Ledro-See
Wir hatten im Winter geplant, den Sommerurlaub wieder in der Nähe der Pyrenäen zu verbringen. In letzter Minute konnten wird die Buchung canceln, kurz bevor es zum Lockdown in Deutschland und Frankreich kam. Deshalb sind wir im Mai auf Oberitalien als Ziel ausgewichen, weil es näher lag. Am Ledro-See im Trentino waren wir schon 2012 und Sabine noch früher. Wir lernten die Region als entspanntes Wandergebiet kennen und ohne Massenandrang, wie am nahe gelegenen Gardasee.Der Ledro-See ist ein kleines Paradies, vorwiegend für italienische Familien, aber auch für Deutsche und Österreicher. Die Region gehörte bis 1918 zur KuK-Monarchie. Die Preise sind (noch) günstig, die Atmosphäre eher ländlich-provinziell, mondän ist hier nichts.
Corona-Schutzmaßnahmen
Die erste Frage gegenwärtig lautet: Wie hältst du es mit der Pandemie?
In der italienischen Gastronomie wurden Regelungen eingeführt, die einen gewissen Schutz garantieren: Maskenpflicht in den Gebäuden, Abstandspflicht, Desinfektionsmittel für die Hände, Verzicht auf Buffets in Restaurants und Hotels, trennen von Service und Kasse. In manchen Restaurants und Cafés werden Menükarten zum Download angeboten. Erstaunlich fand ich, dass in den Lokalitäten die Bestellungen mittels Handy-App aufgenommen und an die Bar/die Küche weitergegeben werden. Der Kunde bekommt bei der Lieferung von Getränken einen Bon mit der Tischnummer und damit geht er zum Bezahlen zur abgeschirmten Kasse, wo die Rechnung ausgedruckt wird.
An vielen Stellen in der Öffentlichkeit, in Parks, an Wegen, finden wir Hinweise auf die geltenden Verhaltensregeln.
Im Grunde sind die Regelungen ähnlich wie in Deutschland, mit einer bezeichnenden Ausnahme: Es gibt keine Registrierungspflicht in Restaurants und Cafés. Es dürfte nahezu unmöglich sein, im Falle eines erneuten Ausbruchs der Pandemie Infektionswege nachzuvollziehen, und das ist überraschend, grenzt das Trentino doch unmittelbar an den Norden der Lombardei, dem Hotspot der Pandemie in Italien.
Die Italiener sind im übrigen sehr vorsichtig. Auf den Wegen, beim abendlichen „corso“ tragen viele Flanierer die Maske, selbst Radfahrer sieht man damit.
Kurz: Wir fühlten uns sicher.
Die Biker sind los!
Eine der beliebtesten Touren in der Region ist die “Strada del Ponale”, das ist die alte Verbindungsstraße vom Ledrotal hinunter nach Riva am nördlichen Ende des Gardasees.
Sie führt auf einer Strecke von ca. 5 km kurvenreich und durch viele Tunnels, entlang den Hängen des Gebirges, hineingehauen in den Fels, hinunter nach Riva und gewährt überall einen fantastischen und unvergesslichen Blick auf den nördlichen Gardasee.
Kein Wunder, das sie bei Wanderern und Bikern äußerst beliebt ist und zu einem unbedingten „must“ gehört.
Mittlerweile gibt es Probleme:
Früher war Riva (und das benachbarte Arco) ein Zentrum für Wanderer, Kletterer und Mountainbiker. Heute ist es die Hauptstadt der E-Biker bzw. Pedelecs. Überall in Riva kann man Pedelecs ausleihen und die beliebteste Tour ist aufwärts auf der Strada del Ponale bis zum Cafe Ponale Alto Belvedere und wieder zurück.Mit Unterstützung des Elektromotors ist das für unsportliche Menschen kein Problem - es sei denn man ist ungeübt im Radfahren, und das sind offensichtlich viele. Die Strecke ist nicht nur steil, der Weg ist auch wenig befestigt. Überall liegen Sand und Schotter, der Untergrund ist fürs Fahrrad denkbar unsicher. Wanderer müssen immer wieder mit Gruppen (!) von Radfahrern rechnen und bereit sein auszuweichen, wenn Fahrer in den Kurven ins Rutschen kommen oder den Kurvenradius unterschätzen. Radfahrer weichen auch gerne auf Fußgängern vorbehaltene Abschnitte aus, weil sie sicherer sind. In der Saison herrscht zu jeder Tageszeit dichter Verkehr auf- und abwärts. Die E-Biker sind nicht nur sich im Wege, dazwischen rauscht immer mal wieder ein todesmutiger Mountain-Biker den Weg hinunter, der bei der rasanten Abfahrt hoffentlich nicht von den alten Zeiten träumt, als er noch weitgehend alleine auf der Strecke war.
Was bergauf noch einigermaßen funktioniert, weil man nur langsam fährt, kann für Pedelecs bei der Bergabfahrt ein Problem werden, wenn man kein geübter Radfahrer ist. Es kommt immer wieder zu Beinahe-Crashs und riskanten Ausweichmanövern. Der Ärger ist bei allen Beteiligten groß, weil jeweils der andere im Wege ist. Für viele Biker ist die Abfahrt ein Abenteuer, für die Wanderer eine extreme Belästigung.
Wann kommt der Führerschein für Pedelecs?
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| Das Foto ist von 2015(!) und von hier: Klick |
Es geht aber noch schlimmer!
Wir haben unglaubliche Auswüchse beobachten können: Ein Vater mit einem Kind vorne auf dem Lenkersitz, das Kind ohne Helm und ohne Sonnenschutz. Familien, die mit Kindern im Anhänger den Berg herab fahren, ohne augenscheinliche Beachtung des schwierigen Untergrunds. Viele fahren ohne Helm, er ist für Pedelecs ja auch nicht vorgeschrieben.Sabine war entsetzt. Ich auch.
In Molina am Ledrosee wurden wir unmittelbar Zeugen eines Fahrradunfalls, direkt vor unserem Auto. Ein sportlich gekleidetes, junges Paar fuhr nebeneinander auf der Straße vor uns, sich gegenseitig stützend, nur mit einer Hand am Lenker, als eine unbedachte Bewegung die Fahrräder ins Schleudern brachte und beide in hohem Bogen auf die Straße stürzten. Es war in der 30er-Zone und ich konnte ohne Probleme halten. Die Fahrer rappelten sich auf und verließen hinkend und sichtlich angegriffen die Straße. Gut sahen sie nicht aus. Sollen wir Mitleid haben mit Menschen, die so leichtfertig ihre Gesundheit aufs Spiel setzen?
Nachtrag: Am nächsten Tag kam uns auf der Strandpromenade von Molina eine junge Frau entgegen, mit zwei Krücken, mühsam humpelnd!!!
Es gab auch Kultur
Bei Regen ist Kultur angesagt. Eine alte Weisheit aus allen Urlaubsgebieten, wenn es denn Kultur gibt.Am Gardasee locken einen politisch interessierten Menschen (mindestens) zwei Ziele an: Das Städtchen Salò, letzte Hauptstadt des faschistischen Regimes in Italien, die heute noch zu der verliehenen Ehrenbürgerschaft für Mussolini steht, und der Park Il Vittoriale degli italiani, angelegt vom einstigen Journalisten und späteren Bankrotteur, “Dichter”, Kriegsheld und Abenteurer Gabriele D’Annunzio (1863 - 1938) in Gardone Riviera.
Der Park schwelgt im Schwulst des Fin de Siècle. Er liegt beeindruckend schön am Hang zum Gardasee, mit einem phantastischen Amphitheater, das dem Zuschauer einen so atemberaubenden Blick auf den See bietet, dass kein Theaterstück dagegen ankommen dürfte.
„Das Drohen der Schwinge des jungen italienischen Adlers gleicht nicht der finsteren Bronze im morgendlichen Licht. Die unbekümmerte Kühnheit wirft über Sankt Stephan und den Graben das unwiderstehliche Wort, Wiener! Viva l’Italia.“ (zitiert nach Wikipedia).Was für Deutschland und die Musik Richard Wagner ist, das ist für Italien und die Literatur D’Annunzio. Man möchte immer fragen: “Hätten Sie es nicht eine Nummer kleiner?”
In Gardone Riviera gibt es als weiteren hotspot, den Botanischen Garten, in dem André Heller wohnt. Leider reichte die Zeit nicht für einen Besuch.
Die Bären sind los oder Alp(en)-Träume: Sabines Bären
Uns fällt eine merkwürdige Hinweistafel auf:
Sucht man bei Google (11.9.2020) nach “Bär im Trentino 2020” erhält man auf Anhieb über 200 000 Treffer, darunter ungefähr 2.750 Videos und die Information: Im Trentino leben rund 90 Bären in freier Wildbahn, sie wurden vor 20 Jahren in der Region angesiedelt. Ah, ja.
Sabine schaut sich einige Videos an und ist beunruhigt: Bären gibt es ganz in der Nähe, und das sind keine Teddybären.
Die letzte Begegnung zwischen Bär und Mensch war in der Zeit unseres Aufenthalts am 3. September und etwas kurios, (in Andlo, Trentiono, ca. 50km von Ledro entfernt). Den erstaunlichste Kontakt hatte kurz zuvor ein 12jähriger Junge, der von seinem Vater dabei gefilmt wurde!
"Bären haben normalerweise Angst vor Menschen", heißt es in einer Meldung zu einem unerfreulichen Kontakt zwischen Bär und Mensch. Sabine fragt: “Halten sich alle Bären an diese Regel?”
Ob wir hier noch mal Urlaub machen sollen? Hm.
(Auch die SZ hat am 10.9.2020 darüber berichtet: "Wildes Revier. Im Trentino leben inzwischen etwa 100 Bären." Leider ist der Bericht hinter einer Bezahlschranke)
Fortsetzung/Teil 2 hier: Klick











