Montag, 26. Juni 2017

Gelesen: Ein Nachtrag zu Curzio Malaparte

https://de.wikipedia.org/wiki/Seek%C3%BChe


Malaparte beschreibt in seinem Roman 'Die Haut' S.229ff (siehe mein Post vom 13.5.2016 ) ein Bankett im besetzten Neapel, das zu Ehren des amerikanischen Generals Cork (real: Mark Clark) gegeben wird. Da der General eine Vorliebe für Fisch hat, wird ihm zu Ehren bei jeder Mahlzeit Fisch serviert. Im noch umkämpften Süditalien des Jahres 1944 gibt es aber praktisch keinen Fisch zu kaufen, deshalb wird nach und nach das neapolitanische Aquarium exotischer Fische geplündert um dem General zu gefallen. Das ist historisch belegt.

Der Autor schildert einen gespenstischen Aufzug der Diener während eines Banketts, die als Höhepunkt des Abends ein seltsames Wesen auf einem riesigen Tablett servieren, das wie ein junges Mädchen aussieht und als 'Sirene in Mayonnaise mit Korallen garniert' präsentiert wird. Malaparte schreibt: 
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle erschienen, hinter dem Haushofmeister, vier Diener in Livree; sie trugen, wie es früher Sitte gewesen, auf einer Art kleiner Tragbahre [...] einen enormen Fisch auf einer riesigen Platte aus massivem Silber. Ein "Oh!" der Freude und Bewunderung ertönte rings um die Tafel, und mit den Worten: "Das ist die Sirene!" wandte sich General Cork mit einer Verbeugung an Mrs. Flat.
[...]Wir blickten alle auf den Fisch und erschraken. Ein schwacher Schrei des Entsetzens entrang sich Mrs. Flats Lippen, und General Cork wurde bleich. 
Ein Mädchen, etwas, was einem jungen Mädchen ähnlich sah, lag auf dem Rücken in der Mitte der Silberplatte ausgestreckt, auf einem Bett aus grünen Lattichblättern, innerhalb einer großen Girlande rosenroter Korallenzweige. Ihre Augen waren geöffnet, der Mund halb geschlossen: sie schaute mit einem verwunderten Blick auf den "Triumph der Venus", den Luca Giordano an die Decken gemalt hatte. Sie war nackt; aber die dunkel glänzende Haut, von derselben Farbe wie Mrs. Flats Kleid, modellierte, genau wie ein enganliegendes Kleid, ihre noch herben, aber schon harmonischen Formen, die weiche Rundung der Hüften, die leichte Erhebung des Bauches, die kleinen jungfräulichen Brüste, die breiten, vollen Schultern. 
Sie mochte nicht älter als acht oder zehn Jahre sein, obgleich sie auf den ersten Blick wie fünfzehn wirkte, so voll entwickelt, so frauenhaft waren ihre Formen. (S.229f)
Die dargereichte Gabe erregt allgemein erhebliches Aufsehen und bei den Anwesenden Amerikanern noch mehr Abscheu. Es bleibt offen, ob da nicht wirklich ein menschliches Wesen serviert wird. 

Malaparte erläutert der Tischgesellschaft:  
"In Europa sind die Fische frei, wenigstens die Fische! Niemand verbietet es einem Fisch, auszusehen, was weiß ich, wie ein Mensch, wie ein Mädchen, wie eine Frau. Und das hier ist ein Fisch, selbst wenn...Im übrigen, was glauben Sie denn hier zu essen vorzufinden, in Italien? Die Leiche Mussolinis?" (S.237)

Den Fisch/das Mädchen aber zu essen stößt auf strikte Ablehnung, insbesondere bei den weiblichen Anwesenden der Tafel, deshalb soll der Korpus christlich begraben werden, auch wenn es, wie Malaparte einwendet, in Neapel keinen Friedhof für 'Fische' gibt.



Ist das nur gut erfunden oder vielleicht doch eine wahre Geschichte? Bei Malaparte weiß man nie.




Norman Lewis berichtet in seinem lesenswerten Tagebuch 'Neapel 44' (S.60), dass man in Neapel der festen Überzeugung gewesen sei, das an diesem Abend zubereitete, mit einer Knoblauchsoße versehene Prachtexemplar sei das Seekuhbaby aus dem Aquarium gewesen sei. Er sieht darin ein besonders gelungenes Beispiel für die Improvisationskunst der Neapolitaner!


Ich weiß nicht, was ich mehr bewundern soll: Die gerühmte Improvisationskunst der Neapolitaner oder den makaberen Humor von Malaparte, der aus einer gekochten Seekuh das mädchenhafte Wesen Sirene macht, wohl wissend, dass der zoologische Name für Seekuh Sirenia ist.


Malaparte wird bei Lewis auch auf S.110 erwähnt:
"Das gequälte Gesicht von Curzio Malaparte, den ich im Internierungslager von Padula vermutete, aus dem er aber offensichtlich entlassen worden war, tauchte kurz auf, und unter seinen Höflingen gewahrte ich einen britischen Offizier, der unter dem Bann seiner Umgebung nach allen Himmelsrichtungen grimassierte und gestikulierte."



Gelesen: Elena Ferrante, Meine geniale Freundin


Im Januar habe ich Elena Ferrante, Meine geniale Freundin,  Band 1 einer vierbändigen 'neapolitanischen Saga', gelesen. Eigentlich ganz schön und unterhaltsam, und dennoch habe ich einen Vorbehalt:

Rregelmäßig kaufe ich mir in der Darmstädter Traditionsbäckerei Bormuth ein 'Pain Paillasse', das ist ein sehr knuspriges Weißbrot mit sehr viel Luft im Laib. Zu Hause kann ich es dann kaum abwarten mir einzelne Scheiben abzuschneiden und mit Butter bestrichen zu essen. Manchmal lege ich noch etwas Wurst darauf oder ein Stück Käse, aber es geht auch ohne. In der Regel habe ich das ganze Brot bis zum Abend aufgegessen, denn ich kann das Verlangen danach nicht steuern - ich vermute, das liegt am Salz des Brotes, bin mir aber nicht sicher. Auf jeden Fall geht es mir hinterher nicht richtig gut, ich fühle mich übersättigt und kreide das dem Brot an.

So geht es mir auch  mit dem Roman von Elena Ferrante. Er geht beim Lesen runter wie geschnitten Brot, aber es bleibt ein Völlegefühl. Weniger wäre mehr gewesen. 

Mehr zu Ferrante an anderer Stelle:
https://radiergummi.wordpress.com/2016/09/09/elena-ferrante-meine-geniale-freundin-2/

https://radiergummi.wordpress.com/2017/02/26/elena-ferrante-die-geschichte-eines-neuen-namens/

Montag, 19. Juni 2017

Hail to the Chief oder: Von der Geschichte lernen heißt siegen lernen

Das scheint der Wahlspruch D.Trumps zu sein: Was bei Stalin, MaoTse-tung und Kim Il-sung funktioniert hat, kann nicht schlecht sein. 
 Ich bin mal gespannt, wann die ersten Schauprozesse folgen, denn das wäre der nächste Schritt nach den Untergebenheitserklärungen der engsten Mitarbeiter: