Dienstag, 7. März 2017

Lust zu Lesen #3: Mein Lesejahr 2016

Lesen macht glücklich und schlau

Vier Bücher ragen aus der Leseliste des Jahres 2016 heraus, alle vier erstaunlicherweise "Kriegsbücher", die den 2. Weltkrieg thematisieren:
Von Curzio Malaparte  Die Haut und Kaputt, über beide habe ich ich bereits im Blogeintrag vom 13. Mai 2016 geschrieben,
und  zwei Bücher von Gert Ledig (* 4. November 1921; † 1. Juni 1999): "Vergeltung

                                       und "Stalinorgel".


Gert Ledig konnte mit seinen beiden Büchern in den 50er Jahren einige Erfolge feiern, verschwand dann in der Versenkung, tauchte zur Jahrtausendwende wieder als Neuentdeckung auf und ist heute wieder nahezu verschwunden.

Beide Bücher wären es wert Schullektüre zu werden - wenn man das das Thema Krieg überhaupt noch in der Schule behandeln möchte. In beiden Büchern wird auf schonungslose Weise der brutale, entmenschlichte Krieg nahezu dokumentarisch, emotionslos, kalt dargestellt und der Schrecken und das Entsetzen  ergeben sich nicht aus der literarischen Überhöhung, sondern aus der ungeschminkten Darstellung der Wirklichkeit. Ledig macht Bilder des Schreckens in einer Sprache sichtbar, die als Einzige der Ungeheuerlichkeit der Ereignisse angemessen scheint.
(Ausführlicher Besprechungen im 'Perlentaucher': Stalinorgel Vergeltung

Curzio: Das ist phantastische Wahrheit, bei der nie so ganz klar wird, was erfunden und was real erlebt wurde.
Ledig: Erfundenen Wirklichkeit; nichts wurde persönlich erlebt aber alles könnte genau so gewesen und erlebt worden sein.
Curzio ist der Schriftsteller, Ledig der Dokumentarist. Ledig ist Expressionismus, Curzio Surrealismus.
                                                                                                               


Sehr zu empfehlen auch: Hélène Berr, Pariser Tagebuch 1942-1944

Bei der Autorin erfahren wir, wie in Paris ab 1942 die Judenverfolgung einsetzt und unter deutscher Führung der Antisemitismus sich auch in die französische Gesellschaft frisst. 

Hélène Berr machte sich keine Illusionen: Ich habe eine Verpflichtung zu erfüllen beim Schreiben, denn die anderen müssen Bescheid wissen, denn Sie haben ein Ziel, die Vernichtung
Dabei fragte sie sich immer wieder Werden wir es bis zum Ende schaffen? Nein, sie schaffte es nicht. Im Februar 1944 endet ihr Tagebuch, kurz darauf wird sie verhaftet und stirbt 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Buch hat beeindruckt mich sehr: Seite für Seite spürt man die wachsende Unsicherheit, was die Zukunft der Autorin angeht, und mit jeder Seite wächst die Angst vor dem Kommenden und der verzweifelte Versuch, sich an die immer kleiner werdende Hoffnung, alles werde gut, zu klammern.
                                                                                                                

Im Vergleich dazu, quasi als Schonkost, nehme ich zum Jahresende ein altes Thema wieder auf: die Roaring Twenties und die Lost Generation  mit F. Scott Fitzgerald und Zelda, Hemingway, James Joyce, Henry Miller und vielen anderen, die mich schon vor mehr als 40 Jahren interessierten, als ich in einer Wühlkiste das Buch von Sylvia Beach - Shakespeare & Company - fand und für damals 1 DM kaufen konnte. Das Buch eröffnete mir eine neue literarische Welt (mehr davon in einem späteren Post).




                                                                                                                                                            

Anstoß zur neuerlichen Beschäftigung gibt ein neuer Roman von Stewart O'Nan: Westlich des Sunset, der die letzten Lebensjahre von FSF in Hollywood beschreibt, wo er als Lohnschreiber für die Filmindustrie - ziemlich erfolglos - an Drehbüchern mitwirkt.
                                                                                                                  

Der Roman wiederum motiviert mich zur Lektüre weiterer Bücher, die in den letzten Jahren zum Thema erschienen sind. 

Bei booklooker.de finde ich noch Älteres, allerdings in einer sehr ausschweifenden Sprache und betulicher Übersetzung, die mich beim Lesen einschlafen lässt:
Ungewollte Nebenwirkung: Nach der Lektüre von Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals finde ich das Buch von Stewart O'Nan doch zu sehr an der Biographie von FSF entlang geschrieben, so dass mir die Bezeichnung 'Roman" nicht mehr zu treffen scheint.










                                                                                                                   

Zwei Sachbücher zur Empfehlung, denen ich weite Verbreitung wünsche:
Karl Hepfer, Verschwörungstheorien


Hepfer erstellt einen Katalog typischer Merkmale von Verschwörungstheorien und Instrumente zur Analyse solcher Theorien (z.B. Ockhams Rasiermesser) und untersucht damit gängige Verschwörungstheorien (Nine-Eleven, Mondlandung ...) auf ihre Überzeugungskraft (die meistens nicht sehr stark ist).



Eine ausführliche Rezension findet man hier: http://literaturkritik.de/id/21134
Das älteste Argument gegen Verschwörungstheorien stammt vermutlich von Macchiavelli. Er schreibt sinngemäß in den Discorsi (1531), dass, je umfangreicher der Kreis der Verschwörer ist, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie auf Einbildung beruht, denn laut M. könne man sich nicht vor einer Offenlegung der Verschwörung schützen, sobald die Zahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt. Deshalb kommen die meisten Verschwörungen über kurz oder lang ans Licht und, da an der Mondlandung, bei "Nine-Eleven" oder wo auch immer, in der Regel deutlich mehr als vier Personen beteiligt waren, kann man aus der Tatsache, dass niemand geplaudert hat messerscharf schließen, dass es auch keine Verschwörung gab. Touche.
                                                                                                                                                             

Jan-Werner Müller, Was ist PopulismusJan-Werner Müller schreibt in seinem Essay (zitiert nach der Ausgabe der "Bundeszentrale für Politische Bildung",S18f, dort jetzt nicht mehr erhältlich):
Populisten behaupten: ‚Wir sind das Volk!‘ Sie meinen jedoch – und dies ist stets eine moralische, keine empirische Aussage […]: ‚Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk.‘ Damit werden alle, die anders denken […] als illegitim abgestempelt.“  und: "Populisten sind zwangsläufig antipluralistisch; wer sich ihnen entgegenstellt und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch bestreitet, gehört automatisch nicht zum wahren Volk." Und, möchte man ergänzen, ist entweder gekauft oder Volksverräter oder gar beides. "Demokratie ist ohne Pluralität jedoch nicht zu haben", woraus er folgert, "dass Populisten zumindest der Tendenz nach antidemokratisch sind".
                                                                                                                                                            
Die meiste Zeit verbringe ich jedoch nicht mit Büchern sondern mit dem Lesen unzähliger Beiträge zu Literatur, Kultur, Geschichte und Politik in diversen Blogs, z.B.:
und natürlich Facebook. 
Nicht zu vergessen der regelmäßige Blick in Spiegel Online.
Meine abonnierten Blogs organisiere und lese ich über den Newsreader feedly, der mir jederzeit alle aktuellen Einträge anzeigt und hilft, nicht die Übersicht zu verlieren. 

Interessante Beiträge lasse ich auf der Originalseite von der Chrome-Erweiterung Clip to Onenote ausschneiden und in meinen OneNote-Ordnern speichern.




Ein idealtypischer Lesetag hat einen einfachen Ablauf: 

Morgens zuallererst Frühstückslektüre mit der Südddeutschen Zeitung, danach einen Blick in SPON und bei Facebook vorbeigeschaut, was es Neues gibt -  bei Freunden und in den Gruppen. Nach 12.00 Uhr blättere ich feedly durch, dabei bleibe ich meistens beim Altpapier und beim Techniktagebuch hängen.

An den Tagen in Darmstadt lese ich die FAZ - natürlich im Cafe.
Erst am Nachmittag und am Abend geht es an die Bücher - und natürlich im Urlaub:








Die meisten Bücher kaufe ich online und bei der Büchergilde Gutenberg (siehe Post 'Lust zu Lesen#1).
Politische Bücher gibt es oft zu einem Spottpreis bei der Bundeszentrale für politische Bildung.





Manchmal kaufe ich auch beim örtlichen Buchhandel. Dort finde ich Hilfe in fast allen Fällen:

Lesen ist ein wesentlicher und beglückender Teil meines Lebens als Pensionär.



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