Montag, 25. Januar 2021

Die bunte Welt der Querdenkerinnen

FOTO: ADAM BERRY / AFP

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist ein interessanter Artikel erschienen, der eine soziologische Studie aus der Schweiz referiert: Der Basler Soziologe Oliver Nachtwey hat mit seinem Team auf Corona-Demonstrationen in Deutschland und der Schweiz Teilnehmer befragt und mit Befunden aus einem Telegram-Chat erweitert. Auf diesem Weg, kam so eine Stichprobe von 1150 Corona-Kritikern zusammen. “Repräsentativ ist das zwar noch nicht, die Brisanz der Funde schmälert das aber nicht”, heißt es in der FAS. Weiter schreibt der Autor:
“Insgesamt, so das erste Urteil der Forscher, sei die Bewegung der „Corona-Kritikerinnen und Querdenkerinnen“ sehr heterogen. Es handele sich dabei nicht um eine, sondern um mehrere, häufig disparate soziale Gruppen, die über „geteilte Mentalitäten“ verbunden sind.” 

Welche Merkmale zeichnet nun die Querdenkerinnen aus?
  • 60 Prozent der Befragten sind Frauen,
  • 34 Prozent haben ein abgeschlossenes Studium,
  • 65 Prozent haben Abitur.
  • Über 80 Prozent gaben an, erwerbstätig zu sein, 25 Prozent von ihnen sind selbständig.
  • 32 Prozent rechnen sich der oberen Mittelschicht zu, 34% der unteren.
Und, könnte man durch Augenschein ergänzen: Die Mehrheit ist aus der Altersgruppe der 40er und darüber.
Welche Ideologie vertreten die Querdenkerinnen?
d
Die höchste Zustimmung bekam die Aussage, dass die Corona-Maßnahmen Meinungsfreiheit und Demokratie gefährden.
  • Ca. 50% stimmte der Aussage zu, es gebe „geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“.
  • 75 Prozent der Befragten sagen, die Regierung verschweige der Bevölkerung die Wahrheit,
  • 70 Prozent glauben, dass man in Deutschland nicht mehr frei seine Meinung äußern könne.
Die Einstellungen gegenüber der Pandemie und der Medizin
sind wenig überraschend:
  • 60 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass „unsere natürlichen Selbstheilungskräfte“ mit dem Virus schon fertig werden würden,
  • 80 Prozent wollen sich einer Corona-Impfung verweigern,
  • fast 65 Prozent plädieren für die Gleichstellung von Alternativ- und Schulmedizin.
Überraschender (oder vielleicht doch nicht) ist das Wahlverhalten. Bei der letzten Bundestagswahl haben
  • 23 % ihre Stimme den Grünen gegeben,
  • 18% der Linken,
  • 15% der AfD und
  • 21% den sog. „Anderen“, also unterschiedlichsten Kleinstparteien und Gruppen.
Das wird bei der nächsten Wahl wohl nicht so bleiben. Die WELT ergänzt zutreffend:
“Daher lässt sich von „Abgehängten“ nicht sprechen. Vermutlich jedoch von Menschen, die sich abgekoppelt haben. Mehr als drei Viertel bestreiten, dass die Demokratie in der Bundesrepublik gut funktioniert. Fast 90 Prozent sind der Ansicht, dass sich „die meisten Politiker in Wirklichkeit gar nicht für die Probleme der einfachen Leute interessieren“.
Und ich ergänze: Die “einfachen Leute”, das sind natürlich immer die eigenen Leute, alle anderen sind “die da oben”. Ich verstehe es allerdings nicht. Warum neigen bestimmte Menschen zu solch abstrusen Ideen wie sie von Querdenkerinnen, QAnon-Anhängern und Freunden von Bodo Schiffmann lautstark vertreten werden? Ist es die prickelnde Lust am Anderssein, die Freiheit, auch Quatsch vertreten zu dürfen, einfach mal nein zu sagen, wenn die Obrigkeit ja sagt, oder ist es mehr, aber was soll das sein? Und ich frage mich: Wieso kenne ich solche Leute nicht? Bewege ich mich in so exotischen Kreisen?
Ich bin halt einfach gestrickt: Lieber UFFBASSE als Querdenken!
Hinweise/Quellen
DIE BUNTE WELT DER QUERDENKERINNEN von Gerald Wagner -Aktualisiert am 21.01.2021 (Hinter einer Bezahlschranke!) 
Originalstudie: Oliver Nachtwey, Robert Schäfer, Nadine Frei: Politische Soziologie der Corona-Proteste, Grundauswertung. Universität Basel, Dezember 2020. Weitere Auswertungen der Studie findet man hier: NEUE STUDIE: DIE „QUERDENKER“ – Wer nimmt an Corona-Protesten teil und warum? 24. Januar 2021 von Bernd Harder WIE TICKEN „QUERDENKER“? „Großes bürgerliches Lager, das nicht originär demokratiefeindlich ist“ 18.01.2021. Von Matthias Kamann