Auszug Klappentext:
Houellebecq “erzählt in >Unterwerfung< die Geschichte des Literaturwissenschaftlers François. Der Akademiker forscht im Frankreich einer sehr nahen Zukunft zu dem dekadenten Schriftsteller Huysmans, der ihn sein Leben lang fasziniert. Zugleich verfolgt er die Ereignisse um die anstehende Präsidentschaftswahl: Während es dem charismatischen Kandidaten der Bruderschaft der Muslime gelingt, immer mehr Stimmen auf sich zu vereinigen, kommt es in der Hauptstadt zu tumultartigen Ausschreitungen. Als schließlich ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, verlässt François Paris ohne ein bestimmtes Ziel. Es ist der Beginn einer Reise in sein Inneres.” Und, so muss man ergänzen, die damit endet, dass Francois zum Islam konvertiert, denn das Angebot ist einfach zu verlockend.”Francois ist Literaturprofessor mit Spezialgebiet Huysman und fest im Leben verankert: Gutes Essen, viel Alkohol, abwechslungsreicher Sex stehen im Mittelpunkt seines Lebens. Die Arbeit im Seminar der Universität sorgt zuverlässig jedes Jahr für Nachschub an jungen Sexualpartnerinnen. Mental eher antriebslos und passiv, schlurft er gleichgültig durch seinen Alltag. Sein Äußeres darf man sich durchaus als eine Kopie von Houellebecq vorstellen.
Nervig sind für ihn allenfalls die Anmaßungen der Bürokratie. Nichts ist für ihn schwerer zu erledigen als ein Versicherungsformular ausfüllen zu müssen.
Aber die politischen Verhältnisse im Jahr 2022 sind schwierig. Bei der Wahl des Staatspräsidenten stehen sich der Front National und die Muslimbruderschaft gegenüber. Die Linke und die Konservativen schlagen sich auf die Seite der Muslimbruderschaft, um den Sieg der Rechten zu verhindern. Außerdem locken bei den politischen Muslimen mehr Vorteile.
Der Kandidat der Muslimbruderschaft, “wohlgenährt und heiter”, einst Absolvent der französischen Kaderschmiede ENA, gewinnt im 2. Wahlgang. Der Umbau der Gesellschaft erfolgt prompt und absolut gewaltlos durch Kauf der intellektuellen, akademischen Elite - und wenn man sie nicht kaufen kann, entlässt man sie in die gute bezahlte Altersfreizeit. Für die Finanzierung sorgen die Saudis mit unerschöpflichen Geldmitteln.
Die Unterwerfung unter die Scharia wird erwünscht, aber nicht erzwungen. Zur Not werden in der Gesellschaft islamische Parallelstrukturen aufgebaut und gefördert, so bei Schulen und Universitäten. Die Anpassung an die neue herrschende Kultur ist zwar unumgänglich, hat aber auch sehr schöne Seiten für Männer: Man darf sich eine jüngere Frau (gerne auch mehrere) für die Freuden des Lebens wählen und eine ältere für die Herausforderungen des Alltags (Kochen, Kindererziehung). Dafür erhält man eine höchst zufriedenstellende staatliche Apanage. Zur Finanzierung streicht der Staat alle Sozialleistungen und verweist auf die Familie als alleinige Instanz zur sozialen Absicherung. Frauen werden aus der Arbeitswelt gedrängt, jüngere Männer übernehmen deren Plätze, der industrielle Niedergang wird durch Förderung von Handwerk und Kleingewerbe kompensiert. Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch. Leider sieht man auf den Straßen keine Sexualobjekte mehr. Dennoch konvertiert am Ende auch Francois.
Wie lese ich diesen Roman?
Für mich steht im Zentrum der Kritik Houellebecqs das opportunistische Verhalten nicht nur der Linken und der Sozialdemokraten, sondern der Opportunismus und die Dekadenz der gesamten politischen Klasse und vor allem des intellektuellen/akademischen Milieus, das für das sprichwörtliche Linsengericht alle Werte und Überzeugungen aufgibt und sich den Forderungen des gemäßigten politischen Islams bedingungslos unterwirft.
“Dabei hätte man, schien mir, durchaus kritische Fragen stellen können: nach der Abschaffung der Koedukation etwa. Oder nach der Tatsache, dass die Lehrer sich zum Islam bekennen sollten. Aber war das bei den Katholiken nicht ähnlich? Musste man nicht getauft sein, um an einer christlichen Schule zu unterrichten?” [...] Es gab ein paar Zweifel allgemeiner Art, aber vor allem das Gefühl, dass da nichts war, worüber man sich aufregen müsse, nichts wirklich Neues.” (S.96)Mit Geld und dem Versprechen auf Polygamie plus Karriere kann man sie alle kaufen. Materielle Anreize statt Druck ist die Methode der Muslimbruderschaft. Selbst ein Vertreter der extrem rechten ‘Identitären’ (Rediger), erliegt den Verlockungen und übt sich erfolgreich in geschmeidiger Anpassung, ein typischer Wendehals. Indifferente, abseitsstehende Hochschullehrer und Intellektuelle kann die neue Regierung mundtot machen, indem sie ihnen eine freiwillige Kündigung, versüßt durch eine außergewöhnlich hohe Pension, nahelegt, die das tägliche gute Essen garantiert und sonst nichts verlangt.
Damit liegt für mich die Sprengkraft der Kritik Houellebeqcs in der deutlichen Kritik an de Politik der Linken, die sich in der Fixierung auf die Nationale Rechte lieber mit den Muslimen verbindet als für klassische liberale Freiheitsrechte zu kämpfen. Wer die Ursachen aller Übel in der Welt nur im Neoliberalismus sieht und selbst keine kulturellen Werte mehr vertritt, hat natürlich keinen Blick für die Herausforderungen eines totalitären und radikalisierten Religionsverständnisses. Hier hat Houellebecq einen wunden Punkt getroffen, und deshalb wird er auch von Linken so entschieden bekämpft. Natürlich auch für einen Satz wie diesen:
“Sehr viele Intellektuelle hatten im Laufe des 20. Jahrhunderts Stalin, Mao oder Pol Pot unterstützt, ohne dass ihnen das jemals ernsthaft zum Vorwurf gemacht worden wäre; der Intellektuelle in Frankreich musste nicht verantwortlich sein, das lag nicht in seinem Wesen.” (S.243)
Beispielhaft für die linke Kritik ein Interview mit Eduard Louis: Édouard Louis: Wenn die Eltern Le Pen wählen. Ein Gespräch in Paris Interview: Elisabeth von Thadden 9. März 2017Houellebecq sieht aber auch noch eine andere Ursache für den Niedergang der westlichen Idee von Freiheit und Aufklärung - der Verlust von Spiritualität:
“Ich glaube, es gibt ein echtes Bedürfnis nach Gott, und dass die Rückkehr des Religiösen kein Slogan ist, sondern eine Realität, die uns nun gerade mit erhöhter Geschwindigkeit einholt.” [...] Es gibt ja nicht nur den Islam, der davon profitiert, in Nord- und Südamerika sind es eher die Evangelikalen. Es ist kein französisches Phänomen, sondern beinah ein weltweites. Was Asien betrifft, bin ich nicht sehr informiert, aber der Fall Afrikas ist interessant, denn dort haben die beiden großen religiösen Kräfte Zulauf: Die Evangelikalen und der Islam. Ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft ohne Religion halten kann.” [...] Hinter die Philosophie der Aufklärung kann man ein Kreuz machen: verstorben. Ein schlagendes Beispiel: Die verschleierte Kandidatin auf der Wahlliste des linksextremen Politikers Olivier Besancenot, das ist ein perfektes Beispiel für den Widerspruch. Aber es sind ja nicht nur die Muslime, die sich in einer schizophrenen Situation befinden, wenn es um das geht, was man traditionellerweise die Werte nennt. Die Rechtsextremen haben da mehr mit den Muslimen gemein als die Linke. Es gibt mehr fundamentale Widersprüche zwischen einem Muslim und einem atheistischen Laizisten als zwischen einem Muslim und einem Katholiken, das erscheint mir offensichtlich.
Michel Houellebecq: „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“ Von Silvain Bourmeau Veröffentlicht am 03.01.2015Das Scheitern der Philosophie der Aufklärung und der Verlust an Religion und Metaphysik ist das entscheidende Movens für die Kritik Houellebecqs. Ein Verlust, den ich nicht empfinde; was das Scheitern der Aufklärung angeht, bin ich mir allerdings nicht so sicher.
Man kann das Buch Houellebecqs auch als eine aktuelle Variante des ‘Verrats der Intellektuellen’ (Julien Benda) lesen. Bendas Kritik an der mangelnden Distanz der Intellektuellen gegenüber dem Stalinismus ersetzt Houellebecq durch die prognostizierte unkritische Haltung der Intellektuellen gegenüber einem politisch organisiertem Islam.
Mir drängt sich eine weitere Parallele in der französischen Geschichte auf, denn der Subtext des Romans könnte auch lauten: Roman einer Kollaboration, und die Parallele bezieht sich auf das Verhalten der politischen Klasse Frankreichs unter der deutschen Besetzung, insbesondere was das akademische Leben in Paris angeht.
So stark die Resistance in Frankreich war, es gibt auch die andere Seite, die der Anpassung, Kollaboration und Duldung der Besatzung, weil die Kulturpolitik der deutschen Besatzer vielen eine Weiterarbeit ermöglichte. Manche Methoden scheint Houellebecq direkt dieser Zeit entnommen zu haben:
"Außer den engagierten Kollaborateuren handelten die meisten Journalisten eher opportunistisch, durch materielle Anreize geködert (während die übrigen Gehälter in Frankreich eingefroren wurden, wurden ihre Bezüge auf Veranlassung der Propagandastaffel verdoppelt) oder aus Feigheit denn aus ideologischen Gründen."
https://de.wikipedia.org/wiki/Kollaboration_in_Frankreich_(1940%E2%80%931944)#Die_Kollaborations-Presse_oder_.C2.BBKollaboration_der_Feder.C2.ABAußerdem ähnelt das Programm der Muslimbruderschaft doch erstaunlich stark dem Programm der Kollaborationsregierung im unbesetzten “Vichy-Frankreich” unter Pétain und Laval: Arbeit, Familie (und: Vaterland).
Houellebecq räumt in einem Interview allerdings ein, dass er eine politische Organisation aller Muslime, in einer einzigen Partei mit Chancen auf eine Mehrheit bei Präsidentschaftswahlen, angesichts ihrer Zersplitterung für wenig wahrscheinlich hält.
Ist ‘Die Unterwerfung’ also nur ein Denkspiel, eine fatale Möglichkeit, Anlass zum kritischen Beobachten der Veränderungen? Ist das frankreichspezifisch oder ein allgemeingültiges Denkspiel? Oder ist es eine Dystopie und - wohin treiben wir, und sind wir nur Getriebene oder rudern wir schon mit?
Verweise:
Wikipedia: Unterwerfung (Roman)Die Welt: Michel Houellebecq: „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“
Von Silvain Bourmeau | Veröffentlicht am 03.01.2015
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