
Das wird auch in seinem letzten Buch “Die Arbeiterin” wieder deutlich. Diese Arbeiterin ist nicht irgendjemand, sie ist seine Mutter. Das muss betont werden, weil er aus der Mutter eine Kategorie konstruiert, zu der er keine ethische oder persönliche Beziehung hat. Die Mutter steht für alles, aber nicht für die konkrete Mutter des Sohnes Didier. Eine einfache Tatsache macht dies deutlich: In den sieben Wochen, die seine Mutter im Pflegeheim verbringen musste, hat der Sohn sie nur zweimal besucht. Es gab so viel zu tun in Paris und auf Reisen. Verantwortung des Sohnes für die demente und kranke Mutter? Fehlanzeige.
Eribon hat dann das Wunder vollbracht, aus einem zutiefst schäbigen Umgang mit der eigenen Mutter ein Buch zu machen, das von den Feuilletons gefeiert wird. Der soziale Aufstieg ist ihm wirklich gelungen, da stören die nächsten Verwandten nur noch, sind allenfalls Stoff für literarische Verarbeitung. Geradezu grotesk und zynisch wirkt auf mich dann sein „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“
Eribon:
Ich kann gar nicht so viel fressen ...
Nein, bist du nicht.
Rezensionen
SWR Bestenliste Mai 2024
(Audio-) Link zur Diskussion:
Mangelnde Empathie
Seine Mutter, die bei Eribon nicht zufällig ohne Vornamen bleibt, ist bloss ein Pars pro Toto, eine von unzähligen Alten, die der «strukturellen Gewalt» in den Institutionen unterliegen. Um ihre Individualität und Einzigartigkeit jenseits gesellschaftlicher Konventionen und Schablonen in den Blick zu bekommen, hätte Didier Eribon seine überhebliche Haltung, die sich aus seiner intellektuellen Überlegenheit nährt, ablegen müssen.
[...]
In beiden Abschiedsbüchern [ Rückkehr nach Reims; Die Arbeiterin] geht es ... um den klassenflüchtigen Linken, der in Paris seinen «hinterwäldlerischen Akzent» ablegt, um die herrschende Sprache, also die Sprache der Herrschenden, zu sprechen. Der gut situierte Bürger schaut auf seine provinzielle Herkunft herab und kann nicht begreifen, dass Arbeiterinnen wie seine Mutter vom kommunistischen Weg abgekommen und zum Front national übergelaufen sind. Didier Eribon fehlt die Kraft oder der Wille, diese gesellschaftlich bedeutsame politische Wende analytisch zu durchdringen und auf den Begriff zu bringen. Dabei wäre es doch die vornehmste Aufgabe eines Soziologen, Veränderungen in der Gesellschaft zu erfassen und einzuordnen – auch und vor allem dann, wenn sie nicht so
vonstattengehen wie erwünscht. Doch die Distanz, die der Arbeitersohn ein Leben lang auf- und ausgebaut hat und auf der letztlich seine Karriere beruht, verhindert die Nähe, die erforderlich wäre, um die Person zu verstehen, die seine Mutter war: nämlich mehr als «eine Arbeiterin».
8. März 2024, 13:31 Uhr
Minkmar, den ich als Autor und Journalist sehr schätze, ist völlig gefangen von der Präsenz des Autors, der im persönlichen Gespräch ein aufmerksamer, höflicher und humorvoller Mensch ist, und genau das entfaltet sich auch, wenn er schreibt. Er verfällt nicht in einen wissenschaftlichen Jargon und jagt keiner literarischen Mode nach, sondern schreibt, als würde man an seinem Tisch im Café sitzen. [...] Er wirkt und lebt als öffentlicher Intellektueller. Sein wesentlicher Arbeitsplatz sind die Cafés des Quartiers Latin, wenn er nicht gerade in der ganzen Welt umherreist.
Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, wie ich den Autor sehe, aber in einem Punkt hat Minkmar (vermutlich ungewollt) recht: Der Autor schreibt, wie man im Pariser Café tratscht, nämlich über Gott und die schlechte Welt, mit Einsprengseln von soziologischem Schlaumeierwissen, nie ganz ernst zu nehmen, auch gerne immer wieder das wiederholend, was man schon in allen anderen Büchern vorher geschrieben hat.
Aber auch an einer zweiten Stelle hat Minkmar wohl ungewollt aufgedeckt, was Eribon umtreibt: Es ist eine neu formulierte Ideologie der Freundschaft, die sich aufs Schönste dazu eignet, die eigene Herkunft und Familie zu verleugnen, und zwar nicht nur ideologisch, sondern ganz real, das heißt im grauen, wenig illustren oder gar glamourösen Alltag.
De Lagasnerie hat ein Buch über das Thema der Freundschaft geschrieben und stellt dort den gesellschaftlichen und administrativen Vorrang der Familie vor der Freundschaft infrage. Das intellektuelle Trio ist Vorreiter einer besseren Anerkennung der Freundschaftsbande als Keimzelle der Gesellschaft. [...]
Dieses Motiv klingt auch in "Die Arbeiterin" an. Denn Eribon trifft zwar mit einem seiner Brüder zusammen, als sie den Umzug der Mutter in ein Altersheim ausführen. Der Bruder meckert, das Einräumen der Wäsche in den Schrank sei Frauenarbeit. Didier notiert: "Was verbindet uns? Nichts. Wie befremdlich und nahezu unerträglich das sein kann, was man gemeinhin "Familienbande" nennt. (...) Was verband uns? Nichts. Rein gar nichts. Außer der Tatsache, dass wir hier waren, um uns um unsere Mutter zu kümmern, dass wir hier sein mussten." [...]
Allerdings - und das ist der schmerzliche Kern der Sache - konnte seine Mutter noch sehr genau beschreiben und ausdrücken, was ihr in dem Heim angetan wurde. Sie sprach es dem Sohn auf die Mailbox. Der reagierte nicht, war unterwegs.[...]
taz: Leben einer französischen Arbeiterin
VON NINA APIN
https://taz.de/Leben-einer-franzoesischen-Arbeiterin/!5996416/
FAZ. Ich war ein Sohn, jetzt bin ich keiner mehr
VON BARBARA VON MACHUI
FAZ: Scham und Würde
VON CORD RIECHELMANN-AKTUALISIERT AM 15.03.2024-
Zitat:
unaufdringlich in allgemeine Lehren ein, ...
Genau das ist aber das Problem des Textes. Es geht nicht um seine Mutter und seinen Anteil an deren Vereinsamung am Lebensende, es geht immer nur um Ideologie. Die Mutter ist nur ein Fallbeispiel. Deshalb ist seine Selbstanklage (s.o.) einfach nur heuchlerisch und schäbig.