Montag, 14. August 2017

Jérôme Leroy: Der Block

Klappentext
Blutige Aufstände in den französischen Vorstädten, die Zahl der Toten steigt unaufhörlich. Die Partei der äußersten Rechten - der Patriotische Block - steht kurz vor dem Einzug in die Regierung. In dieser Nacht kann das Schicksal Frankreichs kippen, und sie ist für drei Menschen der Höhepunkt einer 25-jährigen Geschichte aus Gewalt, Geheimnissen und Manipulation. Agnès führt als Parteivorsitzende die Verhandlungen. Ihr Ehemann Antoine wartet in seiner luxuriösen Pariser Wohnung auf das Ergebnis, Stanko, der Chef des paramilitärischen Ordnerdienstes der Partei, versteckt sich in einem schäbigen Hotelzimmer. Antoine ist morgen vielleicht Staatssekretär - Stanko jedenfalls soll morgen tot sein. Ein Vierteljahrhundert lang waren die beiden wie Brüder. Ein Vierteljahrhundert lang waren sie bei allen Aktionen dabei, die den Patriotischen Block an die Macht gebracht haben. Ein Vierteljahrhundert lang sind sie vor nichts zurückgeschreckt. Sie haben dieses Leben geliebt, und sie bereuen nichts.
Da fast alles schon von anderen gesagt und geschrieben wurde, hier einige Zitate zum Buch:

SWR2 DIE BUCHKRITIK Jérôme Leroy: Der Block. Rezension von Diyna Netz:
“Ein kleiner Schönheitsfehler ist, dass Nautilus das Buch als Kriminalroman vertreibt. Wer einen klassischen Who-Done-it-Krimi erwartet, dürfte allerdings enttäuscht werden. Zwar erzählt Stanko, während er auf seine Mörder wartet. Im Mittelpunkt des Romans stehen aber ganz klar das Gesellschaftspanorama und das Psychogramm der beiden Männer.” [...]“Jérôme Leroys Roman „Der Block“ ist ein echtes Wagnis: Leroy erzählt aus der Perspektive zweier absolut unheimlicher, gewalttätiger Männer, die einer rechtsnationalen Partei angehören. Und indem er sie menschlich macht, mit einer Familiengeschichte, Fehlern und Schwächen ausstattet, begibt er sich auf eine Gratwanderung: Die Unsympathen kommen einem fast nahe.”

Zwei Protagonisten

Aus einem Interview mit Leroy:
"Die beiden Erzähler zeigen zwei Typen, die man in extrem rechten Bewegungen findet: Die Intellektuellen Bürgerlichen, die sich radikalisieren und auf der anderen Seite harte Aktivisten und Skins, die fürs Grobe und Gewalttätige gebraucht werden." 
Interviewauszug Leroy radioeins rbb Die Literaturagenten, ab 4’:40’’ 
SWR2 DIE BUCHKRITIK Jérôme Leroy: Der Block. Rezension von Diyna Netz:
“Antoine ist ein Intellektueller, er war Lehrer, hat vor seiner Parteikarriere Bücher veröffentlicht. Aber es gab immer auch schon diese andere Seite an ihm, die Faszination für das Brutale. Trotzdem ist er nicht nur zum „Block“ gekommen, um gelegentlich Linke zu verhauen. Antoine geht es tatsächlich um den Sturz der althergebrachten Parteien, die er als zahnlos und nur um ihre eigenen Pfründe bemüht wahrnimmt. Stanko ist Antoines Schützling gewesen, ein orientierungsloser Skin, der dank Antoine zum stellvertretenden Sicherheitsbeauftragten des „Block“ aufgestiegen ist. Jahrelang hat er eine höchst effiziente Schlägertruppe befehligt, die viele Probleme der Partei auf ihre Weise gelöst hat und die Stanko nun – Ironie des Schicksals – selbst den Garaus machen soll. Die Liste der Gewalttaten im Buch ist übrigens ziemlich lang, auf ein paar Schlägereien hätte man durchaus verzichten können.” (leider nicht mehr online)

Erzählperspektive

Der Kriminalroman „Der Block“ und der Film „Chez nous“ sagen viel über Frankreich FAS 05.03.2017, von Annabelle Hirsch und Peter Körte
"Leroy hat sich für eine klassische Struktur entschieden: die des Dramas mit der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Mit der kleinen Variante, dass aus zwei Perspektiven erzählt wird: Stanko, der Chef des Sicherheitsdienstes des Blocks, spricht in der ersten Person Singular. Antoine, der rechtsdrehende Intellektuelle und Ehemann von Agnès, in der zweiten, in einer Art Zwiegespräch mit sich.”


Wie ich das Buch lese - Leroy und Houellebecq im Vergleich


Eine Gegenüberstellung von Personen und Konstellation des Buches von Leroy und dem von Houellebecq liegt nahe, behandeln sie doch beide das gleiche Thema: die Machtübernahme durch eine radikale Partei.


Houellebecq - Leroy: Ausgangslage

Auf den ersten Blick könnte die politische Situation nicht unterschiedlicher sein.
Bei Leroy die Chance für die Rechtskonservativen mit Hilfe der Rechtsextremen an die Macht zu kommen: Jede Nacht steigt  bei innenpolitischen Kämpfen die Zahl der Toten, die Linke hat politisch abgewirtschaftet ist und stellt nur noch eine lächerliche Karikatur ihrer einstigen Größe dar. Die dargestellte Situation gleicht dem Zustand Deutschlands um die Jahreswende 1932/1933, als die NSDAP mit Hilfe des Steigbügelhalters von Papen an die Macht gelangte und, das wäre jetzt allerdings eine Prognose für eine vergleichbare Situation in Frankreich, mit den Rechtskonservativen sehr schnell Schluss machte.

Bei Houellebecq dagegen erfolgt die Machtergreifung durch die Muslimbruderschaft mit Hilfe der Linken - eine Konstellation, die selbst Houellebecq im Augenblick für extrem unwahrscheinlich hält.* Aber im Hintergrund wartet der FN auf seine Chance in eine Situation zu kommen, wie Leroy sie beschreibt. 
Bei Houellebecq gibt es kein Entrinnen aus dem fatalen Dilemma zwischen extrem Rechts und Muslimbruderschaft, bei Leroy besteht immer noch die Chance, dass das rechte Bündnis scheitert und sich neue politische Konstellationen ergeben können.
*MICHEL HOUELLEBECQ „Eine islamische Partei ist eigentlich zwingend“. Von Silvain Bourmeau | Veröffentlicht am 03.01.2015

Houellebecq - Leroy: Protagonisten

Bei der Wahl der Protagonisten gibt es deutliche Unterschiede zwischen beiden Büchern. Bei Houellebecq ist es der weiche, intellektuelle Francois, ein versponnener Einzelgänger, der vor allem am Lebensgenuss interessiert ist, aber gewaltlos und politisch wenig interessiert und gleichgültig sein Leben lebt, so lange es gute Restaurants und willige Sexualpartnerinnen für ihn gibt.

Leroys Antoine dagegen ist mehr zynischer Dandy als machtbesessener Ideologe. Einst ideologisch und kulturell nach allen Seiten offen, ist er beim Faschismus hängen geblieben, denn er verachtet die Schwäche der Linken. Er hasst die ’kleinen Möchtegern-Päpste der kulturgeilen Kaviar-Linken’ (S.10), das politische Chaos, das sie zu verantworten haben und den ‘Konsumismus’, den die gesamte französische Gesellschaft durchzieht (S.180fff). Ihn reizt Gewalt per se, wie sie einen Hooligan reizt, mit nahezu pathologischen Zügen seit seiner Kindheit in einer wohlbehüteten Familie eines Augenarztes (S.47). 
Die nie versiegende Quelle seines Engagements bei der extremen Rechte ist die Macht, die er verspürt, wenn die Aura von Brutalität, die seine Person ausstrahlt, sich als Hass und nackte Angst in den Augen einer jungen Araberin widerspiegelt (S.11). Er ist mehr an Testosteron als an Ideologie interessiert - und natürlich an Agnès, der Führerin des ‘Blocks’.

Auch zu Diedier Eribon und Édouard Louis könnte man eine Parallele ziehen: Stanko, der Underdog und Schläger, stammt aus dem gleichen Milieu wie Didier und Eddy und er teilt die politische Einstellung des Milieus: 


(S.76)


Der soziale Aufstieg erfolgt jedoch nicht durch Anpassung an die herrschende Kultur und Übernahme ihrer Werte sondern durch Ausspielen der spezifischen Eigenschaften, die man seiner Klasse nachsagt, Gewalt und Brutalität, und durch Auslieferung seines Lebensentwurfs  an den Intellektuellen Antoine, der im Hintergrund die Strippen zieht, die letztlich für Stanko zum Tode führen.  


Leroy - Houellebecq:  Kulturpessimismus und Konversion 

Trotz aller Gegensätze beim Setting und den handelnden Personen, gibt es zwei Übereinstimmungen zwischen Antoine und Francois: Es ist ihr Kulturpessimismus und die Bereitschaft zu konvertieren, illustriert an 2 Zitaten von Leroy:
Antoine:  "Ich sage Ihnen das im vollen ernst: Wenn es dem Block nicht gelingt, in den kommenden Jahren oder Monaten an die Regierung zu kommen - und da ich mir keinen Chip einpflanzen lassen will, denn am Ende werden sie sich auch die Alten wie uns vornehmen, Sie werden schon sehen, jene, die sich noch an die Welt davor erinnern, die noch Zeugnis ablegen können,- dann konvertiere ich zum Islam und ziehe nach einer Ausbildung in einem Al-Qaida-Trainingscamp in den Kampf im Sudan oder anderswo. Dann kann mir die Zivilisation der lebenden Toten gestohlen bleiben!" (S.188)[...]  
„Du fragst dich in dieser Nacht wirklich, was eher deinen Respekt oder dein Opfer verdient: eine Gesellschaft, in der neun von zehn Paaren, wenn sie aus dem Kino kommen, zuerst ihr Handy wieder einschalten, bevor sie miteinander sprechen oder eine Gesellschaft, in der eine junge, verschleierte Frau fähig ist, sich an einem Grenzposten selbst in die Luft zu jagen, im Namen ihres Volkes und ihres Glaubens?“ (S.189)
Francoise hätte es bei Houellebecq nicht besser ausdrücken können.


Resümee

Leroy und Houellebecq thematisieren komplementäre Dystopien: Peripherie vs. Zentrum; Rechte Koalition vs. Muslimisch-Links; Gewalt vs. Überredung, Überwältigung vs. Unterwerfung - mit Überschneidungen bei den Hauptprotagonisten: Ablehnung des derzeitigen Zustandes der liberalen Gesellschaft. Die Einen aus Verachtung, die Anderen als Resultat der Hilflosigkeit angesichts der sozialen Veränderungen.

Leroy zeigt, wie rechte Machtübernahme mit Hilfe der Konservativen als Steigbügelhalter funktioniert  und Houellebecq wie es komplementär mit der Linken als Steigbügelhalter einem politisch organisierten Islam gelingen könnte. 

Dennoch fühle ich mich beim Gedanken, dass es zu einer Situation kommen könnte, wie Houellebecq sie beschreibt unwohler als im gleichen Fall bei Leroy.
Eine extreme Rechte wird immer die Linke und die Liberalen, vielleicht auch die gemäßigten Konservativen als Gegner haben. Man wird auch mit sozialem Widerstand durch die Gewerkschaften gegen eine rechte Machtergreífung rechnen können. ‘Paris’ als Metapher für die politische und intellektuelle Klasse des Zentrums Frankreichs wird ebenfalls kaum ein erfolgreiches Pflaster für die extreme Rechte werden, wie die letzten Wahlen zeigten. 

Im anderen Fall sieht es vermutlich düsterer aus: Eine ‘Machterschleichung’ durch einen politisch organisierten Islam halte ich zwar wie Houellebecq für wenig realistisch, aber prinzipiell für gefährlicher. Wer würde sich ihm entgegenstellen? Der katholische Konservatismus wird sich vermutlich arrangieren, und die Rechte? Wird sie die Provinz gegen die Muslimbruderschaft in Bewegung setzen können? Ich habe da meine Zweifel wenn das ökonomische Szenario Wirklichkeit wird, das Houellebecq beschreibt.

Hoffen wir, dass es niemals zu einem der beiden Szenarien kommt. Der einzige Ausweg wäre vermutlich Auswanderung. 

Verweise / Links:


Jérôme Leroy im Interview bei Edition Nautilus (PDF)

Jérôme Leroy: Der Block.  Rezension von Dina Netz, SWR2 Die Buchkritik. Manuskript (leider nicht mehr online)

Kritisch: Französischer Thriller mit großer Aktualität. Von Antje Deistler DLF 19.4.2017

"Wegen der Möse einer Frau Faschist geworden". Von Marcus Müntefering, Spiegel Online

Frankreich vor der Wahl Ein Albtraum wird wahr. Von Annabelle  Hirsch und Peter Körte, FAZ 5.03.2017

„Der Block“ von Jérôme Leroy: Die Zukunft wird mit Blut geschrieben. Von Werner Van Bebber. Der Tagesspiegel vom 20.04.2017

Krimi und Rechtspopulismus - Sprache der Gewalt. Von Alex Rühle SZ 3.4.2017

Reise ans Ende der Nacht. Von Christian Bommarius  FR 21.04.2017