Freitag, 13. Januar 2023

Hôtel Provençal. Eine Geschichte der Côte d'Azur

Lutz Hachmeister: Hôtel Provençal. Eine Geschichte der Côte d'Azur
C. Bertelsmann Verlag, München 2021

Das Buch ist unverkennbar von einem Liebhaber der Côte d’Azur geschrieben worden, der die Küste und vor allem den einst mondänen Ort Juan-les-Pins sehr gut kennt und im Plauderton viel über die prominenten Besucher und saisonalen Bewohner der letzten einhundert Jahre berichten kann. 

Eine Hotelgeschichte ist das nur am Rande, dazwischen gibt es viele Geschichten und Geschichtchen zum Leben der europäischen und amerikanischen kulturellen High Snobiety am Mittelmeer in den ersten sechs Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Viele Autoren tauchen auf, die heute noch zum Kanon der Moderne gehören: Hemingway und die Fitzgeralds, die Geschwister Klaus und Erika Mann, Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre, aber auch Marlene Dietrich und viele andere.

Die eigentliche Geschichte des Hotels, sein Aufstieg in den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum mondänen Treffpunkt am Mittelmeer bis zum Abstieg zur Investorenruine im heutigen Zentrum von Juan-les Pins, wird lediglich in wenigen Kapiteln behandelt. Es gibt aber ein längeres Kapitel zum "Vater" des Hotels Provençal und, wenn man so will, Erfinder des gehobenen Sommer-Tourismus an der Côte d’ Azur rund um Antibes: Frank Jay Gould, einem amerikanischen Multimillionär, und seiner Frau Florence. Ihr wird nahezu ein ganzes Kapitel gewidmet, betrieb sie doch in den dreißiger und vierziger Jahren in Paris einen legendären literarisch-künstlerischen Salon. In diesem Salon hatte während der deutschen Besatzung auch Ernst Jünger Zugang und, so wird angedeutet, eine durchaus enge Beziehung zur Hausherrin.
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Eine Geschichte der Côte d’Azur, wie der Untertitel andeutet, ist es aber auch nicht. Es geht fast ausnahmslos um das gesellschaftliche Leben in und um Juan-le-Pins und um den Auf- und Abstieg des kleinen Strandbades von Antibes. Alle anderen Orte, die vom Autor einleitend in einem Zitat von Patricia Highsmith angeführt werden - Toulon, Frejus, Saint-Raphael, Cannes, Nizza, Menton, San Remo - spielen nahezu keine Rolle. Bezeichnenderweise fehlt in dieser Aufzählung ausgerechnet der Ort, der im Mittelpunkt des Buches steht, Juan-les-Pins.

Mit der Einschränkung, dass der Titel etwas großspurig daher kommt, ist das ein unterhaltsames und amüsant zu lesendes Buch zum einstigen Leben in und um Juan-les-Pins mit Schwerpunkt in den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts. Es enthält interessante Exkurse zu den Protagonisten mit weiterführenden und vertiefenden Anmerkungen im Anhang und ausgestattet mit sehr vielen Fotos. Die Herkunft des Buches aus Recherchen zu einem Dokumentarfilm des Autors scheint mir unverkennbar. 

Aber hier liegt auch eine gewisse Crux des Buches:

Ein Personenverzeichnis wäre bei der Fülle an prominenten Namen sicher hilfreich gewesen, schien dem Verlag aber wohl zu aufwendig gewesen zu sein. Das angefügte Literaturverzeichnis kann nicht verleugnen, dass wohl alles aufgenommen wurde, was bei den Verfassern und Rechercheuren zu Hause im Regal stand oder im weitesten Sinne etwas zum Thema beitragen konnte. So wird eine nahezu komplette Liste der Romane von F. Scott Fitzgerald angeführt, wobei nur einer wirklich an der Côte d’Azur spielt. Gleiches gilt für Patrick Modiano. Ich habe starke Zweifel, ob die gelistete Literatur wirklich gelesen wurde. Es werden  z.B. Titel in den französischen Ausgaben gelistet, die es schon länger auf deutsch gibt (Irène Némirovsky) bis zur Kuriosität, dass eine Studie eines deutschen Historikers - Eberhard Jäckel -  in der französischen Ausgabe verzeichnet wird. Das in der Liste angeführte Buch von Manfred Flügge ist die Ausgabe von 1996, mittlerweile gibt es zwei überarbeitete Ausgaben von 2008 und 2019. Es bleibt das Geheimnis der Verfasser, weshalb ein Roman der deutschen Autorin Christine Cazon aufgenommen wurde, nur weil er Cannes und eine seiner Vorinseln zum Schauplatz hat. Mit größerem Recht hätte er die James-Bond-Filme aufnehmen können, von denen einige an der Südküste Frankreichs spielen. Umgekehrt wundere ich mich, warum Françoise Sagan nur in einem Nebensatz erwähnt wird (S.183), hat ihr Roman Bonjour tristesse von 1956 sicher nicht unwesentlich zur Nachkriegsrenaissance von Juan-les-Pins als hotspot der Jeunesse dorée beigetragen. Und was hat das Buch von Hans Hass, Erinnerungen und Abenteuer aus dem Jahr 2004 eigentlich mit dem Thema zu tun? Ungeklärt. Wie gesagt: Ein buntes Sammelsurium. Eine wirkliche Hilfe zur Vertiefung des Themas ist es nicht und als Ausweis intellektueller Redlichkeit, seine Quellen anzugeben, kann das nur eingeschränkt gelten.

Bei der Textgestaltung finden sich ebenfalls Ungereimtheiten: Mal werden Zitate direkt ausgewiesen, mal wird auf die Literaturliste verwiesen, manchmal fehlt die Angabe einer Quelle. Die Zitate aus Ernst Jüngers Tagebüchern werden zwar mit Datum angegeben, im Literaturverzeichnis fehlen aber - mit einer Ausnahme - die betreffenden Bücher. Dass Zitate manchmal hervorgehoben werden und ein andermal nicht, ohne dass man ein System erkennen könnte, scheint mittlerweile Unsitte auch bei anderen Verlagen geworden zu sein.

Aber wie schon gesagt. Insgesamt ist das ein unterhaltsames Buch, trotz der  vermeidbaren Mängel in der verlegerischen Arbeit.

Rezensionen
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Einzelrezension:
Buch über die Côte d’Azur. Ein Sandstrand wird zur Weltmarke
Von HELMUT MAYER

Zu den weiteren Folgen dieser Lektürereihe:
Einführung: Vier Bücher