Christine Cazon: Von hier bis an Meer. Wie ich in Südfrankreich mein Glück suchte und mich selbst fand. Kiepenheuer & Witsch, 2020, 336 S.
Christine Cazon, geb. Dreher, wurde 1962 in Heidelberg geboren, wuchs in Südhessen auf und lebt seit 2005 in Frankreich, genauer gesagt in Cannes, dem Schauplatz ihrer bisher sieben Romane um Kommissar Duval. 2014 erschien ihr erster Roman Mörderische Côte d'Azur, in diesem Jahr ist ihr neuestes Buch Von hier bis ans Meer. Wie ich in Südfrankreich mein Glück suchte und mich selbst fand. bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
Wenn man Christine Cazon googelt, findet man zwei Fotos, die fast alles über das Buch aussagen. Auf dem älteren blickt eine junge Frau den Betrachter mit distanziert-kontrolliertem Blick an, auf dem jüngeren eine Frau mit glücklich strahlendem Lächeln. Da scheint jemand nach Jahren des Zweifelns und Kämpfens sein Glück gefunden zu haben, nämlich in sich selbst.
Aber das Buch beschreibt nicht nur diesen langen, schmerzlichen Weg zu sich selbst, zum Glück in Cannes, sondern es bietet dem Leser noch sehr viel mehr, was das macht das Buch noch lesenswerter für mich macht. Es berichtet auch davon, wie sehr sich Einstellungen, Mentalitäten, Traditionen einer in Deutschland sozialisierten jungen Frau von denen einer Südfranzösin unterscheiden und welche Hindernisse überwunden werden müssen, um in der anderen Kultur und Gesellschaft Fuß zu fassen, die fremder wird, je mehr man sich ihr nähert.
Frankreich, „das Land, in dem Essen und die Beschäftigung damit einen geradezu religiösen Stellenwert hat”, ist für die junge Frau ein Kulturschock. Ihre ersten Erfahrungen mit der französischen Lebensart beim Essen und Kochen sind zwiespältig. Ersteres praktiziert sie mit Leidenschaft, letzteres nur mit Widerwillen. Sie kann und will nicht kochen, sie kann und will nicht die Erwartungen der französischen Familienmitglieder erfüllen.
Auch noch nach Jahren fällt es ihr schwer sich zu integrieren, denn vieles trennt sie von den Franzosen ihrer Umgebung: Ihre „deutsche“ Mentalität - Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Effizienz, Schwermut, Kontrollzwang - gerät immer wieder in Konflikt mit der französischen Mentalität, dem Familiensinn, der Kollektivität, dem laissez faire, dem Unorganisierten und Unperfekten.
Alles ist schwierig. Man macht es ihr auch nicht leicht und besteht allzu oft auf der Einstellung, „Wir sind hier in Frankreich, da macht man das so“. Sie muss sich anpassen und tut es, trotz innerer Widerstände - aber eine Differenz bleibt.
Beeindruckt hat mich die schonungslose Selbstanalyse der Autorin. Wie von außen betrachtet sie sich selbst, ihre Schwächen, ihre Zweifel und ihre Verzweiflung, und sie macht dabei nicht immer eine gute Figur. Aber sie beschönigt nichts.
Manches erscheint mir allerdings weniger individuell als typisch, etwa der Kampf mit dem Körper und die Unzufriedenheit mit der äußeren Erscheinung, die ihr Selbstbild über viele Jahre geprägt haben. Trifft das nicht auf viele moderne Frauen zu, oder irre ich mich?
Die neuen Fotos scheinen zu bestätigen, dass sie ihr Glück gefunden hat und sich nicht mehr "auf der dunklen und schweren Seite“ des Lebens sieht.
Christine Cazon hat ein bewegtes Leben hinter sich. Ob sie nun wirklich angekommen ist? Wer weiss? Panta rhei.
Ich wünsche dem Buch viele Leserinnen und Leser.
Eine Abschweifung:
Es ist ein großes Verdienst von Christine Cazon, die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Kultur und Lebensart deutlich benannt und kritisch wie selbstkritisch dargestellt zu haben. Die von ihr immer wieder gehörte Aussage, „Wir sind hier in Frankreich, da macht man das so!“, ist wohl sinngemäß auch in Deutschland, den Niederlanden, in Österreich, Polen usw. zu hören. Das Bestehen auf dem Eigenen ist keine originär französische Einstellung. Und damit deutet sich ein weitreichendes europapolitisches Problem an.
Wir zivilisierten und finanziell gut situierte Mitteleuropäer, sind es spätestens seit Schengen gewohnt, uns frei auf dem Kontinent bewegen zu können. Wir können frei reisen und wenn wir wollen, können wir sogar unseren Arbeits- und unseren Wohnort im gesamten Raum der Union frei wählen. Selbst mit dürftigen oder gänzlich fehlenden Sprachkenntnissen fühlen wir uns überall fast wie zu Hause. Wir „Babyboomer“ und unsere Kinder sind polyglott wie keine Generation vor uns, und darauf sind wir stolz .
Doch Christine Cazon zeigt uns, dass es nicht so einfach ist, wie es scheint. Es gibt enorme kulturelle Unterschiede zwischen den Nationen, die bei der Annäherung zutage treten und nur schwer zu überwinden sind.
Wie muss also ein Europa aussehen, das trotz aller politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Unterschiede eine gemeinsame Identität entwickeln kann? Können wir uns in einem zusammenwachsenden Europa angesichts dieser Unterschiede wirklich akzeptieren? Ist ein Verstehen und Akzeptieren gegensätzlicher Stärken und Schwächen, Siege und Niederlagen, vielleicht sogar eine gemeinsame Geschichtsschreibung möglich?
Andererseits frage ich mich, ob der Unterschied zwischen einem Deutschen und einem Franzosen wirklich so viel grösser ist als der zwischen einem Ch'ti und einem Südfranzosen oder zwischen einem Deutschschweizer und einem Italoschweizer? Könnte die Schweiz sogar ein Modell für ein integriertes Europa sein: ein Staat mit gemeinsamer Wirtschaftsordnung, Verfassung, Parlament und gewählter Regierung, aber mit starken föderalen Strukturen? Vielleicht liegt die Zukunft Europas darin, wie die Schweiz keine Nation zu sein, sondern ein "Projekt", das sich immer wieder neu behaupten muss.
Wenn wir ein gemeinsames Europa wollen, müssen wir daran arbeiten. Dazu gehört, Unterschiede zu erkennen und anzuerkennen, um etwas Gemeinsames schaffen zu können.
