Montag, 3. Juli 2017

Gelesen: Irène Némirovsky "Suite Francaise"


Klappentext:
Über 60 Jahre lag der Roman "Suite francaise", das Vermächtnis der einstigen französischen Starautorin Irene Nemirovsky, in einem Koffer, bis der Zufall dieses Sittengemälde aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs ans Licht brachte. "Suite francaise" erzählt mitten aus dem Krieg - als sei die Zeit angehalten. Der erste Teil "Sturm im Juni" schildert die Zeit im Sommer 1940, als die deutsche Armee vor Paris steht und die Bewohner fluchtartig die Stadt verlassen. Der zweite Teil "Dolce" spielt 1942 in einem von den Deutschen besetzten Dorf in der Provinz. Irene Nemirovsky hält in ihrem Roman Frankreich einen Spiegel vor. Mit luzidem psychologischen Blick beobachtet sie ihre Mitmenschen, beschreibt Niedertracht und Selbstgefälligkeit, Hoffnung und Illusion, Lebensgier und die große Sehnsucht nach Frieden. 

Der erste Teil ("Sturm im Juni") des ursprünglich auf fünf Teile angelegten Werkes, ist eine eindrucksvolle Darstellung des Zusammenbruchs Frankreichs im Frühsommer 1940, der chaotischen Flucht aus dem gefährdeten Paris und dem Zerfall jeglicher sozialen Ordnung und Humanität, dargestellt anhand verschiedener sozialer Phänotypen (die Bankiersfamilie Pericand, die aufrichtigen Michauds, der dekadente Dichter Gabriel Corte und seine Mätresse, der Dandy Langelet). 

Ich musste beim Lesen immer wieder an ein anderes Buch denken, das ich kurz zuvor gelesen habe: Emile Zola, Der Zusammenbruch, das den 1870/71er-Krieg,und vor allem die Schlacht bei Sedan, zum Inhalt hat. Auch bei Zola steht die militärische Niederlage, das völlige Versagen der politischen Führung und der soziale und moralische Verfall führender Gesellschaftsklassen im Mittelpunkt des Romans. Wie Zola ist auch Irène Némirovsky unmittelbar Augenzeuge der Ereignisse und berichtet sozusagen embedded fotografisch genau, geradezu dokumentarisch über das Ausmaß der Katastrophe, die Frankreich innerhalb von 70 Jahren zweimal hinnehmen musste. 

Der 2. Teil, "Dolce", schildert den Alltag und das Zusammenleben von Einheimischen und Besatzern im Jahr nach der Niederlage in einem französischen Dorf in der besetzten Zone.  Am meisten hat mich die nahezu durchweg positive Darstellung der deutschen Besatzer überrascht und gleichzeitig irritiert. Nicht grau-grüne Masse sondern individualisierte Vertreter der Besatzungsmacht werden dem Leser präsentiert, physisch attraktiv, diszipliniert und höflich, und in einem Fall im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert.  Dagegen ist die Einstellung gegenüber manchen Einheimischen (hier vor allem in Gestalt der Montorts und Labarins), weiterhin ablehnend. Letzteres resultierte sicher daraus, dass sich Irene L. als emigrierte Russin und Jüdin, trotz ihrer Konversion zum Katholizismus, vom Vichy-Frankreich verraten und verkauft fühlte - und auf grausame Weise Recht bekam in diesem Gefühl.

Irène hat hier sehr bewusst ihr Lebensmotto literarisch umgesetzt, wie man im Anhang des Buches (S.447) lesen kann: 
"Hiermit schwöre ich, daß ich meinen Groll, so gerechtfertigt er sein mag, nie mehr auf eine Masse von Menschen übertragen werde, unabhängig von Rasse, Religion, Überzeugung Vorurteilen, Irrtümern. [...] Individuen dagegen kann ich nicht verzeihen, denjenigen, die mich verstoßen, denjenigen, die uns kaltblütig fallenlassen, denjenigen, die bereit sind, dir gegenüber jede Gemeinheit zu begehen."
I.R. war nicht naiv. Drei Tage zuvor, am 25. Juni 1941, schreibt sie sarkastisch in ihr Notizbuch: "Ich habe meinen Füller verloren. Es gibt noch andere Sorgen wie z.B. drohendes Konzentrationslager, Status der Juden usw." Sie ahnte, was ihr bevorstand.

Was die Faszination angeht, die die jungen Soldaten und Offiziere auch auf I.R. ausübten, die Ästhetisierung des Militärischen, war sie damals nicht alleine auf weiter Flur. Ich erinnere mich noch sehr gut an die schockierende Lektüre von Sartres tagebuchartigem Roman "Der Pfahl im Fleische" in den späten 80er Jahren. Ich hatte die Stelle markiert, die mir so ungeheuerlich vorkam:
"Daniel hörte in der Ferne Militärmusik, es kam ihm vor, als füllte sich der Himmel mit Fahnen, und er musste sich an eine Kastanie lehnen. Allein auf diesem langen Boulevard, einziger Franzose, einziger Zivilist, und die gesamte feindliche Armee sah in an. Er hatte keine Angst, er überließ sich vertrauensvoll diesen Tausenden von Augen, er dachte: Unsere Sieger!', und Wollust umfing ihn. Er erwiderte kühn ihren Blick, er mästete sich an diesen blonden Haaren, diesen wettergebräunten Gesichtern, in denen die Augen wie Gletscherseen wirkten, an diesen schmalen Taillen, diesen unglaublich langen und muskulösen Schenkeln. Er murmelte: 'Wie schön sie sind!'*
(Es gibt vielfältige Äußerungen dieser, oft unverkennbar homo-erotischer Art, wie durch eine französische Studie aus dem Jahr 2010 bekannt wurde; siehe http://www.deutschlandfunk.de/erotische-invasion-der-wehrmacht.691.de.html?dram:article_id=51834  Ich möchte aber darauf hinweisen, dass Sartre keinerlei Sympathie gegenüber den deutschen Besatzern hegte!)
* Jean-Paul Sartre, Der Pfahl im Fleische. Rowohlt, Hamburg, Erste Auflage der Neuübersetzung Februar 1988, S.93

Ein familienbiographischer Schlenker:
Geschichte wiederholt sich ja gerne, und so auch in diesem Fall. In meiner Heimatstadt Rastatt notiert ein katholischer Pfarrer nach dem Einmarsch der französischen Armee im Sommer 1945 notiert:
"Nach wenigen Tagen gab es unter den Frauen und Mädchen genügend "Freiwillige", sodaß die Vergewaltigungen bald nachließen! - Es ist eine vernichtende Verurteilung der vielgeprießenen "Deutschen Ehre", wenn ein geflügeltes Wort unsere Feinde sprechen läßt: "Um den deutschen Soldaten zu besiegen, brauchten wir 6 Jahre; um die deutsche Frau zu besiegen, genügt 1 Tag!". - In ganz würdeloser Weise haben leider auch Frauenpersonen aus unserer Pfarrei sich den Besatzungs-Soldaten " in die Arme geworfen".
Meine Mutter dazu: "Man muss das verstehen: Alle hatten ungeheuren Hunger, nach Brot, nicht unbedingt nach Liebe, und deshalb kam es zu den vielen Kontakten und zu vielen Heiraten zwischen deutschen Frauen und französischen Soldaten. Ich verurteile das nicht."
(Meine Familie blieb von der Fraternisation  ebenfalls nicht unberührt, wie ich schon im Blog vom 12. Mai schrieb: http://reinerw.blogspot.de/2017/05/la-france-franzosisch-and-me-eine.html) 


Alles in Allem: Das Buch ist verstörend, weil die Autorin Klischees vermeidet und selbst bei den Besatzern Menschlichkeit sieht, und es ist tragisch, weil ihr das letztlich nichts genützt hat. Sie wurde von dem gleichen System ermordet, in dem sie nur Individuen erkennen wollte – fast genau ein Jahr nach dem chronologischen Ende des Romans.

Biographische Notiz-
Irène Némirovsky wurde am 12. Juni 1942 verhaftet und starb am 17. August 1942 in Auschwitz-Birkenau an Entkräftigung.
Ihr Mann Michel Epstein wurde unter der Vichy-Regierung im Oktober 1942 verhaftet und am 6. November von Drancy nach Auschwitz deportiert und sofort ermordet.
Mehr bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ir%C3%A8ne_N%C3%A9mirovsky
Zu den beiden Romanen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Suite_fran%C3%A7aise

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