Dienstag, 4. Juni 2024

Auf den Spuren von Varian Fry in Marseille: 1941/2024

Gedenktafel, Generalkonsulat der USA, 12 Bd Paul Peytral, 13006 Marseille, Frankreich

Foto: K.Wadel


Text übersetzt: 

Varian Fry, ein amerikanischer Journalist, kam im August 1940 als Freiwilliger des Emergency Rescue Committee, New York, nach Marseille, um 200 antifaschistische Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler vor der Auslieferung an die Nazibehörden zu retten. Er blieb 13 Monate lang, bevor er von der Vichy-Regierung aus Frankreich ausgewiesen wurde. In dieser Zeit verhalf er über 2.000 Menschen zur Flucht vor den Nazis, oft unter Einsatz seiner eigenen Sicherheit. 1967 erhielt Varian Fry von der französischen Regierung das "Croix de Chevalier de la Légion d'Honneur", und 1996 wurde er posthum in Yad Vashem, Israel, als erster Amerikaner mit dem Titel Gerechter unter den Völkern geehrt.

Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)


Der Text auf der Tafel ist leider unvollständig. Es fehlt der Hinweis, dass Varian Fry sich mit allen damaligen Institutionen anlegte, mit der amerikanischen Regierung ebenso wie mit der französischen Vichy-Regierung. Er arbeitete mit vielfältigen Tricks, kooperierte mit Passfälschern und Kriminellen in Marseille und nicht zuletzt mit Fluchthelfern wie Lisa Fittko und ihrem Mann Hans. Ein Jahr lang war Varian Fry eine Schlüsselfigur für verzweifelte Flüchtlinge aus dem besetzten Frankreich.

Meine Vorgeschichte

Von Varian Fry las ich zum ersten Mal im März 1990 in Hans Sahls Buch Die Wenigen und die Vielen, ein zweites Mal bei demselben Autor in Das Exil im Exil und ein drittes Mal im selben Jahr bei Lisa Fittkos Mein Weg über die Pyrenäen, ohne dass diese Lektüren jedoch einen besonderen Eindruck bei mir hinterlassen hätten. Erst Jahrzehnte später, im Mai 2020, tauchte sein Name im Zusammenhang mit dem Thema Exil in Frankreich wieder auf, das mich von da an beschäftigte. Auslöser war für mich die zufällige Lektüre von Sibylle Bedfords Treibsand, die mich wiederum zu Manfred Flügges Das flüchtige Paradies führte, und erst als ich dort die Würdigung von Varian Fry las (S.193ff), fiel der Groschen.  


Nebenbei: Vieles, was Wittstock in Marseille 1940 geschrieben hat, kann man bei Flügge nachlesen. Dessen Buch ist allerdings schon 2019 erschienen und in kürzerer Form eigentlich schon 1996 - damals aber noch ohne ausführliche Würdigung des Wirkens von Varian Fry.

Hans Sahl

Hans Sahl, von den Nazis verfolgt und im französischen Exil von seinen ehemaligen kommunistischen Freunden verstoßen, wurde 1939 wie viele andere Exilanten von den französischen Behörden in verschiedenen Lagern gefangen gehalten, bevor ihm die Flucht nach Marseille gelang wo er auf Varian Fry traf (s.u.).

Varian Fry in Marseille. France, 1940–1941.

  • US Holocaust Memorial Museum, courtesy of Annette Fry


In einem Brief an Thomas Mann vom 17.3.1941 schreibt Hans Sahl über Varian Fry:

Er kam lächelnd nach Marseille, ein sympathischer junger Mann, kultiviert, liebenswürdig, kameradschaftlich, mit einer roten Nelke im Knopfloch. Er liebte die Kunst, die Menschheit und die traurigen Reste der einstmals so berühmten französischen Küche und des französischen Weinkellers. Aber die Ereignisse und die Situation, in die er gestellt wurde, haben diesen Menschen verwandelt. Er ist eine bedeutende Erscheinung geworden. In neun Monaten mühevollster, konsequenter Arbeit hat Fry aus dem Comitée in Marseille das gemacht, was es heute ist: eine G.m.b.H. zur Rettung bedrohter Menschen, und dies unter den Augen der Gestapo und der französischen Sûreté, man bedenke! Fry hat dabei sehr geschickt die legale Fassade der Visenverteilung und der finanziellen Beihilfe benutzt, um dahinter das illegale Geschäft des Menschen-Fortschaffens und -Versteckens ungestörter betreiben zu können. Eine Meisterleistung! (Hans Sahl: Exil im Exil, S.102)

Orte - Spuren

Ich hätte mich gerne auf die Spuren von Varian Fry in Marseille begeben, hatte aber keine Möglichkeit dazu. Deshalb habe ich meinen Sohn Kristian gebeten, anlässlich eines Kurzurlaubs in Marseille 2024 die verschiedenen Stationen von Varian Fry in Marseille abzugehen und zu dokumentieren.



Aus: Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin-Marseille-New York. Aktives Museum, Berlin 2007; S.153


1. Marseille - Cannebière

Marseille - Cannebière 1940


Von seiner ersten Begegnung (als “Kobbe”) mit Varian Fry hat Hans Sahl uns eine schöne Szene überliefert, die ich hier im Wortlaut wiedergeben möchte. (Hans Sahl: Die Wenigen und die Vielen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1959, S.256 f)


   »Es begann in einem Café an der Cannebière...«, sagte Kobbe.

   »Sie scheinen ziemlich viel in Cafés gesessen zu haben«, sagte das Mädchen mit der künstlichen Blume.

»Sie waren für uns eine Art nationaler Heimstätten geworden«, sagte Kobbe. »Man wohnte im Café, schlief im Café, schreibt Abschiedsbriefe im Café. Nun also, ein Freund kam an meinen Tisch, ein sehr witziger Mensch, und sagte mir leise, ein Mann wäre im Hotel Splendide abgestiegen, ein Amerikaner, mit einem Haufen Dollar und einer Liste von Leuten, die gerettet werden sollten. ›Ihr Name steht auch drauf. Rufen Sie sofort an. Er wartet auf Sie.‹ Ich sagte, mir wäre nicht nach Witzen zumute, aber dann rief ich doch im Hotel an und fragte nach jenem geheimnisvollen Herrn. Er meldete sich sofort. ›Wie war Ihr Name? Oh, yes, Kobbe, kommen Sie sofort herüber, ich warte auf Sie!‹ (S.256)




2. Büro Hotel Splendid Marseille 1939





Hans Sahl:

Als ich zehn Minuten später im Hotel ankam, standen zwei deutsche Offiziere in der Halle. Ich ging an ihnen vorbei, zum Fahrstuhl, fuhr hinauf, und als ich die Tür öffnete und eintrat, kam mir ein freundlicher junger

Mann in Hemdsärmeln entgegen, legte den Arm um mich, stopfte mir einige Geldscheine in die Tasche, zog mich zum Fenster und wisperte, wie ein nicht sehr guter Schauspieler, der eine Verschwörerrolle spielen soll: ›Wenn Sie mehr brauchen, kommen Sie wieder. Inzwischen werde ich Ihren Namen nach Washington kabeln. Wir werden Sie hier herausbringen. Es gibt Wege, Sie werden sehen, oh, es gibt Wege...‹ Er goß mir ein Glas Whisky ein. ›Übrigens brauchen Sie einen neuen Anzug. Sie können nicht mehr so herumlaufen. Wir werden Ihnen morgen einen hübschen Sommeranzug kaufen.‹ Ich goß den Whisky herunter und sagte abwechselnd ›Thank you very much, Sir‹  und ›Danke vielmals‹ und ›Merci, monsieur‹. Sie müssen sich vorstellen: die Grenzen waren gesperrt, man saß in der Falle, jeden Augenblick konnte man von neuem verhaftet werden, das Leben war zu Ende - und nun steht da plötzlich ein junger Amerikaner in Hemdsärmeln, stopft dir die Taschen mit Geld voll, legt den Arm um dich und zischelt mit schlecht gespielter Verschwörermiene: ›Oh, es gibt Wege, Sie herauszubringen‹, während dir, verdammt nochmal, die Tränen über die Backen laufen, ja, scheußlich, richtige, dicke Tränen, und der Kerl, der gemeine, übrigens ein ehemaliger Harvard-Student, nimmt nun auch wirklich sein seidenes Taschentuch aus der Jacke, die über dem Stuhl hängt, und sagt: ›Hier, nehmen Sie. Es ist nicht ganz sauber, Sie müssen schon entschuldigen.‹ Und, sehen Sie, seitdem liebe ich Amerika, weil es diese Dinge so nebenbei, und doch mit Umsicht und praktischem Verstand tut und weil da doch immer, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint, irgendein Mann in Hemdsärmeln vor dir steht und sagt: ›Oh, there are ways, you know...‹

(Hans Sahl: “Die Wenigen und die Vielen”, S.256.)



Diese Szene erschien Hans Sahl so bezeichnend, dass er sie Jahre später, 1990, in seinem Buch Das Exil im Exil fast wörtlich wiedergab. Im öffentlichen Bewusstsein spielte Varian Fry damals aber noch keine Rolle.

3. Büro 60, Rue Grignan September 1940

Weil der Andrang von Fluchtsuchenden immer größer wird, sucht Varian Fry sehr bald eine neue Unterkunft für seine Organisation, die er jetzt aus Tarnungsgründen in Centre Américain de Secours (CAS; beziehungsweise American Relief Center)  umbenennt.


Varian Fry schreibt:

Etwa zur gleichen Zeit lernte ich einen französisch-jüdischen Geschäftsmann kennen, der die Zeichen der Zeit erkannt und sich entschlossen hatte, sein Geschäft in Marseille aufzugeben, bevor er es nur noch zu einem Schleuderpreis verkaufen konnte. Er handelte mit Handtaschen, Notizbüchern, Brieftaschen, Geldbörsen und Ledermoden. Er trat uns sein Büro im zweiten Stock eines alten Gebäudes in der Rue Grignan ab: mietfrei bis zum Jahresende. Wir zogen ein, noch bevor er ausziehen konnte und eröffneten dort Ende August den Centre. Ein paar Tage lang herrschte ein heilloses Durcheinander aus Brieftaschen, Packkisten und Umzugsleuten, in dem sich die Flüchtlinge irgendwie zurechtfinden mußten, und es dauerte einige Zeit, bis wir alles in Ordnung gebracht, die Ladeneinrichtung entfernt und durch Tische und Stühle ersetzt hatten.

(Varian Fry, Auslieferung ..., a.a.O. S.51)


Foto: K.Wadel


Varian Fry konnt jetzt auf die Mithilfe weiteren Personen rechnen, darunter Hans Sahl, Miriam Davenport, und Stéphane Hessel, der ihm auf Frys Wegen in Südfrankreich behilflich ist.  Mary Jane Gold “eine reiche Amerikanerin, die schon länger in Südfrankreich lebte, machte eine großzügige Spende für das CAS, übernahm auch immer wieder Hilfsarbeiten, so die schwierige Aufgabe, durch Gespräche mit den bis zu 100 Besuchern pro Tag diejenigen herauszufinden, die den Kriterien für eine Fluchthilfe entsprachen.Flüchtlinge, die nicht als Intellektuelle oder Künstler gelten konnten, wurden an andere Organisationen verwiesen oder zumindest finanziell unterstützt.” (Flügge, a.a.O. S.198)


Foto: K.Wadel


Varian FRY

a installé les bureaux du Centre Américain de Secours dans cet immeuble, en 1940, pour sauver les intellectuels et les Artistes Européens menacés par les persecutions Nazies. Le Comité FRY a porté assistance à plus de 2000 personnes entre 1940 et 1942


“Unter den neu Hinzugekommenen waren auch der ehemalige Mitarbeiter der Pariser Polizei, Daniel Bénédite, und der Chemiker Jean Gemähling, deren französische Staatsangehörigkeit das CAS zusätzlich als französische Organisation legitimierte. Die Arbeit im CAS ermöglichte es, politisches Engagement und Absicherung des Lebensunterhaltes zu verbinden; viele entschieden sich auch vor dem Hintergrund eigener Verfolgungserfahrungen für eine Mitarbeit.”

(Marion Neumann: Ohne zu zögern - Die Fluchthilfe des »Centre Américain de Secours« (CAS). In: Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin-Marseille-New York. S.152

4. Büro 18, Boulevard Garibaldi 


Foto: K.Wadel


Ende Dezember verlegten wir unser Büro von der Rue Grignan in sehr viel hellere und größere Räume am Boulevard Garibaldi. Wir zogen schon ein, als unsere Vormieter, die einen Schönheitssalon betrieben hatten, noch auszogen. Waren wir in der Rue Grignan in den ersten Tagen von Brieftaschen umgeben, so arbeiteten wir nun zwischen Haartrocknern, Dauerwellenhauben, weißen Wandschirmen und mannshohen Spiegeln.

   Die Besitzer des Schönheitssalons zogen jedoch sehr viel schneller aus als der Lederhändler. Zu Beginn des neuen Jahres konnten wir unsere Arbeit in Räumen aufnehmen, die in jeder Hinsicht so seriös waren wie die der Quäker oder des Roten Kreuzes. Der Polizei mochten wir weiterhin verdächtig erscheinen, aber sie konnte unser Büro nun nicht mehr als verdächtiges Loch bezeichnen. Nach außen hin hatten wir uns jetzt einen so ehrbaren Anstrich gegeben, daß die Polizei unser Büro nicht mehr ohne weiteres schließen konnte - dachten wir.

   Um die Sache abzurunden, kauften wir eine große amerikanische Fahne, zogen sie auf einen zwei Meter hohen Fahnenmast und stellten sie in den Interview-Raum. Wir wollten uns auch ein Foto des Präsidenten Roosevelt von der Botschaft leihen, aber die Botschaft besaß nur Bilder von Washington, Lincoln und Hoover.

(Varian Fry, Auslieferung auf Verlangen, a.o.O. S.219)


Foto: K.Wadel

Mai 2024: Klingelschild am Haus 18, Boulevard Garibaldi

5. Konsulat der USA 1940; 6 Pl. Félix Baret*;

Vor dem Eingang des amerikanischen Konsulats, dem Haus Nummer 6 an der Place Félix Baret, drängte sich Tag und Nacht die Gefährdeten, die auf ein Visum hofften. Keine 200 Meter weiter beherrschte das mächtige Gebäude der Präfektur den Platz. Der Polizeichef von Marseille, Maurice de Reodellec du Porzic war ein ergebener Diener des Vichy-Regimes.” (Flügge, a.a.O., S.197)




Foto: K.Wadel

Foto: K.Wadel


* Heute befindet sich das Generalkonsulat an der Ecke 12 Bd Paul Peytral, wo auch die Gedenktafel für Varian Fry steht (siehe oben)

6. Villa Air-Bel (ab Herbst 1940)

Als ich die Villa Air-Bel zum erstenmal sah, war sie verrammelt wie eine Festung, Wege und Garten waren von Unkraut überwuchert und die Hecken seit Jahren nicht mehr gestutzt worden. Aber der Blick, den man von dort über das Tal auf das Mittelmeer hatte, war bezaubernd. Ich war beeindruckt von der Terrasse mit den mächtigen Platanen und den beiden großen Treppen, die links und rechts zu einem französischen Garten und einem Fischteich hinunterführten. [...] 

Beamish war gegen den Plan mit der Villa Air-Bel. Bis zur Stadt benötigte man eine halbe Stunde, und es gab keine Telefonverbindung. Er war der Meinung, ich sollte in Notfällen leichter erreichbar sein. Natürlich hatte er recht. Aber ich hatte es satt, Tag und Nacht, wochentags wie feiertags, erreichbar zu sein, gerade das hatte mich völlig erschöpft. Wenn ich überhaupt noch irgendwie von Nutzen sein sollte, dann brauchte ich ein wenig Erholung, wenigstens einige Stunden am Tag. Sonst bestand die Gefahr, daß ich vor Nervosität und Niedergeschlagenheit nicht mehr würde arbeiten können.

(Varin Fry, Auslieferung auf Verlangen, S.138-140)




https://le-souvenir-francais.fr/le-monument-du-mois-33/ 

Fry: Man hätte schwerlich einen besseren Platz finden können, um sich zu erholen und zu entspannen. Und das Haus wurde bald zu einem beliebten Treffpunkt:


Varian Fry hatte eine Lust zum Abenteuer, zum Wagnis, in diesem Sinne war er sehr amerikanisch, er hatte aber auch eine spontane Liebe zur Kunst und zu den Künstlern, für deren Sicherheit er zu sorgen hatte. Er hatte ein Schloß in der Nähe von Marseille gemietet, in dem er André Breton und seine Frau sowie andere französische Surrealisten und den trotzkistischen Schriftsteller Victor Serge untergebracht hatte. Kerzen brannten, frugale Gerichte, die man der im Lande herrschenden Hungersnot abgerungen hatte, wurden auf erlesenem Porzellan serviert, man trank erlesene Weine aus goldenen Pokalen und jeder fragte sich, wie lange noch. Einer nach dem anderen verschwand, entweder ins Gefängnis oder in die Freiheit.
(Hans Sahl, Das Exil im Exil, a.a.o. S.92f)



A group of artists poses on the grounds of the Villa Air-Bel near Marseilles. Among those pictured are Jacques Herold, Oscar Dominguez, Andre Breton, Jacqueline Lamba Breton, Jacques Herold, and Wifredo and Helene Lam. Photographer: Andre Gomes, Date: 1941

Quelle: https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1155418 

Abschied

Varian Fry musst im August 1941 Frankreich verlassen und geriet die ersten Jahre danach nahezu in völlige Vergessenheit. Das änderte sich erst  Anfang der 80er Jahre.

Unter den von Fry geretteten Personen befanden sich unter anderen Hannah Arendt, Ernst Josef Aufricht, Georg Bernhard, André Breton, seine Frau Jacqueline und Tochter Aube, Marc Chagall, Marcel Duchamp, Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Fritz Kahn, Siegfried Kracauer, Konrad Heiden, Heinz Jolles, Wifredo Lam, Wanda Landowska, Jacques Lipchitz, Alma Mahler-Werfel, Heinrich Mann und Golo Mann, André Masson, Walter Mehring, Otto Meyerhof, Soma Morgenstern, Hans Natonek, Hans Namuth, Hertha Pauli, Alfred Polgar, Hans Sahl, Franz Werfel, Helen, Kurt und Christian Wolff. (Wikipedia)


Seit dem 3. Dezember 1997 heißt eine Straße im neu angelegten zentralen Potsdamer-Platz-Areal in Berlin „Varian-Fry-Straße“. Im überdachten Wartebereich der gleichnamigen Bushaltestelle dort ist eine zweisprachige Gedenktafel in Englisch und Deutsch mit einem Foto Frys angebracht, auf der seine Rolle als Fluchthelfer für NS-Verfolgte dargestellt wird[9]. Der Straßenname brachte die in Berlin lebende Schriftstellerin und Produzentin Anna Winger auf die Idee für die Netflix-Serie Transatlantic (s. u.: Verfilmungen). Ihr Vater, der Anthropologe und Erziehungswissenschaftler Robert A. LeVine, hatte bei einem Besuch in Berlin den Straßennamen gesehen und ihr von Varian Fry erzählt. (Wikipedia)

Anhang

Links

Wie Varian Fry jüdische Intellektuelle und Künstler rettete

Kilian Pfeffer

https://www.swr.de/swrkultur/wissen/wie-varian-fry-juedische-intellektuelle-und-kuenstler-rettete-100.html 


Le site officiel de l'Association Varian Fry France

" Pour ne pas oublier. " www.varianfry-france.fr


Varian Fry Institute (a division of the Chambon Foundation)

https://www.varianfry.org/ 


A Year That Mattered

Varian Fry and the Refugee Crisis, Marseille 1940-41

https://www.varianfry.org/crown1_en.htm 


Varian Fry in Marseille

by Pierre Sauvage

https://www.varianfry.org/sauvage_fry_oxford_en.htm 


Sehr interessant auch mit vielen Fotos:

Pages of Time

Marseille passport log sheds light on consular history

https://statemag.state.gov/2022/05/0522feat03/ 


Ausdrücklich warnen muss ich vor dieser Website. Sie schüttet den Leser mit Werbung zu und ist kaum vernünftig lesbar:

https://tourisme-marseille.com/fiche/hommage-au-juste-varian-fry-marseille/


Literatur

Fittko, Lisa: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1989.
Flügge, Manfred: Das flüchtige Paradies. Deutsche Schriftsteller im Exil an der Côte d'Azur. Aufbau Verlag, Berlin 2019, S.197ff.
Fry, Varian: Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41.Hanser Verlag, München 1986 und Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, Frankfurt 1995.
Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin-Marseille-New York. Aktives Museum, Berlin 2. Auflage 2008.
Sahl, Hans: Das Exil im Exil. Luchterhand, Darmstadt & Neuwied 1990; Neuausgabe: Luchterhand, München 2008.
Sahl, Hans: Die Wenigen und die Vielen. Roman einer Zeit. Frankfurt 1959; Neuauflagen: Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1991 und Luchterhand, München 2010.

Freitag, 31. Mai 2024

Man hat es nicht leicht: GUTVERDIENER IN GELDNOT

 „10.000 Euro im Monat

reichen nicht. Was tun?“ 

Eigentlich geht es Familie Huber gut. Die Eltern haben gute Jobs, sie sind Ingenieure, er bei einem Mittelständler, sie bei der Stadt. Sie verdienen zusammen rund 10.000 Euro netto im Monat, seit 2018 wohnen sie in einem renovierten Reihenhaus in Niedersachsen, fahren zwei Autos, die beiden Kinder gehen aufs Gymnasium. Doch immer am Monatsende stellen sie fest, dass sie offenbar irgendetwas falsch gemacht haben. Denn trotz guter Gehälter bleibt fast nichts davon übrig, das Konto rutscht sogar leicht ins Minus. 

Das ist keine Satire, sondern ein Beitrag aus: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.Mai 2024, S.26.: Klick (Bezahlschranke)

Samstag, 18. Mai 2024

Die Grünen geben Rätsel auf

 Europawahlkampf 2024


Welche Ordnung ist gemeint? Die Ordnung im Küchenschrank? Die Ordnung auf dem Schreibtisch? 
Ah, beim genauen Hinsehen stelle ich fest: Es ist die Ordnung am Arbeitsplatz gemeint. 
Aber was hat es mit den Menschenrechten auf sich? Und wie zähle ich mein Machen?

Montag, 6. Mai 2024

Didier Eribon: Eine Arbeiterin - Leben, Alter und Sterben

Didier Eribon: Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024. 
ISBN 9783518431757. Gebunden, 272 Seiten.

Vorbemerkung: Ich habe mir das Buch nicht gekauft, sondern lediglich in einem Buchkaufhaus in Abschnitten gelesen. Ich wollte weder dem Verfasser noch dem Verlag gönnen, auch nur einen Cent dafür ausgegeben zu haben. Wenn Sie das Folgende lesen, werden Sie verstehen, warum.

Was Didier Eribon schon immer auszeichnete, war seine Larmoyanz gegenüber seiner Vergangenheit und der Mangel an aufrichtiger Anteilnahme, etwa am schweren Leben seiner Eltern, insbesondere dem seiner Mutter. 
Das wird auch in seinem letzten Buch “Die Arbeiterin” wieder deutlich. Diese Arbeiterin ist nicht irgendjemand, sie ist seine Mutter. Das muss betont werden, weil er aus der Mutter eine Kategorie konstruiert, zu der er keine ethische oder persönliche Beziehung hat. Die Mutter steht für alles, aber nicht für die konkrete Mutter des Sohnes Didier. Eine einfache Tatsache macht dies deutlich: In den sieben Wochen, die seine Mutter im Pflegeheim verbringen musste, hat der Sohn sie nur zweimal besucht. Es gab so viel zu tun in Paris und auf Reisen. Verantwortung des Sohnes für die demente und kranke Mutter? Fehlanzeige.
Eribon hat dann das Wunder vollbracht, aus einem zutiefst schäbigen Umgang mit der eigenen Mutter ein Buch zu machen, das von den Feuilletons gefeiert wird. Der soziale Aufstieg ist ihm wirklich gelungen, da stören die nächsten Verwandten nur noch, sind allenfalls Stoff für literarische Verarbeitung. Geradezu grotesk und zynisch wirkt auf mich dann sein „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“

Eribon:

Mittlerweile ist mir bewusst, dass ich zugleich dank meiner Mutter und in Abgrenzung zu ihr der Mensch geworden bin, der ich bin. In meinen Gedanken war das In-Abgrenzung-zu-ihr lange Zeit stärker als das Dank-ihr. Natürlich schäme ich mich seit Langem für all die Beispiele meines Egoismus und meiner Undankbarkeit. Mich schmerzt, wie viel Schmerz ihr mein Egoismus und meine Undankbarkeit zugefügt haben. Doch wie Albert Cohen in Das Buch meiner Mutter schreibt: »Etwas spät«, das schlechte Gewissen. 227

Es war seine Mutter, die täglich in schlecht bezahlten Jobs das Geld aufbringen musste, um ihm den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen. Dankbarkeit des Sohnes? Auch hier Fehlanzeige. Seine angebliche Scham ist nur Pose.
Ich kann gar nicht so viel fressen ...

Eribon hat ein Buch geschrieben, das moralisch bedenklich und soziologisch ein Leichtgewicht ist, trotz einer beeindruckenden Zahl von Verweisen auf andere Autoren und Geistesgrößen, die er gerne und ausführlich zitiert, um seine Überlegungen wissenschaftlich zu untermauern. Böswillig könnte man sagen, dass er auch mit 70 Jahren noch am klassischen Aufsteigersyndrom leidet: “Bin ich wirklich so brillant, wofür mich alle halten?" 
Nein, bist du nicht.

Rezensionen


Von den vielen Lobhudeleien hebt sich deutlich Christoph Schröder ab, der in der Diskussion der “SWR Bestenliste Mai 2024, das Buch - ganz in meinem Sinne - zerreißt:

SWR Bestenliste Mai 2024

https://www.swr.de/swrkultur/literatur/bestenliste/swr-bestenliste-20240505-1704-swr-bestenliste-mai-100.html

(Audio-) Link zur Diskussion:

https://avdlswr-a.akamaihd.net/swr/swrkultur/literatur/bestenliste/swr-bestenliste-20240505-1704-04-didier-eribon-eine-arbeiterin-leben-alter-und-sterben.m.mp3


Sehr kritisch äußert sich auch Guido Kalberer in der NZZ:
NZZ Guido Kalberer: Selbst beim Sterben herrscht Klassenkampf: Didier Eribon schreibt über seine Mutter, NZZ 12.03.2024,

https://www.nzz.ch/feuilleton/klassenkampf-beim-sterben-didier-eribon-schreibt-ueber-seine-mutter-ld.1820665  


Mangelnde Empathie

Seine Mutter, die bei Eribon nicht zufällig ohne Vornamen bleibt, ist bloss ein Pars pro Toto, eine von unzähligen Alten, die der «strukturellen Gewalt» in den Institutionen unterliegen. Um ihre Individualität und Einzigartigkeit jenseits gesellschaftlicher Konventionen und Schablonen in den Blick zu bekommen, hätte Didier Eribon seine überhebliche Haltung, die sich aus seiner intellektuellen Überlegenheit nährt, ablegen müssen.

[...]

In beiden Abschiedsbüchern [ Rückkehr nach Reims; Die Arbeiterin] geht es ... um den klassenflüchtigen Linken, der in Paris seinen «hinterwäldlerischen Akzent» ablegt, um die herrschende Sprache, also die Sprache der Herrschenden, zu sprechen. Der gut situierte Bürger schaut auf seine provinzielle Herkunft herab und kann nicht begreifen, dass Arbeiterinnen wie seine Mutter vom kommunistischen Weg abgekommen und zum Front national übergelaufen sind. Didier Eribon fehlt die Kraft oder der Wille, diese gesellschaftlich bedeutsame politische Wende analytisch zu durchdringen und auf den Begriff zu bringen. Dabei wäre es doch die vornehmste Aufgabe eines Soziologen, Veränderungen in der Gesellschaft zu erfassen und einzuordnen – auch und vor allem dann, wenn sie nicht so

vonstattengehen wie erwünscht. Doch die Distanz, die der Arbeitersohn ein Leben lang auf- und ausgebaut hat und auf der letztlich seine Karriere beruht, verhindert die Nähe, die erforderlich wäre, um die Person zu verstehen, die seine Mutter war: nämlich mehr als «eine Arbeiterin».



Eine Lobeshymne geradezu mit ungewollten Einsprengseln von Kritik findet sich bei Nils Minkmar in der SZ: 
SZ Nils Minkmar: Didier Eribons Buch "Die Arbeiterin": Hymne an die Schwäche

8. März 2024, 13:31 Uhr

https://www.sueddeutsche.de/kultur/didier-eribon-die-arbeiterin-literatur-rezension-buchempfehlungen-frankreich-1.6433643 


Minkmar, den ich als Autor und Journalist sehr schätze, ist völlig gefangen von der Präsenz des Autors, der  im persönlichen Gespräch ein aufmerksamer, höflicher und humorvoller Mensch ist, und genau das entfaltet sich auch, wenn er schreibt. Er verfällt nicht in einen wissenschaftlichen Jargon und jagt keiner literarischen Mode nach, sondern schreibt, als würde man an seinem Tisch im Café sitzen. [...] Er wirkt und lebt als öffentlicher Intellektueller. Sein wesentlicher Arbeitsplatz sind die Cafés des Quartiers Latin, wenn er nicht gerade in der ganzen Welt umherreist.


Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wie ich den Autor sehe, aber in einem Punkt hat Minkmar (vermutlich ungewollt) recht: Der Autor schreibt, wie man im Pariser Café tratscht, nämlich über Gott und die schlechte Welt, mit Einsprengseln von soziologischem Schlaumeierwissen, nie ganz ernst zu nehmen, auch gerne immer wieder das  wiederholend, was man schon in allen anderen Büchern vorher geschrieben hat. 


Aber auch an einer zweiten Stelle hat Minkmar wohl ungewollt aufgedeckt, was Eribon umtreibt: Es ist eine neu formulierte Ideologie der Freundschaft, die sich aufs Schönste dazu eignet, die eigene Herkunft und Familie zu verleugnen, und zwar nicht nur ideologisch, sondern ganz real, das heißt im grauen, wenig illustren oder gar glamourösen Alltag. 


Minkmar schreibt weiter:
De Lagasnerie hat ein Buch über das Thema der Freundschaft geschrieben und stellt dort den gesellschaftlichen und administrativen Vorrang der Familie vor der Freundschaft infrage. Das intellektuelle Trio ist Vorreiter einer besseren Anerkennung der Freundschaftsbande als Keimzelle der Gesellschaft. [...] 
Dieses Motiv klingt auch in "Die Arbeiterin" an. Denn Eribon trifft zwar mit einem seiner Brüder zusammen, als sie den Umzug der Mutter in ein Altersheim ausführen. Der Bruder meckert, das Einräumen der Wäsche in den Schrank sei Frauenarbeit. Didier notiert: "Was verbindet uns? Nichts. Wie befremdlich und nahezu unerträglich das sein kann, was man gemeinhin "Familienbande" nennt. (...) Was verband uns? Nichts. Rein gar nichts. Außer der Tatsache, dass wir hier waren, um uns um unsere Mutter zu kümmern, dass wir hier sein mussten." [...]

Und immer noch Minkmar: 
Allerdings - und das ist der schmerzliche Kern der Sache - konnte seine Mutter noch sehr genau beschreiben und ausdrücken, was ihr in dem Heim angetan wurde. Sie sprach es dem Sohn auf die Mailbox. Der reagierte nicht, war unterwegs.[...] 

Denn, so die logische Schlussfolgerung: Freundschaft zählt mehr als die Nöte der eigenen Mutter. Wie konnte Minkmar dieses Verhalten einerseits notieren, aber in seiner Schäbigkeit nicht erkennen? 

Weitere Rezensionen:

taz: Leben einer französischen Arbeiterin

VON NINA APIN

https://taz.de/Leben-einer-franzoesischen-Arbeiterin/!5996416/


FAZ. Ich war ein Sohn, jetzt bin ich keiner mehr

VON BARBARA VON MACHUI

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/didier-eribons-neues-buch-eine-arbeiterin-leben-alter-und-sterben-19568121.html 


FAZ: Scham und Würde

VON CORD RIECHELMANN-AKTUALISIERT AM 15.03.2024-

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/scham-und-wuerde-didier-eribons-buch-ueber-seine-mutter-19588869.html  

Zitat:

Wie hier bettet der Soziologe Eribon die persönliche Situation der Mutter immer so
unaufdringlich in allgemeine Lehren ein, ...
Genau das ist aber das Problem des Textes. Es geht nicht um seine Mutter und seinen Anteil an deren Vereinsamung am Lebensende, es geht immer nur um Ideologie. Die Mutter ist nur ein Fallbeispiel. Deshalb ist seine Selbstanklage (s.o.) einfach nur heuchlerisch und schäbig.

Freitag, 3. Mai 2024

Die SZ illustriert die Gefährlichkeit der Reichsbürger...

... und mit Waffen aus dem Museum.

Samstag, 23. März 2024

Varian Fry / Anmerkungen zum Buch von Uwe Wittstock: Marseille 1940

Varian Fry war ein amerikanischer Journalist, der im Auftrag vom ERC (Emergency Rescue Committee) von 1940 bis Mitte 1941 mehr als Zweitausend Künstlern, Intellektuellen, Politikern die Ausreise aus Frankreich ermöglichte, darunter praktisch die gesamte deutschsprachige dichterische Elite, und sie damit vor dem Zugriff der deutschen Besatzungsmacht rettete. 1995 wurde er dafür als “Gerechter unter den Völkern” ausgezeichnet und in Israels Holocaust-Mahnmal Yad Vashem aufgenommen. 

(Mehr zur Biografie und zur Tatsache des völligen Vergessens bis in die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts findet man bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Varian_Fry)


Seit einigen Jahren ist er jedoch wieder im Gespräch, und eine Reihe von Büchern beschäftigt sich mit ihm und seinem Werk:

  • Im Jahr 1986 erschien seine Autobiographie aus dem Jahr 1945 (Surrender on Demand) unter dem Titel Auslieferung auf Verlangen, 1995 dann als Taschenbuch.
  • Ende 2007 gab es in Berlin eine umfangreiche Ausstellung des “Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin” über sein Wirken und einen Katalog dazu, ein Wälzer von fast 500 Seiten mit 21 Beiträgen zur Person, den Zeitumständen, Weggefährten und seiner konkreten Arbeit in Marseille 1940/1941, und zum unschlagbaren Preis von 20 € heute noch erhältlich!
  • 2013 erschien in Zürich eine romanhafte Darstellung seiner Arbeit in Marseille: Eveline Hasler - Mit dem letzten Schiff. Die gefährliche Mission des Varian Fry; 2017 in 3. Auflage.
  • 2019 spielt Varian Fry eine wichtige Rolle auch in Manfred Flügges Buch: Das flüchtige Paradies. Deutsche Schriftsteller im Exil an der Côte d’ Azur.

Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass in Berlin seit Ende 1997 eine kleine Seitenstraße beim Potsdamer Platz den Namen Varian-Fry-Straße trägt.


Ich erwähne das so ausführlich, weil im Buch von Uwe Wittstock von all diesen Werken nur die Autobiographie von Varian Fry erwähnt wird. Der Rest: Schweigen.

Ist das jetzt einfach nur Schlamperei oder will der Autor nicht offenlegen, aus welchen Quellen er noch geschöpft hat? Will er damit die Legende befeuern, sein Buch erzähle zum ersten Mal die Geschichte von Varian Fry? Es ist auf jeden Fall undankbar gegenüber all diesen Autoren und Autorinnen und vor allem gegenüber der unschätzbaren Leistung des Berliner Kollektivs im Umfeld des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin.

Hatte Wittstock das nötig?


Das Buch selbst ist eine plastische und farbige Erzählung des Lebens der vorwiegend deutschen Exilanten in Marseille nach der französischen Niederlage. Hannah Arendt, Walter Benjamin, Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Heinrich und Golo Mann, Franz Werfel, Hans Sahl, oft mit Angehörigen und wie bei Anna Seghers, gar mit Kindern. Sie und viele andere kämpfen einen verzweifelten Kampf um Ausreiseerlaubnisse aus Frankreich, Durchreiseerlaubnis durch Spanien, Einreise- und AUsreiseerlaubnisse aus Portugal und nicht zuletzt um ein unverzichtbares Affidavit  für die Einreise in die USA -  und immer ist es Varian Fry, der mit Geld, gefälschten Dokumenten und persönlicher Fürsorge für Lösungen sorgt.

 

Marseille, Place Varian Fry

All dies und nicht zuletzt die Darstellung der Zusammenarbeit der französischen Vichy-Regierung mit der deutschen Gestapo, geben ein bedrückendes Gefühl vom Exil in Frankreich wieder und können auch heute noch einen spürbaren Eindruck vom Leben im Exil hinterlassen. Dies gilt nicht nur für die längst vergangenen Jahre, sondern in Ansätzen auch für die heutige Situation vieler Asylsuchender in Deutschland. Es waren nicht zuletzt die französischen Erfahrungen, die zum deutschen Grundrecht auf Asyl führten. Bis 1993 war es in Artikel 16, Absatz 2, verankert: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht, danach wurde es immer wieder geändert und verwässert, ergänzt durch bürokratische Regelungen, die einer Durchführungsverordnung aus einer Staatskanzlei des 19. Jahrhunderts alle Ehre machen würden und die den mangelnden Respekt der politischen Mehrheiten im Bundestag vor der Verfassung in aller Deutlichkeit belegen.


Uwe Wittstock hat ohne Zweifel ein wertvolles Buch geschrieben, indem er dies alles wieder in Erinnerung ruft. Schade um die editorischen Mängel. 

 Rezensionsübersicht beim Perlentaucher




Samstag, 2. März 2024

Donnerstag, 4. Januar 2024

Belle Époque in Paris #2: Chartier

In einem der letzten Beiträge hier habe ich über einen neuen Trend unter den Pariser Restaurants berichtet: Man nennt sich jetzt nicht mehr Bistro, wie in früheren Jahren - und schon gar nicht Restaurant, sondern Bouillon Dingsda. Inzwischen gibt es laut Google (mindestens) zwanzig dieser neu-alten Suppenküchen aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Das ehemals einfache, aber in den letzten Jahren auch hoffnungslos überfüllte Belle Époque-Restaurant "Chartier" in der Rue du Faubourg Montmartre heißt seit 20019 ebenfalls so wie einst bei seiner Gründung "Bouillon", ergänzt durch den Zusatz Chartier Grands Boulevards. (Es gibt noch ein weiteres Bouillon Chartier am linken Seineufer.)



Mit diesem Restaurant verbinde ich eine ganz besondere Geschichte.

Mit meinem Sohn, der damals noch keine 14 Jahre alt war, verbrachte ich im Frühjahr 1994 einige Tage in Paris. Wir wohnten bei einer entfernten Cousine meiner Mutter, die mit einem Franzosen verheiratet ist und in Guyancourt in der Nähe von Versailles lebt. Von dort aus machen wir täglich Ausflüge nach Versailles und Paris.

Am 7. April führe ich ihn in ein unter uns jungen Leuten (jedenfalls fühlte ich mich damals noch so) extrem angesagtes Restaurant in Paris: das Chartier. Es liegt unweit der Grands Boulevards in der Rue du Faubourg-Montmartre und ist im klassischen Art-Déco-Stil gehalten (oder ist es "Art Nouveau"?). Und was besonders attraktiv ist: Es ist extrem billig. Nicht nur für Franzosen, sondern vor allem für deutsche Touristen, denn der Wechselkurs lag damals bei etwa 1 FFR=0,30 DM lag.

Wir betreten das Lokal gegen Mittag und ich bin irritiert - es ist völlig leer. Die wenigen Gäste verlieren sich im Erdgeschoss und auf der Galerie.  

Der Kellner, traditionell gekleidet mit langer Schürze, ist überrascht und geradezu begeistert, als ich das Menu Suggestion bestelle und zwar mit Rosbeef als Hauptgang. (Mein Sohn bestellt Würstchen.)

Was ist los? Wir schreiben das Jahr 1994 - das Jahr, in dem die so genannte "BSE-Krise" in Europa ihren Höhepunkt erreicht. Niemand isst Rindfleisch, nur ein deutscher Tourist in Paris. Die deutsch-französische Freundschaft erreicht hier wohl einen unerwarteten Höhepunkt. (Wobei: das Essen war eher bescheiden, dem Preis angemessen).

✻

Viele Jahre später besuche ich mit Sabine wieder das Lokal - und die Erfahrung ist eine ganz andere. Obwohl wir sehr früh am Abend kommen, ist das Lokal schon voll. Der Service ist hektisch, das Essen nach wie vor recht anspruchslos, die Preise deutlich überzogen und kaum haben wir den Kaffee zum Nachtisch bestellt, wird uns auch schon die Rechnung serviert und signalisiert, dass wir unsere Plätze räumen sollen. 

Vor dem Lokal eine lange Schlange geduldig wartender Menschen, die sich durch den langen Gang in Form einer typischen Pariser Passage bis um die Ecke in die Rue du Faubourg-Montmartre zieht. Touristen wie wir.

Adieu Chartier. Adieu Bouillon Chartier Grands Boulevards.




 

Dienstag, 19. Dezember 2023

Chez Julien - Belle Époque in Paris #1

Façade du Restaurant Julien, 16bis rue du Faubourg Saint-Denis (Paris)

Es war Anfang der siebziger Jahre. Christel, meine damalige Freundin und spätere Frau, und ich fuhren mit Gauf-Reisen von Frankfurt a.M. nach Paris. Die Firma Gauf in der Münchener Straße war bekannt für ihre preiswerten Paris-Reisen: Zwei-, Drei-, Vier- und Mehrtagestouren, die auch für junge Leute bezahlbar waren.

Die Busfahrt beginnt am späten Freitagabend am Darmstädter Hauptbahnhof und soll uns am Dienstagnachmittag wieder zurückbringen. Morgens um 5 Uhr gibt es eine Pause im Bahnhofscafé von Châlons-sur-Marne (seit 1997 heißt der Ort Châlons-en-Champagne!), der erste Café au Lait ist fällig und natürlich die wunderbaren Croissants. Ein Geschmack, den ich noch heute, 50 Jahre später, immer wieder genieße.

In Paris wollen wir unter anderem ein altes Restaurant besuchen, “Chez Julien”, von dem ich in einer Reportage gehört habe. (War es bei Georg Stefan Troller im “Pariser Journal”? Egal).
Das Restaurant liegt gleich um die Ecke von unserem Hotel im Faubourg St. Denis. Ehrfürchtig blicken wir durch die verzierten Fenster ins Innere und bewundern die Schönheit des Belle-Epoque-Ensembles. Wir treten ein, genießen ein einfaches, preiswertes Essen und fühlen uns in das vergangene Jahrhundert zurückversetzt. Uns war klar: Ja, das ist das echte Frankreich.

Ein, zwei Jahre später stehen wir wieder vor dem Lokal. Aber als Gäste sieht man uns nicht mehr. Es hat sich in einen teuren Gourmettempel verwandelt, die Preise sind für uns junge Deutsche unbezahlbar. Schade, aber es gibt noch andere Lokale, zum Beispiel das Chartier, nicht weit entfernt und mit ähnlichem Flair.


Fast fünfzig Jahre sind vergangen. Ich sehe ein Foto in der ZEIT und es trifft mich wie ein Blitz: Ist das nicht das einst geliebte “Julien”? In der Tat. Das Foto dient als Aufmacher für einen Artikel von Ijoma Mangold über einen neuen Trend in der Pariser Gastronomie: Essen wie die einfachen Leute. Man geht nicht mehr ins Restaurant, man geht ins "Bouillon", d.h. in die Suppenküche zum Essen, wie einst im 19. Jahrhundert. Nur die Preise sind noch so hoch wie in den Jahren zuvor. Also wird es wieder nichts mit einem Besuch.

https://www.zeit.de/2023/43/gastronomie-paris-bouillon-julien-restaurants-frankreich

Übrigens: Das ehemals einfache und in den letzten Jahren überlaufene Belle Époque-Restaurant "Chartier"  in der Rue du Faubourg Montmartre heißt jetzt auch wieder wie einst zur Zeit seiner Gründung "Bouillon (Chartier)" 🙂. Vielleicht später mehr dazu. Bleiben Sie dran!

Freitag, 15. Dezember 2023

Schatten der Vergangenheit #2: Zeitgeist auf Abwegen

 
Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Schlächter selber. (B.B.)

Aber wir haben in dieser Woche ja auch gelernt: