Françoise Frenkel: „Nichts, um sein Haupt zu betten“. Mit einem Vorwort von Patrick Modiano
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Carl Hanser Verlag, München 2016
288 Seiten
1921, kurz nach Abschluss ihres Studiums, verlässt die Polin Françoise Frenkel Paris und eröffnet in Berlin die erste französische Buchhandlung mit ausschließlich französischer Literatur. Unter dem Druck der nationalsozialistischen Herrschaft verlässt sie kurz vor Kriegsausbruch 1939 Berlin und kehrt nach Paris zurück. Von dort flieht sie 1940 vor den Deutschen nach Südfrankreich.
In ihren bereits 1945 erschienenen Aufzeichnungen schildert sie das Leben unter der deutschen Besatzung, die Unterstützung, die sie von vielen Franzosen erfährt, aber auch die Kollaboration und Judenverfolgung durch die Vichy-Regierung. Nach vielem Herumirren gelingt ihr nach dreimaligem Anlauf 1943 die Flucht in die Schweiz. Kurios: Sie hatte ein Einreisevisum für die Schweiz, aber als Jüdin keine Ausreiseerlaubnis aus Frankreich.
Bei der Lektüre erinnerte mich Vieles an die Berichte von Léon Werth ( Als die Zeit stillstand. Tagebuch 1940–1944) und Irène Némirovsky (Suite française), die ich schon vor längerer Zeit gelesen habe.
Françoise Frenkels Geschichte über Flucht, Verstecken und Rettung ist berührend und oft verstörend, aber an einer Stelle musste ich doch schmunzeln.
Sie schildert eine Szene in Berlin, wohl zwischen 1935 und 1938:
Zwei Fragen ergeben sich für mich:
Plötzlich flog die Ladentür krachend auf und die Nazi- Blockwartin unseres Hauses stürmte herein. Eine Frau mit Gorgonenhaupt, in jeder Hand hielt sie zwei leere Konservenbüchsen.
»Verstehen Sie Deutsch?«, schrie sie.
»Ja, sicher«, sagte ich eher verwundert.
»Gehören Ihnen diese vier Metallbüchsen?«
»Das weiß ich nicht, ich werde meine Putzfrau fragen; warum denn?«
»Sie gehören Ihnen. Ich weiß es, und ich sage es Ihnen! Alle Deutschen wissen, für die Entsorgung von Konservenbüchsen gibt es einen anderen Behälter als die Mülltonne, eine eigene Kiste mit Aufschrift! Sie kriegen eine gesalzene Strafe! Die wird auf der Rechnung Ihrer ›guten Weihnachtsgeschäfte‹ stehen«, fügte sie mit hasserfülltem Blick noch hinzu.
Die Megäre zog von dannen. Ein bei dem Zwischenfall anwesender Diplomat erzählte, er habe mehrere Tage lang nicht gewusst, wie er eine Aluminiumtube loswerden sollte, denn sie trug die Aufschrift: »Nicht wegwerfen«. Er wagte nicht, diese Tube in den Papierkorb seines Hotelzimmers zu tun oder sich ihrer auf der Straße zu entledigen. Endlich kam er auf die Idee, sie in einer Apotheke abzugeben, wo man ihm im Namen der Partei Anerkennung aussprach. Diese Anekdote führte in dem Augenblick zu Gelächter, konnte das Unbehagen jedoch nicht zerstreuen. S.30f
Zwei Fragen ergeben sich für mich:
- Welche Farbe hatte die Mülltonne?
- Wussten Sie, dass die deutsche Lust an der Mülltrennung auch diese Wurzeln hat?
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