Manfred Flügge: Das flüchtige Paradies. Deutsche Schriftsteller im Exil an der Côte d‘Azur. Aufbau Verlag, Berlin 2019.
Sanary, der kleine Ort an der Côte d’Azur und seine nähere Umgebung waren zwischen 1933 und 1942 das flüchtige Paradies für mehr als 500 deutschsprachige Künstler und Schriftsteller jeglichen Geschlechts. Manfred Flügge widmet sich seit Jahren dieser Geschichte.
Die ersten Kapitel des Buches geben einen kurzen Abriss der Geschichte Sanarys und skizzieren die Aufenthalte berühmter Schriftsteller und Künstler, die sich bereits vor den 1930er Jahren in der Region aufhielten. Sie kamen vor allem aus England und den USA (der Wechselkurs zum Dollar!) und machten aus dem Winter- einen Sommer-hot-spot. Zu ihnen gehörten William Somerset Maugham, Katherine Mansfield, D.H. Lawrence und nicht zuletzt Aldous Huxley, der sich bereits 1930 in Sanary-sur-Mer niederließ und hier seinen Welterfolg "Schöne neue Welt" vollendete.
Auch deutschsprachige Vertreter der Künste wählten schon vor 1933 Sanary zum Ort der Muße und später zum Ort des Exils in der sogenannten "rosa Periode" bis 1939 und der "schwarzen Periode" bis 1942. Dazu gehörten die Maler Julius Meier-Graefe und Walter Bondy, deren wechselhaftes Schicksal uns der Autor nahe bringt. Unter den Schriftstellern waren die bekanntesten Vertreter Thomas Mann mit Familie, einschließlich der erwachsenen Kinder, sein Bruder Heinrich Mann mit Gattin, Bertolt Brecht, Lisa Fittko, René Schickele, Ernst Toller, Arnold Zweig, Franz Werfel mit Alma Mahler-Werfel, Alfred Kantorowicz und schließlich Lion und Marta Feuchtwanger. Der zeitweilige Gast Ludwig Marcuse schreibt in seinen Erinnerungen “Mein Zwanzigstes Jahrhundert “:
“In dieser kleinen Bucht an einem ausrangierten Gleise des Weltgeistes, vergaß ich an den glücklichen Tagen, daß ich hier nicht geboren war” (S.181).Einige wie Ludwig Marcuse und Bert Brecht kamen nur zu Besuch, andere lebten bis 1941 in dem ruhigen Ort an der Riviera. Viele große Werke der deutschen Exilliteratur sind hier entstanden: Thomas Manns Joseph in Ägypten, Klaus Manns Mephisto, Heinrich Manns Henri Quatre und Lion Feuchtwangers Geschwister Oppermann.
Auf die Jahre des rosa Exils bis 1938 folgten dann die schrecklichen Jahre des schwarzen Exils bis 1942, als schließlich alle Deutschen, egal welcher Gesinnung und politischen Richtung, von Deportation und Abschiebung nach Deutschland bedroht waren und die Nazigegner nur durch die Flucht nach Übersee einem ungewissen Schicksal oder dem sicheren Tod entgehen konnten. Anna Seghers hat in ihrem Roman “Transit” die Mühen und Leiden der Exilanten im Wartestand exemplarisch und erschütternd dargestellt.
Eine Gedenktafel in Sanary, der Hauptstadt der deutschen Literatur (L.Marcuse) erinnert an die deutschsprachigen Künstler im Exil.
Informativ und spannend schildert der Autor die Geschichte der Exilanten, ihre Beziehungen und Affären, Freuden und Nöte. Flügge vergisst auch nicht, in einem längeren Kapitel den amerikanischen Journalisten Varian Fry, den “guten Engel von Marseille”, zu würdigen, der im Auftrag des amerikanischen Hilfsdienstes Emergency Rescue Committee (ERC) mehr als 2000 Menschen die Flucht aus dem besetzten Europa nach Übersee ermöglichte.
Das letzte Kapitel behandelt etwas kursorisch das Schicksal von Ernst Toller, Wilhelm Herzog, Alfred Kantorowicz, Ernst Julius Gumbel u.a., hat aber das unbestreitbare Verdienst, auf diese Personen aufmerksam zu machen und sie in Erinnerung zu rufen.
Das letzte Kapitel behandelt etwas kursorisch das Schicksal von Ernst Toller, Wilhelm Herzog, Alfred Kantorowicz, Ernst Julius Gumbel u.a., hat aber das unbestreitbare Verdienst, auf diese Personen aufmerksam zu machen und sie in Erinnerung zu rufen.
Alles in allem ein verdienstvolles, solide konzipiertes und verlegerisch seriös produziertes Buch mit Literatur- und Personenverzeichnis. Immer wieder wird deutlich, wie intensiv sich der Autor mit der Geschichte des Ortes und seiner Protagonisten auseinandergesetzt hat und über welch profundes Wissen er verfügt.
Nur eine kleine Korrektur ist angebracht: Sybille Bedford (geb. von Schoenebeck) ist zwar in der Nähe von Freiburg aufgewachsen, kann aber nicht Nachbarin der von Ribbentrops gewesen sein (S. 77), denn diese lebten, wenn man Wikipedia glauben darf, seit 1904 in Metz und seit 1908 in Arosa. Beide Orte sind ziemlich weit von Bedfords damaligem Wohnort Feldkirch entfernt.
Der bereits erwähnte Ludwig Marcuse schrieb 1960 in seinen Erinnerungen “Die Geschichte der Entdeckung Sanarys ist noch nicht geschrieben worden”. Doch, möchte ich sagen, Manfred Flügge hat sie geschrieben.
Rezensionen
keine in den großen Kulturmedien (!)
Ältere Ausgaben:
Wider Willen im Paradies. Deutsche Schriftsteller im Exil in Sanary-sur-Mer. Berlin 1996
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&cqlMode=true&query=idn%3D948172770
Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/948172770/04
DER SPIEGEL Rezension
https://www.spiegel.de/reise/europa/sanary-sur-mer-paradies-wider-willen-a-376898.html
Das flüchtige Paradies. Künstler an der Côte d'Azur. Berlin 2008
Der Autor bei Wikipedia.https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Fl%C3%BCgge
Website: http://www.manfred-fluegge.de/


