist ein Eindruck, den ich nur schwer verarbeiten und überhaupt nicht verstehen kann.
Im Wahn - Trump und die Amerikanische Katastrophe
Erstsendung 26.10.2020
Video verfügbar bis 30.11.2021 ∙ 23:59 Uhr Laufzeit: ca. 88 Minuten

Ebenfalls bei der Bundeszentrale für  politische Bildung wird ein weiterer Reportageband angeboten, der Reiseerlebnisse zweier ARD-Korrespondenten aus den Jahren 2019 bis 2020 versammelt.
Julia Kastein / Sebastian Hesse-Kastein: Great Again? Reportagen aus einem zerrissenen AMerika. Bonn, 2020; ursprünglich: Mitteldeutscher Verlag Halle, 2020.

In diesem Reportageband findet man eine anschauliche Darstellung, wie in Iowa die Vorwahlen zur Präsidentschaft in Form des Caucus-abgehalten werden.

Rezensions-Übersicht Perlentaucher: Klick



Sonntag, 31. Januar 2021

Corona Frontbericht 1. Februar 2021 - 1 Jahr Pandemie

Wie man sehen kann: Die Lage entspannt sich nahezu von Tag zu Tag. Während Mitte Dezember die Inzidenzen ihren Höchststand erreichten, sind sie seither kontinuierlich gefallen und Ende Januar niedriger als Anfang November 2020. Es geht voran.


In anderen Ländern sieht es schlechter aus:

26.1.2021 FAZ

SZ 21.1.2021

Eine Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen:
Hier sieht man es ganz deutlich. Es sind Impf-GLÄSCHEN, keine Impf-DOSEN, von denen immer die Rede ist!


Und zum Schluss: Vor ziemlich genau einem Jahr wurde der erste Corona-Patient in Deutschland entdeckt.


Montag, 25. Januar 2021

Die bunte Welt der Querdenkerinnen

FOTO: ADAM BERRY / AFP

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist ein interessanter Artikel erschienen, der eine soziologische Studie aus der Schweiz referiert: Der Basler Soziologe Oliver Nachtwey hat mit seinem Team auf Corona-Demonstrationen in Deutschland und der Schweiz Teilnehmer befragt und mit Befunden aus einem Telegram-Chat erweitert. Auf diesem Weg, kam so eine Stichprobe von 1150 Corona-Kritikern zusammen. “Repräsentativ ist das zwar noch nicht, die Brisanz der Funde schmälert das aber nicht”, heißt es in der FAS. Weiter schreibt der Autor:
“Insgesamt, so das erste Urteil der Forscher, sei die Bewegung der „Corona-Kritikerinnen und Querdenkerinnen“ sehr heterogen. Es handele sich dabei nicht um eine, sondern um mehrere, häufig disparate soziale Gruppen, die über „geteilte Mentalitäten“ verbunden sind.” 

Welche Merkmale zeichnet nun die Querdenkerinnen aus?
  • 60 Prozent der Befragten sind Frauen,
  • 34 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium,
  • 65 Prozent haben Abitur.
  • Über 80 Prozent gaben an, erwerbstätig zu sein, 25 Prozent von ihnen sind selbständig.
  • 32 Prozent rechnen sich der oberen Mittelschicht zu, 34% der unteren.
Und, könnte man durch Augenschein ergänzen: Die Mehrheit ist aus der Altersgruppe der 40er und darüber.
Welche Ideologie vertreten die Querdenkerinnen?
d
Die höchste Zustimmung bekam die Aussage, dass die Corona-Maßnahmen Meinungsfreiheit und Demokratie gefährden.
  • Ca. 50% stimmte der Aussage zu, es gebe „geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“.
  • 75 Prozent der Befragten sagen, die Regierung verschweige der Bevölkerung die Wahrheit,
  • 70 Prozent glauben, dass man in Deutschland nicht mehr frei seine Meinung äußern könne.
Die Einstellungen gegenüber der Pandemie und der Medizin
sind wenig überraschend:
  • 60 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass „unsere natürlichen Selbstheilungskräfte“ mit dem Virus schon fertig werden würden,
  • 80 Prozent wollen sich einer Corona-Impfung verweigern,
  • fast 65 Prozent plädieren für die Gleichstellung von Alternativ- und Schulmedizin.
Überraschender (oder vielleicht doch nicht) ist das Wahlverhalten. Bei der letzten Bundestagswahl haben
  • 23 % ihre Stimme den Grünen gegeben,
  • 18% der Linken,
  • 15% der AfD und
  • 21% den sog. „Anderen“, also unterschiedlichsten Kleinstparteien und Gruppen.
Das wird bei der nächsten Wahl wohl nicht so bleiben. Die WELT ergänzt zutreffend:
“Daher lässt sich von „Abgehängten“ nicht sprechen. Vermutlich jedoch von Menschen, die sich abgekoppelt haben. Mehr als drei Viertel bestreiten, dass die Demokratie in der Bundesrepublik gut funktioniert. Fast 90 Prozent sind der Ansicht, dass sich „die meisten Politiker in Wirklichkeit gar nicht für die Probleme der einfachen Leute interessieren“.
Und ich ergänze: Die “einfachen Leute”, das sind natürlich immer die eigenen Leute, alle anderen sind “die da oben”. Ich verstehe es allerdings nicht. Warum neigen bestimmte Menschen zu solch abstrusen Ideen wie sie von Querdenkerinnen, QAnon-Anhängern und Freunden von Bodo Schiffmann lautstark vertreten werden? Ist es die prickelnde Lust am Anderssein, die Freiheit, auch Quatsch vertreten zu dürfen, einfach mal nein zu sagen, wenn die Obrigkeit ja sagt, oder ist es mehr, aber was soll das sein? Und ich frage mich: Wieso kenne ich solche Leute nicht? Bewege ich mich in so exotischen Kreisen?
Ich bin halt einfach gestrickt: Lieber UFFBASSE als Querdenken!
Hinweise/Quellen
DIE BUNTE WELT DER QUERDENKERINNEN von Gerald Wagner -Aktualisiert am 21.01.2021 (Hinter einer Bezahlschranke!) 
Originalstudie: Oliver Nachtwey, Robert Schäfer, Nadine Frei: Politische Soziologie der Corona-Proteste, Grundauswertung. Universität Basel, Dezember 2020. Weitere Auswertungen der Studie findet man hier: NEUE STUDIE: DIE „QUERDENKER“ – Wer nimmt an Corona-Protesten teil und warum? 24. Januar 2021 von Bernd Harder WIE TICKEN „QUERDENKER“? „Großes bürgerliches Lager, das nicht originär demokratiefeindlich ist“ 18.01.2021. Von Matthias Kamann

Sonntag, 24. Januar 2021

Man kann nicht alles haben

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 10.1.2021

Huch, was fehlt denn jetzt noch zur Perfektion? 

Ach so. Die totale Perfektion wird dadurch verpasst, dass sie möglicherweise käuflich ist. Man kann halt nicht alles haben.


 

Donnerstag, 21. Januar 2021

Corona Bericht Januar 2021

 Der Winter macht gerade eine kurze Pause, nachdem er Mitte Januar mit voller Pracht über uns hereingebrochen ist. Wintersport ist allerdings nicht unser Ding, so dass wir nur mit Erstaunen aber auch mit Gelassenheit die Nachrichten zu den Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Wintersportgebiete im Odenwald und Nordschwarzwald zur Kenntnis nehmen. Natürlich habe ich Verständnis für den Wunsch, endlich mal rauszukommen und die Natur zu genießen, vor allem bei Familien mit Kindern. Aber wir müssen uns da nicht anschließen.

Weihnachten

An den Corona-Weihnachtsfeiertagen ist mein Sohn mit Frau und den beiden Mädchen nach Leeheim gekommen und hat dort Station gemacht. Sabine und ich haben die Familie am Samstag besucht. Die Begegnung fand aber nur im Freien statt, mein Sohn wollte kein Risiko für uns eingehen. Seine Mutter hat ein Picknick vorbereitet und wir sind mit drei Autos an den Rhein zum Naturschutzzentrum auf dem Kühkopf gefahren, wo wir das Picknick aufbauten. Es war sehr schön, aber auch sehr kalt. Genauer: sehr, sehr kalt. Wir haben noch einen Rundgang auf der Insel gemacht und sind dann zurück nach Leeheim zur weihnachtlichen Bescherung. Auf der Terrasse gab es dann noch mal Kaffee und Kuchen und die Kinder packten ihre Geschenke aus. Es war immer noch sehr, sehr kalt, aber natürlich auch herzerwärmend, alle mal wieder zu treffen und die freudigen Gesichter der Enkelkinder zu sehen.

Irritationen

Die Pandemiezahlen hier im Neckar-Odenwald-Kreis haben sich vor Weihnachten erschreckend entwickelt und erreichten eine Inzidenz von fast 400! Das war teilweise dreimal so hoch wie in Darmstadt und liegt heute noch doppelt so hoch wie in der Stadt oder im Landesdurchschnitt von Baden-Württemberg. Wie ist das zu erklären? Man sollte doch annehmen, dass in der Stadt die Menschen dichter aufeinander leben als in einem Landkreis und somit das Risiko für Ansteckung deutlich höher ist.

Zwei Beobachtungen machen stutzig:

Die Tochter einer Kollegin war auf einer privaten Party. Tage später traten erste Infektionen auf. Mutter und Tochter bleiben in Quarantäne, aber dem jüngeren Sohn wollte die Mutter das nicht zumuten. "Was soll er denn zu Hause alleine machen?", war die Begründung. Und man solle von der Quarantäne bitte niemandem etwas sagen, weil,... Ja, weil was? Man schämt sich (zurecht) leichtsinnig gewesen zu sein, fürchtet aber die Reaktion der Umgebung - großartige Einstellung. Später stellte sich heraus, dass die Tochter tatsächlich positiv war. Und noch schlimmer: Die Mutter wurde auch positiv getestet, hat das aber allen Kolleginnen gegenüber verschwiegen. Man fasst es nicht, die Dummheit ist wirklich grenzenlos. 

Die Angst vor der "Schande wegen Infektion" wird es bei vielen geben, und so steigen die Zahlen und steigen und steigen.

Möglicherweise liegt hier auch eine der Ursachen dafür, dass die Infektionsraten in den Landkreisen durchwegs höher sind als in den Städten.

Ein anderer Fall: In einer sozialen Einrichtung wird zum Ende der Arbeitswoche ganz selbstverständlich mit Kaffee und Kuchen mit den Kollegen gefeiert. Dicht beieinander, ohne Masken. Der Chef vorne weg und niemand denkt sich etwas dabei. Corona? Doch nicht bei uns.

“Ich könnt mich grad richtich uffreche.”

Corona und Schule

Privat halten wir uns weitgehend zurück. Die öffentliche Schule ist für Sabine zwar endlich dicht und auch die Kinder und Enkelkinder in der näheren Umgebung halten sich sehr bedeckt, was Besuche angeht. Dafür muss Sabine aber in die Stammschule der Diakonie zum unterrichten mit dem kleinen Unterschied, dass es keine Präsenzpflicht für die Schüler gibt und die Eltern sich für Fernunterricht entscheiden können. Das heißt Präsenzunterricht "ohne Schulpflicht", denn die Sonderschulen werden bei den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie regelmäßig außen vor gelassen, obwohl hier der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern noch am engsten ist. Niemand versteht das. 

Überhaupt ist die Schulpolitik in Baden-Württemberg, was die Pandemie angeht, ein einziges Vor und Zurück und ein Kampf zwischen Kultusministerin und Ministerpräsident. Kurz vor Weihnachten informierte Kultusministerin Eisenmann (CDU)  die Schulen über das weitere Vorgehen. "Ich gehe davon aus und werbe sehr dafür, dass wir Kitas und Grundschulen in jedem Fall wieder in Präsenz öffnen und auch Klasse 5, 6 und 7 sowie die Abschlussklassen im Blick haben - unabhängig von den Inzidenzzahlen". Dieser leichtsinnigen und verantwortungslosen Ankündigung wurde vom Büro des  Ministerpräsidenten Kretschmann (Grüne) sofort widersprochen, aber das Hin  und Her war damit noch lange nicht beendet und dauert weiterhin an. Die Landtagswahl steht vor der Tür.

Wenn ich einkaufen gehe, dann seit Anfang Januar nur noch mit FFP2-Maske, die wir vom Kultusminister in großer Zahl bekommen haben. Allerdings waren das noch KN95-Masken ohne Zertifikat. So hoffen wir durch den Winter zu kommen.

Amerika

Wenn man so will, hat die Pandemie doch etwas Gutes. Man kommt zum Lesen und kann darüber nachdenken. Ich habe mir angewöhnt, zu jedem gelesenen Buch Notizen anzufertigen. Beim Anfertigen von Notizen entwickeln sich die Gedanken (oder so ähnlich). Manches setze ich zur Erinnerung auf meinen Privatblog, z.B. das und das. 

Wie viele andere haben auch mich die Ereignisse in den Vereinigten Staaten sehr beschäftigt - und das schon seit längerer Zeit.

Ich habe einen dreifachen Bezug zu den USA: Als Jugendlicher hatte ich amerikanische Freunde, GI's aus Mainz-Finthen - und das in der heißesten Phase des Vietnamkrieges, als nahezu täglich Gruppen diese jungen Soldaten nach Südostasien abkommandiert wurden. Viele Jahre später war mein Sohn im Alter von 17 ein Jahr als Gastschüler bei einer amerikanischen Familie untergebracht. Und noch später habe bei Laufwettbewerben in Darmstadt einen amerikanischen Soldaten kennengelernt, mit dem ich jetzt seit mehr als 20 Jahren befreundet bin. Nur ich war noch nie in den Staaten.

Das macht es begreiflich, dass mir die USA sehr nahe stehen und es trotz aller Ereignisse auch bleiben. Meine Irritationen über Trump und seiner Wählerschaft habe ich seit Herbst durch Lektüre zu klären und in Worte zu fassen versucht. Man kann das hier nachlesen: 

Mein Amerika und Trump - Drei Bücher zum Verständnis 

und als Zusammenfassung hier: 

Mein Amerika und Trump: Ein Resümee.

Die USA verstehen sich ja als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir werden sehen, ob dieser Satz auch in negativer Hinsicht gültig ist.

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen!


Wie wird das neue Jahr? Wird es eine Rückkehr zum status quo ante geben? Ich wage keine Prognose, hoffe aber optimistisch auf einen guten Verlauf der Impfkampagne und als Folge auf die Möglichkeit zum Sommerurlaub in Frankreich. Gerne würden wir wieder an die Loire, an den Atlantik oder in die Pyrenäen fahren. Oder vielleicht doch noch mal nach Ledro um den Berg zu besteigen?  
Für die Pfingstferien haben wir schon mal das Peterle gebucht, wie jedes Jahr. 

Draußen schneit es wieder. Der Winter ist zurück. Ich sitze im Warmen und freue mich auf den Sommer. Ihr auch?

Reiner

 





Mittwoch, 20. Januar 2021

Freitag, 15. Januar 2021

Never forget - never forgive

Washington, 6. Januar 2021

"We’re going to walk down to the Capitol — (APPLAUSE) — and we’re going to cheer on our brave senators and congressmen and women, and we’re probably not going to be cheering so much for some of them. (LAUGHTER) Because you’ll never take back our country with weakness. You have to show strength and you have to be strong.  Washington Post 11. Januar 2021

"Wir werden zum Kapitol gehen. Und wir werden unsere tapferen Senatoren und Kongressabgeordneten anfeuern. Und wir werden wahrscheinlich einigen von ihnen nicht so sehr zujubeln. Weil man unser Land niemals mit Schwäche zurückerobern wird. Man muss Stärke zeigen und man muss stark sein."

Capitol Storming Video: Klick