Der Winter macht gerade eine kurze Pause, nachdem er Mitte Januar mit voller Pracht über uns hereingebrochen ist. Wintersport ist allerdings nicht unser Ding, so dass wir nur mit Erstaunen aber auch mit Gelassenheit die Nachrichten zu den Staus auf den Zufahrtsstraßen in die Wintersportgebiete im Odenwald und Nordschwarzwald zur Kenntnis nehmen. Natürlich habe ich Verständnis für den Wunsch, endlich mal rauszukommen und die Natur zu genießen, vor allem bei Familien mit Kindern. Aber wir müssen uns da nicht anschließen.
Weihnachten
An den Corona-Weihnachtsfeiertagen ist mein Sohn mit Frau und den beiden Mädchen nach Leeheim gekommen und hat dort Station gemacht. Sabine und ich haben die Familie am Samstag besucht. Die Begegnung fand aber nur im Freien statt, mein Sohn wollte kein Risiko für uns eingehen. Seine Mutter hat ein Picknick vorbereitet und wir sind mit drei Autos an den Rhein zum Naturschutzzentrum auf dem Kühkopf gefahren, wo wir das Picknick aufbauten. Es war sehr schön, aber auch sehr kalt. Genauer: sehr, sehr kalt. Wir haben noch einen Rundgang auf der Insel gemacht und sind dann zurück nach Leeheim zur weihnachtlichen Bescherung. Auf der Terrasse gab es dann noch mal Kaffee und Kuchen und die Kinder packten ihre Geschenke aus. Es war immer noch sehr, sehr kalt, aber natürlich auch herzerwärmend, alle mal wieder zu treffen und die freudigen Gesichter der Enkelkinder zu sehen.
Irritationen
Die Pandemiezahlen hier im Neckar-Odenwald-Kreis haben sich vor Weihnachten erschreckend entwickelt und erreichten eine Inzidenz von fast 400! Das war teilweise dreimal so hoch wie in Darmstadt und liegt heute noch doppelt so hoch wie in der Stadt oder im Landesdurchschnitt von Baden-Württemberg. Wie ist das zu erklären? Man sollte doch annehmen, dass in der Stadt die Menschen dichter aufeinander leben als in einem Landkreis und somit das Risiko für Ansteckung deutlich höher ist.
Zwei Beobachtungen machen stutzig:
Die Tochter einer Kollegin war auf einer privaten Party. Tage später traten erste Infektionen auf. Mutter und Tochter bleiben in Quarantäne, aber dem jüngeren Sohn wollte die Mutter das nicht zumuten. "Was soll er denn zu Hause alleine machen?", war die Begründung. Und man solle von der Quarantäne bitte niemandem etwas sagen, weil,... Ja, weil was? Man schämt sich (zurecht) leichtsinnig gewesen zu sein, fürchtet aber die Reaktion der Umgebung - großartige Einstellung. Später stellte sich heraus, dass die Tochter tatsächlich positiv war. Und noch schlimmer: Die Mutter wurde auch positiv getestet, hat das aber allen Kolleginnen gegenüber verschwiegen. Man fasst es nicht, die Dummheit ist wirklich grenzenlos.
Die Angst vor der "Schande wegen Infektion" wird es bei vielen geben, und so steigen die Zahlen und steigen und steigen.
Möglicherweise liegt hier auch eine der Ursachen dafür, dass die Infektionsraten in den Landkreisen durchwegs höher sind als in den Städten.
Ein anderer Fall: In einer sozialen Einrichtung wird zum Ende der Arbeitswoche ganz selbstverständlich mit Kaffee und Kuchen mit den Kollegen gefeiert. Dicht beieinander, ohne Masken. Der Chef vorne weg und niemand denkt sich etwas dabei. Corona? Doch nicht bei uns.
“Ich könnt mich grad richtich uffreche.”
Corona und Schule
Privat halten wir uns weitgehend zurück. Die öffentliche Schule ist für Sabine zwar endlich dicht und auch die Kinder und Enkelkinder in der näheren Umgebung halten sich sehr bedeckt, was Besuche angeht. Dafür muss Sabine aber in die Stammschule der Diakonie zum unterrichten mit dem kleinen Unterschied, dass es keine Präsenzpflicht für die Schüler gibt und die Eltern sich für Fernunterricht entscheiden können. Das heißt Präsenzunterricht "ohne Schulpflicht", denn die Sonderschulen werden bei den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie regelmäßig außen vor gelassen, obwohl hier der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern noch am engsten ist. Niemand versteht das.
Überhaupt ist die Schulpolitik in Baden-Württemberg, was die Pandemie angeht, ein einziges Vor und Zurück und ein Kampf zwischen Kultusministerin und Ministerpräsident. Kurz vor Weihnachten informierte Kultusministerin Eisenmann (CDU) die Schulen über das weitere Vorgehen. "Ich gehe davon aus und werbe sehr dafür, dass wir Kitas und Grundschulen in jedem Fall wieder in Präsenz öffnen und auch Klasse 5, 6 und 7 sowie die Abschlussklassen im Blick haben - unabhängig von den Inzidenzzahlen". Dieser leichtsinnigen und verantwortungslosen Ankündigung wurde vom Büro des Ministerpräsidenten Kretschmann (Grüne) sofort widersprochen, aber das Hin und Her war damit noch lange nicht beendet und dauert weiterhin an. Die Landtagswahl steht vor der Tür.
Wenn ich einkaufen gehe, dann seit Anfang Januar nur noch mit FFP2-Maske, die wir vom Kultusminister in großer Zahl bekommen haben. Allerdings waren das noch KN95-Masken ohne Zertifikat. So hoffen wir durch den Winter zu kommen.
Amerika
Wenn man so will, hat die Pandemie doch etwas Gutes. Man kommt zum Lesen und kann darüber nachdenken. Ich habe mir angewöhnt, zu jedem gelesenen Buch Notizen anzufertigen. Beim Anfertigen von Notizen entwickeln sich die Gedanken (oder so ähnlich). Manches setze ich zur Erinnerung auf meinen Privatblog, z.B. das und das.
Wie viele andere haben auch mich die Ereignisse in den Vereinigten Staaten sehr beschäftigt - und das schon seit längerer Zeit.
Ich habe einen dreifachen Bezug zu den USA: Als Jugendlicher hatte ich amerikanische Freunde, GI's aus Mainz-Finthen - und das in der heißesten Phase des Vietnamkrieges, als nahezu täglich Gruppen diese jungen Soldaten nach Südostasien abkommandiert wurden. Viele Jahre später war mein Sohn im Alter von 17 ein Jahr als Gastschüler bei einer amerikanischen Familie untergebracht. Und noch später habe bei Laufwettbewerben in Darmstadt einen amerikanischen Soldaten kennengelernt, mit dem ich jetzt seit mehr als 20 Jahren befreundet bin. Nur ich war noch nie in den Staaten.
Das macht es begreiflich, dass mir die USA sehr nahe stehen und es trotz aller Ereignisse auch bleiben. Meine Irritationen über Trump und seiner Wählerschaft habe ich seit Herbst durch Lektüre zu klären und in Worte zu fassen versucht. Man kann das hier nachlesen:
und als Zusammenfassung hier:
Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen!
Für die Pfingstferien haben wir schon mal das Peterle gebucht, wie jedes Jahr.
Draußen schneit es wieder. Der Winter ist zurück. Ich sitze im Warmen und freue mich auf den Sommer. Ihr auch?
Reiner


