Montag, 5. Juli 2021

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten

Frau Yangs Familiengeschichte über vier Generationen spiegelt bis in Details die Geschichte der VR China der letzten 75 Jahre wieder, die Autorin macht sie uns lebendig und verstehbar.

   Es ist die Geschichte vom Aufstieg ihrer chinesischen Familie aus Armut und Not der Nachkriegszeit, die Geschichte der Unterdrückung und der Leiden unter Mao, der vorübergehenden Befreiung durch die Reformpolitik Deng Xiaopings und der Möglichkeit ihrer Eltern zum wissenschaftlichen Arbeiten ins Ausland, nach Deutschland, gehen zu dürfen, weil sich Partei und Staat dadurch wirtschaftlichen Gewinn versprachen. Frau Yang berichtet von den Mühen und der Arbeit ihrer Eltern, sich in Deutschland zurechtzufinden und finanziell über die Runden zu kommen. Sie müssen ihr Baby bei den Verwandten in China zurücklassen, was das Kind ihnen entfremdet. 

   Erst als Vierjährige wird Xifan gegen ihren Widerstand nach Deutschland  geholt. Sie besucht Kindergarten und Schule, wird als Chinesin bestaunt  und  auch diskriminiert, identifiziert sich aber im Lauf der Jahre mit der neuen   Gesellschaft so sehr, dass sie als junges Mädchen am liebsten alles   Chinesische abstreifen möchte. 
 
   In der ökonomischen Erfolgsgeschichte von Familie und Staat seit dem Sturz Maos gibt es auch ‘Verlierer’ wie Onkel Xungui, der wie viele andere glaubte, am rasanten Aufschwung teilhaben zu können und nach vorübergehendem Erfolg, doch wieder da angelangt ist, von wo aus er einst hoffnungsvoll und unternehmungslustig gestartet war: Als Mittelschullehrer, jetzt aber desillusioniert und alten Träumen nachhängend und auf dem Dach der Schule Gemüse pflanzend, weil er den Lebensmittel aus dem Supermarkt misstraut (und, wie man nach den unzähligen Skandalen weiß, dafür allen Grund hat).

   Die Autorin erklärt uns manch irritierende Einstellung der heutigen Chinesen. So wenn der Großvater auf ihre Frage “Aber hat die Partei dir nicht unendlich viel Leid zugefügt?” antwortet: “Ja. Aber sie hat mir auch die letzten dreißig Jahre geschenkt. Und die letzten dreißig Jahre waren die besten meines Lebens.” (S.328) 

   Wie vielen Freunden der chinesischen Kultur, die im Zwiespalt leben zwischen dem beeindruckenden Reichtum dieser Kultur, dem bewundernswerten wirtschaftlichen Aufstieg einerseits und dem abstoßenden Protz der neureichen Klassen und der Allmacht der staatlichen Kontrolle in China andererseits, geht es auch Yang Xifan, die heute in Shanghai lebt und arbeitet: 
“Hinter der Glasfassade gibt es eine zweite, unsichtbare Ebene, auf der ein permanentes Gefühl von Unbehagen regiert, von Ohnmacht, Beklemmung, Furcht und Misstrauen. Auf dieser Ebene gibt es keine Sicherheit für niemanden. Nach außen hin mag das neue China glänzen, doch im Innern ist es verfault.” (S.329)
   In diesen Tagen feiert die Kommunistische Partei Chinas mit ihrem Vorsitzenden Xi Jinping ihren 100. Geburtstag und lässt sich für den märchenhaften Aufstieg des Landes feiern. Das ist die gleiche Partei, die unter der Herrschaft Maos Millionen Menschen, darunter ihre engsten Anhänger auf dem Gewissen hat und sich heute noch nicht voll dazu bekennt. Dass es zu diesem Wirtschaftswunder kam, ist jedoch nicht das Verdienst der Partei,sondern das Gegenteil ist der Fall: Erst als die Partei die ökonomischen Fesseln lockerte, konnte der Fleiß der Menschen ungehindert zu Tage treten und dem Land einen gigantischen Aufschwung bescheren. Nicht die Partei, es war das chinesische Volk, das diesen Aufschwung erzielt hat. Auch davon berichtet dieses Buch am Beispiel der Familie Peng.

Xifan Yang: Als die Karpfen fliegen lernten. China am Beispiel meiner Familie

Carl Hanser Verlag, Berlin 2015 ISBN 9783446246546. Gebunden, 336 Seiten, 19,90 EUR

Video
Rezensionsübersicht beim Perlentaucher:
https://www.perlentaucher.de/buch/xifan-yang/als-die-karpfen-fliegen-lernten.html

Nachtrag

Das Buch kostete ursprünglich 19,90 €. Im April 2020 habe ich es für 10,25 € incl. Porto bei Medimops gekauft. Jetzt wird es gebraucht angeboten für 50 € (Stand: 1.Juli 2021). Momox zahlt im Ankauf aber nur 0,15 € dafür, der Partner Medimops hat das Buch aber nicht mehr im Angebot.
Das ist die Art von Kapitalismus, die ich nie verstehen werde.

Samstag, 12. Juni 2021

Corona-Bericht Mai 2021

Der Müll, die Stadt und der Virus



Der Monat begann verhalten und wurde immer besser, so dass am 9. Juni die Maskenpflicht für die Darmstädter Innenstadt aufgehoben wurde.

Die ersten Cafés öffneten wieder und das Warten hatte ein Ende:


Überhaupt war der Monat auch deshalb positiv, weil Sabine und ich die 2. Impfung verabreicht bekamen. Wir konnten deshalb zum Ende des Monats Mai wieder in den Schwarzwald, ins Peterle fahren. Bereits Ende Januar hatten wir den Aufenthalt gebucht und fest darauf vertraut, dass die Pandemie uns nicht ins Gehege kommt. Treffer!

Zum Hochschwarzwald i.e. Südschwarzwald und zum Peterle gibt es viel zu berichten. Hier einige Auszüge.
Mit 12 Jahren war ich zum ersten Mal in den Ferien im Hochschwarzwald, genauer: in Häusern, nicht weit weg vom Schluchsee. Es war ein Ferienlager der Rastatter Naturfreunde und die Vorbereitung des Aufenthalts führten ganz nebenbei dazu, dass meine Mutter einen früheren Bekannten kennen lernte, der das Lager organisierte. Ein Jahr später waren beide miteinander verheiratet.

Ende der 80er Jahre lernte ich dann das Peterle kennen, damals mehr Café als Hotel, und danach bin ich regelmäßig, d.h. einmal im Jahr, manchmal sogar zweimal ins Feldberggebiet gefahren um Urlaub zu machen oder, im Frühjahr, in Ruhe meine Abiturarbeiten korrigieren zu können. Heute bekomme ich als "Altkunde" sogar einen Rabatt bei den Aufenthalten.
Mit den Jahren wurde ich unmittelbar Zeuge, wie sich das Peterle von einem Vesperkaffee für Wanderer zu einem Hotel mit anspruchsvoller Küche entwickelte - und jeden Schritt machte ich bis heute mit. Ich habe es noch nie bereut.

Dieses Jahr habe ich mir mit Sabine zwei Ziele ausgesucht, die ich noch nie erlaufen habe: Den Belchensteig, der zu den schönsten deutschen Wanderwegen zählt, und in Verbindung mit dem Heidegger Weg die Todtnauer Wasserfälle. Beide Wanderungen waren ein voller Erfolg, auch deshalb, weil wir vier wunderbar sonnige Tage erwischt hatten.
Zwei Wege - eine Kuriosität
In der näheren Umgebung unseres Urlaubsortes gibt es den oben erwähnten Martin-Heidegger-Rundweg und den
Schlageterweg, der von Aha nach Schluchsee-Ort führt. Wer Heidegger war, dürfte bekannt sein und seine zeitweilige Affinität zum Nationalsozialismus ebenfalls. Wer aber war Schlageter?

Man könnte vermuten, der Weg wurde nach Albert Leo Schlageter benannt, einem Säulenheiligen der NSDAP. Viele Straßen im Deutschland der dreißiger Jahren führten seinen Namen. Schlageter verübte 1923 mehrere Sprengstoffanschläge gegen die französische Ruhrbesetzung und wurde für seine Taten von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Er galt danach vor allem den Nationalsozialisten, aber auch einigen Nationalkonservativen als Märtyrer. Und diesem Mann soll mit einem Wanderweg gedacht werden?
Vermutlich nicht, denn in Schluchsee und rundherum gibt es heute noch viele Schlageters, die mit dem Albert Leo Schlageter wohl nur entfernt etwas zu tun haben.
Aber: Der berühmt-berüchtigte Nazi-Heilige Schlageter stammte aus Schönau im Schwarzwald; ca. 14 km von Todtnauberg und dem Ferienhaus von Heidegger entfernt, womit sich der Kreis dann doch wieder auf merkwürdige Weise schließt. Deutsche Geschichte eben.

Was man sonst noch so im Schwarzwald erleben kann, habe ich hier berichtet: Mein Freund der Biber.

Nachtrag März 2022
Es ist alles doch verwickelter, als ich ursprünglich dachte, denn es gibt eine Verbindung zwischen Heidegger und dem Naziheiligen Leo Schlageter. Beide besuchten, kirchlich gefördert, das Humanistische Gymnasium Konstanz, das heutige Heinrich-Suso-Gymnasium und beide wohnten in während dieser Zeit im Konradihaus in Konstanz. Allerdings war Heidegger fünf Jahre älter als Schlageter, und so dürften sie sich kaum bewusst begegnet sein.

Nachtrag 
Seit dem 3. Juni 2021 kann ich wieder mein Stammcafé, die Linie 3 in Bessungen, besuchen und mich auch drinnen bedienen lassen. 


Seit dem 9. Juni ist in Darmstadts Innenstadt die Maskenpflicht aufgehoben. Wir gehen goldenen Zeiten entgegen, zumindest bis zum Herbst.


Montag, 3. Mai 2021

Corona Bericht April 2021: Alles ist schwierig

“In den vergangenen Monaten hat der Inzidenzwert zunehmend für Verwirrung gesorgt. Je nach Quelle variiert der Wert für ein und denselben Landkreis: Das auf Bundesebene zuständige Robert Koch-Institut (RKI), die 16 Landesbehörden und teils auch die Gesundheitsämter vor Ort rechnen mit unterschiedlichen Zahlen und Methoden. Warum gibt es nicht die eine Sieben-Tage-Inzidenz? Wie kommen die unterschiedlichen Werte zustande? Und welche Werte verwendet der SPIEGEL?”

heißt es bei SPIEGEL Online. Lesen Sie dazu den Originalartikel hier: Klick

Privates:

Wir haben beide die Erstimpfung überstanden (Sabine mit größeren Problemen als ich - sie bekam AstraZeneca) und die Zweitimpfung steht im Mai an. Bei mir am 6. und bei ihr am 16. Mai. Ende Mai hoffen wir dann für wenige Tage wieder in den Schwarzwald fahren zu können. Bis jetzt hatten wir immer Glück.

Sabine ist zur Zeit sehr eingespannt. Sie muss täglich online-Unterricht abhalten und wenn es die Pandemiesituation in BaWü erlaubt auch einige Schüler an ihrer Stammschule betreuen. Allerdings nicht mehr im Einzelunterricht, sondern eingebunden in verschiedene Klassen und Fächer als unterstützende Maßnahmen.

Ich frage mich überhaupt, wie die Schulen, d.h. die Schüler, Lehrer und die Schulleitungen (!) mit der gegenwärtigen Situation zurechtkommen. Möchte man jetzt an der Schule sein, egal in welcher Funktion? Noch schlimmer geht es wohl den Referendaren. Sie können mir richtig leidtun. Insgesamt habe ich ja den Eindruck, dass zumindest die Kommunikation der PDS nach Außen ganz gut funktioniert. Ich habe aber keine Ahnung, wie gut es mit dem Online-Unterricht läuft. Sabine klagt immer wieder darüber, dass es in BaWü zu Ausfällen kommt bei Moodle und dass die Kommunikation über senfcall/BBB auch nicht so richtig gut klappt. Alle stehen noch am Anfang einer Entwicklung.

Gesundheitlich bin ich weiterhin stabil. Alle Blutwerte und sonstigen Untersuchungen sind ok

Die freie Zeit nutze ich immer noch zum Lesen, u.a. viel Zeitgenössisches, aber auch älteres Zeug. Zur Zeit hänge ich gerade (wieder) an der Geschichte der deutschen Emigration in Frankreich und lese Erich Maria Remarque, Anna Seghers Transit und auch wieder Sartres zeitgenössische Romantrilogie/-tetralogie "Die Wege der Freiheit". Das Verhältnis Deutschland-Frankreich in den 40er Jahren hat mich schon immer fasziniert und noch mehr irritiert, was die Kollaboration anging. (Nebenbei fiel mir auf, wie exzellent Remarque und Seghers schreiben. Ein Genuss die Romane zu lesen.) 

Daneben immer mal wieder kleinere Wandertouren mit Sabine im Odenwald oder Kraichgau und gelegentlich Besuche des Sohnes mit Kindern in Darmstadt mit Ausflug an den Rhein oder ins Vivarium Darmstadt).

Das Leben als Pensionär hat sehr schöne Seiten, vor allem: das Geld kommt regelmäßig!

Sonntag, 2. Mai 2021

2021 Gekauft - Gelesen

Mai 2021 gekauft

 

●       Leonhard Frank: Links wo das Herz ist

●       Wilhelm Genanzino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Bücherschrank)

●       Bettina Bannasch: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur

●       Patrick Modiano: Aus tiefstem Vergessen (Bücherschrank)

 

April 2021 gekauft

Gelesen

●       Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

●       Christine Cazon: Lange Schatten über der Côte D’Azur

●       Anna Seghers: Transit (antiqu.)

●       Matthias Biskupek: Der Rentnerlehrling

●       Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe (antiqu.)

●       Patrick Modiano: Aus tiefstem Vergessen (Bücherschrank)

●       Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon

●       Mainz ‘68

●       Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

●       Matthias Biskupek: Der Rentnerlehrling

●       Jean-Paul Sartre: Der Aufschub (wiederh.)

●       Anna Seghers: Transit (antiqu.)

●       Hans-Albert Walter: Anna Segher*s Metamorphosen (Bd.2 von Transit)

März 2021 gekauft

Gelesen

●       Richard Ford: Rock Springs

●       Mainz ‘68

 

●       Richard Ford, Wild leben

●       Richard Ford: Rock Springs

Februar 2021 gekauft

Gelesen

 

●       K.Brinkbäumer/St.Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

●       Patrick Süßkind: Die Geschichte von Herrn Sommer

●       Lutz Seiler: Stern 111

●       Juli Zeh: Neujahr

●       Don Winslow: Das Kartell (angef.)

Januar 2021 gekauft

Gelesen

●       Lutz Seiler: Stern 111

●       K.Brinkbäumer/St.Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe

●       Gert Ledig: Faustrecht

●       Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg

●       Uwe Timm: Heißer Sommer

●       J. Kastein/S. Hesse-Kastein: Great Again? Reportagen aus einem zerrissenen Amerika

●       Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee

 

Gekauft - gelesen 2018 - 2019 finden sie hier: Klick

Mittwoch, 14. April 2021

1000 Serpentinen Angst


Eine junge Frau steht am Bahnsteig einer thüringischen Kleinstadt vor einem Snackautomaten. Es gehen ihr viele Gedanken durch den Kopf. Ein Bewusstseinsstrom setzt im Jahr 2020 ein, wie bei James Joyce.
Und der Vergleich ist jeder Hinsicht angemessen.

Olivia Wenzel hat ein Buch über Rassismus geschrieben mit fiktiven Dialogen teilweise übergriffiger Gesprächspartner oder Ausfragerinnen.
Ohne Larmoyanz und ohne Sentimentalität, aber mit vielen Einsichten für einen alten, weißen Mann. 

Zitate
Alle wollen ständig mit mir über Rassismus sprechen. Das ist doch nicht meine Lebensaufgabe. (S.13) 
In New York gehe ich die Fifth Avenue entlang und esse unbefangen eine Banane. (S.48)
Was es mit dem Banane essen in NY auf sich hat, lesen Sie besser selbst auf Seite 49.


Und auch was es mit dem Automaten auf sich hat, sollten Sie selbst nachlesen: S.299!


Rezensionen etc.

Diese Frau in dem Buch, das bin ich nicht. Aber was sie schildert und wie sie spricht, das kann ich nachvollziehen. Wir haben viele ähnliche Dinge erlebt. Ich würde sagen, sie ist eine düsterere Variante von mir selbst, die ich im Alltag nicht aushalten könnte, zu sein.
Autorin Olivia Wenzel über Identität: „Coming-out als Nicht-Weiße“
Aus einer Rezension in der SZ: Olivia Menzel
macht sich also bewusst, welche Rolle rassistische und sexistische Stereotype in ihrem Leben gespielt haben, emanzipiert sich aber gleichzeitig von der wiederum beengenden Minderheitenidentität. Die Freiheit, die sie so erlangt, besteht letztlich darin, dass sie sich zu ihrer Geschichte in Beziehung setzt, ohne sich von ihr dominieren zu lassen.
Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2020. 352 Seiten.


Andere können es besser:

 


Montag, 12. April 2021

Richard Ford: Rock Springs

Zehn Kurzgeschichten aus dem Jahr 1987, darunter vier aus der Sicht von Jugendlichen geschrieben, vorwiegend in Montana spielend, mit starken Anklängen an seinen Roman “Wildlife” aus dem Jahr 1990.

“In seinem berühmten Erzählband "Rock Springs" schildert Richard Ford Menschen, die unermüdlich versuchen, die Scherben ihres Lebens zu kitten, einen Rest von Sinn und Sicherheit zu finden”, heißt es auf der Verlagsseite zu dieser Sammlung von Kurzgeschichten.

Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Die zehn Geschichten spielen fast ausnahmslos in prekären und beinahe-prekären Milieus in Montana, weit ab von den Personen und Milieus, die Richard Ford uns in seinen späteren Romanen, vor allem in seiner Bascombe-Reihe, nahe bringt. Es sind Geschichten von Armeeangehörigen und Armeebeschäftigten und deren Frauen und Söhnen. Geschichten vom Open Range des Nordwestens der USA, in dem die Ölindustrie und der lokale Luftwaffenstützpunkt das wirtschaftliche Zentrum bilden und es ansonsten nur viel Landschaft gibt. Sie spielen Anfang der 60er Jahre und werden in den frühen 80ern erinnert. Der kulturelle, soziale und vor allem der politische Horizont der Protagonisten ist und bleibt überschaubar und endet im wahrsten Sinne des Wortes an der Countygrenze. Der Traum vom Süden wird manchmal geträumt, er bleibt aber auf Florida begrenzt.*

Und es sind oft sehr traurige aber unsentimentale Geschichten, die viel mit einer Einstellung zu tun haben, die Mark Twain in seinem großen Roman Huckleberry Finn so beschrieben hat: 

“All I wanted was to go somewheres; all I wanted was a change. I warn't particilar.” 

Irritierend war für mich in nahezu allen Geschichten die Gesprächsführung der Protagonisten. Hier wird selten diskutiert oder argumentiert. Dialoge sind oft rätselhafte Selbstgespräche, die mehr auf passive Zustimmung abzielen als echte Zwiesprache zu sein (S.248). Die Sprecher erwarten keine ernsthaften Reaktionen und sie bekommen auch keine. Es wird in die eigene Geschichte hinein gesprochen, selten zur Außenwelt.

Ob die Ursache im eingeschränkten Sprachcode des Milieus zu finden ist, das Richard Ford beschreibt? Es sprechen nicht Angehörige der oberen Mittelschicht, Anwälte oder Immobilienmakler, wie in seinen Bascombe-Romanen, sondern hier kommen Verlierer zu Wort, dysfunktionale Mütter und Väter, wie es in der englischen Wikipedia heißt, Gescheiterte und solche, die das Scheitern noch vor sich haben. Oft sind es Alleinerziehende - auch alleinerziehende Väter- und Jugendliche ohne Bezug zu der Generation der Erwachsenen. Der Sohn ist in der Rolle des distanzierten und distanzierenden Erzählers dargestellt, der über seine Zeit als Jugendlicher berichtet und über die Schicksalsschläge, die ihm versetzt wurden, - und welche Lehren er daraus zog, um erwachsen zu werden. 

Man kann die Kurzgeschichten auch als Verknappung und Vorläufer zu Richard Fords Roman “Wild Leben” von 1990 lesen, der in der gleichen Gegend und im gleichen sozialen Umfeld spielt und beinahe die gleichen Fragen stellt - Warum lebt man nicht glücklich? -  und die gleichen Antworten gibt:  

Es ist das schlechte Leben, irgendeine Kälte in uns allen, eine Hilflosigkeit, die uns dazu bringt, das Leben, wenn es rein und einfach ist, misszuverstehen, und sie lässt unsere Existenz wie eine Grenze zwischen zwei Bereichen des Nichts erscheinen und macht uns zu nichts mehr und nichts weniger als Tieren, die einander auf der Straße begegnen - wachsam, mitleidlos, ohne Geduld oder Sehnsucht”, 

schreibt er in der Story Great Falls.

Die Kurzgeschichten folgen in Aufbau und Stil oft einem festen Schema. Der Erzähler erinnert sich, er schildert eine Konflikt oder ein bemerkenswertes Ereignis in der Biographie, und es wird ein Resümee im Sinne einer “Lehre fürs Leben” gezogen. Wie aus einem Lehrbuch für Creative Writing.

Dennoch: Uns diese fremde Welt bildhaft vor Augen zu führen, das ist, finde ich, Richard Ford überzeugend gelungen.

* Das fällt mir auch bei den späteren Romanen von Richard Ford und anderen Autoren wie Donald Ray Pollock, Richard Yates, Stewart O’Nan etc. auf: Amerika, die USA und deren Bewohner sind ein Land, das sich selbst genügt. 

Richard Ford. Rock Springs: Short Stories, dt. von Harald Goland; S. Fischer, Frankfurt am Main 1989


Samstag, 10. April 2021

Wie wohlhabend sind Sie?

 fragt DIE ZEIT im Februar 2021 und referiert eine Bremer Studie.

“Ein Team um den Bremer Soziologen Olaf Groh-Samberg hat das für das Bundesarbeitsministerium getan. [...] Dabei haben sie mehrere Dimensionen des Wohlstands miteinander verrechnet, um ein komplexeres Bild von Arm und Reich in Deutschland zu zeigen: die Einkommen, die Vermögen, die Wohnsituation und wie gut die Mitglieder eines Haushaltes in den Arbeitsmarkt integriert sind. Die Grundidee: Nicht einer dieser Faktoren allein entscheidet über die soziale Position in einer Gesellschaft – sondern alle gemeinsam.  [...]  Die oberste Gruppe umfasst die Reichen in Deutschland, die Forschenden wählten jedoch ein Wort, das stärker auf die Privilegien abhebt. Wer einen sicheren Job, ein hohes Vermögen und viel Platz hat, ist demnach nicht nur reich. Er oder sie ist wohlhabend.

So weit, so gut. Es gibt aber Probleme mit dem Algorithmus:

Im Text der ZEIT heißt es: "Eine Frau, die 4.500 Euro netto verdient, zählt dann zu den obersten zehn Prozent – auch, wenn sie allein ein Kind erzieht, in einer kleinen Stadtwohnung lebt, einen befristeten Vertrag besitzt und keine nennenswerten Rücklagen hat."

Gibt man diese Daten ein, erhält man ein verblüffendes Ergebnis:

Ein weiteres Schmankerl:

Die ZEIT schreibt: "Mithilfe eines Algorithmus und einiger Annahmen haben die Wissenschaftler die Bevölkerung anschließend in sechs Gruppen unterteilt: Armut, Prekarität, untere Mitte, Mitte, Wohlstand und Wohlhabenheit. Die Forschungsgruppe nennt sie soziale Lagen, man könnte auch von gesellschaftlichen Klassen oder Schichten sprechen.”

Ein Satz, der mich still verzweifeln lässt, es sei denn, man nennt eine Kuh mal einen Ochsen oder ein andermal ein Kalb, ist eh alles wurscht für einen Journalisten. Soziologie ist aber eine Wissenschaft mit definierten Begriffen. Journalismus ist es nicht. Das sieht man.

Noch ein Zitat:

“Kaum jemand in der Lage der Armut besitzt Wohneigentum. [...] Wohlhabende sind besser gebildet, besitzen häufiger Wohneigentum und verdienen im Schnitt mehr als fünfmal so viel.”

Ich hoffe doch sehr, dass die Studie aussagekräftigere Ergebnisse erbracht hat.

Die Mitte schrumpft - aber warum?

Wenn man, wie im Artikel geschehen, die Gesellschaft in drei Kategorien einteilt, nämlich  zwei Oberschichten (= "Oben"), drei Unterschichten, d.h. einschließlich der unteren Mitte (= "Unten" und eine "Mitte"(lschicht) ergibt sich ein verblüffendes Bild. Hier die (saldierten) Zahlen.

1984 Oben: 17,4%; Mitte: 48%, Unten: 34,6%

2018: Oben: 26,8%; Mitte: 39,9%; Unten: 33,3%

Kurz: Die Mitte ist schwächer geworden, weil sie mehr nach oben abgegeben hat, als von unten nachgerückt sind. Aber das untere Drittel hat ebenfalls anteilmäßig abgenommen. Es sind also insgesamt mehr aufgestiegen als abgestiegen. Ein Skandal ist das nicht gerade.


Quelle: Wie wohlhabend sind Sie?

Von Paul Blickle, Annick Ehmann, Philip Faigle, Julia Kopatzki, Christopher Möller, Julian Stahnke und Julius Tröger

ZEIT.de  vom 15. Februar 2021, 11:34 Uhr Aktualisiert am 15. Februar 2021, 11:53 Uhr 1.657 Kommentare


Donnerstag, 8. April 2021

Mittwoch, 7. April 2021

Ein Buch und seine Freundinnen


Besprechung: SZ vom 29.3.2021
“Roig, Gründerin und Direktorin* des Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin, fordert das Ende der Polizei, der Gefängnisse, der Ehe, der Arbeit und des Kapitalismus. Sie alle seien Instrumente der Ungleichbehandlung und nicht reformierbar. Weg damit.”
Und ab ins Paradies!

*Direktorin klingt natürlich besser als "Vorsitzende des selbst gegründeten Vereins Center for Intersectional Justice e.V.", was sie tatsächlich ist.