Mittwoch, 17. Mai 2017

La France, Französisch and Me - Wie es weiterging

Nichts leichter als Französisch: 1970-72


Ich besuche das Hessenkolleg Wiesbaden und möchte Abitur machen. Im 3.Semester beginnt Französisch als verpflichtende 2.Fremdsprache. Das macht Spaß: Wir haben zwar ein Lehrbuch ('Salut'), aber im gesamten Halbjahr sprechen wir nur Sätze dem Lehrer nach, 'unterhalten' uns auf Französisch und müssen nichts schriftlich machen. Super!

Im 4.Semester beginnen wir zu lesen und zu schreiben, aber ich habe andere Interessen: Linke Politik und vor allem - China! Deshalb schwänze ich den Französisch-Unterricht sehr häufig - und im 5.Semester habe ich den Anschluss völlig verloren.

Ich bekomme mein Abitur nur unter der Voraussetzung, dass ich mich einer 'Feststellungsprüfung' stelle in der ich beweisen muss, dass ich über ausreichende Kenntnisse der französischen Sprache verfüge. Die Aufgabe: Ich soll in 4 Wochen Kenntnisse bis Kapitel 16 im Lehrbuch in einer mündlichen Prüfung nachweisen. Nichts leichter als das - denn ich bin schlau!

Ich setze mich zu Hause hin und lerne das 16. Kapitel auswendig, immer und immer wieder. Ich lese, repetiere und übersetze, Tag für Tag. Am Prüfungstag sitzen nicht nur die Prüferin mir gegenüber, sondern alle Französisch-Lehrer und alle Lehrer, die mich sonst unterrichten.

Die Prüfung beginnt wie erwartet. Ich soll Kapitel 16 aufschlagen und lesen. Klappt! Dann soll ich den Text übersetzen - klappt auch. Dann stellt die nette Lehrerin mir Fragen - und jetzt klappt überhaupt nichts mehr. Ich verstehe kaum einen Satz, kann deshalb kaum korrekt antworten und verwechsle vor Aufregung Elle und Il und noch manch anderes. Eine Katastrophe. Ich werde hinausgeschickt, weil das Urteil gefällt werden muss. Es dauert.

Ein Französisch-Lehrer kommt heraus: "Wenn SIE Abitur bekommen, wandere ich aus!". Ein anderer Lehrer: "Besorgen Sie schon mal einen Strauß Blumen, ihre Lehrerin kämpft wie eine Löwin für Sie!"

Nach langer, sehr sehr langer Zeit endlich der Beschluss der Prüfungskommission: Note 4, damit Abitur bestanden! Yep!

Der aufgebrachte Französisch-Lehrer hat sich später tatsächlich nach Algier versetzen lassen.

Nach dem Abitur verbringe ich meinen ersten Urlaub in - Frankreich. Meiner Lehrerin schicke ich eine nette Karte aus Paris und bedanke mich herzlich für ihren Einsatz - natürlich auf deutsch.
In den folgenden Jahren gibt es kaum einen Sommer, in dem ich nicht Urlaub in Frankreich mache.

Nachtrag: Das damalige Buch 'Salut' hatte ein anderes Titelbild: Irgend etwas Schwarz-Weißes.

1975: Es geht auch ohne


Was in den 60er Jahren noch kaum denkbar war, ist ab den späten 70er Jahren plötzlich im Elsass normal: Man versteht Deutsch!

Deutsche kaufen im Elsass ein. Die Supermärkte sind größer und das Angebot ist exotischer im Vergleich zu Deutschland: Käse, der ausgereift ist, Maronencreme, Tomaten groß wie ein Ochsenherz und wunderbare Törtchen in den Konditoreien.

Aber auch Kochtöpfe und Pfannen von Schneider Creusot und Campingartikel von Camping Gaz reizen zum Kauf. Es lohnt sich sogar für eine Autoreparatur von Darmstadt nach Hagenau zu fahren, weil man dabei viel Geld sparen kann.
Der Wechselkurs ist einfach unwiderstehlich.

Die Deutschen sind zahlungskräftige und deshalb willkommene Kunden und die Grenze ist praktisch offen. Ich lerne sehr schnell: Wirtschaftliche Interessen verbessern enorm die Verständigung zwischen Völkern.

Wer braucht eigentlich Französisch?


Und dann kam Schengen


1992 fahre ich mit meinem Sohn über Belgien und Frankreich an die Kanalküste,
ohne dass uns bewusst wird, dass wir zwei Grenzen überschritten haben. Kontrollen: Null.

In Calais setzen 
wir mit der Hovercraft-Fähre nach England über. Bei der Ankunft in Dover werden wir dann ausgiebig gefilzt, weil die englischen Grenzbeamten nicht glauben wollen können, dass ein Mann mit einem 12-jährigen Kind und ohne Rückfahrkarte nicht die Insel erobern, sondern nur Urlaub machen will. 
Ich verstehe die Sprache super, aber nicht die Kontrolle.

An der Grenze gibt es einen Streik der französischen LKW-Fahrer, der zu langen Staues auf beiden Seiten des Kanals führt. Die englische Presse ist 'not amused', wie man auf der Karikatur sehen kann.

Zum ersten mal fühle ich mich den Franzosen ganz nahe: Sonst wurden nur die Deutschen so gnadenlos durch den Kakao gezogen, jetzt sind wir im gleichen Topf.
Vive l'amitié franco-allemande!

Paris 2014:


Mit 16 Schülern und Schülerinnen bin ich 1 Woche in Paris. Ich brauche 17 Metrotickets.
Am Schalter der Metro-Station geht das so:
Ich: "Bonjour, Je besoin dix-sept tickets pour le metro."
Sie: "Sie können Deutsch mit mir reden."
??? !!!

2017: Ich liebe weiterhin die französische Literatur, die Kultur, das Land und die Leute, aber:


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