Freitag, 12. Mai 2017

La France, Französisch and Me - Eine Geschichte von 60 Jahren #1

Mein Frankreich und ich - ein kompliziertes Verhältnis


In keinem Land habe ich so viele Urlaube verbracht wie in Frankreich. Keine andere ausländische Stadt habe ich so oft besucht wie Paris. Ich kenne den Norden Frankreichs, die Normandie (Grüße nach Dieppe!), das Zentralmassiv, die Bretagne, war an der Atlantikküste, in den Pyrenäen, an der Loire, der Ardèche und auch an der Rhône. Sabine und ich haben schon Urlaub am Atlantik gemacht, waren im Süden in Marseille, Avignon und Arles, auch am Genfer See. Und im Elsass war ich schon als Schüler.

In meiner Kindheit spielte ich mit Kindern aus deutsch-französischen Familien, ich hatte mich als Schüler in eine bezaubernde Französin verliebt und hörte französische Musik. Bevor ich noch lesen konnte hatte ich schon ein Französisch-Lehrbuch in der Hand und als ich es richtig gut konnte und alt genug war, las ich Sartre 'Die Wörter'.

Alles hätte so einfach sein können, wurde es aber nicht, denn - ich kann kein Französisch!
Und das kam so:

Mein Frankreich und ich: 1963





Ich wohne in Rastatt, rechts des Rheins, bin in der 7. Klasse der Mittelschule (Realschule) und meine Englisch-Note ist so schlecht, dass ich nicht Französisch als 2. Fremdsprache wählen darf. Und wir wohnen nur 5km von der französischen Grenze entfernt.

Damit hätte mein Verhältnis zu Frankreich und zur französischen Sprache schon beendet sein können, aber dem war nicht so, denn es gibt eine überraschende Vorgeschichte und es folgt noch manch anderes danach.

Die Vorgeschichte: 1945ff




Meine Mutter ist bei Kriegsende 20 Jahre alt und arbeitet im französisch besetzten Baden-Baden bei verschiedensten französischen Dienststellen: Hotels, Pensionen, Privatfamilien. In Baden-Baden wohnen 1945 und danach 30 000 Deutsche und ca. 45 000 französische Besatzungsangehörige mit Familien.

In dieser Zeit lernt meine Mutter einen Haushalt zu führen und richtig, d.h. französisch zu kochen, was sich später sehr förderlich auf mein Verhältnis zu meiner Mutter auswirkte. (Ihre Mutter, meine Oma, verfügte über diese Kochkunst leider nicht und konnte vermutlich deshalb mein Herz nie so richtig erwärmen.)
Und sie hat einen französischen Freund, Robert, aber nur für eine kurze Zeit, denn er wird nach Indochina versetzt und die Beziehung bricht ab.

Meine Tante ist mit einem französischen Besatzungssoldaten verheiratet und hat mit ihm einen Sohn der einen französischen Vornamen trägt, aber nur mit dem deutschen Namen gerufen wird. Die Ehe wird später geschieden.

In unserer Nachbarschaft wohnen viele Familien, deren Töchter in Frankreich verheiratet sind. Noch Jahre später kommen sie anlässlich der hohen Feiertage mit ihren Männern und Kindern aus Frankreich zu Besuch. Ich spiele in den 50er-Jahren zweisprachig mit deutsch-französischen Kindern, ich beneide sie um ihre schönen Schreibhefte mit den feinen Linien und später lese ich mit ihnen 'Salut les Copains', höre französische Schlager und abends die Hitparade auf dem gleichnamigen Sender.
Ich lerne auch die ersten französischen Ausdrücke: 'sales boche' und 'ta gueule'.

Das ist für mich alles total normal und für jemand aus einem anderen Teil Deutschlands wahrscheinlich ziemlich merkwürdig.

Meine Mutter erzählt mir, dass sie nach dem Krieg am liebsten nach Frankreich gegangen wäre, 'um richtig leben zu können'. Sie habe auch begonnen französisch zu lernen - und ich erinnere mich dunkel, dass ich als kleines Kind, als ich gerade so ein wenig lesen konnte, aus Langeweile immer wieder ein Buch durchblätterte, mit fremden Zeichen und schwarz-weißen Zeichnungen, die ich später als 'Roland' und 'Charlesmagne' identifizierte. Das war das Französisch-Lehrbuch meiner Mutter.

In der Mittelschule hat mir das alles leider überhaupt nichts genützt. Ich musste mich darauf beschränken, englische Texte zu lesen und zu übersetzen - und das war sicher eine weise Entscheidung meines Lehrers, wie - Jahre später - eine andere Episode meines Kampfes mit der französischen Sprache zeigen wird.

Mein Frankreich und ich: Marie-Jo



Die Winter in den frühen 60er Jahren sind alle sehr streng, der See im Stadtpark ist regelmäßig zugefroren und ich bekomme (anklemmbare) Schlittschuhe gekauft und zu Weihnachten 1963 oder 1964 sogar einen Eishockeyschläger mit Puck.

Jeden Tag sind wir auf dem Eis - und dort lerne ich Marie-José, genannt Marie-Jo, kennen.
Sie ist Französin, wohnt in der Nähe des Stadtparks und geht auf das Lycée Charles-de-Gaulle in Baden-Baden. Sie ist das schönste Mädchen auf der ganzen Welt, mit einer spitzen Nase und halblangen blonden Haaren. Wie Francoise Sagan aus 'Salut Les Copains'.
Ich lerne jetzt mehr Französisch. Jeden Nachmittag warte ich an der Straße bis ihr Schulbus passiert, dann renne ich in unsrer Wohnung, schnappe mir die Schlittschuhe - und ab in den Stadtpark:
Ich: Salut!
Sie: Salut!
Ich: Ca va?
Sie: Ca va bien, et toi?
Ich: Kalt isch! (für Nicht-Badener: Es ist kalt!)
Wie fahren nebenher, lächeln uns an und verabreden uns wieder für den nächsten Tag.
Mehr Französisch braucht es nicht.

Oder vielleicht doch? Nach der Schlittschuhsaison macht sich Marie-Jo rar. Ihre Freundinnen, die ich mittlerweile kennen gelernt habe, finden mich sehr süß, genauer: Sie himmeln mich an. Sie meinen: Marie-Jos Vater ist Offizier. und nicht sehr erfreut, wenn sie mit einem deutschen Jungen ankommt.
Schreiben kann ich ihr leider nichts, deshalb lasse ich Grüße ausrichten; ob sie je angekommen sind?

Mein Interesse an Frankreich und der französischen Sprache lässt stark nach. Ist aber noch nicht erloschen.

Es geht nicht ohne


Wir sind 14, 15 , 16 Jahre alt, also in den frühen 60er Jahren, und fahren in den Ferien immer wieder mal rüber ins Elsass. Die Grenze ist nah und mit dem Fahrrad ist das alles kein Problem.

Wir sind gerne im Elsass, denn dank des Umrechnungskurses sind Zigaretten extrem billig und Elsass ist Ausland, das ist schon mal eine Nummer.

Wir können aber kein Französisch. In den Kneipen, in denen wir gerne ein Panasch (für den Nicht-Badener: Alsterwasser, Radler) trinken wollen, wird zwar elsässisch gesprochen, das wir als Badener gut verstehen, aber sobald man uns als Deutsche erkennt, spricht man nur noch Französisch.

Das geht dann so:
"Drei Panasch bitte!"
"Panaché? Voila."

Wir sind zufrieden. Französisch ist gar nicht so schwer.

(Und wie es weiterging: hier)


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